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INTERVIEW/001: Albert Knechtel - Goldsuche im politischen und emotionalen Minenfeld (SB)


Nach der Vorführung des Films "Die Goldmacher - Sport in der DDR" an der Akademie der Künste in Berlin hatte der Schattenblick die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Albert Knechtel, dem Regisseur und Drehbuchautor der für ARTE produzierten Fernsehdokumentation. Der Vater von drei Kindern und gelernte "Wessi" durchwanderte während der zwei Jahre währenden Filmarbeit ein sportpolitisches und emotionales Minenfeld, wie er es noch nie erlebt hat.

Regisseur und Drehbuchautor Albert Knechtel

Regisseur und Drehbuchautor Albert Knechtel

Schattenblick: Herr Knechtel, Sie haben bereits mehrere sportdokumentarische Filme gedreht, was war für Sie der Reiz, sich speziell dem DDR-Sport zu widmen?

Albert Knechtel: In der Zeit, als ich das angenommen habe - das war ja nicht meine Idee, sondern ich bin von ARTE gefragt worden, ob ich mich des Themas annehmen könnte -, kamen Meldungen hoch, daß die jüngeren Generationen immer weniger über die DDR wissen, daß das in der Schule ein Problem ist und daß das ein Thema ist, über das eigentlich nicht so gerne berichtet wird. Eben weil der Sport die Jugend per se fasziniert, bin ich der Auffassung, daß das für Kinder und Heranwachsende ein gutes Mittel ist, die DDR-Geschichte zu erzählen. Ich habe selbst drei Kinder. Auch für meinen Siebzehnjährigen ist das interessant, der kriegt dann Geschichte auf eine andere Art vermittelt. Der Film läuft ja auch auf einem Sendeplatz, der nicht unbedingt die investigative Reportage oder Dokumentation will, sondern eher die geschichtliche Aufarbeitung.

SB: Wie schätzen Sie die Grundstimmung unter den Athleten wie Verantwortungsträgern des DDR-Sports angesichts dessen ein, daß ihre herausragenden sportlichen Erfolge infolge der wendepolitischen "Aufarbeitung" der DDR und des DDR-Sports vor allem auf Stasi und Doping reduziert werden?

AK: Ich glaube, es ist berechtigt, daß sie dieses Empfinden haben, alles werde auf Stasi und Doping reduziert. Diese beiden Reizthemen werden in der öffentlichen Diskussion und Meinung am meisten reflektiert. Wenn man über die DDR spricht, kommt immer Stasi und Doping hoch, da ist auch ein gewisses Maß an Ungerechtigkeit vorhanden. Andererseits muß ich natürlich sagen, daß es doch viele Hardliner gibt. Ich erinnere da an die Veranstaltung '50 Jahre DTSB' [Deutscher Turn- und Sportbund - d. Red.], der zu dem Zeitpunkt schon gar nicht mehr existiert hat. Was da gesagt und gezeigt wurde, das war eigentlich ein Sichweiden im Gestern.

SB: An wen richtet sich der Film?

AK: Der Film richtet sich an Alte und Junge. Für mich war das eine Möglichkeit, den jungen Leuten in den neuen und alten Ländern - mein Sohn und ich stammen aus den alten Ländern - zu erzählen, daß es einmal zwei deutsche Staaten gab. Mensch, die kennen ja Bonn als Bundeshauptstadt zum größten Teil gar nicht!

SB: Viele der Vorwürfe gegen den DDR-Sport könnte man, mit einigem Abstand, auch auf den BRD-Sport übertragen, und zwar nicht nur bezogen auf das beiderseits der Mauer vollzogene Doping, das dem Leistungssport sicherlich systemimmanent ist, sondern eben auch hinsichtlich der staatlichen Lenkung und Ausnutzung der sportlichen Erfolge und Medaillen für das gesellschaftliche System. Etwa wenn man bedenkt, daß im Westen auch nationale Standort- und Wettbewerbspolitik mit dem Sport betrieben wird.

