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INTERVIEW/004: Gespräch mit Evgeni Mestetschkin auf dem Simple Life Festival 2010 (SB)


Interview mit Evgeni Mestetschkin auf dem Simple Life Festival 2010

Geführt von den Schattenblick-Redakteurinnen Julia Barthel und Simone Vrckovski


Evgeni Mestetschkin hat das Simple Life Festival auf Kampnagel in diesem Jahr um ein fantastisches, amüsantes Stück mit dem Titel "Lady, Lady on the Sea-Shore" bereichert. Der unkonventionelle Regisseur stammt aus dem Ort Lemberg in der Ukraine und ging mit knapp 20 Jahren nach Moskau, wo er seinen Platz in der Welt des Theaters fand. Ab 1987 studierte er an der russischen Staatsakademie für Theaterkunst Theater- und Zirkusregie. Schon damals begann er sich dafür zu interessieren, wie man die Grenzen des hergebrachten Theaterspiels um zusätzliche Gestaltungsmöglichkeiten erweitern könnte und gründete zu diesem Zweck die Kompanie "Schirma". Zunächst begann er damit, Tanz, Bewegung, Zirkuselemente und das Spiel mit Objekten in seine Inszenierungen einfließen zu lassen. Diesem freien, erfinderischen Stil ist er bis heute treu geblieben.

Nachdem er im Jahr 1992 nach Deutschland ausgewandert war, verwirklichte er die verschiedensten Projekte, sowohl mit professionellen Schauspielern als auch mit Darstellern, die Mestetschkin als "Nicht-Schauspieler" bezeichnet. Der etwas umständlich anmutende Begriff ist ihm sehr wichtig, denn die Rede ist hier nicht von Laiendarstellern, die gemeinhin schon einige Erfahrung im Bühnenspiel haben, sondern es geht um Menschen, die ganz unberührt ins Theater einsteigen, ohne jede genormte Vorstellung davon, wie sie ihren Auftritt gestalten sollen. So brachte Mestetschkin im Jahr 2006 in der Justizvollzugsanstalt Lübeck mit Häftlingen das Stück "Macbeth" auf die Bühne, inszenierte bereits fünfmal mit arbeitslosen Jugendlichen für das Projekt JuMBO Werke wie "Nathans Kinder" oder "Sieben Tage Alice" und setzte im Problemviertel Allermöhe in Hamburg die Französische Revolution in Szene. Dabei kennt Mestetschkin kaum Berührungsängste, denn für ihn sind die Leute, mit denen er arbeitet, "einfach Menschen", egal woher sie kommen oder was sie bisher getan haben. Jeder erhält in den sozial engagierten Projekten des Ausnahmeregisseurs seine Chance auf Entwicklung.

Im Interview trafen wir auf einen äußerst mitteilsamen und interessanten Gesprächspartner, der sich viel Zeit nahm, jede noch so schwierige Frage ausführlich zu beantworten. Mestetschkin ist Feuer und Flamme für seine Arbeit, ein vor Leben vibrierender Mensch, dem man stundenlang zuhören könnte. Mit uns sprach er über die Erfahrung, als Fremder in einem Land zu leben, dessen Sprache man überhaupt nicht versteht. Er erzählte von den unerwarteten Fähigkeiten, die sich bei den Nicht-Schauspielern in seinen Projekten auftun und erklärte, warum es sich lohnt, seine Vorurteile gegenüber armen Menschen, Migranten und anderen vermeintlichen Außenseitern abzubauen, statt bei ihrem Anblick einfach die Straßenseite zu wechseln.

Der Regisseur Evgeni Mestetschkin - © 2010 by Schattenblick

Der Regisseur Evgeni Mestetschkin
© 2010 by Schattenblick

SB: Herr Mestetschkin, die erste Frage ist zu Ihrem Hintergrund. Sie haben ja eine Ausbildung an der russischen Staatsakademie für Tanz und Theaterkunst gemacht und auch an der Stage School und an der Folkwangschule unterrichtet. Unterrichten Sie immer noch dort?

