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INTERVIEW/026: Als mein Vater ... - gut gemeint und leicht daneben ...    Luisa Taraz, Marie Stolze und Julia Berndt im Gespräch (SB)


Toda auf der Flucht - zeitlos geschrieben, aktueller denn je

"Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor"
Theaterstück ab 9 Jahren nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Joke van Leeuwen
Premiere mit 'kirschkern & compes' am 11. Oktober 2015 im Fundus Theater, Hamburg


Als ob sie sich "zu dritt ein Herz und ein Gehirn" teilten, so sahen die Regisseurin Luisa Taraz, die Dramaturgin Marie Stolze und die Bühnen- und Kostümbildnerin Julia Berndt ihre gemeinsame Arbeit um ihr erstes Kinderstück. Die Intensität ihres Einsatzes paßt zur Aktualität des Themas, den anwachsenden Schwierigkeiten eines Flüchtlingsmädchens. Das erst 2010 in den Niederlanden und 2012 in deutscher Übersetzung erschienene Buch "Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor" [1] erfuhr nun die Bühnenadaption durch das junge Team.

Toda, ein kleines Mädchen, soll ins Nachbarland fliehen, um zur Mutter zu gelangen, denn in ihrer Heimat herrscht Krieg und der Vater wird "ein Busch", weil er sich als Soldat tarnen muß. Sie wird von der Oma allein auf die Reise geschickt, mit wenig Gepäck, um mit einem Schlepper über die Grenze zu gelangen. Aber auch als diese hinter ihr liegt, haben die Strapazen noch kein Ende. Sie hat die Adresse der Mutter verloren und ist nun den fremden Behörden ausgesetzt ...

Im Anschluß an die Premiere am 11. Oktober 2015 im Hamburger Fundus Theater ergab sich die Gelegenheit, den Produzentinnen einige Fragen zu ihren Absichten und ihrer Teamarbeit zu stellen.

Schattenblick (SB): Die Vorlage zu ihrem Kinderstück "Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor" geht auf das gleichnamige Werk der niederländischen Autorin Joke van Leeuwen [2] zurück. Bestand vor oder während der Arbeit Kontakt zu ihr?

LT: Leider nicht. Das Team 'kirschkern & compes' [3] hat für seine Adaption die Rechte vom Verlag bekommen, und wir haben die Autorin zur Premiere eingeladen.

SB: Waren Sie mit der Auswahl der Vorlage einverstanden?

LT: Zuerst waren wir skeptisch: Flucht eines Mädchens von einer Erwachsenen aus der Kinderperspektive geschrieben? Aber die Buchvorlage war wirklich überzeugend.

MS: Die Entscheidung fiel, weil es ein sehr berührendes und einfühlsames Kinderbuch ist.

LT: Die Hauptarbeit war, im Vorfeld zu entscheiden, wie wir die Buchadaption auf die Bühne bringen wollten. Es ist eine radikale Strichfassung herausgekommen, sonst hätte die Aufführung drei bis vier Stunden gedauert.

MS: Man muß dazu sagen, das Thema des Buches hatte, zu der Zeit, in der es ausgewählt wurde - das ist nun schon ein Jahr her -, noch gar nicht diese tagespolitische Brisanz und Omnipräsenz wie jetzt. Im Verlauf der Arbeit hat sich das total verstärkt und zugespitzt. Es war ein Prozeß, den man im Theater normalerweise gar nicht so erlebt, das Thema spiegelt die gegenwärtige gesellschaftliche Situation extrem wieder. Im Theater bringt man sonst ein Geschehen erst, nachdem es passiert ist, noch einmal auf die Bühne. Das hier war eine ganz spezielle Situation und ist es noch immer. Wir mußten die täglichen Entwicklungen mit in die Proben nehmen, ohne uns davon emotional überlaufen zu lassen.

SB: Hatten Sie auch direkten Kontakt zu Flüchtlingen, haben Sie mit Flüchtlingen gearbeitet?

MS: Dies ist ein Theaterstück, das gerade nicht dokumentarisch arbeitet, sondern ganz bewußt die Überhöhungen und den phantasievollen Blick eines Kindes einnimmt. Wir haben uns mit der Berichterstattung intensiv beschäftigt, aber nicht versucht, das Geschehen eins zu eins aus der Situation eines Kinderflüchtlings abzubilden, denn das ist nicht der Ansatz des Buches.

LT: Wir sind alle extrem berührt. Das geht einher mit der großen Bereitschaft, helfen zu wollen. Es war eine Gradwanderung, den Stoff kindgerecht zu gestalten, ohne ihn zu verharmlosen. Unsere Intention war, daß Kinder sich mit dem Wort Flüchtling, das sonst einfach ein Stigma ist, auseinandersetzen und sich in eine solche Situation hineinbegeben können. Sie sollten sehen, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein. Es geht nicht um das, was real passiert. Das ist das Besondere an dem Stück, sonst hätte man auch einen Film oder eine Dokumentation machen können.

