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BERICHT/009: Feiern, streiten und vegan - Von Menschen für Menschen ... (SB)


Tierversuche - Hierarchie der Verwertung und Vernichtung

Veganes Straßenfest Hamburg am 13. September 2014



Schmerz ist inakzeptabel - nicht mehr und nicht weniger bedarf es, um streitbar Position zu beziehen. Dem philosophische, moralische, ethische oder juristische Begründungen hinzuzufügen, mag auf den ersten Blick wie ein Zugewinn an Argument und Überzeugungskraft anmuten. De facto handelt es sich jedoch um die Preisgabe der uneingeschränkten Negation unter Rückgriff auf übergeordnete Prinzipien, die Hierarchie konstituieren und Verfügungsgewalt voraussetzen, mithin Werkzeuge in Händen kodifizierender Festschreibung und administrativer Regulierung sind. Tierschutz, so er sich dem Ziel verschreibt, das Verhältnis von Mensch und Tier in Wertordnungen zu fassen, trägt den Keim nutznießerischer Abwägung in sich, was unumgänglich oder disponabel, verwerflich oder tolerabel sei.

Tierschutz zählt in Deutschland seit einigen Jahren zu den "Staatszielen" und wird im Grundgesetzartikel 20a explizit aufgeführt. Im ersten Abschnitt des Tierschutzgesetzes ist in § 1 folgender Grundsatz formuliert:

Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. [1]

Wie alle Gesetze gilt auch dieses nicht uneingeschränkt, wobei die im zweiten Satz formulierte Ausnahme die vorgebliche Festlegung im ersten Satz letzten Endes aushebelt. Sofern sich ein "vernünftiger Grund" anführen läßt, darf einem Tier demnach sehr wohl Schmerz, Leid und Schaden zugefügt werden. Was auf den ersten Blick wie ein unumgänglicher Vorbehalt für Ausnahmefälle anmuten mag, erweist sich als wohlbedacht konstruiertes Einfallstor: Es geht nicht darum, Tiere zu schützen, sondern ihre Verwertung so reibungsarm zu organisieren, daß mögliche Widerstände gegen ihre Vernutzung und Vernichtung im Zuge des Massenkonsums minimiert werden.

Das Verhältnis zu Tieren ist in der Bevölkerung zwangsläufig widersprüchlich und höchst inkonsequent. Sie in Einzelfällen zu vermenschlichen und Empathie für sie zu entwickeln, wechselt fast bruchlos mit Mißachtung, Ignoranz und Grausamkeit, weil dies gleichermaßen über den Leisten des eigenen Vorteilsstrebens geschlagen wird. Dies führt bezeichnenderweise im Alltagshandeln, in der wissenschaftlichen Herangehensweise und in der gesetzlichen Festschreibung zu einer Hierarchisierung, die vom Menschen an der Spitze über die anderen Primaten, Haustiere wie Hunde oder Katzen zu Wirbeltieren im allgemeinen und hinunter zu immer "niedriger" klassifizierten Lebewesen führt. Während man die für höher erachteten Arten für schützenswert halten mag, nimmt die Fürsorge im Falle niedriger eingestufter Tiere rapide ab und schlägt in deren für unvermeidlich erklärte oder gänzlich ausgeblendete Zerstörung um.

Als die EU-Kommission 2006 eine Online-Befragung zum Thema Tierversuche durchführte, sprach sich die überwiegende Mehrheit der rund 43.000 Menschen aus 25 Ländern, die sich an der Umfrage beteiligten, für mehr Tierschutz aus. So meinten über 90 Prozent, daß die EU sowie die Regierung im eigenen Land für deutlich mehr Tierschutz im Bereich Tierversuche sorgen sollten, insbesondere für Affen, Hunde und Katzen. Die überwiegende Mehrheit der Befragten sprach sich selbst für einen verbesserten Schutz von Mäusen, Hummern und Fruchtfliegen aus. Lediglich 40 Prozent der Befragten hielten Tierversuche zum Zweck der Therapie- und Medikamentenentwicklung für akzeptabel. Den medizinischen Fortschritt sahen rund dreiviertel der Befragten durch Tierschutzbestimmungen keineswegs gefährdet. Ebenso viele Menschen drangen auf eine stärkere Förderung der Entwicklung und Anerkennung von tierversuchsfreien Methoden.