EM: Dort nicht mehr, nein, jetzt habe ich eine eigene Schule. Sie heißt SoYA, Studio of Young Artists, für Film- und Theaterschauspieler.

SB: Hier in Hamburg?

EM: Hier in Hamburg, genau, ja.

SB: Vor diesem Hintergrund hätten Sie sich ja auch eigentlich auf eine Lehrtätigkeit beschränken können, vielleicht an einer anderen Schule, und dann alles ein bisschen entspannter angehen können. Was bringt Sie dazu, sich immer wieder in Projekte mit Laiendarstellern und soziale Projekte einzubringen?

EM: Also ich mache verschiedene Sachen, ich mache auch Theaterprojekte mit Schauspielern. Ich begreife meinen Beruf als den eines Regisseurs und das liegt auch nahe an der Tätigkeit eines Schauspiellehrers. Ich lehre gerne und führe auch sehr gerne Regie, deswegen möchte ich auf keine dieser beiden Tätigkeiten verzichten.

SB: Das heißt, dass diese zusätzlichen Projekte, zum Beispiel mit Jugendlichen in Problemvierteln oder vor einem schwierigen sozialen Hintergrund, für Sie keine Arbeit im eigentlichen Sinne ist, sondern eher Spaß?

EM: Nein. Das kann man nicht sagen, weil das für mich genauso eine Regiearbeit ist, wie die Arbeit mit Schauspielern, da gibt es für mich keinen Unterschied. Ich begreife das als Regiearbeit und nicht als Freizeitbeschäftigung, in keinem Fall. Im Gegenteil, also da sehe ich überhaupt keinen Unterschied, deswegen versuche ich im Rahmen einer Produktion immer ähnliche Ziele zu erreichen, egal ob ich mit professionellen Schauspielern oder mit Laien arbeite oder ob ich Projekte im Knast mache, das spielt keine Rolle.

SB-Redakteurin im Gespräch mit Evgeni Mestetschkin - © 2010 by Schattenblick

SB-Redakteurin im Gespräch mit Evgeni Mestetschkin
© 2010 by Schattenblick

SB: Was war Ihre Motivation, speziell diese Art von Projekten mit Laiendarstellern zu machen, gab es eine Situation oder einen Grund, der Sie darauf gebracht hat?

EM: Ja. Oh, es gab mehrere Gründe dafür. Man kann darüber sogar sehr viel erzählen. Also erstmal habe ich mit professionellen Schauspielern gearbeitet und habe gedacht, so muss professionelle Arbeit aussehen. Es gab auch immer wieder Angebote, mit Jugendlichen zu arbeiten, aber ich dachte, das ist nichts für mich, mit ernsthafter Arbeit hat das nichts zu tun. Irgendwann gab es einen Moment, wo ich über normales Theater dachte, okay, ich habe dies gemacht, jenes gemacht, und wie geht es jetzt weiter? Was ist modernes Theater überhaupt? Wo liegen noch Entwicklungsräume für das heutige Theater?

Das war einer der Gründe, warum ich angefangen habe, dann noch andere Möglichkeiten zu suchen, das war ein Impuls, der von mir kam. Ich habe damit angefangen, in einer Schule so ein kleines Projekt zu machen, und nicht nur dort, sondern auch im Knast, wie gesagt. Durch Zufall habe ich Leute aus dem Projekt JuMBO (Jugend + Migration - Beruf + Orientierung) von Mook wat e.V. kennengelernt und die wollten gerade einen Theaterbereich gründen. Da habe ich dann angefangen, mich so richtig intensiv damit zu beschäftigen. Mit Nicht-Schauspielern, wie ich sie nenne. Für mich ist das leichter zu definieren, weil Laien, Amateure, Profis, das sind sehr relative Definitionen.

Schild von Mook wat e.V. - © 2010 Schattenblick

© 2010 by Schattenblick

SB: Also Leute, die damit vorher kaum oder gar keinen Kontakt hatten?

EM: Ja, kaum oder gar keinen. Gerade bei JuMBO, die meisten waren wahrscheinlich vorher auch als Zuschauer nicht im Theater. Ein Tag von unserer Arbeit besteht darin, dass wir ins Theater gehen und etwas angucken. Wir gehen auch ins Museum, und das ist oft die erste Begegnung zwischen diesen jungen Menschen und Kunst, also komplizierter Kunst. Dann gehen wir ins Thalia Theater oder Schauspielhaus und sehen Sachen, die nicht extra vereinfacht sind, oder wir gehen in die Kunsthalle, jetzt neulich waren wir bei der Rubens-Ausstellung im Bucerius Kunst Forum. Das ist wirklich hohe Kunst und die Jugendlichen oder die jungen Erwachsenen konfrontieren sich sofort auf irgendeine Weise damit. Der eine langweilt sich dann, aber ist da, weil wir alle da sind, und ein anderer ist völlig hin und weg, weil er das erste Mal solche Sachen sieht und ist dann sprachlos. Das sind sehr interessante Prozesse. Im Rahmen einer früheren Produktion waren wir in der Kunsthalle, wo Max Ernst gezeigt wurde. Da waren ganz verrückte Dinge zu sehen, wie Menschen mit Vogelköpfen und das ist interessant, denn dazu gibt es auch einen Zugang. So etwas hat schon ein bisschen mit den Jugendlichen zu tun, mit Filmen wie "Herr der Ringe" und Computerspielen, und gleichzeitig ist das große Kunst. Man findet plötzlich sehr viele Anknüpfungspunkte mit Rembrandt und mit Max Ernst und mit dem Schauspielhaus. Einmal waren wir dreieinhalb Stunden im Thalia Theater in "The Truth About The Kennedys" von Luk Perceval, ich weiß nicht, ob Sie das kennen?

SB: Nein, kenne ich nicht.

EM: Ja, das ist ein sehr gutes Stück, es geht nur um Kennedy. Es ist eine Drehbühne und ich glaube fünf Schauspieler laufen die ganze Zeit herum und erzählen von Kennedy. Ich habe den Jugendlichen gesagt: "Ich weiß, dreieinhalb Stunden sind sehr lang, ihr könnt jederzeit gehen, das ist kein Problem." Manche haben gesagt, "das ist scheiße", manche haben gesagt, "das ist toll", aber sie sind alle bis zum Ende geblieben. Also das, finde ich, ist wirklich eine große Leistung.

Evgeni Mestetschkin - © 2010 by Schattenblick

© 2010 by Schattenblick

SB: Das finde ich auch beachtlich. Das heißt, Sie gehen nicht davon aus, dass man jetzt eine spezielle Vorbildung braucht oder eine bestimmte Schulbildung, um sich Theater oder Kunst anzusehen, sondern Sie gehen da einfach mitten rein?

EM: Genau, ja. Ich denke, Kunst gehört dem Volke (lacht). Das war für mich auch etwas, das ich gelernt habe. Das wusste ich vorher nicht, im Gegenteil, ich dachte, das sind so Sachen, die sehr voneinander getrennt sind. Insofern denke ich, dass jeder einen Zugang hat, egal, woher man kommt und was für Hintergründe man hat. Das war für mich eine revolutionäre Erfahrung mit diesen Leuten.

SB: Ja, das ist eine sehr positive Erfahrung.

EM: Sehr positiv, sehr positiv, ja!

SB: Und jetzt zu dem Stück "Lady, Lady on the Sea-Shore", da haben Sie in Kooperation mit dem Verein Mook wat mit arbeitslosen jungen Migranten zusammengearbeitet. Wie lange dauern denn die Proben für so ein Stück?

EM: Schwer zu sagen, kommt darauf an, wie man Anfang definiert. Also alle Stücke, die ich dort mache, fangen wir sehr langsam an. Man muss dazu sagen, dass das alles Leute sind, die freiwillig an dem Theaterprojekt teilnehmen. Sie müssen bei Mook wat e.V. irgendetwas machen, aber nicht unbedingt Theater. Sie wählen aus mehreren Möglichkeiten, von Computer bis Kochen. Also im Sinne von: "Kochen will ich nicht, Computer habe ich zu Hause, dann komme ich und gucke, wie das Theaterspielen ist." Dann gibt es da den Moment, wo man sich aneinander herantastet, wo man sich ausprobiert, dann bleiben sie weg oder kommen noch mal wieder. Sie können jederzeit wechseln.

Deswegen gibt es eine erste Phase, so eine Tastphase. Für mich bedeutet diese Phase auch zu gucken, was für Leute da kommen, denn ich arbeite mit diesen Leuten sehr individuell und persönlich. Das ist sehr wichtig, weil das, was wir machen, sehr davon abhängt, welche Menschen da sind. Dann formiert sich irgendwann ein Ensemble und wir beginnen, an unserem Stück zu arbeiten. Das ist die zweite Phase. Und diese zweite Phase dauert dann in etwa vier Monate.

SB: Ja, ich frage deswegen, weil Sie ja auch schon ein Stück innerhalb von zwölf Tagen auf die Beine gestellt haben. Das heißt, Sie arbeiten bei Ihren Projekten in sehr unterschiedlichen Zeiträumen.

EM: Ja, das stimmt, das hat andere Reize. Meine Kollegen und ich haben Projekte gemacht, wo wir in zwölf Tagen mit dreißig oder fünfzig Leuten gearbeitet haben. Das funktioniert dann anders, das ist dann diese schnelle Dynamik. Aber selbst da versuchen wir individuell zu arbeiten, das ist ein wichtiger Aspekt, denn man hat es da mit Persönlichkeiten zu tun. Das ist auch der Reiz von solchen Projekten, dass man dabei wirklich Menschen kennen lernt.

Evgeni Mestetschkin - © 2010 by Schattenblick

© 2010 by Schattenblick

SB: Wie steigen Sie mit den Nicht-Schauspielern in die eigentliche Bühnenarbeit ein?

EM: Das ist sehr unterschiedlich, aber im Prinzip haben wir dafür bestimmte Schemata. Also jede Probe fängt mit einem Training an und das dauert eineinhalb Stunden, was schon ein bestimmtes Level ist. Nicht jeder schafft das. Wir treffen uns zweimal pro Woche. Diesmal haben wir sehr viel mit Choreographie gearbeitet, weil eine Teilnehmerin auch Choreographin ist. Das ist auch ein Teil der Arbeit. Ich arbeite sowieso sehr gerne mit Bewegung, das ist ein sehr wichtiger Teil für mich. Danach kamen wir langsam zu den Texten und zur Recherche, also zum Stückaufbau.

SB: Und wie bringen Sie die Leute dazu, auf die Bühne zu gehen und vor anderen frei zu Sprechen? Sie müssen dafür ja auch eine Hemmschwelle überwinden.

EM: Im Grunde genommen gar nicht. Das entsteht von alleine, während unserer Zusammenarbeit. Es entwickelt sich so langsam, ich glaube, man merkt das gar nicht wirklich. Und das ist wichtig, weil es eben ein langsamer Prozess ist, in dem sie sich viel leichter öffnen können.

SB: Ich habe in anderen Artikeln über Sie gelesen, dass es bei Ihrer Arbeit auch darum geht, das eigene Selbst kennen zu lernen. Was haben die Jugendlichen, mit denen Sie an dem Stück "Lady, Lady on the Sea-Shore" gearbeitet haben, dabei über ihre eigene Identität erfahren?

EM: Ich glaube der Moment, wo man sich die Frage nach der eigenen Identität stellt, ist sehr interessant. Wir haben mit einer ganz einfachen Fragestellung angefangen: "Erzähl etwas über dich, über deine Familie." Die Frage ist eigentlich blöd, weil sie so allgemein ist. Irgendwo fängt man dann an zu erzählen. An diesem Punkt findet wahrscheinlich die erste Identifizierung statt. Plötzlich fängt jemand an, vom Urgroßvater zu erzählen, und nicht von Mama, was scheinbar offensichtlicher ist.

SB: Ach so, das heißt wenn sie nach Familie fragen, dann werden plötzlich Geschichten von ganz anderen Verwandten ausgepackt?

EM: Plötzlich, ja. Tante, Onkel, und das ist eine wahnsinnig spannende Sache. Mir selbst ist bei so einer Frage auch nie bewusst, wo ich anfange, aber in dem Moment, denke ich, "Ah, interessant!".

Evgeni Mestetschkin - © 2010 by Schattenblick

© 2010 by Schattenblick

SB: Und warum ist es gerade in diesem Zusammenhang für Kinder mit Migrationshintergrund so wichtig, sich mit der eigenen Herkunft und der Geschichte von den Eltern und Verwandten auseinanderzusetzen?

EM: Oh, ich glaube, dass so was für alle wichtig ist. Man fragt sich auch als Nicht-Migrant, "wer bin ich?". Für Migranten ist das eine besondere Fragestellung, weil sie oft noch zusätzliche Schwierigkeiten damit haben, sich zu identifizieren. "Bin ich Türke oder bin ich Deutscher?" Wir haben dazu eine ganze Palette von Interviews gemacht und da gab es eine Frage, die lautete: "Wer bist du?", auf die man ganz schnell antworten musste. Dann sagen manche Leute mit Akzent: "Ich bin Deutscher", oder ganz ohne Akzent: "Ich bin Türke". Manche sagen auch: "Ich bin Deutsch-Türke", oder jemand antwortet: "Ich bin Kurde, Türke, Deutscher".

SB: Es gibt ja auch das Phänomen, dass es für Menschen, die in einem fremden Land leben, so wichtig ist, sich anzupassen, dass sie sich dabei selbst verleugnen. Wie lässt sich diese Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen bewältigen?

EM: Vermutlich kann man sehr einfach auf diese Frage antworten: Wenn man irgendwas Vernünftiges macht, arbeitet, Geld verdient und Spaß daran hat, ist man integriert und wenn man das nicht macht, ist man nicht integriert. Ich denke, das klingt so banal, stimmt aber trotzdem. Auf sehr komplizierter, intellektueller Ebene trifft das natürlich manchmal nicht zu. Wenn Sie fragen: "Warum bin ich hier, was ist meine eigentliche Sprache?" und so weiter, dann ist das schon die nächste Ebene. Leute, mit denen ich arbeite, versuchen gerade auf die erste Ebene zu kommen. Für sie ist die Integration gelungen, wenn sie einfach arbeiten, leben und glücklich sind.

SB: Was glauben Sie, nehmen die Darsteller jetzt für die Zukunft aus dem Projekt "Lady, Lady on the Sea-Shore" mit?

EM: Also die Besonderheit dieser Arbeit ist, und das ist das Faszinierende daran, dass die Menschen sich dabei stark verändern. Das ist fast so etwas wie ein echter Schöpfungsprozess. So etwas zu beobachten, ist eine enorme Sache. Wenn man die Leute am Anfang und am Schluss filmen würde, dann sind sie ganz andere Menschen, manche mehr, manche weniger. Bei jedem Projekt sind immer zwei, drei Leute, die überhaupt nirgendwo hineinpassen. Ihr Grundproblem ist, dass sie wirklich nichts schaffen. Diese Menschen sind nicht umsonst in solchen Maßnahmen. Sie haben keinen Ausbildungsplatz, weil sie es nicht schaffen, etwas anzufangen und zu beenden. Sie schaffen tausende Dinge und kommen mit keinem zu Ende. Dafür gibt es viele konkrete Beispiele. Aus Rücksicht auf die Privatsphäre der Teilnehmer möchte ich diese persönlichen Geschichten jetzt aber nicht genauer erzählen.