SB: Haben Sie im Vorfeld für die Produktion mit Kindern gearbeitet?

LT: Nein, nicht zu diesem Theaterstück. Ich habe schon viel mit Kindern gemacht. Trotzdem ist es das erste Kinderstück, das ich produziert habe. Ich bin gespannt, wie es aufgenommen wird.

SB: Es wurde viel gelacht. Lag das in Ihrer Absicht?

LT: Ja, das war so gedacht. Es war unser großes Anliegen, daß der Blick des Kindes die Absurditäten der Erwachsenenwelt aufdeckt. Der entlarvende Blick hat natürlich dann auch Komik, die entwaffnend ist, weil sie zeigt, mit welcher Ernsthaftigkeit und absoluten Wichtigkeit Erwachsene handeln. Gerade in der zweiten Welt [4], wo es viel um Bürokratie geht, wie man ankommt und aufgenommen wird, muß ein Erwachsener durchaus schmunzeln, weil er Prozesse oder auch menschliche Verhaltensmuster und Typen wiedererkennt. Im ersten Teil hingegen gibt es gruselige oder unheimliche Momente. Wo es uns Erwachsene nicht mehr so ganz erwischt, da gehen Kinder ganz anders mit.

SB: Bei Ihren Arbeiten greifen Sie oft die Problematik von Krieg oder Tod auf. Warum haben Sie diese Themen jetzt für Kinder umgesetzt?

LT: Ich möchte, daß auch Kinder sich dazu eine eigene Meinung bilden und Empathie entwickeln können. Das Thema soll für sie nicht so abstrakt bleiben, sondern greifbarer werden. Sie haben in Toda einen Sympathieträger und jemanden, mit dem sie sich identifizieren können. Flucht bleibt hier nicht etwas, das nur anderen passieren kann, sondern jedem.

MS: Das ist auch der Grund, weshalb sowohl im Buch als auch in unserer Interpretation Ort und Zeit nicht eindeutig geklärt sind. Es war uns wichtig, beides offen zu halten. So entsteht der Eindruck, daß so etwas überall und jederzeit stattfinden kann, in unserer deutschen Vergangenheit, in der Zukunft oder in der Gegenwart.

LT: Ort und Zeit waren auch bei den Kostümen kein Thema. Ganz bewußt sind alle Assoziationsräume offen geblieben. Man soll sich fragen, was es bedeutet, nichts mehr zu haben, außer den Listen, die man sich im Kopf macht. Woran kann man sich dann noch festhalten, wenn man auf sich selbst zurückgeworfen wird? Man soll in den Bühnenraum viel hinein interpretieren können, ohne sich in die Verharmlosung zu begeben, ohne zu beschönigen oder zu verwischen. Hier wird die Phantasie stark angesprochen.

SB: Auf der Bühne liegen anfangs auf einem Berg viele schöne, meist glänzende Kleidungsstücke. Der Zuschauer hätte vielleicht eher erwartet, irgendwelche Lumpen vorzufinden. Was war die Idee dahinter?

Julia Berndt (JB): Der Klamottenberg soll für Toda ein Rückzugsort sein. Die erste Welt ist ja noch ihre eigene, wo sie sich zu Hause fühlt. Lumpen wären da nicht passend, sie stammt ja nicht aus armen Verhältnissen. Das ist eher ihr persönlicher Berg, alles, was sie schön findet und worin sie sich wohlfühlt und versteckt. Er soll auch ein Zuhausegefühl bei den Kindern erzeugen.

MS: Für Toda ist das die Heimat. Das Schöne am Theater ist, daß man die Bilder von Flüchtlingen und Zeltlagern, die man aus dem Fernsehen kennt, aushebeln und anders interpretieren kann.

LT: Der Berg soll etwas Geheimnisvolles, eine Magie bekommen, etwas, wovon man sich angezogen fühlt. Dann kommt die Flucht. Die Welt wird karger. Ein Marsch durch den Wald, und hinter der Grenze wird aufgeräumt. Aber das soll nicht bloß ein Wegräumen der Lumpen oder der Müllberge sein, sondern zeigen: Die "Heimat" wird abgebaut. Also verschwinden immer mehr Teile, die zu Toda gehören - sogar ihr Name. Das Warten und Aufräumen ist ein großes Thema im zweiten Teil.

SB: Gerade vom Kindertheater wird erwartet, daß der Eintritt moderat bleibt. Wie haben Sie die Finanzierung Ihres Stückes bewerkstelligt?

LT: Unsere Finanzierung haben wir durch die Kulturbehörde und die Hamburgische Kulturstiftung erhalten. Auch die Rudolf Augstein Stiftung hat noch etwas dazu gegeben. Damit konnten wir starten. Jetzt geht 'kirschkern & compes' auf Tour. Das Stück wird von Schulen gebucht. Die Tour war nochmal eine besondere Herausforderung für Julia. Das Bühnenbild mußte mobil und schnell am Set aufzubauen sein. Außerdem muß der Klamottenberg in den Tourneebus passen.