Transparent 'Operation Alekto - Tierversuche sofort stoppen' - Foto: 2014 by Schattenblick

Stand der SOKO Tierschutz auf dem Veganen Straßenfest
Foto: 2014 by Schattenblick

Primatenforschung in der Kritik

Wie diese Ergebnisse zeigen, zählen Tierversuche zu den in der Öffentlichkeit umstrittensten Formen der Grausamkeit gegenüber anderen Lebewesen. Darunter sind es wiederum Experimente mit den für höchstentwickelt gehaltenen Arten, die auf die ausgeprägteste Ablehnung stoßen. Ungeachtet wachsender Widerstände wird noch immer in Tübingen, Bremen, Magdeburg und Göttingen Hirnforschung an Affen betrieben. Hingegen wurde diese in München, Berlin und zuletzt auch in Bochum eingestellt. Tübingen ist insofern eine Hochburg solcher Praktiken, als dort mit dem Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, dem Institut für Zoologie und dem Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik gleich drei verschiedene Einrichtungen damit befaßt sind. Entgegen dem vor der Landtagswahl im März 2011 gesetzten Ziel der grünen Regierungspartei ist kein Ende der Affenhirnforschung in Baden-Württemberg in Sicht.

Die Vorgehensweise der Forscher ist an den verschiedenen Instituten im wesentlichen die gleiche: Üblicherweise werden die Tiere zunächst "trainiert", stundenlang in einem Affenstuhl fixiert zu sitzen. Damit sie machen, was von ihnen verlangt wird, werden sie für richtig erledigte Aufgaben mit ein paar Tropfen Saft belohnt. Außerhalb der Versuche erhalten sie mehrere Tage lang nichts zu trinken, so daß ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als zu kooperieren, um ihren Durst zu stillen. Den Tieren wird ein Loch in den Schädel gebohrt. Darüber wird eine Kammer montiert, durch die später Elektroden direkt in das Gehirn eingeführt werden können. Ein Metallbolzen wird auf den Schädelknochen geschraubt. Der Kopf des Affen wird mit Hilfe des Bolzens unbeweglich an einem Gestell angeschraubt. Die Tiere müssen auf einen Bildschirm schauen und dabei Aufgaben erledigen, z.B. einen Punkt auf dem Monitor verfolgen oder bei bestimmten Bildern einen Hebel betätigen. Allein schon die Torturen des "Trainings" dauern Jahre. Sind die Tiere einmal konditioniert, werden sie jahrelang für verschiedene Versuchsreihen verwendet. Der permanente Durst, die bohrenden Kopfschmerzen durch die implantierten Geräte auf dem Schädel, das Anschrauben des Kopfes - das Leid, das diesen Tieren angetan wird, ist unermeßlich. Wären es Menschen, würde man es Folter nennen. [2]

Das Tübinger Max-Planck-Institut zeigte noch vor kurzem auf seiner Homepage zufriedene und unverletzte Tiere. Es war die Rede von einer mäßigen Belastung und strengen Kontrollen bei den Tierversuchen: "Das Wohlergehen und eine adäquate Pflege und Behandlung der Versuchstiere sind für uns dabei absolut wichtig. Wir sind ganz entschieden der Ansicht, dass Versuchstiere nicht leiden sollen, und sind der Meinung, dass eine artgerechte Haltung und Behandlung der Tiere nicht nur aus ethischen Gründen unerlässlich, sondern auch für die wissenschaftlichen Experimente durchaus notwendig sind", hieß es dort. [3]

Stand der SOKO Tierschutz mit Publikum - Foto: © 2014 by Schattenblick

Reges Interesse an den Recherchen der SOKO Tierschutz
Foto: © 2014 by Schattenblick

Friedrich Mülln von der "Soko Tierschutz", der zusammen mit der britischen Union zur Abschaffung von Tierversuchen (BUAV) eine Undercover-Recherche im MPI organisiert hat, bezeichnet dessen Außendarstellung als irreführend: "Die Wahrheit ist, dass Tierversuche eben nicht harmlos und gering beeinträchtigend sind und die Tiere gut kooperieren. Die Wahrheit ist, dass die Tiere gebrochen werden, dass die Tiere gequält werden und dass die Tiere einen grausamen Tod in diesen Einrichtungen sterben."

