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MELDUNG/702: Kurvenreiche Pfade - Hispanische Hoffnung Chris Arreola (SB)



Stringente Karriereplanung war nie seine Stärke

Schwergewichtsboxer hispanischer Herkunft von Weltklasse sind ebenso selten wie heiß begehrt. Man stelle sich einen Weltmeister vor, dessen Familie aus Mexiko in den Süden der USA eingewandert ist. Heldenverehrung und Geldsegen wären ihm gewiß, Promoter und Sender rieben sich die Hände, die Euphorie des Publikums in klingende Münze zu verwandeln. Cristobal Arreola, der 1981 in Los Angeles als Sohn mexikanischer Einwanderer geboren wurde und mit fünf Geschwistern aufwuchs, weckte die Hoffnungen seiner Landsleute, den langgehegten Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

Im frühen Alter von acht Jahren fing er an zu boxen und mit sechzehn hatte er bereits 200 Amateurkämpfe absolviert. Dann verlor er jedoch das Interesse und beendete seine Amateurkarriere. Die Unterbrechung einer vielversprechenden Laufbahn sollte sich als symptomatisch für seinen weiteren sportlichen Werdegang erweisen, bei dem sich enormes Talent mit wechselnden Phasen von Aufstieg und Rückfall kreuzte. Mit 20 Jahren kehrte er zum Boxen zurück und gewann nach nur drei Monaten Training das hochkarätige Golden-Gloves-Turnier im Halbschwergewicht. Auch diesmal setzte er nicht entschlossen nach, sondern legte eine Pause von weiteren zwei Jahre ein. Als er 2003 versuchte, abermals an den Golden Gloves teilzunehmen, versäumte er den Anmeldeschluß für das Turnier.

Damit endete seine Amateurzeit, denn er faßte noch im selben Jahr den Entschluß, im Profilager Fuß zu fassen. Ob das wirklich seine Berufung sei, wußte er zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht, und so hatte er es nicht eilig, sich nach oben zu arbeiten. Mit einer Größe von 1,93 m, der massiven Statur und einem Gewicht von mittlerweile gut 110 kg machte er jedoch seinem Kampfnamen "The Nightmare" alle Ehre und schickte seine Gegner reihenweise ins Land der Träume. Als sich abzeichnete, daß er mit dieser Profession gutes Geld verdienen konnte, richtete er sich endlich doch in seinem Metier ein. Da er sich aber nach wie vor mit weithin unbekannten Gegnern abgab, nahm man geraume Zeit keine Notiz von ihm.

Das änderte sich allmählich, als er in Kalifornien mit prominenten Kollegen wie Wladimir Klitschko, Hasim Rahman und James Toney trainierte, die seine Qualitäten bemerkten. Ab 2006 stieg er schließlich mit anspruchsvolleren Aufbaugegnern in den Ring und besiegte Kontrahenten, die sich bereits mit namhaften Gegnern gemessen hatten. Nun trainierte er intensiver, reduzierte sein Gewicht und erzielte im November 2006 einen ersten Durchbruch, als er seinen ebenfalls ungeschlagenen kalifornischen Rivalen Damian Wills vorzeitig bezwang. In den folgenden beiden Jahren setzte er sich gegen weitere recht bekannte Gegner durch und erarbeitete sich dadurch das Privileg, eine Vorstellung vor großer Kulisse im renommierten Mandalay Bay Resort and Casino in Las Vegas zu geben.

Am 11. April 2009 traf er dort auf den 39jährigen Veteranen Jameel McCline, der seine besten Jahre längst hinter sich hatte und mit einem Gewicht von gut 122 kg antrat. Das war eine Gelegenheit nach Maß für Arreola, der seinen prominenten, aber unbeweglichen Kontrahenten in der vierten Runde spektakulär auf die Bretter schickte. Die bislang bedeutendste Chance seiner Karriere eröffnete sich dem nunmehr hoch gehandelten Kalifornier, als es der Brite David Haye vorzog, den bereits anberaumten Kampf gegen WBC-Weltmeister Vitali Klitschko abzusagen.

Wie vor jedem Auftritt des Ukrainers wog man auch diesmal die Aussichten der Herausforderers ausgiebig ab und kam zu dem Schluß, daß der kompakte und wuchtig schlagende Arreola ein ernsthafter Prüfstein für den Champion sein werde. Als die beiden schließlich am 26. September 2009 im Staples Center in Los Angeles in den Ring stiegen, verflog der Optimismus des überwiegend hispanischen Publikums jedoch rasch. Wenngleich die Zuschauer ihren Favoriten frenetisch anfeuerten, bekam dieser nur selten Gelegenheit, nennenswerte Treffer zu plazieren. Klitschko dominierte eindeutig das Geschehen und zermürbte den Herausforderer mit zahlreichen schweren Schlägen, bis der Ringrichter aufgrund des einseitigen Kampfverlaufs nach Ende der zehnten Runde auf Abbruch entschied.

Gegen Vitali Klitschko zu verlieren ist keine Schande, zumal Chris Arreola dieses Schicksal mit einer ganzen Reihe namhafter Vorgänger und Nachfolger teilt. Nur zwei Monate nach der Niederlage gegen den Weltmeister bestritt Arreola in Atlantic City seinen nächsten Kampf. Brian Minto war eine Nummer kleiner als der Ukrainer und ging in der vierten Runde zweimal zu Boden, worauf das Duell sein vorzeitiges Ende fand. Von anderem Kaliber als Minto war Arreolas nächster Gegner, der ihn am 24. April 2010 in der südkalifornischen Stadt Ontario auf die Probe stellte. Der ein Jahr zuvor aus dem Cruisergewicht aufgestiegene Pole Tomasz Adamek war etwa 15 kg leichter und somit wesentlich agiler, spielte seine technische Überlegenheit aus und gewann über zwölf Runden nach Punkten.

Chris Arreola hat bislang 34 Kämpfe gewonnen und zwei verloren. Für das Jahr 2012 kündigt sein Trainer Henry Ramirez an, man werde gegen stärkere Gegner antreten, um sich auf einen Titelkampf gegen Wladimir Klitschko vorzubereiten. Am 18. Februar trifft Arreola auf seinen Landsmann Eric Molina, der 18 Siege und eine Niederlage auf dem Konto hat. Ob es sich dabei tatsächlich um einen Gegner handelt, an dem Arreola seine Bereitschaft messen kann, es mit dem Ukrainer aufzunehmen, muß mit einem Fragezeichen versehen werden.

26. Januar 2012



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Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
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