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MELDUNG/694: Schlechter könnte Audley Harrisons Ruf kaum sein (SB)



40jähriger Brite erhofft Rehabilitierung

Im November 2010 hatte der britische Schwergewichtler Audley Harrison im Kampf gegen seinen Landsmann David Haye eine blamable Vorstellung geboten. Passiv und ohne jede Initiative wagte er rundenlang keinen ernsthaften Angriff und wurde von seinem Gegner förmlich überrollt, als dieser beschloß, dem unwürdigen Schauspiel ein vorzeitiges Ende zu bereiten. Da das Verhalten Harrisons einer Verweigerung des Kampfs gleichkam, zog die britische Boxkommission sogar in Erwägung, seine Börse einzubehalten. Seither muß der vormalige Olympiaheld und voreilig in den Himmel gehobene Schwergewichtler mit einem Ruf leben, wie er schlechter kaum sein könnte.

Sich in ein besseres Licht zu setzen dürfte das wichtigste Motiv Audley Harrisons sein, es nicht bei der schon zuvor im Sande verlaufenen Karriere und dem letztendlichen Debakel bewenden zu lassen. Mehrfach kursierten Ankündigungen geplanter Kämpfe gegen namhafte Kontrahenten, in denen Harrison beweisen wollte, daß mehr in ihm steckt als ein Prügelknabe. Eine herbere Enttäuschung als die jener Nacht mit David Haye habe er nie zuvor erlebt, sagt der Brite heute. Jeder könne verlieren, er aber sei nicht mit Würde untergegangen. Deswegen komme es für ihn nicht in Frage, nach einer solchen Vorstellung zurückzutreten. Er habe inzwischen 15 Monate herumgesessen und sei dankbar für die Möglichkeit, in den Ring zurückzukehren. Sein rechter Arm sei ausgeheilt, und so wolle er beweisen, daß er nach wie vor eine Zukunft in diesem Sport habe.

Am 14. April bestreitet der inzwischen 40 Jahre alte Audley Harrison in Essex einen Kampf gegen seinen Landsmann Ali Adams. Er sei zu gut für Adams, kündigt Harrison, dessen Bilanz von 27 Siegen auch fünf Niederlagen trüben, einen unangefochtenen Erfolg an. An und für sich dürfte der zehn Jahre jüngere gebürtige Iraker tatsächlich kein ernsthafter Prüfstein sein, da er dreizehn Auftritte gewonnen, aber schon drei verloren sowie einen unentschieden beendet hat. Sein bislang bekanntester Gegner war Matt Skelton, dem er im Prizefighter-Turnier 2010 nach Punkten unterlag. Andererseits gilt Harrison längst als so leichte Beute, daß sich auch Durchschnittsboxer Hoffnungen machen, ihn zu besiegen und sich damit einen Namen zu machen. Darauf setzt offenbar auch Ali Adams, der Harrisons Kampf gegen Haye als Schande bezeichnet. Dieser Gegner sei ein Witz, und er werde ihm eine solche Abreibung verpassen, daß selbst Audley einsehen müsse, daß er nichts mehr im Boxring verloren hat.


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Promoter Kalle Sauerland träumt vom nächsten Turnier

Warum das Turnierformat im professionellen Boxsport um sich greift, liegt auf der Hand. Der Gedanke, eine überschaubare Zahl namhafter Boxer zeitnah gegeneinander antreten zu lassen, setzt auf den Reiz gesteigerter Attraktivität durch intensive Verwertung der hochkarätigsten Substanz. Daß diese forcierte Zuspitzung letzten Endes zu Lasten der in der Arena zum Gaudium des Publikums vorgeführten Akteure wie auch der Branche als solcher geht, kann man sich ausmalen. Wenn traditionelle Karrierewege mit ihrer mehr oder minder dosierten Ausbildung in einer stufenweise gesteigerten Praxis durchbrochen und durchwachsene Angebote mit wenigen Höhepunkten zugunsten einer permanenten Bestenauslese übersprungen werden, bleibt eine angemessene Nachwuchsarbeit auf der Strecke. Zugleich wird die Sensationslust der Fangemeinde mit einem übersteigerten Angebot derart lückenlos bedient, daß Sättigung und mithin Abwertung der sportlichen Normalität die Folge sein muß.

Obgleich im Super-Six-Turnier die Grenzen dieses Konzepts deutlich zu Tage traten, denkt Promoter Kalle Sauerland, der maßgeblich an der Entstehung des Formats mitgewirkt hat, laut über Entsprechendes im Schwergewicht nach. Wieder trägt er sich mit dem Gedanken, sechs namhafte Akteure gegeneinander antreten zu lassen, um schließlich einen Gesamtsieger zu ermitteln. Er sehe weltweit sechs Boxer, die es mit den Klitschkos aufnehmen könnten. Mit Alexander Powetkin, Robert Helenius, Kubrat Pulev und möglicherweise auch Marco Huck habe man vier von ihnen unter Vertrag und könne sie dem deutschen Publikum in der ARD präsentieren.

Angesichts langer Laufzeiten, diversen Verschiebungen, Ausstiegen und Absagen wurden Einwände gegen das Super-Six-Format vorgebracht. Sauerland bezeichnet es dennoch als sportlichen und finanziellen Erfolg, da man andernfalls niemals so viele hochkarätige Duelle in derart kurzer Frist über die Bühne gebracht hätte. Was einem Turnier im Schwergewicht indessen grundsätzlich im Weg steht, sind die Klitschkos, da nicht abzusehen ist, wie diese für einen solchen Modus gewonnen werden könnten. Da die beiden anerkannten Weltmeister aus ihrer Perspektive das Feld sowohl in sportlicher als auch wirtschaftlicher Hinsicht beherrschen, besteht für sie kein Anlaß, ihren Konkurrenzvorteil zugunsten anderer Interessen preiszugeben.

18. Januar 2012



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