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INTERVIEW/019: The Bee Treasure - Kind im Raum der Entwürfe ...    Isa Melsheimer und Thomas Schaupp im Gespräch (SB)


Dazwischen

Interview mit der Bildenden Künstlerin Isa Melsheimer und dem Dramaturgen Thomas Schaupp am 18. August 2014 in Hamburg



Was passieren kann, wenn Kinder Erwachsene buchstäblich an die Hand nehmen und in ihre eigene Welt entführen, konnten die Besucher bei der Uraufführung von The Bee Treasure im Rahmen des diesjährigen Sommerfestivals auf Kampnagel erleben. Das Crossover-Projekt brachte, ganz nach Art der Tanzinitiative Hamburg, unter der künstlerischen Leitung von Barbara Schmidt-Rohr Tanz und Theater, Musik und Bildende Kunst zusammen. Den Widerspruch, daß es bei aller betonten Beteiligung der kleinen Performer zwischen 8 und 12 Jahren das Werk Erwachsener war, darunter so bekannte Namen wie Frank Willens und Maria F. Scaroni (Choreografie), Isa Melsheimer (Ausstattung und Kostüme) oder Richard von der Schulenburg (Musik), konnte das Stück nicht auflösen, wohl aber anregen, darüber nachzudenken, wie eine Welt aussehen könnte, in der Kinder tatsächlich die Regie übernehmen. Mit Isa Melsheimer und dem Dramaturgen Thomas Schaupp traf sich der Schattenblick nach der Hauptprobe zu einem kleinen Gespräch.

Schattenblick (SB): András Siebold, der künstlerische Leiter des Sommerfestivals, hat in seinem Editorial zum diesjährigen Programmheft geschrieben, Kunst sei "immer auch ein wundervoller Ort des Widerstandes gegen politische Verhältnisse und ästhetische Definitionen". Ließe sich The Bee Treasure in diesem Satz unterbringen als eine Art Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die Kinder schon ab ihrer Geburt unter die Kontrolle des Förderns und Forderns nimmt?

Isa Melsheimer im Gespräch - Foto: © 2014 by Schattenblick

Isa Melsheimer
Foto: © 2014 by Schattenblick

Isa Melsheimer (IM): Ich finde, das kann man schon so sagen, daß Kinder das gut alleine hinkriegen und nicht ständig kontrolliert werden müssen, auch viel voneinander lernen und sich gegenseitig erziehen, das, glaube ich, sollte schon die Message sein.

Thomas Schaupp (TS): Als ich auf die Kinder traf, war ich überrascht von ihrer Eigenständigkeit, ihren Ideen und der kreativen Weite im Kopf. Dieses "Nicht-Zutrauen" und dadurch den Kindern ständig etwas aufdrücken wird in diesem Stück in Frage gestellt, Hierarchien werden aufgebrochen. Wenn die Kinder ihre Besucher beobachten und dann in ihre Welt hineinziehen, müssen wir als Erwachsene die Verantwortung abgeben, die man von einem Kind so nicht erwarten würde.

IM: Kinder sind heute wahnsinnig behütet. Als ich jung war, ich bin auf dem Land aufgewachsen, wußten unsere Eltern nicht, wo wir waren. Wir waren irgendwo und haben gespielt, ob im Wald, am Fluß oder wo auch immer. Heute gehen die Kinder ja kaum noch allein ins Freie, oder die Eltern gucken permanent nach. Daß man sie einfach auf die Straße schickt, das gibt's nur noch sehr selten, vielleicht auf dem Land noch. Und dieses sind jetzt Kinder, die haben sich losgelöst, sind eigenständig geworden, haben sich zusammengerottet, wie es in dem Text zum Stück heißt. Man weiß nicht, wo sie herkommen, man weiß nicht, wo sie hinwollen.

Thomas Schaupp während des Gesprächs - Foto: © 2014 by Schattenblick

Thomas Schaupp
Foto: © 2014 by Schattenblick

TS: Das Behütetwerden geht ja mit einem gestiegenen Sicherheitsbedürfnis einher, weil die Straßen, nach dem, was man in den Zeitungen liest, immer gefährlicher werden. Wenn Eltern ihre Kinder tatsächlich noch allein nach draußen lassen, wirkt das eher befremdlich.

SB: Man setzt sich gleich dem Vorwurf der Vernachlässigung aus.

TS: Ja, genau. Andererseits nimmt man ihnen ein Stück des Kindseins, wenn man ihnen ständig zeigt, wie sie zu leben haben, daß sie sich diesen Strukturen anpassen müssen. Das ist ja etwas, was wir von den Kindern verlangen.

SB: In dem Stück spielen Pflanzen und Tiere eine wichtige Rolle. Frau Melsheimer, Sie haben in Ihren Arbeiten auch vorher viel mit Pflanzen gearbeitet. Hat das vielleicht damit zu tun, daß Sie auf dem Land aufgewachsen sind?

IM: Das ist immer schwer zu sagen, aber natürlich prägt die eigene Kindheit die Kunst, die man macht. In meiner Arbeit geht es immer um Räume, darum, was ein Ort mit uns macht, was da passiert. Mich interessiert nicht so sehr die Architektur selber, sondern die Geschichte darum, ein Ort unter einer Treppe, was zwischen zwei Gebäuden ist, das, was eigentlich Nichtorte sind. Wie hier - da ist ein Kran, da sind ein paar Hütten und da ist Wasser... da geht man hin.

SB: Haben Sie den Ort ausgesucht?

IM: Den haben wir im Team ausgesucht. Es ging schon darum, daß man auf dem Gelände bleibt, es gab aber noch ein paar andere Möglichkeiten. Wir fanden diesen Ort ganz gut, weil er einerseits mittendrin, aber doch abseits ist. Man hat das Wasser, daß man weg kann, man hat den Kran, daß man nach oben kann, und dann ist da noch dieser Bienenstock, woher das Stück seinen Namen hat. Bienen in der Stadt, das hat dann auch nochmal was. Eigentlich ist es ein offener Ort, aber auch nicht ganz im Dreck, sondern da ist dann noch ein Teppich drauf, der ein bißchen was von einer Düne oder Sand hat. Es ist immer so ein Zwischending. Die Pflanzen kämpfen sich durch den Boden, aber es gibt ein Dach, das wiederum gläsern ist, so daß man durchgucken kann, dann sind da die Vorhänge, die aber doch in Bahnen bleiben, die sich bewegen, so daß man reinschauen kann. Es schwankt immer zwischen diesem Drinnen und Draußen.

SB: Es gibt lebendige Tiere in der Installation, aber auch einen toten Fuchspelz. Was hat das zu bedeuten?

IM: Auch das ist so ein Übergang. Die Kinder haben lebendige Tiere, aber sie haben auch Kuscheltiere. Sie sind geschminkt wie Tiere, tragen aber Anzüge, die wieder was von Pyjamas haben. Man kennt das, wenn die Eltern nicht da waren, ist man praktisch den ganzen Tag im Schlafanzug geblieben. Es gab nicht die Notwendigkeit, sich anzuziehen. Es hat alles etwas von einem Dazwischen. Auch dieser Fuchs, der ein bißchen makaber ist, ist so ein Zwischending zwischen einem Stofftier und einem verstorbenen Tier. Mir ist aufgefallen, daß die Kinder den Fuchs genauso streicheln wie das Kaninchen. "Oh, ist das schön weich", sagen sie und dann gehen sie weiter und sagen "Oh, ist das schön weich". Die haben einen ganz anderen Umgang. Die Fotos, die die Kinder gemacht haben, sind Bilder von ihren Haustieren, aber auch von toten Tieren. Der eine hat eine Katze, die gerade eine Maus gefangen hat, und das hat er fotografiert, der andere präpariert Tiere. Das sind Sachen, die die Kinder wirklich machen, sie haben dieses Interesse an Tieren.

