Schattenblick → INFOPOOL → THEATER UND TANZ → REPORT


BERICHT/100: Ohne Worte - ein großer Beginn ... (SB)


Without Words - Melting Point Dance
am 5. Januar 2019 auf Kampnagel in Hamburg


Stille, Menschen liegen in Dunkelheit gehüllt auf dem Boden der Bühne. Ein Baby im Zuschauerraum plappert freudig los. Die Musik setzt mit einem Glockenspiel ein, die Tänzer erwachen und die Bühne kommt nicht mehr zur Ruhe. Die Art und Weise des Tanzes und damit der Körper, die dazu eingesetzt werden, unter- und miteinander zu kommunizieren, zieht sich durch das gesamte Stück, unterbrochen lediglich durch einige Soli, die bis auf den Flamencotanz in den Fluß des Stückes eingebettet sind. "Ohne Worte - Schmelzpunkttanz" lautet der Titel in der Übersetzung. Aber es bleibt nicht völlig wortlos. Dort wo Worte oder Töne zum Einsatz kommen, dienen sie der Provokation und des Suchens nach einem Sinn.

Mit "Without Words - Melting Point Dance" schuf der Choreograph Johnny Lloyd mit seinen eigenen Worten ein "physisches Portrait in drei Akten", von der Geburt des Menschen über seine Stammeszugehörigkeit bis hin zur Maßlosigkeit. Ein Tanzstück, das drei Musikstücke der Komponisten Igor Strawinsky, Leonhard Bernstein und William Kraft in einen Fluß der Töne vereint, beginnend mit Igor Strawinskys Ballett "Le sacre du printemps"[1][2], das zugleich Frühlingserwachen und Frühlingsopfer bedeutet, Frühling mit dem Erwachen der Natur und dem Austreiben der ersten Blätter aus dem Boden, die sich dem Licht entgegen strecken. Igor Strawinskys Ballett läßt dieses Erwachen tänzerisch und musikalisch aufleben bis hin zur Opfergabe.

"Without Words - ..." hat sich dem Erwachen und Aufwecken der Natur, der Geburt, ebenfalls zugewandt. Ohne über den Umweg der Pflanzen oder Tiere zu gehen, ist es der Mensch, der hier erwacht. Und so treten die fünfzehn Tänzer nicht erst als pflanzliche Erscheinung, sondern direkt als Menschen auf den Plan. Wenn das Jahr beginnt, wenn der Tag vom Licht hervorgelockt erwacht, lösen sich auch die Menschen aus der Nacht. Noch recken und räkeln sie sich, die Männer mit energischer Kraft, die Frauen sanfter, verträumter, erst vereinzelt daliegend, dann suchend, um sich zu formieren, um zusammen zu kommen. Noch halb benommen vom Schlaf sind sie in ihren Sehnsüchten und Leidenschaften gefangen, von der Natur auserkoren zur Reproduktion ihresgleichen. Um dies zu schaffen, durchleben wir Gefühle und Sehnsüchte, die noch am Tagesanfang ganz frisch sind und unsere Körper unverfälscht bewegen lassen.


Eine Gruppe von zwei Tänzern und sieben Tänzerinnen, jeder allein auf der Suche nach dem Sinn - Foto: © 2019 by Thomas Aurin

Foto: © 2019 by Thomas Aurin

Jetzt aber beginnt der Tag. Es gilt andere Wege zu gehen oder neue zu finden, jeder für sich ist auf der Suche. Eine Spieluhr setzt ein und der junge Mann dreht sich zu ihr im Takt, schwingt die Arme und es entsteht eine neue fast nichtmenschliche Figur, so wie wir im Alltag oft das Menschsein vergessen, gar verlieren. Ein zweiter Mann schließt sich an und auch Frauen treten hinzu.

Plötzlich heißt es: "Stop! Stop! Klapp. Klapp. Klapp. Stop! Stop! Touch yourself. Fuck the floor. Fuck each other. Hit yourself. Come on girls! Hit him!" Die Tänzer versuchen ihrem 'Anweiser' gerecht zu werden und tun, was er sagt, doch mit der Zeit scheint es, als ob ihnen Zweifel kommen, und einer nach dem anderen wendet sich gegen die Anweisungen, die er ihnen gibt. Mit dieser gekonnten Auflockerung des vorher noch sehr zeitgenössischen Tanzstückes hat der Choreograph hier eine geschickte Persiflage an die heutzutage oft noch immer herrschende Hierarchie in vielen Tanzkompanien geschaffen. Doch nicht so in dieser Szene. Denn der Sprecher wird mundtot gemacht.

