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BERICHT/004: Fortschrittsfluch Tierversuch - Humaner Ungehorsam (SB)


Gegen Zuchtbetriebe und Versuchslabors - Tierbefreiung in Italien

Vortrag des Tierbefreiers Lorenzo Loprete am 29. Juni 2013



Am 31. Juli 2013 verabschiedete das italienische Parlament ein Gesetz, das die 2010 zur Umsetzung in nationales Recht vorgesehene Tierversuchsrichtlinie der EU erweitert. Die von Tierschützern aufgrund ihrer weitreichenden Zugeständnisse an die Tierversuchsindustrie kritisierte Richtlinie wurde dabei mit einigen Einschränkungen wie dem weitreichenden Verbot der Nutzung nichtmenschlicher Primaten, Hunde, Katzen und vom Aussterben bedrohter Arten bei Tierversuchen ergänzt. Aus diesem Grund darf es in Italien auch keine Zuchtfarmen für diese Labortiere mehr geben, was für die größten Unternehmen dieser Art das endgültige Aus bedeutet. Angesichts dessen, daß die Kampagne gegen den Zuchtbetrieb Green Hill, angesiedelt im norditalienischen Ort Montichiari in der lombardischen Provinz Brescia, landesweit Beachtung fand und das Bewußtsein vieler Menschen für die Grausamkeit von Tierversuchen geschärft hat, ist nicht auszuschließen, daß der 2010 von Aktivistinnen und Aktivisten der Tierbefreiungsbewegung initiierte Protest gegen Green Hill zur Entscheidung der italienischen Parlamentarier beigetragen hat, die schwache Gesetzgebung der EU gegen Tierversuche zu verschärfen.

Tierbefreierin mit Labormaus - Foto: © Coordinamento Fermare Green Hill

Foto: © Coordinamento Fermare Green Hill

In Hamburg läuft seit Ende Juni eine Kampagne zur Schließung des Tierversuchslabors LPT (Laboratory of Pharmacology and Toxicology), das offensichtlich auch aus Italien mit Versuchstieren beliefert wurde. Eigens zu diesem Anlaß war einer der Aktivisten, der an der mit diesem Gesetz nun unumkehrbar gewordenen Schließung von Green Hill beteiligt war, aus Italien angereist. Nachdem Lorenzo Loprete auf der Demonstration am 29. Juni vor dem Sitz des Tierversuchsunternehmens LPT in Hamburg-Neugraben eine Rede über die Proteste gegen Green Hill gehalten hatte, konnten interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Rahmen eines Vortrags im Café Knallhart, einem selbstverwalteten Freiraum auf dem Campus der Universität Hamburg, mehr über diese erfolgreiche Kampagne erfahren.

Vortrag über Tierbefreiung in Italien - Foto: © 2013 by Schattenblick

Lorenzo Loprete beim Vortrag
Foto: © 2013 by Schattenblick

Die unter dem Namen Coordinamento Fermare Green Hill [1] auftretenden Aktivistinnen und Aktivisten waren bereits an der Kampagne gegen das größte europäische Tierversuchsunternehmen Huntingdon Life Sciences (HLS) beteiligt, die unter dem Akronym SHAC (Stop Huntingdon Animal Cruelty) weit über Britannien hinaus, wo das Unternehmen seine größten Laboratorien betreibt, bekannt geworden ist. Die zum Teil langjährigen Haftstrafen, die gegen SHAC-Aktivistinnen und -Aktivisten im Vereinigten Königreich und den USA verhängt wurden, sind Ausdruck für die aus Sicht der sogenannten Lebenswissenschaften wie zahlreicher Industrien, die von der Ausbeutung der Tiere durch experimentelle Forschung profitieren, angebliche Unverzichtbarkeit von Tierversuchen. Um so bedeutsamer ist die Entwicklung in Italien, wo die Kampagnen gegen Zuchtanstalten und Tierversuchslabore für die Tierbefreierinnen und Tierbefreier bislang kaum strafrechtliche Folgen zeitigten.