JB: Auch die Maße auf den verschiedenen Spielflächen sind vorgegeben, die galt es zu beachten.

SB: Haben Sie bei der Umsetzung eher Wert auf die Authentizität des Buches oder mehr auf eine eigene Interpretation gelegt?

LT: Wir haben versucht, das, was einen in dem Buch so berührt, auf die Bühne zu übertragen.

MS: Bücher brauchen viel mehr Wörter, um die Vorstellungskraft anzuregen. Das Theater kann sich da noch mit anderen Mitteln helfen. Man hat das Bühnenbild, die Kostüme, die Spieler und kann viel über Gestik und Mimik, Sprache und Bilder lösen. Deshalb haben wir einiges aus dem Buch weggelassen.

LT: Die Geschichte hat außerdem einen so feinen Humor.

MS: Allein die Sprache der Leute in dieser neuen Welt wurde aus dem Holländischen sehr treffend ins Deutsche übersetzt. Sie macht total Spaß. Wir haben versucht, so viel wie möglich davon einzubinden, um diesen Witz zu erhalten.

LT: Wichtig war uns, den Raum zu haben, bestimmte Dinge anders zu erzählen, zum Beispiel das Einsaugen des Tuches in den Holzberg oder die Wachtürme, die als Bild reichen, um den Gang über die Grenze zu verdeutlichen.

SB: Zur Zeit unternehmen viele Theater für Flüchtlinge die verschiedensten Aktionen: Entweder sie sammeln Spenden oder die Flüchtlinge können direkt im Theater schlafen und bekommen zu essen. Da passiert ziemlich viel ...

LT: ... das ist natürlich toll, jede einzelne Person, die da hilft. Je mehr sich zusammenschließen, desto besser. Wir hoffen, daß sich mit unserer Geschichte ein Stück Bereitschaft und Offenheit erhält und sich die Generation, für die das Stück gedacht ist, ihre eigenen Gedanken dazu macht.

MS: Ich glaube, es gibt verschiedene Aufgaben, die auf unsere Gesellschaft jetzt zukommen. Einmal sind das die praktischen, das erste Willkommenheißen, das Aufnehmen und Versorgen - was ich von den Theatern auch ganz phantastisch gelöst finde -, und dann gibt es eine nächste Stufe. An die haben wir uns jetzt schon herangewagt. Es geht um den Dialog. Wie können wir darüber sprechen, was da geschieht, gerade auch mit Kindern, die viel schneller mit Bildern voll sind und viel weniger reflektieren können, was um sie herum passiert.

In dem Sinne haben wir eben versucht, uns auf eine ästhetische und auch bildhafte Weise des Problems und dieser Aufgabe anzunehmen. Es wird bestimmt viele geben, die das auch tun werden. Es wird wohl noch eine gewisse Zeit brauchen, um so viel Abstand zu haben, daß man fragen kann, worüber wir eigentlich schon reden können und wo wir noch so befangen und in der Kleiderausgabe sind, in der ersten Versorgung, daß wir uns noch gar nicht davon lösen können. Es wird noch viel gesprochen werden müssen über diese Zeit, die jetzt hinter uns liegt, in der wir stecken und die noch kommt. Das Stück ist ein erster Versuch, bei den Jüngsten anzusetzen und zu sagen: Wir müssen uns unterhalten und uns darüber verständigen können.

LT: Genau das ist unser Herzenswunsch.

SB: Damit bedanken wir uns für das Gespräch.



Nebeneingang des Theaters - Foto: © 2015 by Schattenblick

Foto: © 2015 by Schattenblick


Anmerkungen:

[1] Niederländisch: Toen mijn vader een struik werd. Querido, Amsterdam 2010, ISBN 978-90-451-1084-4.
Deutsch: Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor, übersetzt von Hanni Ehlers, Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2012, ISBN 978-3-8369-5467-9

[2] Johanna Rutgera van Leeuwen - kurz Joke van Leeuwen - wurde am 24. September 1952 in Den Haag geboren. Sie ist Autorin, Illustratorin und Kabarretistin und gilt als eine der bedeutendsten niederländischen Autoren der Gegenwart. National wie international wurde sie mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet.

[3] Sabine Dahlhaus und Judith Compes sind das Duo von 'kirschkern & compes', dem Kinder- und Jugendtheater
http://www.kirschkerncompes.de/Startseite/startseite.html

[4] Es wird von der ersten und zweiten Welt (dem ersten und zweiten Teil) gesprochen. Es gab im Stück keine Pause, die dies zeitlich deutlich gemacht hätte. Gemeint ist: Vor der Grenze und hinter der Grenze, im Heimatland und im neuen Land.


Den Bericht zur Aufführung "Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor" finden Sie unter
Schattenblick → Infopool → THEATER UND TANZ → REPORT:
BERICHT/062: Als mein Vater ... - selbstzufrieden (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/theater/report/trpb0062.html


27. Oktober 2015


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