Ein Tierschützer, der sich als Tierpfleger an diesem Institut einstellen ließ und dort sechs Monate lang gearbeitet hat, dokumentierte mit rund 100 Stunden heimlich aufgenommenem Filmmaterial und seitenweise Notizen, was sich vor seinen Augen abspielte: Tiere, die sich erbrachen oder apathisch waren, ein Affe, der sich den Kopf um das Implantat blutig kratzte, ein anderer, der halbseitig gelähmt war. Dazu zahlreiche Zwangsmaßnahmen, die gesetzlich verboten sind. Ausschnitte wurden kürzlich von Stern TV ausgestrahlt, und im Anschluß daran diskutierte Steffen Hallaschka mit dem Tierschützer Friedrich Mülln, mit Ivar Aune von der Gesellschaft für Versuchstierkunde und mit der Grünen-Politikerin und Sprecherin für Tierschutzpolitik Nicole Maisch über die bestürzenden Bilder.

Das Institut für biologische Kybernetik in Tübingen beschäftigt sich mit Forschungsfragen des Lernens, der Wahrnehmung und der kognitiven Prozesse. Dazu werden im Rahmen der Grundlagenforschung auch Experimente mit Tieren wie insbesondere Affen gemacht. Das MPI begründet die Forschung so: "In der Grundlagenforschung geht es um grundlegende Funktionsprinzipien, auf die die angewandte klinische Forschung überhaupt erst aufbauen kann. (...) Dabei gilt auch, dass jeder Erkenntnisgewinn ein kleines Puzzleteil ist, das zum Wohle der Menschheit dienen kann". Tierschützer bestreiten diese Auffassung mit Nachdruck und kritisieren, daß in der Grundlagenforschung Tierversuche gemacht werden, ohne daß man vorher weiß, ob die gewonnenen Erkenntnisse später einem Zweck wie etwa der Entwicklung eines neuen Medikaments dienen. Grundsätzlich sei zu bezweifeln, daß die am Affenhirn gewonnenen Erkenntnisse überhaupt auf den Menschen übertragbar sind. Mit dem Verweis auf Grundlagenforschung werde es Wissenschaftlern gestattet, auf Jahrzehnte hinaus unter hohen Kosten Tiere zu quälen, ohne konkrete Resultate vorweisen zu müssen. So kamen Lindl et al. in einer Studie zur klinischen Relevanz von Tierversuchen zu dem Ergebnis, daß bei 16 untersuchten Tierversuchsvorhaben zehn Jahre nach der Durchführung keinerlei Umsetzung in der Humanmedizin nachweisbar war. [4]

Aufruf zur Demo in Tübingen am 20. September - Foto: 2014 by Schattenblick

Foto: 2014 by Schattenblick


Kodifizierung des experimentellen Tierverbrauchs

Das deutsche Tierschutzgesetz regelt in den §§ 7 bis 10, unter welchen Voraussetzungen Tierversuche erlaubt sind. Während hierzulande Versuche verboten sind, die dazu dienen, Waffen, Munition oder Tabakerzeugnisse, Waschmittel oder Kosmetika zu entwickeln oder zu erproben, sind Grundlagenforschung sowie Versuche zur Erforschung von Krankheiten und Umweltgefährdungen erlaubt, sofern sie durch die zuständige Behörde genehmigt werden. Ein Tierversuch gilt als unerläßlich, wenn ein Forschungsziel nicht ohne den Versuch erreicht werden kann. Könnte die Fragestellung auch auf anderem Wege beantwortet werden, etwa durch den Einsatz von Zellkulturen oder Computersimulationen, muß der Tierversuch vermieden werden. Auch dürfen keine Affen eingesetzt werden, wenn der Versuch ebensogut mit einem "niederen" Tier, etwa einer Ratte oder einem Insekt, durchgeführt werden könnte. Außerdem muß der Versuchsaufbau genau geprüft werden, um die Tiere so wenig wie möglich zu belasten.