Zudem war die Gruppe an der bis dahin größten Kampagne gegen Vivisektion in Italien beteiligt. Sie richtete sich gegen die Zuchtanstalt Morini, die Beagles für Tierversuche züchtete und an Labors auch außerhalb Italiens lieferte. Nach acht Jahren hartnäckiger Proteste gab das Familienunternehmen 2009 aus ökonomischen Gründen auf, was 375 Beagles, mehr als 100 Mäusen, 100 Hamstern und fast 600 Ratten den Tod als Forschungsobjekte ersparte. Sie wurden von Familien adoptiert und leben zum Teil in einer Schutzstation, die von Tierbefreierinnen und Tierbefreiern betrieben wird.

Demonstrationszug in Montichiari - Foto: © Coordinamento Fermare Green Hill

Demonstration gegen Green Hill
Foto: © Coordinamento Fermare Green Hill

Dieser Erfolg motivierte die Gruppe dazu, es mit dem weit größeren Zuchtbetrieb Green Hill aufzunehmen, zumal dieser gerade dabei war, seinen Bestand von 2500 Beagles zu verdoppeln. Die Kampagne fand sehr zur Überraschung der Aktivistinnen und Aktivisten großen Zuspruch bei der Bevölkerung in der Lombardei und darüber hinaus. Im August 2010 wurden fünf Beagles, die in einem Labor eingesperrt waren, das im Sommer nicht in Betrieb war, befreit. Es war die erste Tierbefreiungsaktion dieser Art seit Jahren, und sie erregte viel Aufmerksamkeit in den Medien und wurde von zahlreichen Menschen unterstützt. Während die öffentliche Unterstützung für derartige Aktionen wuchs, enthielt sich der Betreiber von Green Hill, das US-Unternehmen Marshall BioResources, jeder Stellungnahme.

Ermutigt durch diese positive Resonanz organisierte die Gruppe eine Demonstration in Rom, die von zehntausend Menschen besucht wurde. Anfang 2011 besetzte die Gruppe den Regionalrat der Lombardei, doch die Aktion stand im Schatten eines Sexskandals und wurde daher kaum wahrgenommen. Dies änderte sich am 14. Oktober 2011, als fünf Aktivistinnen und Aktivisten das Dach des Zentralgebäudes von Green Hill besetzten. Mit dieser direkten Aktion, die 30 Stunden währte, rückte die Tierzuchtanstalt in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit. Die Besetzerinnen und Besetzer veröffentlichten zahlreiche Videos über Green Hill, aus denen unter anderem hervorging, daß von diesem Ort aus jede Woche 200 Beagles in Versuchsanstalten in aller Welt verschifft wurden.

Da die Gruppe über eine Informantin verfügte, die bei Green Hill arbeitete und von sich aus mit den Tierversuchsgegnerinnen und -gegnern in Kontakt getreten war, erfuhren die Menschen, daß in Green Hill Hunde umgebracht wurden, weil sie den Standards für Versuchstiere nicht entsprachen. Es wurde auch bekannt, daß einige Labors, die Hunde bestellten, Wert darauf legten, daß deren Stimmbänder zuvor durchschnitten wurden, um ihre Schmerzenslaute nicht mehr hören zu müssen. Weil diese Informationen erhebliche Empörung auslösten, hielt sich das Unternehmen bedeckt, und es kam zu keinen strafrechtlichen Folgen für die Besetzerinnen und Besetzer.

Hunde in Gestellen beim Tierversuch - Foto: © 2013 by Schattenblick

Eingespannt und ausgeliefert - Beagles in Versuchsanordnung
Foto: © Coordinamento Fermare Green Hill

Diese vielbeachtete Aktion hatte zur Folge, daß die Kampagne gegen Green Hill noch mehr anwuchs und auch Tierversuchsgegnerinnen und -gegner aus dem rechten Milieu anzog. Gleichwohl schwand auf den Demonstrationen in Montichiari die Resonanz, wenn die Aktivistinnen und Aktivisten daran erinnerten, daß sie zwar für die Befreiung der Beagles eintreten, aber auch andere Tiere ausgebeutet würden und es letztlich um die Befreiung aller Lebewesen ginge. Im November 2011 kam es sogar zu Handgreiflichkeiten, als die Tierbefreierinnen und -befreier bei dem Versuch, Bewußtsein für den universalen Charakter ihres Kampfes zu schaffen, aggressiv niedergeschrien und bedroht wurden.

So zersplitterte die Kampagne in verschiedene Organisationen, die die entstandene Dynamik zum Teil für politische Zwecke ausnutzten, die mit dem erklärten Ziel der Tierbefreiung nichts mehr zu tun hatten. Eine Organisation, die sich mit dem angesagten Namen Occupy schmückte, nahm auch rechte Politiker auf, unter anderem eine Vertraute Silvio Berlusconis, die 2009 auf einem Polizeifest in aller Öffentlichkeit den rechten Arm zum Faschistengruß gereckt hatte, was ihrer Karriere, die sie bis ins Amt der Tourismusministerin brachte, keinen Abbruch tat. Michela Brambilla instrumentalisierte die Kampagne für ihre Zwecke und zog weitere Rechtspolitiker an, die sich den populären Charakter des Anliegens der Anti-Vivisektions-Bewegung zunutze machten.

Im März 2012 verstärkte die Gruppe ihre Bemühungen, Green Hill zu schließen, indem sie sich am Verwaltungsgebäude der Firma ankettete. Sie appellierte zudem an das Parlament, die zur Umsetzung in italienisches Recht anstehende Tierversuchsrichtlinie der EU so auszulegen, daß sie ein vollständiges Verbot der Zucht von Primaten, Hunden und Katzen für die Vivisektion in dem entsprechenden italienischen Gesetz verankerte. Im April 2012 organisierten die Aktivistinnen und Aktivisten eine Demonstration gegen Green Hill, die bis auf weiteres die letzte Aktion dieser Art sein sollte, weil die Polizei keine weiteren Proteste genehmigen wollte. Sie begründete dies damit, daß sie die auf einem Hügel von allen Seite gut zugängliche Zuchtanstalt nicht mehr vor Eindringlingen schützen könnte.

Käfige im Tierlabor - Foto: © Coordinamento Fermare Green Hill

Gezüchtet für die Tortur
Foto: © Coordinamento Fermare Green Hill

Bei dieser Demo wurden am 28. April 2012 laut Angaben des Unternehmens 67 Beagle-Welpen befreit, nachdem zu allem entschlossene Demonstrantinnen und Demonstranten trotz des Versuchs der Polizei, das Gelände abzuschotten, bis zu den Käfigen des Unternehmens vordrangen. Die Bilder von den Welpen, die über den Stacheldrahtzaun gereicht wurden, fanden weltweit Beachtung und verschafften dem Anliegen der Tierbefreiung noch mehr Popularität. So hielt sich die Polizei zurück, als es im Juni 2012 zu einer weiteren, dieses Mal unangemeldeten Demo gegen das Unternehmen kam. Im Juli 2012 schließlich ordnete die Staatsanwaltschaft der Justizbehörde von Brescia die vorübergehende Schließung des Zuchtbetriebs an. Bei der Durchsuchung des Betriebs waren 100 tote Hunde gefunden worden, die in Kühltruhen lagen, was den Verdacht verstärkte, daß Beagles, die nicht für die Versuchsindustrie taugten, einfach getötet wurden.

Im August 2012 schließlich beschlagnahmte die Polizei die Beagles in Green Hill, was Lorenzo unter anderem darauf zurückführt, daß einem der von seiner Gruppe veröffentlichten Dokumente zu entnehmen war, daß die Temperatur in den Käfigen der Beagles zu hoch war. Die Tierschutzorganisation Lega Antivivisezione (LAV) und die Umweltorganisation Legaambiente wurden damit betraut, sich um die 2700 Beagles aus dem Bestand von Green Hill zu kümmern, indem sie sie an Pflegefamilien weiterreichten oder selbst versorgten. Auch Lorenzos Gruppe nahm Beagles in ihre Schutzstation auf, wobei sie mit dem Personal in Green Hill kooperieren mußte, das sich bei der Beschlagnahmung der Hunde als besonders tierlieb in Szene setzte. Da sie verhindern wollten, daß Brambilla, die den Kampf gegen Green Hill zu ihrem Markenzeichen gemacht hat [2], den ersten Beagle adoptierte, waren sie zu diesem Zugeständnis bereit.