Anschließend taucht das Göttliche, die Urgewalt auf. Erst im Kreis tanzend, dann über den Boden rollend bildet sich eine bewegliche Schlange aus fünf nebeneinander stehenden Frauen, die mit ihren sich gleichförmig bewegenden Händen, an indische Tradition erinnern und Shiva aufleben lassen.

Strawinskys Ballettmusik ist nur ein Bestandteil der verwendeten Kompositionen. Teile aus Leonard Bernsteins "West Side Story" und William Krafts Paukenkonzert runden das Spektrum ab, aus dem der Hamburger Musiker und Produzent Sven Kacirek die Musik zu "Without Words - ..." völlig stimmig kreierte. Die neugeschaffene Komposition erklingt wie eine Einheit, nicht wie die drei Teile verschiedener Komponisten aus verschiedenen Zeiten. Diese einmalig aufgeführte Tanzveranstaltung entstand in Kooperation der Elbphilharmonie mit der CDSH (Contemporary Dance School Hamburg) und Kampnagel im Rahmen der Elbphilharmonie+.[3]

Sanft wechselt die Musik und geht zu Leonard Bernsteins 'West Side Story-Stimmung' über, wie auch die Tänzer sich dem Thema der Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit, ihrem Stamm, widmen und mit gleichförmigen Bewegungen im Pulk tanzen, sich dann aufspalten und als zwei entgegengesetzte Gruppen, jede im eigenen gleichen Rhythmus, wieder begegnen. Die Impulse der Musik sowie der Gleichtakt der Bewegungen der Tänzer gehen auf den Zuschauer über, als wenn sich der Takt auf die eigene Herzfrequenz übertragen würde. Und der Zuschauer pulsiert mit.

So entwickelt sich, nach dem Einfließenlassen verschiedenster urbaner Tanzstile wie House, Waacking oder Dancehall, welche dem Zuschauer die Möglichkeit eröffnen, sich auf etwas Neues, eine ihnen vielleicht noch völlig fremde Art der Bewegung einzulassen, der rituelle Teil der Inszenierung. Ein Tänzer bewegt sich in Zeitlupe, eine Gruppe Tänzerinnen kommt hinzu und bewegt sich ebenfalls in diesem Zeitfenster. Dementgegen tanzt ein weiterer Tänzer allein und stampft auf den Boden, dreht sich dann schneller und schneller.

Wie vielfältig sind doch die Bewegungen, die mit dem menschlichen Körper in immer neuen Kreationen erschaffbar sind. Und wie vielseitig sind auch die sich immer wandelnden Gesichter der Menschen? Ein großer Mann, der mit knapper Frauenkleidung, Netzstrümpfen und High-Heels auf die Bühne tritt und sich einem Solo im sogenannten Vogueing Stil widmet, erinnert das Publikum daran, dass man in einer Zeit der Toleranz und Geschlechter-Gleichstellung lebt und daß die Grenzen von Kunst oftmals fließend sind.

Als direkten Kontrast hierzu findet sich später in der Handlung des abendfüllenden Stückes etwas, daß wie es scheint, für den Großteil des Publikums leichter zu verdauen ist, als ein Mann mit femininen Bewegungen. Eine Gruppierung mehrerer Tänzer erzeugt ein wunderschönes Bild mit den Händen, die sie zu einer großen Blüte und dann zu einem gefräßigen Monster verwandeln.


Mehrere Frauen und ein Mann hocken zusammen wie ein Knäuel und formen mit ihren Händen und ausgestreckten Fingern etwas Lebendiges - Foto: © 2019 by Thomas Aurin

Foto: © 2019 by Thomas Aurin

Herausragend ist ein ruhiges, angehm anzusehendes Solo einer Tänzerin, die ihre Hände und Arme wie Wellen miteinander, gegeneinander und ineinander verschlungen bewegen läßt.