Toter Fuchs in der Rauminstallation von Isa Melsheimer - Foto: © 2014 by Schattenblick

Foto: © 2014 by Schattenblick

SB: Es heißt in der Ankündigung des Stücks, daß man nicht weiß, woher die Kinder kommen. Der Ort, an dem wir sie antreffen, ist ein Fluchtort, wo sie für sich sein und nach ihrer eigenen Maßgabe agieren können. Wenn man von Fluchtorten spricht und nicht mehr auf Freiräume setzt, die man sich verschafft oder erstreitet, bedeutet das nicht eine Art von Resignation, daß nur der Rückzug als Möglichkeit bleibt?

TS: Flucht, würde ich sagen, heißt einerseits Rückzug, kann aber für einen selbst manchmal auch ein revolutionärer Akt sein. Auf das Stück übersetzt könnte man sagen, daß die Kinder - das ist ja etwas, das offenbleibt - vielleicht vor der Kontrolle flüchten. Da sind wir wieder beim Anfang, daß Kinder sofort in ein System reinkommen, sobald sie auf der Welt sind. Und da hat sich jetzt so ein Haufen zusammengerottet und einen eigenen Ort gefunden, vielleicht auch einen Zwischenort, denn es kann ja auch sein, daß sie wieder verschwinden.

IM: Ich mag das Wort Nichtraum, Raum, der eigentlich nicht vorhanden ist. Der die Phantasie, den Traum zuläßt, eine Zwischenwelt, wo die Phantasie mit einem durchgehen kann.

SB: In dem berühmten Roman Herr der Fliegen aus dem Jahr 1954 stranden Kinder auf einer Insel, entwickeln aber ganz andere Tendenzen, nämlich Grausamkeiten, strenge Hierarchien, Gewalt. In diesem Klassiker von William Golding stehen die Kinder als Metapher für eine menschliche Gesellschaft, die man sich selbst überläßt. Haben Sie sich bei der Erarbeitung des Stücks auch mit solchen Entwürfen beschäftigt?

TS: Wir haben tatsächlich sehr viel darüber geredet. Als ich von der Idee erfuhr, mußte ich auch an den Bienenkönig von T. C. Boyle denken, diese Kurzgeschichte, wo ein Junge Bienen großzieht und sie dann auf die eigenen Eltern ansetzt und sie damit umbringt. Die Grundidee, durch Eigenständigkeit etwas Neues zu schaffen, etwas anders zu machen, das ist, glaube ich, die Essenz, die Barbara wichtig war, ohne aber ins Zerstörerische zu gehen. Der Herr der Fliegen oder der Bienenkönig sind extreme Auswüchse; das ist nicht die Form von Eigenständigkeit, die Barbara meint.

Foto: © 2014 by Schattenblick

Isa Melsheimer und Thomas Schaupp im Gespräch mit dem
Schattenblick
Foto: © 2014 by Schattenblick

IM: Ich glaube auch, daß wir hier gar nicht so direkt sein wollen. Es geht eher darum, etwas anzustoßen, nicht darum zu sagen, so ist es, Kinder würden sich so und so verhalten. Den Herrn der Fliegen hat sich ja ein Erwachsener ausgedacht. Es gibt einen japanischen Film, Battle Royale, da geht es auch um Kinder, die auf einer Insel ausgesetzt werden. Da wirkt es so, als wären Kinder noch viel fieser als Erwachsene. So eine Message sollte es hier überhaupt nicht geben, sondern das sollte sehr offen bleiben: Hey, guckt euch das doch mal von der Seite an, oder denkt doch nochmal drüber nach, wie das denn bei euch war. Was macht ihr mit euren Kindern für einen Affentanz den ganzen Tag, dann ist Schule, dann ist Flöten, dann ist Turnen...

TS: Ich glaube, daß dabei ganz wichtig ist, daß alle Erwachsenen auch mal Kinder waren. Es geht darum, das Kind, das in jedem von uns steckt, egal, wie alt oder jung wir sind, nochmal in Erinnerung zu bringen und dadurch eine neue Aufmerksamkeit zu schaffen.

Geschminktes Bee-Kind mit einem maskierten Erwachsenen - Foto: © 2014 by Jens Hasenberg

Phantasiemaske von Isa Melsheimer
Foto: © 2014 by Jens Hasenberg

SB: Wie ist die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Barbara Schmidt-Rohr entstanden?

IM: Ich habe schon einmal ein Stück mit der Tanzinitiative gemacht, Gimme Shelter, da ging es auch um eine Raumperformance. Barbara hatte mich angesprochen, weil sie meine künstlerische Arbeit kannte und fand, daß das paßt. Mit Fotos hatte ich schon gearbeitet, mit Vorhängen, überhaupt mit Stoffen arbeite ich ja viel, mit dem Raum sowieso - das hat schon viel mit meiner Arbeit zu tun und jetzt hat sie mich halt noch einmal gefragt.

SB: Und wie war das bei Ihnen?

TS: Ich habe Anfang diesen Jahres hier auf Kampnagel im Rahmen der K3 als Dramaturg gearbeitet und in dem Zusammenhang haben wir uns kennengelernt. Wir haben uns von Anfang an gut verstanden, und sie hat mich dann gefragt, ob ich nicht Interesse hätte, auch bei diesem Stück die Dramaturgie zu übernehmen.

SB: Würden Sie noch einmal etwas mit Kindern machen?

TS: Gerne, ja, wobei es die Möglichkeit, Stücke mit Kindern in einem solchen besonderen Rahmen wie dem Sommerfestival zu zeigen, viel zu selten gibt, da spielen Stücke mit Kindern normalerweise gar keine Rolle. Ich hoffe, daß es für mich nicht die letzte Gelegenheit ist, mit Kindern in so einem Rahmen zu arbeiten.

IM: Ich finde es unheimlich dankbar, mit Kindern zu arbeiten. Als ich denen gesagt habe, was für Bilder ich gerne hätte und die mir per E-Mail so viele geschickt haben, hat mich das wahnsinnig gerührt. Das waren so Momente, wo ich dachte, daß die so mitdenken, das ist total schön. Erwachsene sagen erstmal, das fehlt noch und das, da mußt du noch was festmachen, das fällt immer um. Kinder kommen mit großen Augen und sagen "Ah, ist das schön!" und "Ah, da ist ja mein Foto!" und freuen sich. Erst sind sie ein bißchen schüchtern, dann werden sie zutraulich. Am Anfang sagen sie "Sie", dann "Du" und irgendwann deinen Namen. Und es ist überraschend mit ihnen. Ich bin ja eher ein Alleinearbeiter, ich kenne das gar nicht in so einem Team, und das ist natürlich auch sehr schön. Für mich ist das wie ein Ausflug in eine andere Welt, ich finde das ganz toll. Bei mir hat die Kunst ja immer mit Betrachtung zu tun, und wenn sich mir nach einer Ausstellung, wenn ich schon eine Viertelstunde aus dem Raum bin, die Nackenhaare hochstellen, dann sage ich, das war eine gute Arbeit. Und hier haben sich mir ganz oft die Nackenhaare hochgestellt. Es ist ja sehr leise, das Stück, das mag ich auch sehr gerne. Das ist mir persönlich nahe, leise zu sein. Ich mag es nicht, Statements zu setzen, mir ist es lieber zu sagen, es könnte so, es könnte aber auch anders sein.

TS: Was ich bei dem Verbinden der Augen schön finde, ist, daß da immer noch ein Geheimnis bleibt. Kinder haben ihre eigene Welt, und die kann sich uns am ehesten erschließen, wenn wir uns dem ausliefern. Letztlich ist es ja das Geheimnis in einem selbst, was so im besten Fall zum Tragen kommt, daß man das eigene Kind nochmal ein bißchen hervorholt oder den Gedanken daran.

SB: Vielen Dank für das Gespräch.


Anmerkung:


[1] Bericht über die Aufführung im Schattenblick unter:

Schattenblick → INFOPOOL → THEATER UND TANZ → REPORT
BERICHT/054: The Bee Treasure - Versuch über kinderutopische Wirklichkeitsgleichen (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/theater/report/trpb0054.html

Interview mit der Choreographin und künstlerischen Leiterin der Tanzinitiative Hamburg Barbara Schmidt-Rohr unter:

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INTERVIEW/018: The Bee Treasure - Lasset die Kindlein zu mir kommen ..., Barbara Schmidt-Rohr im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/theater/report/trpi0019.html

1. September 2014