Transparent und Megafon an Uniklinik in Mailand - Foto: © Coordinamento Fermare Green Hill

Widerstand kommuniziert
Foto: © Coordinamento Fermare Green Hill

Nach dem erfolgreichen Kampf gegen Green Hill entschloß sich die Gruppe, sich vermehrt für weniger beachtete Labortiere wie Mäuse, Ratten und Kaninchen einzusetzen. Da es im Falle der Beagles nicht schwer war, öffentliche Unterstützung zu erlangen, erfreuen sich diese attraktiven Hunde doch großer Beliebtheit, besann sich die Gruppe auf ihre Absicht, gegen jede Form von Tierausbeutung anzutreten und dabei keinen Unterschied zwischen den betroffenen Lebewesen zu machen. Am 20. April 2013 besetzten Aktivistinnen und Aktivisten, unter ihnen Lorenzo, das Labor der pharmazeutischen Abteilung der Universitätsklinik von Mailand. Um die Polizei daran zu hindern, das Ziel zu erreichen, Bilder von den eingesperrten Versuchstieren zu machen und Dokumente sicherzustellen, mit denen sich die dort angewendeten Versuchspraktiken belegen ließen, ketteten sich Aktivistinnen von innen so an die Türen, daß diese nicht geöffnet werden konnten, ohne ihr Leben zu gefährden.

Dabei versuchten die Tierbefreierinnen und Tierbefreier ganz bewußt nicht, sich unkenntlich zu machen. Sie wollten bei der Aktion auch eine Verhaftung und strafrechtliche Verfolgung in Kauf nehmen, um zu demonstrieren, daß illegale Aktionen durchaus legitimen Zielen dienen können. Sie zerstörten alle Dokumente an den Käfigen, so daß die Versuche an den jeweiligen Tieren nicht mehr fortgeführt werden konnten. Dennoch verließen sie das Labor nach zehn Stunden Besetzung mit allen Tieren, die sie tragen konnten, ohne verhaftet zu werden. Wie Lorenzo schmunzelnd berichtet, waren die Polizisten, nachdem sie einen Blick in die Kisten mit den befreiten Versuchstieren geworfen hatten, verwundert darüber, daß sich die Aktivistinnen und Aktivisten für Mäuse und Ratten einsetzten.

Auch diese Aktion wurde in den Medien und in der Öffentlichkeit überwiegend wohlwollend aufgenommen. Seitdem sind Tierversuche zum Diskussionsgegenstand geworden, so daß das Standardargument der Vivisektoren, doch nur furchterregende Krankheiten heilen zu wollen, nicht mehr ohne weiteres verfängt. So wird wieder über den Zusammenhang von sozialen Problemen und Krankheit diskutiert, anstatt davon auszugehen, daß Beschwerden den Menschen nun einmal schicksalhaft heimsuchten.

Mäuse aus Käfigen geholt und in Kartons gepackt - Foto: © Coordinamento Fermare Green Hill

Befreiung der Versuchstiere
Foto: © Coordinamento Fermare Green Hill

Während die Anti-Vivisektions-Kampagne die Position vertritt, daß es keine zu rechtfertigenden Tests an Tieren geben kann, mobilisieren die Vivisektoren ihrerseits im Rahmen der Organisation Pro-Test Italia für Tierversuche. Lorenzo wertet dies durchaus als Erfolg ihres Kampfes. Die Versuchsbefürworterinnen und -befürworter sähen sich genötigt, auf ihre Aktionen zu reagieren, und zeigten damit, daß sie sich in der Defensive befinden. Dazu zähle auch ihr Versuch, die Tierbefreierinnen und -befreier als Terroristen anzuprangern oder sie der Tierquälerei zu bezichtigen, weil die Tiere angeblich außerhalb des Labors nicht mehr leben könnten. Tatsächlich drücke dies lediglich das instrumentelle Verhältnis der Vivisektoren zu ihren Opfern aus. Für sie seien die Tiere bloße Objekte, dabei entwickele selbst eine Maus so viel Individualität, daß eine von der anderen deutlich zu unterscheiden sei.