Angelehnt an die Musik erscheint der Tanz wie ein Potpourri aneindergereihter Ideen bzw. Szenen. Nach einem technisch sehr ausgefeilten Flamenco-Solo, welches allerdings nicht hundertprozentig in die Linie des Abends paßt, beginnt nach der Geburt des Menschen und dem Suchen nach der Stammeszugehörigkeit - angelehnt an William Krafts Paukenkonzert - die Maßlosigkeit ...

... alle Tänzer kommen auf die Bühne, beginnen sich zu entkleiden und ziehen sich auch gegenseitig die Kleider vom Leib, wobei gerade die Gesichter alle verdeckt werden, indem T-Shirts oder Pullover über den Kopf gezogen werden und dort verbleiben. Diese Entkleidungsszene mündet in eine scheinbare Orgie, die dann aber damit endet, daß alle Kleidungsstücke der Tänzer einer einzelnen Tänzerin umgehängt werden. Es ist der Konsum, der hier angeprangert wird, der alle gleich und gesichtslos macht, selbst die Außenseiter. Im Konsum werden alle gleich. Darauf weist auch das Soli einer Tänzerin hin, die sich hinter ihren langen, dunklen Haaren versteckt, wie ein Insekt lauert und auf die Kopflosigkeit der Menschen anspielt.

Die Steigerung zur "Maßlosigkeit" hin wurde vom Publikum sehr unterschiedlich aufgenommen. Während einige die quasi verschmolzenen Körper der Tänzer wie Gebilde und Muster aus einem Kaleidoskop wahrnahmen, fühlten sich andere schockiert. Manche sahen genervt auf die Uhr, während wieder andere sich im Nachhinein fragten, wie lang das Stück eigentlich gewesen sei, man hätte ganz im Bann gestanden und die Zeit vergessen.


Mehrere Frauen und zwei Männer tanzen in einer Formation dem Publikum zugerichtet - Foto: © 2019 by Thomas Aurin

Foto: © 2019 by Thomas Aurin

Die drei Tänzer und die zwölf Tänzerinnen [4] aus den verschiedensten Nationalitäten gingen in "Without Words - ..." an ihre physischen Grenzen. Der Choreograph Johnny Lloyd schuf hier mit ihnen ein genre- und zeitübergreifendes Tanzstück und das in einem wahrlich kurzen Zeitrahmen, denn sie hatten nur wenige Wochen für die Erschaffung des Werkes, bei dem die Musik vorgegeben war.

Ohne vorgefertigte Meinung und bestimmte routinierte Erwartungen an ein zeitgenössisches Tanzstück mit inhaltlicher Geschichte hätten die Zuschauer diesem choreographischen Experiment mehr Sinn- und Körperlichkeit abgewinnen können und erfahren, was dem Choreographen wichtig war, nämlich daß die intime Partnerschaft zwischen Tanz und Bewegung, diese beiden Musen, eine instinktive und körperliche, nicht sprachliche Konversation inne haben.

Denn wie Pina Bausch bereits sinngemäß sagte: "Es gibt Situationen, die dich komplett sprachlos lassen, auch Worte können nicht mehr als Dinge anleiten und das ist, wo der Tanz ansetzt."[5]


Am Ende des Stückes stehen alle Tänzer, der Choreograph und der Musiker auf der Bühne und haben jeder zum Dank und zur Anerkennung von einem Vertreter der Elbphilharmonie eine Rose in Empfang genommen - Foto: © 2019 by Schattenblick

Foto: © 2019 by Schattenblick

*

JOHNNY LLOYD, CHOREOGRAPHIE
Seit 15 Jahren arbeitet Johnny Lloyd weltweit als Tänzer, unterrichtet Lindy-Hop und Charleston und ist als Choreograph tätig.
Dem Studium der afrikanisch-amerikanischen Tanzstile wie Charleston und Hip Hop folgte die Arbeit mit urbanen Stilen und experimentellem Tanz.
Durch Eigenstudium und die choreographische Arbeit in zeitgenössischen Tanzkompanien wie die des Choreographen Sidi Larbi oder die Arbeit mit der Choreographin Antje Pfundt entwickelte Johnny Lloyd eine einzigartige künstlerische Ausdrucksform. Er choreographierte bereits für Hollywood, Cirque du Soleil, und schuf Musikvideos für Künstler wie Fettes Brot, Die Ärzte, Sammy Delux und die Band Juli.


