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BERICHT/002: Den größten Geflügelschlachthof Europas verhindern ... BI Wietze und Feldbesetzer (SB)

Bunte Hhnerschar

Foto: © 2010 by Schattenblick

Eingespeist in die große Maschine ... das Huhn als Rohstoff

Verrichteten Hühner einst ihr Tagewerk mit Scharren, Picken und hin und wieder dem Legen eines Eis, um ansonsten die menschliche Kulturlandschaft mit dem erfreulichen Anblick ihres Gefieders zu bereichern, so gehört selbst das domestizierte Nutztier heute zu den von der totalen Ökonomisierung des Tiers bedrohten Arten. Was in der traditionellen Geflügelzucht bereits als künstliches Produkt züchterischen Bemühens um größere Eier und mehr Fleisch in Erscheinung trat, nimmt als "Das globale Huhn" [1] die physisch deformierte Gestalt eines ausschließlich auf den Zweck seiner Verwertung zugerichteten Objekts an. Ließe sich dieses Fleisch kostengünstig als No-Name-Produkt in einer Nährlösung im Labor züchten, wäre dem Endergebnis ebensowenig anzusehen, daß es Resultat der industriellen Aufzucht, Tötung und Zerlegung eines Tieres ist. Der durch diese Produktionsweise fungierenden Kapitallogik ist das Huhn ein Erzeugnis wie jedes andere auch, das gewinnträchtig zu vermarkten maximale Rationalisierung und Konzentration der Produktion wie Ausnutzung aller handels- und standortpolitischen Vorteile zu Lasten der globalen wie lokalen Konkurrenz voraussetzt.

So wie kein Mensch Objekt fremdnützigen Interesses sein will, ist der Warencharakter des Huhns für dieses Lebewesen eine ohnmächtig erlittene Form der Gewaltanwendung. Die Unterstellung, Tiere seien nichts anderes als Objekte, die nach Belieben verbraucht werden können, wird schon durch das Haustier Huhn widerlegt, das über eine nicht geringe Auswahl an Sozialstrategien verfügt, mit denen es wie andere Lebewesen auch sein Territorium markiert, seine Nahrungsquellen sichert und sein Bedürfnis nach Geselligkeit und Schutz befriedigt. Obwohl auf die Welt gekommen zum Erbringen einer durch den Menschen angeeigneten und über Tausende von Generationen in die Physis des Huhns eingeschriebenen biologischen Leistungsfähigkeit besitzt das domestizierte Huhn nach wie vor eine genetische Vielfalt, die seine langfristige Reproduktion sichert. Beides, seine relative Autonomie als Lebewesen wie seine vielgestaltige Erscheinungsform, soll dem "Federvieh", wenn es nach dem Willen der industriellen Geflügelverwertung geht, zugunsten der gewinnträchtigeren Konsumierbarkeit genommen werden.

Damit kann das globale Huhn auch als Metapher für den Ausverkauf einer evolutiven Intelligenz verstanden werden, bei der der Mensch keineswegs nur die von ihm ausgebeutete Natur, sondern stets auch sich selbst als Bestandteil derselben durch den Fleischwolf der totalen Ökonomisierung dreht. Die menschliche Reproduktion soll keinen Anhaltspunkt mehr für die emanzipatorische Frage der Überwindung des ihr zugrundeliegenden Gewaltverhältnisses bieten, sondern regressiv als biopolitische Verwaltung unhinterfragbar gemachter Notwendigkeiten vollzogen werden. Um so dringender stellt sich die Frage nach der Befreiung vom ökonomisch artikulierten Naturzwang, der im Animalischen des Menschen wie im Lebenswunsch des Tieres ein verbindendes Element aller kreatürlichen Existenz besitzt.

Infostand der BI Wietze in Celle

Infostand der BI Wietze in Celle
Foto: © 2010 by Schattenblick

Widerstand gegen Hähnchenschlachtfabrik ... die Bürgerinitiative von Wietze

Wer sich von Westen her auf der Bundesstraße 214 der kleinen Stadt Wietze in Niedersachsen nähert, erblickt von einem Kreisel aus zur Rechten ein Getreidefeld, auf dem dicht an dicht etwa ein Meter hohe, stark vertrocknete Ähren stehen. Auf dem Feld, es mögen geschätzte einhundert Meter Entfernung sein, ragen ein Holzturm und mehrere Hütten aus dem gelben Meer sowie vereinzelt die Spitzen und Kuppeln farbiger Zelte. An dieser Stelle haben sich am Pfingstmontag Besetzerinnen und Besetzer eingefunden, um gegen den geplanten Bau von Europas größter Hähnchenschlachtfabrik zu protestieren und gegen die Erschließung des Grundstücks passiven Widerstand zu leisten. Ungeachtet der glühenden Hitze und des Staubs, der Unwirtlichkeit ihrer vorübergehenden Behausung und der Ungewißheit über das, was der nächste Tag oder auch nur die nächste Stunde mit sich bringt, leben hier zwischen zehn und dreißig Personen, die aus der Region, aber auch aus vielen anderen Teilen Deutschlands zusammengekommen sind, um ihrer Entschlossenheit, für die Befreiung der Tiere und gegen die Umweltverschmutzung aus der industriellen Massentierhaltung zu kämpfen, auf glaubwürdige Weise Ausdruck zu verleihen.

Rund zwanzig Kilometer weiter, in der Kreisstadt Celle, haben am Samstag morgen Mitglieder der "Bürgerinitiative Wietze - für den Erhalt unseres Aller-Leine-Tals e.V." an prominenter Stelle in der Fußgängerzone einen Informationsstand aufgebaut. Auch sie wollen den Bau der Geflügelschlachtfabrik und der ihr zuarbeitenden Mastbetriebe verhindern und opfern für dieses Anliegen fast ihre gesamte Freizeit. 700 Mitglieder zählt die BI inzwischen, und es werden laufend mehr. Zwei von ihnen sitzen im Gemeinderat, einer für die Grünen, der andere für die Linke. Dunkelrot-grün auf kommunaler Ebene - der Widerstand gegen die Geflügelschlachtfabrik schafft ungeahnte Bündnisse.

In der Endstufe sollen in der Fabrik jährlich 137 Millionen Hähnchen getötet und zerlegt werden, pro Arbeitstag 432.000 bzw. stündlich 27.000 in zwei Linien. Das macht durchschnittlich 7,5 Tiere pro Sekunde. Zwischen Anlieferung der normgerechten Masthühner und Auslieferung in Form von präzise zerlegten Teilen an die Supermärkte werden voraussichtlich acht Stunden vergehen. Ein industrieller Schlachtbetrieb in Perfektion. Hier wird das Fleisch so bearbeitet, daß die Kundschaft weniger denn je den tierhaft-lebendigen Ursprung ihrer Nahrung zu spüren bekommt. Ganze Hühner dagegen fristen in Supermärkten inzwischen ein Nischendasein; allein das weiße Fleisch von Brust und Keule findet das Wohlwollen des verwöhnten Geschmacks westlicher Konsumenten.

In der ersten Ausbaustufe will der Betreiber Celler Land Frischgeflügel GmbH der Familie Rothkötter, die bis zu 60 Mio. Euro in die Schlachtfabrik investieren will, 100 bis 150 Mastbetriebe unter Vertrag nehmen. Selbstverständlich gebietet es die Expansionslogik profitorientierten Wirtschaftens, daß der Unternehmer möglichst rasch die volle Produktionsstärke anstrebt. Dazu werden 420 Mastbetriebe mit jeweils 40.000 Hühnern im Umkreis von 100 bis 150 Kilometern benötigt.

Um sich die gewaltige Dimension dieses Vorhabens und seine kaum auslotbaren Auswirkungen auf die gesamte Region vor Augen zu führen, läßt sich eine einfache Rechnung aufmachen. Bei einem Einzugsgebiet für die Mastbetriebe von 100 Kilometern müßte innerhalb dessen jedes Quadrat mit einer Seitenlänge von 8,6 mal 8,6 Kilometern einen Maststall erhalten; bei einem Einzugsgebiet von 150 Kilometern wären die Quadrate 13 mal 13 Kilometer groß. Wenn man jetzt bedenkt, daß zwischen Bielefeld, Bremen, Hamburg, dem Wendland und Harz erstens viele Flächen bereits dicht besiedelt oder anderweitig in Nutzung genommen sind oder aus anderen Gründen nicht als Standort für einen Mastbetrieb in Frage kommen und daß zweitens aus wirtschaftlichen Erwägungen Zulieferer idealerweise in der Nähe zur Geflügelschlachtfabrik und nicht in der Peripherie stehen sollten, muß man davon ausgehen, daß es regional zu enormen Häufungen an Betrieben kommt. So auch entlang der Autobahn A 7, der deshalb bereits die Bezeichnung Hähnchen-Highway verliehen wurde.

Transparent BI Wietze 'Kein Schlachthof! Keine Maststlle!'

Foto: © 2010 by Schattenblick

Die Befürchtung der Bürgerinitiative Wietze, daß in ihrer Gemeinde abgesehen von der Schlachtfabrik auch mehrere Mastbetriebe entstehen könnten, ist somit nachvollziehbar. Daß der Komplex aus industrieller Mast und Schlachtung einen Strukturwandel für die Aller-Leine-Region mit sich bringt, der über ein Raumordnungsverfahren geprüft und bewertet werden sollte, springt geradezu ins Auge. Zumal schon jetzt von einem Sogeffekt die Rede ist. Konkurrierende Geflügelgroßproduzenten wie Wiesenhof und Stolle drängen ebenfalls nach Ostniedersachsen und versuchen, Bauern anzuwerben und unter Vertrag zu nehmen, damit sie Mastbetriebe für sie aufbauen und nicht die Firma Celler Land Frischgeflügel beliefern.

Man könnte meinen, daß die Konkurrenz unter den Geflügelfleischproduzenten die Betreiber der Mastbetriebe in eine komfortable Lage versetzt, da sie nun die Großen gegeneinander ausspielen und die Preise zu ihren Gunsten beeinflussen können. Ein schwerwiegender Irrtum, wie das Beispiel westliches Niedersachsen zeigt, wo die drei großen Geflügelproduzenten bereits in scharfer Konkurrenz zueinander stehen. Rund ein Drittel der Mäster schreibt rote Zahlen, ein Drittel kommt gerade mal über die Runden und nur ein Drittel weist Gewinne aus. Die bleiben relativ bescheiden und kommen nicht selten nur unter einem beträchtlichen Anteil an Selbstausbeutung zustande. Wenn beispielsweise ein Mäster genügend Land besitzt, auf dem er das Futter für seine Hähnchen selbst erzeugen kann, spart er sich den Kauf von Getreide und wirtschaftet vermeintlich geschickter.

Transparent Feldbesetzer 'Mastanlagen dichtmachen'


Foto: © 2010 by Schattenblick

Solche Fälle, die als Beispiel für erfolgreiches Wirtschaften herhalten müssen, sind jedoch nicht auf andere landwirtschaftliche Betriebe übertragbar. Wer einen Mastbetrieb aufbaut, läuft Gefahr, sich auf unabsehbar lange Zeit zu verschulden und zum bloßen Lohnarbeiter der Schlachtfabriken zu verkommen - wenngleich ohne Lohngarantie. Die Mastbetriebe ähneln gezielt ausgelagerten, da mit hohen unternehmerischen Risiken belasteten Betriebsteilen der Hühnerfleischproduzenten. Die Bauer werden zu Subunternehmern, deren Umsatz in konjunkturschwachen Zeiten einbricht, da sie ihre Ware, das Huhn, nicht mehr verkaufen können. In der Tat mußten Hühnermäster die Erfahrung machen, daß ihr Betrieb phasenweise leer stand, als die Konjunktur einbrach.

Das ist gut für die nicht-geschlachteten Tiere, aber schlecht für den Landwirt, dessen Kosten immer tiefere Löcher in die Kasse reißen und der möglicherweise eines Tages von seinem Bankberater gesagt bekommt: 'Tut uns leid, wir können Ihnen keinen Kredit mehr einräumen. Schließlich müssen auch wir wirtschaften ...' Rund 500.000 Euro kostet der Aufbau eines Mastbetriebs für 40.000 Hühner. Ein Jahresplus von 16.000 bis 17.000 Euro gilt als Erfolg. Demnach darf ein Bauer, solange er noch relativ jung ist und sich einen solchen Betrieb aufbaut, hoffen, daß sich dieser eventuell noch innerhalb seiner Generation amortisiert ... sieht so die große Hoffnung der ostniedersächsischen Landwirte aus?

Der Bürgermeister Wietzes und andere Gemeinderatsmitglieder, die den Bau der Geflügelschlachtfabrik genehmigt haben und nun auf einen raschen Fortschritt drängen, versprechen sich davon die Schaffung von anfangs 250 Arbeitsplätzen. Später, wenn die Fabrik in Schichtbetrieb läuft, sollen auf dem Gelände bis zu 1000 Arbeitsplätze entstehen. Als sich Franz-Josef Rothkötter und seine Celler Land Frischgeflügel auf den Wietzer Standort eingeschossen haben, muß das den Ratsmitgliedern so vorgekommen sein, als hätten die Ölmuckel überraschend eine ungeheuer ergiebige Erdölquelle in der Region entdeckt. Schon dürfte vor den inneren Augen der Ratsmitglieder eine verheißungsvolle Parade aus drastischer Reduzierung der Arbeitslosigkeit, Belebung des Einzelhandels, Handwerks und der Zulieferbetriebe sowie irgendwann in Zukunft auch der Aussicht auf Gewerbesteuereinnahmen vorbeimarschiert sein.

Der Preis, den Wietze und andere Gemeinden im Umkreis der Schlachtfabrik dafür zu bezahlen haben, steht noch nicht fest, und die Risiken für die Zulieferer der Hähnchenverwertung erscheinen unkalkulierbar hoch. Die Ammoniak- und Feinstaubemissionen aus der Massentierhaltung, die Unmengen an Abwässer, die Entnahme von Grundwasser und das Verbringen der zig Tonnen Hühnerkot aus Mastanlagen und Schlachtfabrik werden zwar gesetzgeberisch geregelt, wie die am Donnerstag, den 15. Juli 2010, vom Staatlichen Gewerbeaufsichtsamt Lüneburg erteilte Genehmigung zeigt, aber was nutzt das den Anwohnern, falls die Gerüche des nach frisch Erbrochenem stinkenden Hühnerkots zu ihnen herüberwehen, falls Kinder vermehrt unter Atemwegsbeschwerden leiden oder falls sich zeigt, daß der Durst der Schlachtfabrik, die täglich mehrere Millionen Liter Wasser verbraucht, eine Senkung des Grundwasserspiegels nach sich zieht, mit der hinterher angeblich kein Experte gerechnet hat? Wie werden die Einwohner der Region damit umgehen, falls die Touristen ausbleiben, die bis dahin den besonderen landschaftlichen Reiz genossen, der sich aus dem Kontrast zwischen der eher trockenen, sandigen Ostheide und der üppigen Feuchte von Aller, Leine und kleineren Zuflüssen wie die Wietze ergibt?