Nun werde an den Universitäten versucht, die Studentinnen und Studenten auf Tierversuche einzuschwören. Damit soll der Eindruck vermittelt werden, daß es an den Hochschulen keine Tierversuchsgegnerinnen und -gegner gebe, man vielmehr Pro-Test Italia dabei unterstütze, Vivisektion zu propagieren. Einige Professoren forderten Studenten sogar auf, sich an Demonstrationen für Vivisektion zu beteiligen. Der erste Versuch seiner Gruppe, eine öffentliche Debatte an der Universität zu organisieren, scheiterte daran, daß die Tierversuchsbefürworterinnen und -befürworter die Veranstaltung zwei Tage vor dem anberaumten Termin platzen ließen. Sie behaupteten, nicht gewußt zu haben, daß die Aktivistinnen und Aktivisten der Tierbefreiungsbewegung an der Debatte teilnehmen, obwohl sie selbst von diesen eingeladen wurden. Lorenzo zufolge wüßten die Experimentatorinnen und Experimentatoren nicht, wie sie mit dem anwachsenden Widerstand gegen die Tierversuchsbranche umgehen sollten.

Lock-On an der Labortür - Foto: © Coordinamento Fermare Green Hill

Entschiedener Einsatz gegen Tierversuche
Foto: © Coordinamento Fermare Green Hill

Konturen künftiger Kämpfe um grundlegende Raub- und Herrschaftsverhältnisse

Die große Popularität des Kampfes gegen Tierversuche in Italien zeigt einmal mehr, daß viele Menschen auf die Grausamkeiten, die Tieren zugefügt werden, hochgradig emotional reagieren. Dafür zu sorgen, daß diese Gefühle in die Analyse und Kritik herrschender Gewaltverhältnisse umgesetzt werden, anstatt in populistischen Kampagnen zu verebben, scheint eine wesentliche Aufgabe der emanzipatorischen Tierbefreiungsbewegung zu sein. Das anwachsende Bewußtsein für die Probleme, die aus der Fleischproduktion und Massentierhaltung für die Ernährungssicherheit und das Klima hervorgehen, ist in erster Linie auf den Menschen bezogen, auch wenn dieser im Sinne des Tierschutzes Formen des Tierverbrauchs favorisiert, die mit möglichst wenig Leiden und Schmerzen für die betroffenen Tiere verbunden sind.

Dies verbleibt im Rahmen ethisch-moralischer Normbildung allerdings im Horizont eines anthropozentrischen Naturverhältnisses, das in letzter Konsequenz stets von der Frage nach dem Nutzen bestimmt ist, den das Tier für den Menschen erbringen kann. Das ohnehin vor allem auf die westlichen Industriestaaten beschränkte Anliegen der Befreiung der Tiere steht mithin vor Herausforderungen, die wie etwa das widersprüchliche Verhältnis zwischen Haustier und Schlachtvieh gerade erst beginnen, kontroverse Wirkung zu zeigen. Die von den italienischen Tierbefreierinnen und -befreiern gezogene Konsequenz, sich für jedes schmerzempfindende Wesen unabhängig von den Kategorien etwa eines Peter Singer, dessen hierarchisches Naturverständnis zum Beispiel Hühner von der Inanspruchnahme der Tierrechte ausschließt, einzusetzen, wirft denn auch weitergehende Fragen nach dem grundsätzlichen Verhältnis des Menschen zu jeder Form von biologischem Leben auf.