SVEN KACIREK, KOMPOSITION UND SCHLAGWERK
Geboren in Hamburg, studierte Sven Kacirek Schlagzeug in Arnheim, New York und Hamburg. Er arbeitete unter anderen mit Shabaka Hutchings, John McEntire, Nils Frahm sowie Marc Ribot und Stefan Schneider. Den Preis der Deutschen Schallplattenkritik erhielt er für sein Album "The Kenya Sessions".
In Ostafrika ist er seit 2008 regelmäßig zu Gast. Dort machte er unter anderem mit der Dodo-Sängerin Ogoya Nengo aus Kenia Aufnahmen. Er komponierte bereits für Choreographen wie Antje Pundtner und Johnny Lloyd.


BESETZUNG
Choreographie: Johnny Lloyd
Komposition: Sven Kacirek
Veranstaltung der Elbphilharmonie und der CDSH - Contemporary Dance School Hamburg - in Kooperation mit Kampnagel
Basierend auf Musik von: Igor Strawinsky, Leonard Bernstein, William Kraft
Tanz und Choreographie: Rose Marie Lindstrøm, Lucas Kruse Kristiansen, Damini Gairola, Isabella Boldt, Ioanna Kerasopoulou, Clara Marie Herrmann, Anand Dhanakoti, Joana Kern, Yashasvi Shrotriya, Aleksandra Kovacevic, Ann-Leonie Niss, Morgane Deas, Svantje Buchholz, Beatriz Silva, Finja Kelpe



Anmerkungen:

[1] Igor Strawinskys Ballett "Le sacre du printemps" läßt das Erwachen der Natur tänzerisch und musikalisch aufleben bis hin zur Opfergabe. Premiere hatte das Ballett 1913 mit dem Choreographen Vaslav Nijinsky und dem Ballett des Mariinski Theaters. Es wurde ein Skandal. Es folgten weitere Aufführungen durch das kommende Jahrhundert hindurch mit Choreographien von Léonide Massine (1920 und 1930), in den Fünfzigern Mary Wigman und Maurice Béjart; Glen Tetley, Pina Bausch und John Neumeier in den 70igern, Mats Ek (1984), um nur einige zu nennen.

[2] 2015 hat sich auch Akram Khan mit iTMOi zum 100. Jubiläum des Balletts "Le Sacre du Printemps" in einer Auftragsarbeit mit dem Stück befaßt, ohne aber auf die Musik von Strawinsky zurück zu greifen.
Siehe dazu: Schattenblick → INFOPOOL → THEATER UND TANZ → REPORT:
INTERVIEW/021: Schwung avantgarde, archaischer Gruß ...    Andrej Petrovic im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/theater/report/trpi0021.html

[3] "Without Words - Melting Point Dance" ist eine am 5. Januar 2019 einmalig aufgeführte Tanzveranstaltung, entstanden durch die Kooperation der Elbphilharmonie mit der CDSH - Contemporary Dance School Hamburg - und Kampnagel. Diese Veranstaltung ist im Rahmen der Elbphilharmonie+, dem Begleitprogramm der Elbphilharmonie, entstanden, beruhend auf den Werken der Komponisten Strawinsky, Bernstein und Kraft, deren Stücke am 8. Januar 2019 im Konzert mit dem Bundesjugendorchester in der Elphilharmonie selbst zu hören waren.

[4] "Without Words - ..." ist in Hamburg ein bisher einmaliges Projekt, das eine Art Zwischenstand von Tänzern darstellt, die noch in der Schule sind oder ihre Ausbildung gerade abgeschlossen haben, aber bereits sehr gut tanzen und viel Talent haben.

[5] Worte von Pina Bausch auf Englisch:
https://www.goodreads.com/quotes/7640514-there-are-situations-of-course-that-leave-you-utterly-speechless


Im Schattenblick ist unter THEATER UND TANZ → REPORT ein früheres Interview mit Johnny Lloyd und speziell eines zu "Without Words - Melting Point Dance" erschienen:

INTERVIEW/001: "Animation" - Ein klassischer Fall von Poesie in Bewegung (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/theater/report/trpi0001.html

INTERVIEW/041: Ohne Worte - tanzen, sprechen, prägen ...    Johnny Lloyd im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/theater/report/trpi0041.html



13. Januar 2019


Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang