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INTERVIEW/024: Kreative Signale ...    Melanie Zimmermann im Gespräch (SB)


Pressekonferenz zur Spielzeit 2015/2016 auf Kampnagel in Hamburg am 3.9.2015

Dramaturgin Melanie Zimmermann über die neue Spielsaison


Eine Spielstätte, die sich laut eigenem Anspruch in jeder Spielzeit neu erfindet, zu Beginn der neuen Saison 2015/16 aber vor allem deutlich sagt, was sie nicht ist: "Not Thalia!", läßt sich - durchaus beabsichtigt vom Kampnagel-Team - nicht so einfach in eine Schublade packen, was ihre Intentionen und Schwerpunkte angeht. Was Kampnagel ist und für Hamburg bedeutet, läßt sich sicher auch nicht in zwei Worten zusammenfassen. Fragt man dazu die Menschen, die hier arbeiten, wird unmißverständlich deutlich: Die Performancefabrik Kampnagel befindet sich in einem ständigen Entwicklungsprozeß. Freiräume zum Schaffen und Gestalten finden sich in jedem improvisierten Winkel, jedem Mauerriß des seine Herkunft nicht verleugnenden Gebäudes und in vielen anderen Artefakten, die nicht direkt zu dem professionell organisierten Performance-Betrieb, aber doch zum Kampnagel-Gelände oder zu der ehemaligen Kran- und Werkzeugfabrik gehören, wie die Künstlerbus-Schrebergartensiedlung auf der Rückseite am Osterbekkanal, der "Avantgarden" auf der Rückseite des Geländes oder verwitternde Skulpturen früherer Kunstprojekte, etwa der aus alten Türen und Flickwerk des Gängeviertels erbaute RaS-Pavillon (Recht auf Stadt).


Ein im Kreis zusammengestellter Pavillon. - Foto: © 2015 by Schattenblick

Was in dem Projekt von Rita Kohel und Florian Tampe steckt, das im Rahmen des seit 2002 aktiven operativen Künstlerkollektivs Baltic Raw entstand, bleibt der eigenen Phantasie überlassen.
Die Türen können nicht geöffnet werden.
Foto: © 2015 by Schattenblick

Ein Mitglied des Teams ist die als Tanzdramaturgin und Festivalkuratorin für Tanzkunst und "Live Art" auf Kampnagel verantwortliche Melanie Zimmermann. Die gelernte Medienkauffrau hat nach Abschluß ihrer ersten Ausbildung Kultur- und Tanzwissenschaften in Frankfurt an der Oder und in Paris studiert. Vor ihrer bereits mehrjährigen Tätigkeit auf Kampnagel war sie Presse- und PR-Assistentin für die Forsythe Company und studierte Dramaturgie bei Hans-Thies Lehmann in Frankfurt am Main und Brüssel.

Im Anschluß an die Pressekonferenz erläuterte sie im Gespräch mit dem Schattenblick die neue Spielsaison.


Während der Pressekonferenz am 3.9.2015 - Foto: © 2015 by Schattenblick

Melanie Zimmermann
Foto: © 2015 by Schattenblick

Schattenblick (SB): Das Programm der neuen Spielzeit 2015/2016 ist allein von seinem Umfang, der Anzahl an neuen Produktionen und der daran beteiligten Künstler überwältigend.

Melanie Zimmermann (MZ): Kampnagel ist ein freies Produktionshaus und kein Repertoire Theater, deshalb können wir in jeder Spielzeit sehr viele neue Arbeiten zeigen, das macht unser Programm vielfältig und vor allem aktuell. Wir produzieren neue Stücke mit Hamburger Künstlerinnen und Künstlern, laden internationale Produktionen ein oder initiieren Festivals wie jetzt zur Spielzeiteröffnung, wo wir mit "We don't contemporary" aktuelle Stücke von Künstlern verschiedener afrikanischer Länder zeigen.

SB: Hundertfünfzig Premieren im Jahr - wenn ich richtig informiert bin - müssen erst mal gefunden und eingeladen werden.

MZ: Das ist ein fortlaufender Prozess. Wir sind ständig mit aktuellen Themen beschäftigt und arbeiten mit Künstlern, die ebenfalls an diesen Themen interessiert sind. Das künstlerische Team von Kampnagel ist auch sehr viel auf Reisen, um beispielsweise auf Festivals Stücke zu sehen und Künstler zu treffen, die wir interessant finden.