Es liegt mithin nahe, einen eskalierenden Sozial- und Kulturkampf zu prognostizieren, in dem sich verschiedene Probleme auf gegenläufige Weise kreuzen können. So ist keineswegs ausgeschlossen, daß die emanzipatorische Forderung nach der Beendigung der Zerstörung von Tier und Natur für die administrative Regulation des Mangels an diversen essentiellen Ressourcen instrumentalisiert wird. Eine an der individuellen Produktivität orientierte, die für das Gemeinwesen anfallenden Kosten angeblichen Fehlverhaltens einpreisende Zuteilung und Verknappung lebenswichtiger Güter und Leistungen werden an besonders verletzlichen Gruppen wie Flüchtlingen, Behinderten und Langzeiterwerbslosen längst erprobt. Die Hunger und Not verschärfende Problematik globaler Ausbeutungsverhältnisse wird durch Fair Trade-Handel nicht aufgehoben, sondern schlimmstenfalls legitimiert. Das sogenannte Greenwashing ist zu einem PR-technisch hochdifferenzierten Instrument derjenigen geworden, die zuallererst im Mittelpunkt der Kritik sozialökologischer Bewegungen stehen sollten.

Für die unterschiedslose Befreiung aller Lebewesen zu kämpfen, bedarf es mithin einer grundlegenden Kritik herrschender Produktionsweisen und Vergesellschaftungsformen. So treten wissenschaftlich begründete Ideologien in den Kampagnen der biomedizinischen Forschung für Tierversuche hervor, sie degradieren Menschen zum bloßen Produktionsfaktor der sogenannten Gesundheitswirtschaft oder befördern die Konzentration von Kapitalinteressen in der Saatgut- und Lebensmittelindustrie. Auch alternative Formen der Reproduktion können im Rahmen der kapitalistischen Eigentums- und Verwertungsordnung Ausbeutung und Unterdrückung begünstigen. Um diese hegemonialen Doktrinen in ihrem affirmativen Charakter wirksam zu hinterfragen, kann das eigene Interesse an der privilegierten Nutzung ihrer Ergebnisse nicht ausgenommen werden.

Nicht von der sozialen Bedingtheit des Menschen auszugehen, wenn es um sein räuberisches Verhältnis zu anderen Lebewesen geht, hieße, die Augen vor dem zentralen Konflikt jeder Vergesellschaftung, der Herrschaft des Menschen über den Menschen, zu verschließen. Die Befreiung der Tiere kann nicht ohne die Aufhebung dieses Verhältnisses erfolgen, denn das bedeutete, sich über den tief in der bioorganischen Konstitution wie der sozialen Matrix verankerten Zwangscharakter menschlichen Lebens etwas vorzumachen. Wenn, um ein aktuelles Beispiel zu nehmen, die räumlichen, sozialen und versorgungstechnischen Bedingungen der Isolationshaft in kalifornischen Hochsicherheitsknästen so menschenfeindlich sind, daß die von dieser Folter betroffenen Gefangenen ein besseres Leben hätten, wenn ihre Zellen und Haftbedingungen den kalifornischen Tierschutzgesetzen unterworfen wären, dann illustriert das die jeden Rahmen partikulärer Identität sprengende Dimension des Problems. Von daher ist die Befreiung aller Lebewesen nicht von der Weiterentwicklung sozialrevolutionärer Fragen zu lösen et vice versa.

Käfige für Versuchstiere - Foto: © Coordinamento Fermare Green Hill

Korridor der Verzweiflung
Foto: © Coordinamento Fermare Green Hill


Fußnoten:

[1] http://www.fermaregreenhill.net/wp/

[2] http://www.michelavittoriabrambilla.it/index.php?option=com_content&view=article&id=55211:17-febbraio-2013-qgreen-hill-una-storia-di-libertaq&catid=9:galleria-fotografica&Itemid=12

Zur Vertiefung dieser Fragen siehe auch:
BERICHT/050: Antirep2010 - Befreiung als universales Anliegen aller Lebewesen (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/politik/report/prber050.html

Bildnachweis:
Sofern nicht anders angegeben liegen die Bildrechte bei Coordinamento Fermare Green Hill;
http://www.fermaregreenhill.net/

11. September 2013