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MELDUNG/723: Skandalöse Entgleisung oder inszenierter Eklat? (SB)



Nachspiel der Prügelei zwischen Haye und Chisora ungewiß

Ob die beiden Londoner Dereck Chisora und David Haye mit ihrer Prügelei auf der Pressekonferenz in der Münchner Olympiahalle ihre sportliche Karriere zu Grabe getragen oder ihr im Gegenteil neuen Schub verliehen haben, muß sich noch erweisen. Die wahrscheinlichste Prognose ist eine befristete Sperre samt einer Geldstrafe, worauf die Streithähne womöglich schon im Sommer oder Herbst in den Ring steigen und ihr Kräftemessen legal und zweifellos lukrativ fortsetzen könnten. Würde sich der Sieger danach mit Klitschko messen, wäre der Coup perfekt. Wie der renommierte Boxexperte der britischen Zeitung The Guardian, Kevin Mitchell, berichtet, habe ihm Klitschkos Manager Bernd Bönte um 2 Uhr nachts beim Verlassen des Stadions anvertraut, daß der skandalöse Vorfall die Aussichten der beiden Briten auf ein Duell mit den Klitschkos seines Erachtens nicht etwa ruiniert, sondern im Gegenteil verbessert habe. Daß Bönte diese Einschätzung nicht vor laufenden Kameras äußern konnte, liege angesichts der stets präsenten Vorwürfe gegen den Boxsport auf der Hand.

Wie sehr ein derartiges Spektakel gerade in Deutschland dem Ansehen des Boxens schaden kann, dürfte eines der Hauptmotive für die erste Reaktion des Präsidenten des Bundes Deutscher Berufsboxer (BDB) gewesen sein. Wie Thomas Pütz erklärte, wolle er Dereck Chisora nie mehr im Leben in einem deutschen Boxring sehen. Das BDB-Präsidium wird sich in den nächsten Tagen mit dem Thema beschäftigen. Auch der britische Verband wird eine Sondersitzung einberufen und über Sanktionen beraten. Robert Smith, Generalsekretär des Kontrollausschusses im britischen Boxverband, wollte im BBC Radio eine lebenslange Sperre für Chisora und Haye nicht ausschließen: "Das ist natürlich eine Möglichkeit. Wir können Strafen aussprechen, sperren und die Lizenz einziehen." José Sulaiman, Präsident des Weltverbands WBC, kündigte an, man werde Chisora mindestens ein Jahr lang nicht mehr für Kämpfe zulassen. Die wegen der Ohrfeige nach dem Wiegen gegen Chisora verhängte Geldstrafe ist mittlerweile von 50.000 auf 70.000 Dollar erhöht worden.

Dereck Chisora und sein Trainer Don Charles wurden auf dem Münchner Flughafen festgenommen, als sie am Sonntagmorgen um 10.30 Uhr nach London zurückfliegen wollten. Es folgten sieben Stunden im Polizeiverhör, bis die beiden gegen Abend wieder auf freien Fuß kamen und die Heimreise antreten konnten. David Haye und sein Manager Adam Booth, nach denen unterdessen vergeblich gesucht wurde, hatten das Land wohlweislich mit einer früheren Maschine verlassen. Wie Booth dem Daily Telegraph versicherte, habe es keinen Kontakt mit der deutschen Polizei gegeben. Da nicht der geringste Anlaß bestehe, vor irgend etwas wegzulaufen, würde man im Zweifelsfall auch nach Deutschland kommen, um alle Fragen zu beantworten. Da es unklug gewesen wäre, in dasselbe Hotel zurückzukehren, wo sich Chisora und seine Meute aufhielten, habe man beschlossen, zum Flughafen zu fahren und einen früheren Flug zu nehmen. David Haye, der an der Pressekonferenz gar nicht unmittelbar beteiligt war, hatte sowohl den Streit vom Zaun gebrochen, als auch den ersten Schlag gegen Chisora geführt. Booth rechtfertigte den Fausthieb mit einem "defensiven Reflex", nachdem Chisora auf ihn losgestürmt war und ihm die Faust ans Kinn gehalten habe. Da Haye seine Karriere für beendet erklärt hat und derzeit keine Lizenz besitzt, kann er vom britischen Verband nicht gesperrt werden, wohl aber Probleme bekommen, wenn er doch wieder in den Ring steigen will.

Unterdessen hat Vitali Klitschko kursierende Spekulationen dementiert, er müsse womöglich wegen der bei seiner Titelverteidigung erlittenen Schulterverletzung seine Karriere früher als geplant beenden. Wenn er mit einem Arm kämpfen und klar dominieren könne, sei noch nicht alles vorbei. Da er noch über eine große Reserve an Pulver verfüge, sei dies keineswegs sein letzter Kampf gewesen. Ob eine alte Verletzung wieder aufgebrochen ist, wie Trainer Fritz Sdunek zunächst befürchtete, kann man nur mutmaßen. Im Frühjahr 2000 mußte Klitschko im Kampf gegen Chris Byrd in Führung liegend wegen eines Sehnenabrisses in der linken Schulter aufgeben und dem Gegner den Titel überlassen. Nach der erforderlichen Operation stand Klitschko knapp acht Monate nicht mehr im Ring. Aller Voraussicht nach sind die Folgen diesmal weniger gravierend, da eine Untersuchung bei Prof. Dr. Bernd Kabelka ergab, daß die Verletzung nach etwa sechs bis acht Wochen ausgeheilt sein dürfte. Eine Operation sei nach derzeitigem Wissensstand nicht nötig.

Ob sich hinter den verbalen Attacken David Hayes und seines Managers Adam Booth gegen Vitali Klitschko und insbesondere Bernd Bönte mehr verbirgt, als auf den ersten Blick zu erkennen war, wird sich kaum aufklären lassen. Twitternachrichten des Briten nach dem Auftritt des Ukrainers deuten an, daß es bereits eine Einigung über einen Kampf gegeben habe. Wie Haye wissen ließ, hoffe er nur, daß Klitschko seine Zusage einhalte und wie im Dezember vereinbart mit ihm in den Ring steige. Er habe schon immer den Verdacht gehabt, daß es Bernd Bönte war, der auf Neuverhandlungen drängte. Dieser hatte vor wenigen Tagen bekanntgegeben, daß die Verhandlungen wegen überzogener Forderungen des Briten gescheitert seien. Adam Booth hatte unmittelbar nach der Schlägerei der beiden Briten Vitali Klitschko zum Sieg gratuliert, Bönte hingegen als Peinlichkeit für den Sport beschimpft.

21. Februar 2012



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Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
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