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BERICHT/022: Schafe leiden still (PROVIEH)


PROVIEH Ausgabe 02/2012
Magazin des Vereins gegen tierquälerische Massentierhaltung e.V.

Schafe leiden still

von Susanne Kopte



Das Schaf gilt als der Inbegriff eines Wesens, das alles erduldet, alles mit sich machen lässt. Seit es vor rund 10.000 Jahren vom Menschen gezähmt wurde, ist es Sinnbild für Reinheit, Unschuld, Geduld und Sanftmut. In Redensarten vom schwarzen Schaf oder vom Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, steht es bis heute für leidende, ausgestoßene Menschen.

Auch der berühmte Zoologe Dr. Alfred Brehm urteilt 1864 eher abfällig über das Hausschaf. Seine Furchtsamkeit sei lächerlich, seine Feigheit erbärmlich. Jedes unbekannte Geräusch mache die Herde stutzig, Blitz und Donner und Sturm und Unwetter brächten das Schaf gänzlich aus der Fassung. So kann man es in seinem Standardwerk "Brehms Tierleben" nachlesen.

Viele Menschen denken bis heute, dass Schafe still leiden, feige und dumm sind. Hardy Marienfeld, erfahrener Schäfer und Züchter alter Schafsrassen im schleswig-holsteinischen Blunk, sieht das ganz anders. Er kennt das Verhalten seiner Schafe genau und kann auch ihre Sprache, also ihr Blöken gut verstehen und differenzieren. Er weiß zum Beispiel, dass die Überlebenschancen seiner Lämmer umso größer sind, je häufiger und lauter sie blöken. Gehen sie in einer großen Herde verloren, muss die Mutter ihr Junges für die rechtzeitige Fütterung an seinem spezifischen Ruf erkennen, der sich von den anderen Rufen in Ton und Modulation unterscheidet.

Hardy Marienfeld erzählt weiter, dass es in seinen Herden auch immer einen "Aufpasser" gebe, der mit einem bestimmten Laut die Herde warnt. Hat sich tatsächlich ein Feind angeschlichen, ein fremder Hund oder ein Wildschwein, so formiert sich die Herde schnell um das Leitschaf und den Nachwuchs herum, präsentiert sich dem Eindringling als großes, waberndes Ungetüm und hofft auf die abschreckende Wirkung. Von Wildschafen weiß man, dass sie zum Schutz vor Wölfen und Bären einen Wächter postieren, der bei Gefahr mit einem Pfiff warnt. In geschlossener Formation stoßen sie dann gegen ihren Feind vor und rennen ihn im günstigsten Fall über den Haufen. Ganz nach dem Motto: Viele Schafe sind des Wolfes Feind. In dem langen Zuchtprozess ist dieses Verhalten bei den domestizierten Schafen verloren gegangen. Dennoch sind auch sie noch sehr gut in der Lage, ihre Umgebung auszukundschaften, um im Falle eines Angriffs einen geeigneten Fluchtweg zu finden. Ein sehr guter Geruchssinn sowie ein extrem weites Blickfeld helfen ihnen dabei. Ohne den Kopf zu wenden, können sie auch hinter sich erkennen, ob sich ein Fressfeind nähert. Um sich zu schützen, fressen Schafe morgens meist schnell und käuen erst später am Tag wieder. Beim Wiederkäuen können sie ihr Umfeld gut im Auge behalten.


Auffälliges Verhalten ist für Beutetiere gefährlich

Schafe sind Beutetiere und verhalten sich in bedrohlichen Situationen still. Wer sollte ihnen auch zu Hilfe kommen? Gebrüll würde den Feind ohnehin nicht abschrecken. Wozu also Angstlaute? Allein die Gemeinschaft bietet ihnen Schutz. Selbst verletzte Tiere äußern ihren Schmerz nicht. Um dem Angreifer nicht aufzufallen, gliedern sich diese Schafe so gut es geht in die Gruppe ein.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Schafe keine Schmerzlaute haben. Bei schwierigen Geburten oder sehr schlimmen Verletzungen schreien die Tiere auch, erläutert Hardy Marienfeld. Allerdings nur kurz, um gleich darauf wieder zu verstummen. Leiden Schafe unter Koliken oder der äußerst schmerzhaften Moderhinke, so muss man schon genau hinhören, um das Zähneknirschen wahrzunehmen, mit dem die Tiere ihre Schmerzen ausdrücken.

Halter müssen ihre Schafe genau beobachten, um frühzeitig Anzeichen einer Gesundheitsstörung zu erkennen. Bei Vergiftung oder Parasitenbefall zum Beispiel zeigen die Schafe zunächst nur leichte Unruhe und ein sporadisches Umsehen zur betroffenen Körperseite. Die Tiere sind nicht mehr so agil und fressen eventuell weniger. Häufig krümmen sie dann auch ihren Rücken, ein Anzeichen, dass nur ein geübtes Auge erkennen und deuten kann. Kranke Tiere suchen den Schutz der Gruppe und bleiben dort, auch wenn die Schmerzen schlimmer werden. Dass sie mehr leiden, erkennt man daran, dass sie mit den Hinterbeinen gegen den Bauch treten und - wie oben erwähnt - mit den Zähnen knirschen.


Schafe sind nicht dumm

Die Forschung über das Empfindungsvermögen von Tieren geht über Fragen des Schmerzempfindens hinaus und hat zu einigen überraschenden Entdeckungen geführt. Wissenschaftler der britischen Cambridge University fanden zum Beispiel heraus, dass Schafe ähnliche Hirnstrukturen wie Menschen besitzen. Die angeblich wenig intelligenten Tiere lernten in einem Versuch, die Gesichter von fünfzig Artgenossen zu unterscheiden.

Von einem anderen Experiment berichtete das Wissenschaftsmagazin "New Scientist" im April 2006: Forscher der "Utah State University" mischten Schafen Substanzen ins Futter, die bei den Tieren leichtes Unwohlsein auslösten. Anschließend boten sie den Schafen drei Arzneimittel an, von denen eines die Symptome linderte. Noch fünf Monate später wählten die Schafe gezielt das Medikament aus, welches sie auch schon im ersten Versuch geheilt hatte. Die Schafe hatten also aus ihrer Erfahrung gelernt.

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Quelle:
PROVIEH Ausgabe 02/2012, Seite 44-45
Herausgeber: PROVIEH - Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung e.V.
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PROVIEH erscheint viermal jährlich.


veröffentlicht im Schattenblick zum 29. September 2012