Claus-Friedrich Schrader

Claus-Friedrich Schrader
Foto: © 2010 by Schattenblick

Gemeinderatsmitglied Claus-Friedrich Schrader von den Grünen jedenfalls engagiert sich in der Bürgerinitiative, weil er nicht zuletzt als langjähriger Nabu-Vorsitzender eine Schlachtfabrik dieser Größenordnung in Wietze aus einem Bündel an umweltrelevanten Gründen strikt ablehnt. Deshalb stellt er sich zur besten Einkaufszeit an einen Informationsstand der BI in die Fußgängerzone von Celle, spricht mit interessierten Passanten und steht auch der Presse Rede und Antwort. Gegenüber dem Schattenblick berichtet er, welche genehmigungsrechtlichen Hürden Celler Land Frischgeflügel noch zu nehmen hat, bevor es den Betrieb aufmachen kann, und liefert im nebenher einen kleinen Einblick in die Tätigkeit eines Ratsmitglieds. Am 7. Juli habe der Wietzer Gemeinderat den Flächennutzungsplan und den Bebauungsplan in einem Feststellungsbeschluß abgesegnet. Nach dessen Bekanntmachung und der zeitnah zu erwartenden Genehmigung des zuständigen Gewerbeaufsichtsamts in Lüneburg - was, wie oben erwähnt, bereits geschehen ist - habe das Unternehmen "vielleicht eine Baugenehmigung". Aber "ob sie dann auch bauen können oder bauen dürfen, ist dann immer noch eine zweite Frage".

Von den zahlreichen erforderlichen Genehmigungen, von denen nicht eine fehlen dürfte, gebe es bislang weder für die Einleitung von Abwasser in die Aller noch zur Versickerung von Oberflächenwasser auf dem Betriebsgrundstück grünes Licht. Aus Sicht Schraders sind eine dritte und vierte wasserrechtliche Genehmigung zumindest "unklar". Unter anderem geht es um die Frage, ob der regionale Wasserversorger SVO Celle genügend Wasser zur Prozeßwassergewinnung bereitstellen kann. Der Versorger selbst behauptet das von sich, aber die BI Wietze ist da "entschieden anderer Meinung", nicht zuletzt weil mit dem Angebot der SVO Celle mitgeteilt worden sei, daß noch nach "Alternativlösungen" gesucht werde. Deshalb könne man laut Schrader erst dann von einer "gesicherten Erschließung" sprechen, wenn das Angebot vorläge.

Die Aller bei Wietze

Die Aller bei Wietze
Foto: © 2010 by Schattenblick

Nicht nur hinsichtlich der Massentierschlachtung, auch hinsichtlich des Wasserverbrauchs wirkt die Hähnchenschlachtfabrik wie ein bedrohlicher Moloch. Der vorgesehene Verbrauch von drei bis vier Millionen Litern Wasser täglich entspricht ungefähr dem Jahresverbrauch der Gemeinde Wietze. Ihr Rat vertritt mehrheitlich die Auffassung, daß diese gewaltige Menge aus den Wassereinsparungen der Bürger in den letzten Jahren geliefert werden kann. Angeblich hat die SVO inzwischen entsprechend große Kapazitäten frei und muß keine neuen Möglichkeiten erschließen. Bürgerinitiativler wie auch Feldbesetzer sind hingegen der Ansicht, daß die Gefahr einer Grundwasserabsenkung mit schwerwiegenden Folgen für die Umwelt besteht.

Falls Celler Land Frischgeflügel alle Genehmigungen erhält, wäre damit der Bau der Schlachtfabrik noch immer nicht in trockenen Tüchern, da nach Stand der Dinge erstens die Grundstücke von Rothkötter noch nicht gekauft wurden und zweitens dieser vermutlich noch nicht seine einhundert Mäster unter Vertrag hat, die er für den Anfang benötigt. Zudem ist das Thema Raumordnungsverfahren noch nicht vom Tisch. Für ein solches Verfahren sprächen sich die Stadt Celle und die Region Hannover sowie die westlichen Gemeinden Schwarmstedt, Buchholz und der Landkreis Soltau-Fallingbostel aus, teilte Ratsmitglied Schrader mit. Wohingegen der Landkreis Celle das für nicht erforderlich erachtet - man darf vermuten, daß er vermeiden will, daß sich die aus einem Raumordnungsverfahren ergebenden neuen Einwirkungsmöglichkeiten anderer bremsend auf das Projekt auswirken.

Laut der kafkaesken Argumentationslogik des Gewerbeaufsichtsamts Lüneburg stand der Genehmigung des Schlachtbetriebs nicht entgegen, daß der Landkreis Celle kein Raumordnungsverfahren durchgeführt hat (Punkt 2.1 "Verfahrensregeln"). Es könne "dahingestellt bleiben", ob der Schlachthof "raumbedeutsam" sei oder nicht. Wörtlich heißt es:

"Von einem Raumordnungsverfahren kann abgesehen werden, wenn die Beurteilung der Raumverträglichkeit des Vorhabens bereits auf anderer raumordnerischer Grundlage hinreichend gewährleistet ist. Dies gilt insbesondere, wenn das Vorhaben den Darstellungen oder Festsetzungen eines den Zielen der Raumordnung angepassten Flächennutzungs- oder Bebauungsplans nach den Vorschriften des Baugesetzbuchs entspricht oder widerspricht." [2]

Verkürzt gesagt: Ein Raumordnungsverfahren ist nicht nötig, wenn die Raumverträglichkeit geprüft wurde. Das wurde sie jedoch nicht, wie die Lüneburger Behörde schreibt. Sie hat zwar den Flächennutzungs- und Bebauungsplan abgesegnet, aber hinsichtlich der Raumaspekte auf den Landkreis Celle verwiesen. Der wiederum hat, vermutlich aus oben genannten Gründen, kein Raumordnungsverfahren eingeleitet. Somit bleibt der räumliche Komplex aus Schlachtfabrik und mehreren hundert Mastbetrieben ungeprüft.

Daß es nicht in der Befugnis des Gewerbeaufsichtsamts liegt, ein solches Verfahren anzustrengen, ist eine Sache. Aber wie will das Lüneburger Amt "keine Anhaltspunkte dafür" gefunden haben, "dass die Entscheidung des Landkreises Celle gegen ein Raumordnungsverfahren nicht aufgrund ermessensgerechter Abwägung getroffen worden ist", ohne den Fall selber geprüft zu haben? Oder muß man annehmen, daß nur deshalb keine Anhaltspunkte gefunden wurden, weil auch nicht danach gesucht wurde?

Zugegeben, das ist schwer verdauliche Kost. "Beamtisch" zu lernen erscheint manchmal mühsamer als das Erlernen einer Fremdsprache. Deshalb die Zusammenfassung: An keiner Stelle der Verwaltung wird der Gesamtkomplex aus Schlachtfabrik und Mastbetrieben hinsichtlich seiner strukturellen Auswirkungen auf die Region angemessen bewertet.

Auf ein Raumordnungsverfahren besteht kein Rechtsanspruch. Die BI Wietze erwägt, ob sie nicht gegen die Entscheidung des Verwaltungsausschusses im Gemeinderat Klage erhebt. Gegebenenfalls würde ein Normenkontrollverfahren oder eine kommunale Verfassungsstreitfrage angestrengt, berichtete das langjährige SPD-Mitglied Schrader, der 2006 für die Grünen in den Gemeinderat gewählt wurde. Solche Schritte müssen allerdings wohlüberlegt sein, denn die anwaltlichen Kosten für ein solches Verfahren sind hoch, und die Bürgerinitiative verfügt nur über geringe Mittel. Sie muß sich bei jeder Ausgabe vorher überlegen, ob sie im Sinne des gemeinsamen Anliegens vernünftig, das heißt erfolgversprechend ist oder nicht.

Claus-Friedrich Schrader mit SB-Redakteur


Foto: © 2010 by Schattenblick

Schrader, ein pensionierter Maschinenbau- und Schweißtechniker, bezeichnet sich selbst als "sehr konservativ". Ein gestandener Mensch also, der besonderen Wert auf Recht und Ordnung legt. Ungeachtet dessen verspürt er eine Art "Seelenverwandtschaft" mit den Besetzerinnen und Besetzern, die Maßnahmen des passiven Widerstands gegen die Räumung angekündigt haben. Für ihn selbst kommt eine Beteiligung an der Besetzung zum Beispiel unmittelbar vor der Räumung nicht in Frage, das widerspräche seinem Demokratieverständnis.

Wie gesagt, der geplante Bau von Europas größter Hähnchenschlachtfabrik schafft ungeahnte Bündnisse. Nicht ausgeschlossen, daß diese sogar über die Landes- oder gar kontinentalen Grenzen hinweg reichen. Denn so wie hierzulande Bauernorganisationen wie die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) die industrielle Massentierhaltung ablehnen, da sie über Jahrhunderte gewachsene landwirtschaftliche Strukturen zerstört und aus Bauern geringbezahlte Angestellte der Agrokonzerne macht, so kämpft in Lateinamerika Via Campesina, eine Bauernorganisation von unten, gegen den ungeheuren Raubbau an der Natur durch den Plantagenanbau und gleichfalls gegen die gezielte Elimination selbstbestimmten agrarischen Wirtschaftens und die Zerstörung kleinbäuerlicher Strukturen. In Brasilien und anderen lateinamerikanischen Staaten wird gentechnisch veränderte Soja angebaut, das auch an die Hühner in Europa verfüttert wird.

Als drittes sind noch die Bauern in afrikanischen Ländern wie Ghana und Kamerun zu nennen, deren Existenzgrundlage durch die industrielle Massenproduktion von Geflügel in Europa zerstört wurde. Von der Europäischen Union subventionierte, tiefgefrorene "Hühnerreste", für die sich in Deutschland und anderen EU-Staaten keine Abnehmer fanden und ursprünglich sogar Entsorgungskosten verursachten, wurden nach Afrika verschifft und dort zu Spottpreisen auf den Markt geworfen. Die Geflügelzüchter vor Ort blieben auf ihrer Ware sitzen und wurden in den Ruin getrieben.

Drei Weltregionen, in denen Bauern Opfer der industriellen Massentierhaltung und Zentralisierung der Nahrungsproduktion werden - das schreit geradezu nach einer Bildung von übergreifenden Bündnissen oder nach deren Vertiefung. Über die bislang erwähnten ökonomischen und ökologischen Aspekte hinaus wäre eine Schlachtfabrik samt Mastbetrieben auch aus Gründen, die nicht von gesetzgeberischen Richtlinien oder mathematisierbaren Umweltbelastungsgrenzwerten erfaßt werden, kritisch zu bewerten. Selbst Bürger, die sich weder vegetarisch noch vegan ernähren, verspüren eine tiefe Abneigung gegen die Massenschlachtung. Wenn nun in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft an den Beinen aufgehängte tote Hähnchen im Siebtelsekundentakt geköpft und an scharfkantigen Drehscheiben vorbeigeführt werden, so daß ihnen nach und nach alle anderen Körperteile abfallen, oder wenn dem "globalen Huhn" vom Typ Cobb 500 mit seiner wuchtigen Tonnenbrust die Beine unter dem angezüchteten hohen Gewicht wegbrechen oder sein Herz wegen Überlastung versagt, wenn massenhaft als unbrauchbar aussortierte Küken zerschreddert und Legehühnern die Schnäbel bis in den nervlich erregten Bereich hinein abgeknipst werden, zeugte es dann nicht von einem ziemlich abgestumpften Geschmack, nähme man daran keinen Anstoß?

Htten und Zelte auf besetztem Feld

Foto: © 2010 by Schattenblick

Tierbefreiung in Aktion ... die Feldbesetzung von Wietze

Obschon es um die Verhinderung eines monströsen Exempels industrieller Tierverwertung geht, erhält die Feldbesetzung in Wietze nur wenig überregionale Aufmerksamkeit. Dies mag der geringen Bedeutung geschuldet sein, die das Thema der Nahrungsmittelproduktion in reichen Gesellschaften besitzt, deren Mitglieder davon ausgehen, daß ihr Tisch immer gedeckt sein wird. Zwar erhalten gesundheitliche Fragen der Ernährung große Beachtung, doch geht es dabei meist um das Problem übermäßigen Konsums. Wie die Verfügbarkeit tierischer Lebensmittel gewährleistet wird, davon will der Kunde schon deshalb nichts wissen, weil er sich nicht mit dem Wissen um die schmerzhafte Voraussetzung seines Fleischverbrauchs den Appetit verderben möchte. Was sich hinter den Mauern des Schlachthofs abspielt, soll aber auch kein Thema vorrangigen Interesses sein, weil die hohe Produktivität der Agrarwirtschaft strategische Vorteile im kapitalistischen Weltsystem generiert, die von der Verdrängung kleinbäuerlicher Produzenten durch transnationale Agrarkonzerne bis zur Erpreßbarkeit ganzer Staaten durch Handelsembargos reichen. Den zerstörerischen Charakter agrarindustrieller Nahrungsmittelproduktion und den Hunger in den Ländern des Südens zu skandalisieren hieße, eine Weltwirtschaftsordnung in Frage zu stellen, die das eigene Wohlergehen garantiert.

Mit Fragen wie diesen rennt man bei den Aktivistinnen und Aktivisten, die zu Pfingsten dieses Jahres das Gelände besetzten, auf dem die Unternehmensgruppe Rothkötter den größten Hühnerschlachthof Europas errichten will, offene Türen ein. Ihre Absicht, dieses Vorhaben zu verhindern, begründen die Tierbefreierinnen und Tierbefreier nicht nur mit ethischen, sondern auch ökologischen und antikapitalistischen Argumenten. So lehnen sie jegliche Tierhaltung als ausbeuterische Praxis ab und verurteilen insbesondere Massentierhaltung als höchst grausame Variante des Raubes. Über diese grundsätzliche Position hinaus verweisen sie aber auch auf die sozial destruktiven Folgen einer Futtermittelproduktion, die in Lateinamerika die Existenzgrundlagen dort lebender Kleinbäuerinnen und Kleinbauern vernichtet, um hierzulande eine Schlachtindustrie zu unterhalten, in der dem Tier so wenig Existenzrecht zugebilligt wird wie der Landbevölkerung, die durch agroindustrielle Expansion in den Hunger getrieben wird.

Panorama des Besetzerlagers


Foto: © 2010 by Schattenblick

Im Gespräch mit den zwei Besetzern, die sich als Sprecher zur Verfügung gestellt haben, wird deutlich, daß die von Teilen der Linken an Tierbefreierinnen und Tierbefreiern geübte Kritik, sie verabsolutierten den von ihnen erhobenen Rechtsanspruch der Tiere zu Lasten der Rechte der Menschen, zumindest in ihrem Fall nicht zutrifft. Zwar wollen sie nicht als Vertreter einer gemeinsamen Ideologie mißverstanden werden, handelt es sich bei den aus ganz Deutschland nach Wietze kommenden Aktivistinnen und Aktivisten doch um eine heterogene Gruppe mit unterschiedlichen politischen Ansichten. Herrschaftskritik und Befreiungsutopie erscheinen jedoch als verbindender Gedanke einer Gruppe von Menschen, die schon im solidarischen Umgang miteinander erkennen lassen, wie ernst sie ihr Ansinnen nehmen.

Dies gilt auch für die vegane Lebenspraxis, die nicht nur den Speisezettel bestimmt, sondern am schonenden Umgang mit allen Ressourcen zu erkennen ist. Was auch immer mit eigenen Händen und vorhandenen Materialien bewerkstelligt werden kann, wird käuflich erwerbbaren Lösungen vorgezogen. Die gelebte Konsumkritik am Rande eines Getreidefelds, das nicht mehr bewirtschaftet wird, sondern lediglich die Früchte früherer Aussaaten treibt, tritt als kreatives Chaos in Erscheinung, dessen organisatorische Qualität sich dem Auge des Betrachters nicht sofort erschließt. Der strukturierte Ablauf des Skill-Sharing-Camps, auf dem die Besetzerinnen und Besetzer interessierten Aktivistinnen und Aktivisten an diesem Wochenende ihre praktischen Erfahrungen im Umgang mit der Staatsgewalt vermitteln, und die demokratische Gesprächsdisziplin lassen eine selbstbestimmte Praxis erkennen, die nicht von einem Tag auf den anderen entsteht.

So wollen die Sprecher die Besetzung auch als Plattform verstanden wissen, auf der sich Menschen unterschiedlicher Gesinnung treffen und fruchtbare Gespräche miteinander führen können. Die Kontakte mit der örtlichen Bevölkerung werden als gut beschrieben, das gilt insbesondere für die Mitglieder der BI Wietze. Den Schlachthof zu verhindern ist der gemeinsame Nenner, auf dem sich Menschen höchst unterschiedlicher Lebensweise und Weltanschauung begegnen und im besten Falle voneinander lernen. Zweifellos ist die politische Radikalität von Tierbefreierinnen und Tierbefreiern für Menschen mit einem staatsbürgerlichen Selbstverständnis, das passiven Widerstand bis zum Äußersten oder Aktionsformen, die das Eigentumsrecht etwa von Tierversuchsanstalten verletzen, als inakzeptabel verwirft, schwer nachvollziehbar. Andererseits lehrt die alltägliche Erfahrung mit den in kapitalistischen Gesellschaften ausgeübten Herrschaftspraktiken auch den wohlmeinendsten Bürger, wenn er sich einmal aufgemacht hat, seine Grundrechte konsequent in Anspruch zu nehmen, daß Selbstbestimmung und Demokratie auch dann erstritten werden müssen, wenn es sich um verbriefte Rechtsansprüche handelt.

Hlzerner Turm im Zentrum des Besetzerlagers

Foto: © 2010 by Schattenblick

Die fundamentale Skepsis der Besetzerinnen und Besetzer gegenüber der Inanspruchnahme staatlicher Gewaltmittel zeigte sich auch angesichts der feindseligen Bestrebungen einer Gruppe Jugendlicher aus der Region. Sie hatten sich Ende Juni in dem sozialen Netzwerk Schüler VZ verabredet, das Lager anzugreifen und zumindest den Turm zu zerstören, auf den sich die Besetzerinnen und Besetzer im Fall einer Räumung zurückziehen wollen, um den staatlichen Ordnungskräften möglichst lange standzuhalten. Trotz der konkreten Ankündigung zogen es die Tierbefreierinnen und Tierbefreier vor, keine Polizei einzuschalten. Diese trat auf den Plan, nachdem sie von einem Mitglied der BI Wietze informiert worden war. Zwar kam es dennoch zu Provokationen der Jugendlichen, die die Aktivistinnen und Aktivisten anpöbelten, sie mit Autoscheinwerfern anleuchteten und eine etwas abseits gelegene Hütte niederrissen. Daß die Polizei bei den Personen, die die Schüler VZ-Gruppe gründeten, Hausbesuche machte und Anzeige wegen Aufrufs zu einer Straftat erhob, war nicht im Sinne der Besetzerinnen und Besetzer. Sie verlassen sich lieber auf die Solidarität, die ihnen von bis zu hundert Aktivistinnen und Aktivisten gewährt wurde, die eigens zu ihrem Schutz anreisten, und machen ansonsten kein Hehl daraus, daß sie das Einschalten der Staatsgewalt aufgrund der von ihr repräsentierten Strafpraxis und Herrschaftslogik ablehnen.

Wohnwagen mit Grafitti im Besetzerlagers


Foto: © 2010 by Schattenblick

Zudem steht zu erwarten, daß sie im Falle der Räumung des Geländes selbst mit der Polizei aneinandergeraten. Abwehrmaßnahmen wie das Anketten an vorbereiteten Haltepunkten oder das Verschanzen auf dem Turm dokumentieren zwar den unbedingten Willen der Aktivistinnen und Aktivisten, den Schlachthof zu verhindern, werden aber möglicherweise rechtliche Folgen haben. Zwar duldet der Pächter des Felds die Besetzung, doch die Eigentümerin, die nicht über das Haus-, wohl aber das Eigentumsrecht verfügt, forderte die Besetzerinnen und Besetzer bereits ultimativ auf, das Gelände wieder zu verlassen.