SB: Sie grenzen sich thematisch in dieser Saison vom repräsentativen Theater ab: "Not Thalia". Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

MZ: Wir sind hier kuratorisch tätig, das heißt, nicht als Produktionsdramaturgen. Wir unterwerfen uns auch nicht einem Motto oder lassen uns ein Thema aufoktroyieren, das dann durch das Jahr durchfinanziert werden muß, sondern arbeiten - abgesehen von den Förderanträgen, von denen wir abhängig sind - vor allem eng mit den Künstlern zusammen. Wir beschäftigen uns selbstverständlich als Kuratoren parallel mit weiteren Stoffen, doch wesentlich ist, daß man durch die Nähe zu den Künstlern ein Gefühl dafür entwickelt, woran sie interessiert sind und dieses Interesse dann mit einem Thema zusammenbringt.

Diese kuratorische und inhaltliche Arbeit wirkt sich auch auf das Programm von Kampnagel aus. Sie erscheint manchmal ein wenig komplex. Aber es gibt immer eine inhaltliche Essenz, die wir auch zu vermitteln suchen.

SB: Sehen Sie sich auch selbst mehr als Kuratorin und weniger als Dramaturgin?

MZ: Ich bin jedenfalls keine Produktionsdramaturgin im eigentlichen Sinn, das heißt ich arbeite nicht direkt mit Künstlern an der Umsetzung eines Stückes. Als Programmkuratorin bin ich allerdings persönlich an der Entstehung der künstlerischen Konzepte beteiligt. Allein dadurch, daß wir mit den Künstlern zusammen die Förderanträge stellen, sind wir bei der Entstehung der Idee dabei und bei dem Anlauf, den die Produktion nimmt, bei der Organisation. Mit der Struktur gibt man bereits vor, wie sich das Stück weiter entwickelt. Insofern formieren wir mit.

SB: Sie haben ein Stück im Programm, für das neben dem eigenen mitreisenden Ensemble auch zehn Hamburgerinnen gecastet werden sollen. Beziehen Sie auch in anderen Stücken das Publikum auf diese oder andere Weise in die Produktion ein?

MZ: Nein, Mitmach-Theater machen wir hier nicht. Wir laden solche Produktionen ein, weil ihr künstlerisches Konzept es vorgibt, mit den Leuten zu arbeiten, mit ihnen zu denken und so weiter. Wir fragen nach dem künstlerischen Interesse, das möglicherweise bedingt, daß das Publikum in irgendeiner Form beteiligt ist. Unser Ansatz ist dabei eher Rancière-mäßig [1], also im Sinne eines emanzipierten Zuschauers, und geht davon aus, daß jede Form von Anschauen und Mitdenken eine Form von Partizipation ist.

Natürlich laden wir in unseren Produktionen zum Mitdenken ein. Daß zusätzliche Darstellerinnen in die Produktion von Bouchra Ouizguen [2] einbezogen werden, ergibt sich aus ihrem Konzept. Die marokkanische Choreografin Bouchra Ouizguen ist eine der Künstlerinnen des Festivals "We don't contemporary", die sehr eng mit dem Publikum zusammen arbeitet. Indem die marokkanischen Tänzerinnen ihrer Compagnie gemeinsam mit Frauen aus Hamburg, die ganz andere Bewegungsgewohnheiten haben, auftreten, wird das Stück zu einer lebendigen Skulptur und der Tanz sehr zugänglich.

SB: Hat Sie bei Ihrer Entscheidung, Bouchra Ouizguen einzuladen auch die Tatsache bewegt, daß sie überwiegend mit Frauen arbeitet? Ist es also gewissermaßen ein politisches Motiv für Kampnagel gewesen?

MZ: Auf jeden Fall. Davon abgesehen hat sie eine äußerst plastische Formsprache, der man sich nicht entziehen kann. Die zweite Arbeit, die Bouchra Ouizguen vorstellt, ist OTOFF. Ich habe beide Premieren gerade in Montpellier gesehen und war restlos begeistert von der Präsenz, die die Frauen ihres Ensembles ausstrahlen.

Natürlich spielte es auch eine Rolle, daß Bouchra Ouizguen überzeugte Feministin ist, und für die Emanzipation in ihrem Land Bahnbrechendes geleistet hat. Sie hat die erste zeitgenössische Tanzcompany in Marokko gegründet. Auch daß sie ein Ensemble aus Frauen zusammengestellt hat, die in einem Alter sind, in dem andere oft schon ihre Karriere hinter sich haben, ist einmalig. Und es ist ein unglaublich lebendiges Ensemble.

SB: Sie sagten, Sie würden sich von den Künstlern inspirieren lassen. Steht das künstlerische Erlebnis vor der politischen Aussage?

MZ: Auf jeden Fall ist es eine Mischung. Grundlegend ist für uns, ein Theater zu machen, das für jedermann zugänglich ist, und in der Weise, daß einem über eine sinnliche Erfahrung oder das Thema vor allem die Kunst näher gebracht wird. Wir suchen immer wieder andere Einstiege, aber es ist auch Avantgarde, die wir zeigen.

SB: Würden Sie sagen, daß die Details, die Brett Bailey mit verschiedenen künstlerischen Mitteln, unter anderem Videoinstallationen oder der Musikwahl, in seinem MACBETH [3] vermitteln will, für jedermann zugänglich sind? Braucht man keine Vorkenntnisse, um das zu verstehen? Ich denke da an das Bild von Nelson Mandela, das an einer bestimmten Stelle eingeblendet wird. Weiß der Zuschauer, was damit gemeint ist?

MZ: Die Zuschauer werden möglicherweise nie ein künstlerisches Konzept vollständig nachvollziehen können, darum geht es auch gar nicht. Entscheidend ist nicht, alles "zu verstehen". Kunst muss emotional berühren. Brett Bailey beherrscht sein Handwerk perfekt und zieht sein Publikum über 90 Minuten lang in seinen Bann. Er produziert auf der Bühne großartige Bilder.

Dazu gibt es die hinreißende Musik von Verdi, die man kennt, obwohl sie neu arrangiert wurde. Durch die Videoinstallationen wird schließlich auf Biographien bekannter Persönlichkeiten aufmerksam gemacht, die eine Parallele zu den Charakteren in MACBETH aufweisen.

SB: Melanie Zimmermann, vielen Dank, daß Sie sich die Zeit für uns genommen haben.


Ein Schild sagt, wo es lang geht: Künstler links. Zuschauer und Besucher rechts. - Foto: © 2015 by Schattenblick

Hier hat die Kunst ihren eigenen Eingang ...
Foto: © 2015 by Schattenblick


Anmerkungen:

[1] Jaques Rancière ist ein zeitgenössischer, französischer Philosoph (Arbeiten zur politischen Philosophie, Ästhetik). Medien- und Theaterwissenschaftler berufen sich gerne auf seine Theorien.

[2] Bouchra Ouizguens CORBEAUX ist eine Performance, die auf Wunsch der Choreografin im Foyer von Kampnagel abgehalten wird, in großer Nähe zum an der Kasse wartenden Publikum. Das Programmheft beschreibt das Ereignis, das im übrigen kostenlos ist, folgendermaßen:

"Eine Performance, die Trancezustände mit dem rhythmischen Brüllen weiblicher Wildkatzen verbindet", so beschreibt die marokkanische Choreografin Bouchra Ouizgen ihre überwältigende Show CORBEAUX. Im Raum verteilen sich marokkanische Frauen in schwarzen Gewändern und weißen Kopftüchern, so klassisch wie markant gekleidet. In beständigen Wiederholungen und Modulationen durchlaufen sie gemeinsame Bewegungen und Lautartikulationen, anschwellend bis zum Ausbruch eines vitalen Ur-Schreis. Ouizgen beschäftigt sich in ihren Arbeiten immer wieder mit der gesellschaftlichen Bedeutung der Weiblichkeit; CORBEAUX ist eine Variation dessen, was sie regelmäßig fasziniert umkreist: Ursprung, Instinkt, eine Verbindung zur Mutter, zur Erde und zur Liebe. Im Rahmen des Festivals "We Don't Contemporary" zeigt Bouchra Ouizgen auch ihr aktuelles Stück OTTOF.

[3] http://www.kampnagel.de/de/programm/macbeth/

Den Bericht zur Vorstellung des Programms der neuen Spielzeit 2015/2016 finden Sie unter
THEATER UND TANZ -> REPORT
BERICHT/059: Kampnagel verkündet ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/theater/report/trpb0059.html

16. September 2015


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