SB: Sie haben von Ihrer Theaterarbeit einmal als "Schutzraum" gesprochen. In welcher Weise hilft dieser Schutzraum den Leuten auch dabei, Deutsch zu lernen?

EM: Es ist ein Schutzraum für unsere Arbeit. Das heißt, damit die Leute anfangen können, auf der Bühne zu stehen und zu sprechen, müssen sie Selbstvertrauen entwickeln, deswegen ist es ein Schutzraum, klar! Gleichzeitig, denke ich, zeigt meine Anwesenheit und die banale Tatsache, wie ich Deutsch spreche, dass man auch mit so einem gebrochenen Deutsch etwas anfangen kann (lacht). Ich denke, dass das auch eine gute Erfahrung ist und ein Teil dieses Schutzraums. Man kann mit allen Fehlern, die man hat, trotzdem etwas tun.

Evgeni Mestetschkin und SB-Redakteurin - © 2010 by Schattenblick

© 2010 by Schattenblick

SB: Also, dass man nicht gezwungen ist, in so einen Sprachkurs zu gehen, wo man gleich alles perfekt hinkriegen muss, sondern sieht, dass es noch eine Stufe zwischen gar nicht können und können gibt. Also so was wie eine Graustufe, die man noch selbst bewältigen kann.

EM: Genau. Und dass es überhaupt kein Problem ist, wenn ich Fehler mache oder mich falsch ausdrücke.

SB: Sie selbst sind 1994 aus Moskau nach Deutschland gekommen. Das bedeutet, Sie haben ebenfalls einen Migrationshintergrund. Wie schwierig war es denn für Sie damals, in die deutsche Kultur und die deutsche Sprache hineinzufinden?

EM: Das war nicht so einfach. Ich bin hierher gekommen, ohne die Sprache zu können, und deshalb war es eine mühsame und komplizierte Sache. Ich hatte einen Beruf, ich wollte arbeiten und ich habe erstmal angefangen alles Mögliche zu machen. Das war eine sehr interessante und spannende Erfahrung, die mich stark verändert hat. Denn dieses Gefühl, dass du gar nichts verstehst, auf die Straße gehst und überhaupt nicht weißt, worüber die Menschen um dich herum sprechen, nicht einmal, was dort geschrieben steht, das ist ein ganz besonderes Gefühl. Ich kannte, als ich kam, vielleicht zwei Worte aus deutschen Kriegsfilmen und mehr nicht. Es gibt auch diesen Film von Bergmann, "Schweigen", ich weiß nicht, ob Sie den kennen. Er handelt von einer Frau und einem Kind. Sie kommen in ein fremdes Land, in dem eine komische Sprache gesprochen wird, die sie überhaupt nicht verstehen. So war es. Andererseits ist es natürlich eine klasse Erfahrung, wann erlebt man so etwas schon? Als Tourist kann man jederzeit auf Englisch wechseln, das geht immer irgendwie, aber wenn man in einem fremden Land tatsächlich lebt, geht das nicht mehr.

SB: Ja, man kann dann nicht mehr ausweichen, man muss irgendwie einen Übergang finden.

EM: Ja. Es gibt da tausende Geschichten. Witzig war auch, wie ich eine Wohnung gesucht habe. Ich habe eine Seite Text gelernt, darüber wer ich bin, warum ich eine Wohnung brauche und so weiter und damit bin ich dann in die Uni gegangen, zum Studentenwerk. Ich konnte alles auswendig und ich konnte es vortragen. Aber natürlich war es nicht so einfach mit der Wohnung und es gab Leute, die versuchten mir etwas zu erklären, nur habe ich sie nicht verstanden. Als wir dort saßen, sagte ich zu Ihnen, "wissen Sie, ich verstehe Sie nicht, können Sie mir einfach nur sagen ob Ja oder Nein?" (lacht). Das war für mein Gegenüber eine enorme Herausforderung, weil es natürlich nicht nur um Ja oder Nein ging, sondern um irgendwelche Zwischenmöglichkeiten. Klar, es ist unmöglich, so zu kommunizieren, aber es war sehr interessant. Ich denke, es ist eine einmalige Erfahrung, deshalb bin ich froh, dass ich das gemacht habe.