Darüber hinaus müssen Tierversuche ethisch vertretbar sein. Das bedeutet, daß Versuche an Wirbeltieren, die ihnen längere oder wiederholt Schmerzen und Leid verursachen, nur dann als gerechtfertigt gelten, wenn sie "für wesentliche Bedürfnisse von Mensch oder Tier (einschließlich der Lösung wissenschaftlicher Probleme) von hervorragender Bedeutung sind". (§ 7, Abs. 3 TierSchG). Bei der Forschung an wirbellosen Tieren sind nur selten Genehmigungen nötig.

Forscher, die einen Versuch mit Wirbeltieren planen, müssen einen Antrag bei der zuständigen Behörde stellen, in dem sie unter den oben genannten Aspekten begründen, warum der Versuch für die Beantwortung ihrer wissenschaftlichen Frage unerläßlich ist. Die Behörde wird durch eine Tierschutzkommission beraten, in der auch Türschützer vertreten sind. Allerdings kann die Behörde den Versuch auch gegen das Votum der Kommission genehmigen. Problematisch an diesem Verfahren ist insbesondere, daß eine Genehmigung hauptsächlich nach der Plausibilität der wissenschaftlichen Begründung erfolgt.

Wie sich die Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung, politische Beschlüsse und das Tierschutzgesetz mit juristischen Mitteln unterlaufen lassen, dokumentieren die Tierversuche an Affen in Bremen. Seit der Hirnforscher Andreas Kreiter 1997 an die Uni Bremen berufen wurde, wuchs vehementer Widerstand dagegen. Dank der unzähligen Proteste Zehntausender Bürger beschloß die Bürgerschaft einstimmig einen geordneten Ausstieg aus den Affenversuchen und verweigerte im Oktober 2008 die Verlängerung der Genehmigung, wobei die rot-grüne Landesregierung vor allem ethische Bedenken ins Feld führte. Kreiter pochte dagegen auf seine grundgesetzlich garantierte Forschungsfreiheit und stellte sich als Opfer der Politik und des Tierschutzes dar.

Finanziert werden seine Tierexperimente aus Mitteln des Bundesministeriums für Forschung und Technologie, der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der EU sowie diverser Stiftungen. Im Juli 2008 bewilligte die DFG erneut 1,2 Millionen Euro für die Affenversuche der Uni Bremen, wobei die DFG aus öffentlichen Geldern von Bund und Ländern finanziert wird.

Der Hirnforscher legte gegen die Ablehnung der Genehmigung Widerspruch ein und beantragte beim Verwaltungsgericht eine einstweilige Anordnung, die ihm die Fortführung der Versuche bis zum Ende des Rechtsstreits erlauben sollte. Im Dezember 2008 entschied das Gericht, daß die Versuche längstens bis zwei Monate nach Zustellung des Widerspruchsbescheides des für die Genehmigung zuständigen Gesundheitsressorts fortgeführt werden dürfen. Im August 2009 erfolgte die Zustellung des Bescheides, in dem die Behörde den Primatenversuchen erneut eine Absage erteilten. Im Oktober 2009 erlaubte das Bremer Verwaltungsgericht in einer vorläufigen Entscheidung die Fortführung der Versuche. Damit durfte Kreiter bis zu einer endgültigen Entscheidung die Affen ohne eine behördliche Genehmigung nach § 15 Tierschutzgesetz weiter quälen.

Am 28. Mai 2010 hob das Bremer Verwaltungsgericht den Ablehnungsbescheid der Genehmigungsbehörde auf und gab dieser auf, die Ablehnung durch neue Gutachten zu begründen sowie die Bedeutung des Forschungsvorhabens klären. Damit wurde de facto der Freiheit der Forschung ein höherer Rang eingeräumt als dem seit 2002 im Grundgesetz verankerten Tierschutz. Die Behörde legte gegen das Urteil Berufung ein und stützte ihre Ablehnung eines erneuten Antrags Kreiters vom August 2011 auf ein Gutachten des renommierten amerikanischen Psychologieprofessors John Gluck, dem zufolge das Leid der Affen als "moderat bis erheblich" einzustufen und insbesondere der Wasserentzug als sehr belastend zu werten ist.