Diese wollen nun aus verläßlicher Quelle erfahren haben, daß ihre Räumung spätestens bis zum 23. Juli erfolgen soll, da die Firma Rothkötter schon im August mit dem Bau des Geflügelschlachthofs beginnen will. Auf ihrer Webseite http://antiindustryfarm.blogsport.de fordern sie zum Widerstand gegen die Verwirklichung dieses Projekts auf und hoffen auf eine möglichst breite Mobilisierung. Wie auch immer sich der weitere Verlauf der Auseinandersetzung gestaltet, die Besetzerinnen und Besetzer sorgen mit ihrem Engagement für das denkbar größte Maß an Aufmerksamkeit, das der ansonsten wie selbstverständlich akzeptierten Massentierhaltung abzugewinnen ist.

Transparent 'Besetzt bis zuletzt'


Foto: © 2010 by Schattenblick

Wider die Verwertungslogik zu einem solidarischen Umgang ...

Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist von höchst einseitiger Art. Wenn der Mensch Tiere als Bestandteil der Natur in Gebrauch nimmt, bewegt er sich in von ihm geschaffenen Kategorien, die durch sein Interesse an der Nutzung anderer Lebewesen geprägt sind. Das in Anspruch genommene Vorrecht, Tiere zu töten und zu verspeisen, bedarf im Grunde genommen keiner anderen Begründung als der, daß er in der Lage ist, es zu tun. Alle weiteren Rechtfertigungen moralischer und ethischer Art sind Folge dieses Nutzungsverhältnisses, das im Nachhinein zu legitimieren der Erfordernis geschuldet ist, die in Anspruch genommene Suprematie mit dem schönen Schein letztinstanzlicher Gutheißung zu krönen. Mit der Höherentwicklung der eigenen wird das Niedere der anderen Art erst in die Welt gesetzt, um eine räuberische Logik zu determinieren, die sich in der Herrschaft des Menschen über den Menschen fugenlos fortsetzt.

Ohne die Einhegung der archaischen Gewalt des Tötungsakts durch die Normen des Rechts und der Moral wäre die Basis einer zivilisatorischen Entwicklung in Frage gestellt, mit der der Mensch den Wirkungsgrad seiner Reproduktions- und Überlebensfähigkeit zu Lasten der eigenen wie aller anderen Arten erheblich erhöht hat. Raub und Gewalt sind dadurch nicht aus der Welt verschwunden, sondern wurden auf eine Weise maximiert, die der weiteren Entwicklung menschlicher Produktivität inzwischen konkrete materielle Grenzen setzt.

Forderte schon die raumgreifende, kolonialistische Expansion erhebliche Opfer unter all denjenigen, die als Mensch oder Tier zum Objekt räuberischen Interesses wurden, so bringt die mangels unerschlossener Territorien intensivierte Ausbeutung vorhandener Ressourcen Verwertungspraktiken und -strukturen hervor, die sich durch die technische Optimierung und strukturelle Konzentration etablierter Verbrauchsformen auszeichnen. Tierhaltung im allgemeinen und die industrielle Massentierhaltung im besonderen entspringen einer anthropozentrischen Weltsicht, die den interessegeleiteten Charakter der Wertmaßstäbe des Menschen erkennen läßt. Wo er in der Begegnung mit dem Tier einem Lebewesen gegenübertritt, das über artenübergreifende, dem auf Überleben um jeden Preis konditionierten Menschen höchst vertraute Reflexe verfügt, in denen die kreatürliche Verwandtschaft empfindender Wesen aufscheint, da ist sein Verhältnis zum Schlachtvieh von der Notwendigkeit einer Objektivierung bestimmt, die von der Not eigener Verfügtheit und Flüchtigkeit nicht zu trennen ist. Die Verstoffwechselung des anderen Lebewesens impliziert die eigene Bedingtheit, ist sich der Mensch doch jederzeit gewahr, daß die Frage, wer wen verzehrt, ausschließlich eine der Macht ist.

So sehr der Mensch mit der Verdinglichung des Tieres, dessen industrielle Verwertung den denkbar höchsten Grad der ihm mit züchterisch-wissenschaftlicher Intelligenz in den Leib getriebenen Warenförmigkeit repräsentiert, Distanz zu einem Nutzungsverhältnis nimmt, das den Konsumenten des Fleisches unausweichlich an dessen stoffwechselbedingte Wandelbarkeit kettet, so sehr kann er das Verhängnis des Naturzwangs zum Anlaß nehmen, dieses Fluchtmanöver in Frage zu stellen. Wie unvollkommen und widersprüchlich ein Schritt in diese Richtung auch sein mag, kann für den, der ihn tatsächlich geht, kein Hinderungsgrund sein. Wer die Frage nach dem Tier nicht mit reprojektiven Kategorien des Vergleichs und der Unterscheidung beantwortet, sondern den Mut faßt, sie über die vordergründige Rationalisierung dieses von Gewalt und Sprachlosigkeit bestimmten Verhältnisses hinauszuführen, wird an erkenntnisträchtiger und befreiender Wirkung keinen Mangel haben.

Die Aller bei Wietze

Die Aller bei Wietze
Foto: © 2010 by Schattenblick

Anmerkungen:

[1] http://www.brandes-apsel-verlag.de/cgibib/germinal_shop.exe/VOLL?session_id=143648&titel_id=22807&caller=rotpunkt

[2] http://celleheute.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/07/genehmigungsentscheidung_fa_celler_land_frischgefluegel_gmbh_haren.pdf

16. Juli 2010