AK: Ja, klar. Zum Beispiel hatte Wolfgang Schäuble 1977 im Bundestagsausschuß - ich sage das jetzt mal mit meinen Worten - gesagt: 'Was machen die denn da drüben? Wollen wir das nicht auch machen?'. Ich finde, Doping ist eine verlogene Diskussion. Die Frage, die man sich als Gesellschaft stellen muß, ist, und da spielen eben letztlich West oder Ost keine Rolle, welchen Sport will ich als Gesellschaft? Will ich einen Sport, wo der junge Athlet Sponsorenverträge kriegt, wo er Sendezeit kriegt, wo er Weltrekorde bringen muß, um eben dann diese ganzen Annehmlichkeiten zu erreichen, oder will ich einen sauberen Sport? Und wenn ich einen sauberen Sport will, dann muß ich das aber auch als Gesellschaft leben. Das heißt, dann dürfen die Medien eben nicht den Weltrekord fordern, die Sponsoren dürfen keine Prämien geben, wenn es einen Weltrekord gibt, und dieses Rekord- und Leistungsdenken muß natürlich aufhören. Aber das ist in dieser, unseren Gesellschaft meiner Ansicht nach utopisch ...

SB: ... weil wir eine Leistungsgesellschaft sind?

AK: So sieht's aus, ja.

Albert Knechtel

SB: Haben Sie bei Ihren Recherchen auch kapitalistische Züge im Sportsystem der DDR entdecken können?

AK: Ich glaube, das Sportsystem der DDR war im System der DDR das kapitalistischste Subsystem, das heißt dasjenige, das sich total an der Leistung orientiert hat. Ich glaube, es gab keinen Bereich, in dem das so deutlich war wie im Bereich Sport.

SB: Wer waren die Ratgeber für diesen Dokumentarfilm? Haben Sie sich auch die Freiheit genommen, mit Sportfunktionären zu sprechen, die als Hardliner gelten?

AK: Ja, absolut. Das habe ich ja vorhin auch gesagt in der Runde [beim Filmgespräch nach dem Preview]. Wir haben bei der Produktionsfirma gesessen mit Günter Erbach [u.a. ehem. Rektor der Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport Leipzig, Staatssekretär für Körperkultur und Sport der DDR], Thomas Köhler [u.a. ehem. Rennrodler und Cheftrainer, Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes], Heinz-Florian Oertel [ehem. Sportkommentator im Hörfunk und Fernsehen der DDR], Volker Kluge [u.a. ehem. Sportchef der DDR-Tageszeitung junge Welt, Pressechef des NOK der DDR], die Produktion und ich. Da sagte der Erbach, das ist seit der Wende die hochrangigste Gesprächsrunde des DDR-Sports.

SB: Wo hatten Sie sich getroffen?

AK: Das war bei der Provobis bei einem Vorgespräch. Wir wollten Erbach gewinnen. Der war ein ganz hohes Tier im DDR-Sport, die genaue Funktionsbeschreibung kann ich Ihnen jetzt nicht sagen. Dann wollten wir statt Erbach Köhler, aber beide haben Nein gesagt.

SB: Woran mag die Ablehnung der Funktionäre gelegen haben? War es ihre Sorge, abermalig verrissen oder vorgeführt zu werden in einem Film?

AK: Das ist eine suggestive Frage. Ich weiß nicht. Was will ich machen - die wollen nicht, ich kann sie ja nicht zum Heiraten tragen, wie man so sagt. Für mich war aber die Motivation zweitrangig. Ich muß mit dem Fakt leben. Ich versetze mich da auch nicht in deren Köpfe und fange an zu spekulieren. Klar, die werden sich vielleicht gesagt haben bei so einer Runde bei der Produktionsfirma Provobis, das wird doch wieder 'more of the same', es wird wieder genau derselbe Kram, den wir immer hören, eben daß wir verbohrt sind, daß wir von gestern sind und daß wir nur Doping und Stasi kennen.

SB: Immerhin waren sie ja gekommen. Es gab offensichtlich die Bereitschaft, daß man sich trifft, sich vielleicht irgendwie kennenlernt. Der erste Schritt war ja getan.

AK: Ja gut. Was dann letztendlich den Ausschlag gab, das müssen Sie die Leute fragen, das kann ich nicht beantworten.

SB: Könnten Sie uns etwas zu den Gründen sagen, warum die Co-Autorin des Films, Dr. Christine Schönfeld vom MDR Leipzig, kurz vor der Fertigstellung der Dokumentation ausgestiegen ist?

AK: Das sind MDR-interne Geschichten, da möchte ich nichts zu sagen.

SB: Haben Sie auch keinen Verdacht?

AK: Nein, kann ich nichts zu sagen.

SB: Finden Sie es schade? Hätten Sie gerne weiter mit ihr gearbeitet?

AK: Ich finde es immer schade, wenn jemand, der lange an einem Projekt arbeitet, dann aussteigt.