Per Eilbeschluß vom 25.11.2011 verlängerte das Oberverwaltungsgericht die Fortführung der laufenden Hirnversuche um ein Jahr und begründete dies unter anderem damit, daß ein Abbruch der Versuche den Erfolg der bisher unternommenen Forschungsanstrengungen beeinträchtigen würde. Am 11. Dezember 2012 gab das Oberverwaltungsgerichts Kreiter Recht und ließ nicht einmal eine Revision zu. Die Gesundheitsbehörde legte Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein, welche jedoch mit Beschluß vom 20. Januar 2014 zurückgewiesen wurde. Damit ist das Bremer Urteil rechtskräftig und die Affen müssen weiterhin grausame Torturen über sich ergehen lassen. [5]

Anfang September demonstrierten mehr als 500 Menschen in der Frankfurter Innenstadt gegen Tierversuche. Ihr Protest richtete sich dabei speziell gegen Air France KLM, weil diese als einzige europäische Fluggesellschaft weiterhin Primaten für Versuchszwecke transportiert. Nach Angaben der Organisatorin Tanja Müller von "Stop Vivisection" werden auf diesem Wege jedes Jahr Zehntausende Tiere aus ihren Heimatländern in europäische und nordamerikanische Labore gebracht. Fänger prügelten die Affen aus der Wildnis heraus, trennten Eltern von ihren Babys und steckten die gefangenen Tiere in Zuchtfabriken, wo sie in Drahtkäfigen gehalten würden, erläutert Silke Bitz von "Ärzte gegen Tierversuche". Air France transportiere die Tiere im Rumpf wie Ladung. Für die Tiere sei das eine Tortur. [6]

Plakat 'Tierversuchstransporte abschaffen' - Foto: 2014 by Schattenblick

Foto: 2014 by Schattenblick


Millionenfach final gequält

Schätzungen zufolge wurden im Jahr 2005 weltweit zwischen 58 und 115 Millionen Wirbeltiere - vor allem Zuchtformen der Hausmäuse und Wanderratten, aber auch Hamster, Meerschweinchen, Kaninchen, Frettchen, Hunde und Primaten - für Tierversuche verwendet. Viele Versuchstiere sterben während der Experimente oder werden anschließend getötet. Entgegen den bereits 1959 formulierten "Drei-R-Regeln" (Reduction, Refinement, Replacement) - Reduzierung der Tierversuche, Verminderung von Schmerz, Ersatz durch andere Verfahren - nimmt die Zahl solcher Versuche zu. Sie ging in Deutschland zunächst von 2,6 Millionen im Jahr 1989 auf 1,5 Millionen im Jahr 1997 zurück. Seit 2005 wuchs sie wieder an und betrug 2009 rund 2,8 Millionen - Tendenz weiter steigend.

In Deutschland wurden 2005 rund 25 Prozent der verwendeten Tiere getötet, um Zellen oder Organe zu gewinnen. Dicht dahinter folgte mit 21 Prozent die Erforschung und Entwicklung von Produkten und Geräten für die Human-, Zahn- und Veterinärmedizin. Da viele Erkrankungen des Menschen bei Tieren spontan nicht vorkommen, werden durch verschiedene Verfahren im Tier Symptome herbeigeführt, die menschlichen Krankheiten ähneln. Darin nicht enthalten sind die toxikologischen oder andere Sicherheitsüberprüfungen von Arzneimitteln und Medizinprodukten. Knapp 14 Prozent entfielen auf den Bereich der Produktherstellung und Qualitätskontrolle. Gut 6 Prozent betrafen die Untersuchung neuer Wirkstoffe und Chemikalien auf mögliche schädigende Wirkungen. Hinzu kommen Tierversuche zur Diagnose von Krankheiten und nicht zu vergessen die Tötung von Tieren im Rahmen der Aus- und Weiterbildung der Biologie, Human- und Tiermedizin.