SB: Ja, aber das ist natürlich auch etwas, worüber man normalerweise im Alltag nie nachdenkt, nämlich dass Kommunikation ja zwei Enden hat, einmal das Sprechen und einmal das Verstehen. Aber für Sie war es dann eher eine positive Herausforderung?

EM: Total positiv. Obwohl in Moskau zu dieser Zeit auch wahnsinnige Sachen passiert sind und ich manchmal traurig war, dass ich nicht dort war. Diese ganzen Umbrüche zu erleben wäre auch spannend gewesen.

Evgeni Mestetschkin - © 2010 by Schattenblick

© 2010 by Schattenblick

SB: Wenn Sie jetzt in Moskau wären oder vielleicht auch in der Ukraine, wäre es möglich, diese sozial engagierte Arbeit dort genauso umzusetzen wie in Deutschland?

EM: Ich weiß es nicht so genau, denn ich habe das nicht versucht. Also ich vermute mal, dass die finanzielle Lage dort anders ist. Ich kann mir vorstellen, dass es dabei eher um private Gelder geht, als um staatliche, aber so genau weiß ich es nicht. Ich kenne kaum Leute, die das dort machen.

SB: Aber von der politischen Atmosphäre her wäre das schon möglich?

EM: Politisch gesehen, natürlich. Und der Bedarf ist sehr groß. Ich habe zum Beispiel schon über eine Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland nachgedacht, das wäre natürlich spannend, aber bis jetzt hat es leider noch nie geklappt.

SB: Sie haben auch im Gefängnis mit Häftlingen gearbeitet und es gibt viele Menschen, die so eine Arbeit mit Strafgefangenen nicht nachvollziehen können. Was würden Sie diesen Leuten sagen, die meinen, das macht keinen Sinn?

EM: Mir geht es um die Menschen und Menschen gibt es überall, im Knast und in der Freiheit. Es war sehr interessant, mit ihnen ein Projekt zu machen und wir haben an "Macbeth" gearbeitet. Es war ein harter Knast, ein Männerknast, wo sie alle über zehn Jahre bekommen hatten und das war menschlich sehr spannend. Das waren teilweise auch Leute, die schlimme Sachen gemacht haben, aber es sind Menschen und deswegen fiel meine Wahl auf "Macbeth". Ich dachte, sie verstehen, worum es geht, und es war erstaunlich, wie gut sie bestimmte Sachen verstanden haben. Es waren solche starken Szenen dabei, ich glaube so etwas kann kein Schauspieler spielen.

SB: Sie haben bereits mit alten Menschen, mit Migranten und Strafgefangenen gearbeitet, also auch in sozialen Brennpunkten, und Sie haben dabei viele ungewöhnliche Erfahrungen gesammelt. Was denken Sie, woran kann es liegen, dass unsere erfolgsorientierte Gesellschaft so erpicht darauf ist, diese ganzen Leute einfach auszugrenzen, statt sich mit ihnen zu beschäftigen?

EM: In einem Projekt gab es ein Mädchen aus guter Familie, die aus irgendeinem Grund bei uns gelandet ist. Sie hat mir hinterher gesagt, "Also ich habe immer, wenn ich solche Menschen abends auf der Straße gesehen habe, die Straßenseite gewechselt, und jetzt sind sie mir plötzlich so nah." Sie war darüber sehr glücklich. Ich denke, dass man Ängste hat, ist sehr menschlich, dass man Berührungsängste hat, das ist normal. Diese Ängste ein bisschen zu minimieren, dafür arbeiten wir.

SB: Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch genommen haben.

Evgeni Mestetschkin im Gespräch mit SB-Redakteurinnen - © 2010 by Schattenblick

Evgeni Mestetschkin im Gespräch mit SB-Redakteurinnen
© 2010 by Schattenblick

20. November 2010