Albert Knechtel

SB: Was halten Sie von der These, daß die von manchen mit geradezu missionarischem Eifer betriebene Verteufelung des DDR-Sports vor allem von den Leichen ablenken soll, die einerseits der BRD-Sport, teilweise noch unentdeckt, im Keller hat und die andererseits nun der gesamtdeutsche Leistungssport produzieren wird?

AK: Also, ich glaube, daß der Leistungssport, egal ob in der BRD oder in der DDR oder sonstwo auf der Welt, Opfer produziert, Leute, die auf der Strecke bleiben. Sie reden von Leichen im Keller, was meinen Sie damit?

SB: Sinnbildlich gesprochen. Es gibt ja nicht nur den Dopingschaden, den pharmakologisch erzeugten Körperschaden, sondern auch den durch Trainingsüberziehung, Sportinvalidität und so weiter.

AK: Da kommen wir aber zu der Diskussion zurück, welchen Sport ich will. Ich habe einmal 2004 einen Film gemacht über Sport und Gesundheit mit dem Titel 'Ist Sport Mord?' Wie gesund ist Hochleistungssport? Natürlich ist Hochleistungssport nicht gesund, weil es Langzeitschäden gibt. Da kannst du jeden fragen, der Leistungssport oder Hochleistungssport betrieben hat - irgendeine Spur bleibt immer zurück. Ich bin selbst kein Leistungssportler, aber die Frage ist dann, wenn die das abwägen, was vom persönlichen Eindruck her überwiegt: Ist es die Befriedigung der Ansprüche? Macht einen die Leistung, die Leistungssteigerung oder der Rekord zufrieden? Oder ist es letztendlich das, was bleibt - der kaputte Meniskus oder der Hüftschaden?

SB: Da gibt es doch offensichtlich auch eine ganz schöne Verdrängung, weil man fragt sich ja, wieso Athleten in jungen Jahren vielleicht gar nicht darauf hingewiesen werden, was ihnen womöglich einmal in späteren Jahren blüht.

AK: Da bin ich anderer Meinung. Es gibt ja Untersuchungen aus den USA - die genauen Zahlen kenne ich jetzt nicht mehr -, aber sie haben jungen Athleten die Frage gestellt, 'wenn du die Wahl hast zwischen einem gesunden Leben bis zum normalen biologischen Tod mit etwa 80 Jahren oder einem Leben, wo du mit 20 Olympiasieger wirst, dafür aber auch 20 Jahre kürzer lebst - was würdest du wählen?'. Da hat die Mehrzahl gesagt, dann bin ich lieber Olympiasieger! In unseren Gesellschaften ist der Sport ja mittlerweile wie im Römischen Reich mit Brot und Spielen: Als Gladiator bist du ein gefeierter Mann oder eine gefeierte Frau!

SB: Wenn man bedenkt, welchem Kontroll- und Überwachungsregime sich heutige Spitzensportler unterwerfen müssen, um ihre Passion oder Profession betreiben zu können - also Kontrollen nicht nur der Körpersekrete, sondern auch flächendeckende Kontrollen des Aufenthaltsortes, ständige Verfügbarkeit für Kontrollen auch des nachts, strenge Meldeauflagen, massive Eingriffe in die Intims- und Privatssphäre und dergleichen mehr -, müßte das nicht eher die Vorwürfe, die Stasi habe die Sportler auf Schritt und Tritt überwacht, relativieren?

AK: Ich finde das völlig abartig, was da abgeht. Das hat ja mit Sportsgeist oder mit 'gesunder Geist im gesunden Körper' überhaupt nichts zu tun. Es gab doch da diesen Beachvolleyballer, der in einem Interview mit der FAZ am Sonntag einmal genau beschrieben hat, was er alles machen muß, wann er pissen geht, wem er Bericht erstatten muß und, und, und. Das ist die totale Überwachung! Da kannst du dich als Sportler überhaupt nicht mehr frei fühlen.

Albert Knechtel

SB: Könnte es da nicht auch eine regelrechte Wut unter den Athleten geben?

AK: Natürlich kann es die Wut geben. Das rechtfertigt aber nicht die Überwachungsmethodik einer Stasi oder Staatssicherheit.

SB: Brecht hat dereinst gesagt: 'Der große Sport fängt da an, wo er längst aufgehört hat gesund zu sein'...

AK: Das war ein Satz, der auch in meinem Konzept stand für 'Ist Sport Mord?'.