Vertreter der tierexperimentell ausgerichteten Forschung, wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft, führen an, daß alle wichtigen Erkenntnisse im Bereich der Medizin auf Tierversuche zurückzuführen und diese auch für die Entwicklung von Impfseren oder Untersuchungen zur Krankheitsentstehung hilfreich seien. In der Chirurgie hätten dadurch neue Techniken entwickelt und Operationsmethoden verfeinert werden können. Ein Verzicht auf Tierversuche würde die Heilungschancen für kranke Menschen deutlich schmälern. Mensch und Tier wiesen große Ähnlichkeit hinsichtlich der Zell- und Organfunktion auf, wobei sich insbesondere das komplexe Zusammenspiel von Wirkstoffen und deren Abbauprodukten mit unterschiedlichen Organen in vielen Fällen nur am lebenden Tier sicher nachvollziehen lasse. Wolle man das komplexe Zusammenwirken mehrerer Organsysteme untersuchen, seien Tierversuche unverzichtbar. Zudem sei es ethisch nicht vertretbar, klinische Studien und andere Experimente am Menschen ohne vorherige Tierversuche durchzuführen, sofern sich mit deren Hilfe mögliche Risiken zumindest abzuschätzen ließen.

Hingegen sehen Tierversuchsgegner in dem Stand der heutigen Medizin keinen Beweis für die Notwendigkeit von Tierversuchen. Erzielte Fortschritte stünden in keinem akzeptablen Verhältnis zum Aufwand und zur eingesetzten Tierzahl. Insbesondere seien viele Erkenntnisse auch durch andere Methoden, wie die Verwendung von Zellkulturen oder Geweben in vitro oder mit Computerprogrammen gewinnbar. Viele Tierversuche mündeten in Sackgassen, da sich Tiere und Menschen auf vielfältige Weise unterschieden. Aufgrund von Tierexperimenten für sicher gehaltene Medikamente, die beim Menschen schwerwiegende oder gar tödliche Nebenwirkungen hervorriefen, seien ein Beleg für die mangelnde Zuverlässigkeit der Übertragbarkeit.

Zudem würden in der tierexperimentellen Forschung wichtige Aspekte der Krankheitsentstehung wie Ernährung, Lebensgewohnheiten, Verwendung von Suchtmitteln, schädliche Umwelteinflüsse, Stress, psychische und soziale Faktoren außer Acht gelassen. Grundsätzlich setzten Tierversuche voraus, menschlichen Interessen Priorität vor Interessen anderer Lebewesen einzuräumen. Eine utilitaristische Nützlichkeitsabwägung könne nicht die Basis für die ethische Beurteilung von Tierversuchen sein. Der österreichische Tierrechtler Helmut F. Kaplan begründet seine ablehnende Haltung folgendermaßen:

Deshalb ist auch die faktische Frage, ob Tierversuche für den Menschen nützlich sind, moralisch irrelevant: Tierversuche sind falsch, unabhängig davon, ob sie für den Menschen nützlich sind. Die legitime Frage ist nicht: Wieviel Gesundheit können wir maximal erzeugen?, sondern: Wieviel Gesundheit können wir auf ethisch zulässige Weise erzeugen? Die - echte oder vermeintliche - Nützlichkeit von Tierversuchen ist überhaupt kein ethisches Argument: Es gibt viele Dinge, die nützlich wären, aber dennoch unmoralisch und verboten sind, zum Beispiel Menschenversuche. [7]

Projektion des Kampagnenlogos 'LPT schliessen!' - Foto: 2014 by Schattenblick

Foto: 2014 by Schattenblick


Kampagne LPT-Schließen läßt nicht locker

Im Rahmen des ersten veganen Straßenfests in Hamburg stellte ein Aktivist die Kampagne "LPT-Schließen" [8] vor, die sich gegen die Tierhaltung und Tierversuche in dem Unternehmen Laboratory of Pharmacology and Toxicology richtet. LPT gehört zu den größten Einrichtungen in Deutschland, die Auftragsforschung an Tieren durchführen, diesen also für Kunden aus der chemischen und pharamazeutischen Industrie wie auch vielen anderen Sparten im Endeffekt das Leben nehmen, um Substanzen verschiedenster Art zu testen. In der Kampagne arbeiten mehrere Initiativen zusammen, die sich gegen Tierversuche wenden und diese in den Zusammenhang weitreichender Gewalt gegen Tiere in all ihren Erscheinungsformen stellen, die insgesamt abzulehnen sei.

Das Unternehmen LPT mit seinem Verwaltungssitz in Hamburg-Neugraben und einem Labor in Mienenbüttel im Kreis Harburg ist aufgrund seiner Zulieferer und Auftraggeber international vernetzt. Daher richtet sich die Kampagne nicht nur gegen die beiden Standorte, sondern prinzipiell gegen alle Beteiligten, soweit sie identifizierbar sind. Da Anonymität eine Geschäftsgrundlage dieser Branche sei, müsse man die Tierflüge mit Affen, die Versorgung mit Beagle-Hunden durch das US-Unternehmen Marshall BioResources und die Lieferanten von Tierfutter wie auch diverser anderer Betriebsmittel bis hin zum Bürobedarf offenlegen und in den Protest einbeziehen. Das gelte insbesondere auch für die Auftraggeber der Tierversuche, die allerdings in diesem Fall mangels Zugang zu den Daten schwer zu recherchieren seien.

Die Aktivistinnen und Aktivisten der Kampagne sind offen für jegliche Formen des Protests, ziehen aus den langjährigen Erfahrungen der Tierrechtsbewegung aber den Schluß, daß nur direkter Druck auf die Betreiber der Tierversuche etwas bewirkt. Sie sind als Basisbewegung organisiert und sehen in großen Verbänden und der Beteiligung an Gremien die Gefahr, von der Gegenseite vereinnahmt und in die Administration und Regulation dessen eingebunden zu werden, was sie vom Grundsatz her verhindern wollen. Aufklärung der Öffentlichkeit reiche nicht aus, da die Akteure der Tierversuche keine Dialogpartner seien. Sie reagierten nur auf beständige Störung mittels unmittelbarer Protestformen vor Ort, die sie persönlich kenntlich und verantwortlich machen und die Abwicklung ihrer Geschäfte auf die Dauer beeinträchtigen. [9]

Die Kampagne LPT-Schließen darf als Beispiel dafür gelten, daß die Einbindung des Protests gegen Tierversuche in den größeren Zusammenhang der Gewalt gegen Tiere in allen gesellschaftlichen Sphären eine lediglich partielle Sicht überwindet und zum systemischen Charakter der Ausbeutung und Vernichtung von Tieren vordringt. Indem die an der Kampagne beteiligten Basisbewegungen dem Gang durch die Institutionen und der dabei kaum zu vermeidenden Zersetzung ihres Anliegens eine Absage erteilen, kehren sie von der Verallgemeinerung und der dabei drohenden Auflösung faßbarer Widersprüche zu den konkreten Akteuren der Tierversuche zurück: Die Präzisierung der Frage, wer Tieren Schmerz zufügt, kann weder eine Güterabwägung, noch dem Belieben privater Neigung überlassen sein. Wo die Protagonisten und Zuträger von Tierversuchen hartnäckig beim Namen genannt werden, entsteht eine Reibungsfläche, die den Deckmantel gesellschaftlicher Übereinkunft fadenscheinig werden läßt.

Aufruf zur Demonstration am 11. Oktober 2014 um 12 Uhr auf dem Marktplatz in Hamburg-Neugraben - Plakat: Kampagne LPT-Schließen

Plakat: Kampagne LPT-Schließen


Fußnoten:


[1] http://www.gesetze-im-internet.de/tierschg/BJNR012770972.html

[2] http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/component/content/article?id=227

[3] http://www.stern.de/tv/sterntv/tierversuchslabor-des-max-planck-instituts-leiden-fuer-die-wissenschaft-2136630.html

[4] T. Lindl et al: "Tierversuche in der biomedizinischen Forschung", Altex 22, 3/05, 143-151

[5] http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/infos/tierversuche-an-affen/225-der-fall-bremen

[6] http://www.fr-online.de/frankfurt/demonstration--protest-gegen-tierversuche,1472798,28336804.html

[7] http://www.tierrechte-kaplan.org/kompendium/a163.htm

[8] http://www.lpt-schliessen.org

[9] Siehe dazu im Schattenblick
BERICHT/003: Fortschrittsfluch Tierversuch - Laborstopp in Hamburg und anderswo (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trbe0003.html
sowie weitere Berichte und Interviews unter demselben kategorischen Titel.

19. September 2014