SB: ... Sind Ihnen bei Ihren Arbeiten Kritiker begegnet, die den Leistungs- und Spitzensport auch aus anderen Gründen als denen der politischen Instrumentalisierung ablehnen? Oder war das der Hauptkritikgrund - die politische Instrumentalisierung?

AK: Nein, bei meinen Arbeiten sind mir natürlich auch Mediziner begegnet, die den Sport aus medizinischer Sicht ablehnen.

SB: Auch Sportler?

AK: Ja. Jean-Pierre de Mondenard ist ein Professor in Frankreich, ein früherer Radrennfahrer, der Arbeiten zu den Tour de France-Siegern geschrieben hat. Ich bin auch Psychologen begegnet, die mit Sportjunkies zu tun haben. Da gibt es schon einige, die sich mit dem Thema befaßt und auseinandergesetzt haben und die nicht nur die politische Instrumentalisierung sehen.

SB: Und mit Blick auf DDR-Sportler - gibt es auch Leute, die so sehr damit brechen, daß sie sagen, 'nein, die Politik interessiert uns gar nicht, wir sind einfach durch mit dem Leistungssportsystem als solches'?

AK: Jetzt bei dem Film - nein.

SB: Das wäre ja noch ein paar Ebenen tiefer, sozusagen ein radikaler Bruch mit dem Sportsystem.

AK: Der Film heißt ja 'Die Goldmacher'. Wir haben eigentlich nur nach denen im Licht geguckt, die für Gold in Frage kamen. Klar, der Wolfgang Böhme [Handball-Nationalspieler der DDR], der hat ja auch mal im Licht gestanden. Leute, die relativ früh in den Schatten geraten sind, weil sie diesen Leistungssportgedanken abgelehnt haben, sind mir nicht begegnet, und wenn sie mir begegnet sind, dann waren sie wenig glaubwürdig. Nein, da kann ich eigentlich nichts zu sagen.

SB: So weit, so gut.

Albert Knechtel

AK: Haben Sie den Deutschlandfunk gehört, oder woher haben Sie die Information mit der Christine Schönfeld?

SB: Ja, unter anderem. Der Film wurde ja bei dieser Weltpremiere in Leipzig schon einmal vorgestellt. Danach gab es einen üblen Verriß aus dem Deutschlandfunk nach dem bekannten Muster Doping und Stasi.

AK: Genau.

SB: Da fragt man sich natürlich, wo leben die? Man fragt sich ja generell, ob es da Grabenkämpfe zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern, also Deutschlandfunk gegen MDR, gibt.

AK: Nein, der vom Deutschlandfunk war ja ein freier Mitarbeiter. Ich glaube, daß bei dem Film hier die Wahrnehmung eine ganz entscheidende Rolle spielt. Je nach dem, ob du west- oder ostsozialisiert worden bist, rezipierst du auch den Film. Jemand, der im Osten großgeworden ist, geht mit diesem Stehenlassen von Statements oder dem Sich-gegenseitig-Widersprechen oder diesen Archivstücken, wo Originalton draufliegt, anders um als jemand, der im Westen großgeworden ist. Wenn ich das frühere Leipziger Turn- und Sportfest sehe, kommt bei mir beispielsweise sofort die Assoziation auf, Menschenskinder, das ist Leni Riefenstahl! Das ist Leni Riefenstahl pur! Das muß ich so stehenlassen. Ich glaube, daß das bei Ostdeutschen - jetzt trenne ich das wieder - nicht so empfunden wird, sondern vielleicht eher als eine Erinnerung, als etwas Gelebtes. Das ist hochspannend. Und wenn ich vorhin sagte, das ist ein Minenfeld, dann ist es das wirklich. Ich habe noch nie einen Film gemacht, wo so viel Emotionen hochgekommen sind, wo so viel diskutiert wurde, wo man sich entzweit hat, wo es richtig emotional hoch herging.

SB: Auch bei den Dreharbeiten?

AK: Bei den Dreharbeiten waren das dann so ganz persönliche Geschichten. Siegbert Horn [Olympiasieger und Weltmeister im Kanuslalom] beispielsweise hat wirklich mit den Tränen kämpfen müssen, als er sich erinnert hat. Also das ist jetzt nicht aggressiv geworden, wenn Sie das meinen.

SB: Herr Knechtel, ich danke Ihnen recht herzlich für das Gespräch.

AK: Ich danke auch.

Albert Knechtel und SB-Redakteur

Albert Knechtel und SB-Redakteur

28. September 2009