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BERICHT/012: Vegane Fronten - Der Pelzraub-Renaissance die Stirn bieten ... (SB)


Erlebniswelt Mode ... zur Steigerung des Genusses Tierausbeutung

Veganes Straßenfest in Hamburg-St. Georg am 5. September 2015


"Fast Fashion" - das Karussell der Mode muß immer schneller rotieren, um dem weithin fiktiv gewordenen Wertwachstum zumindest den Anschein seiner materiellen Realisierung zu verleihen. Die atemlose Taktrate von bis zu zwölf Kollektionen, mit denen die Geschäfte der großen Modeketten im schnellen Wechsel bestückt werden, um jede Person in der Bundesrepublik mit durchschnittlich 60 Kleidungsstücken im Jahr auszustatten, könnte das Mißverhältnis von Überproduktion und Luxuskonsum auf der einen, ökologischer Zerstörung und globaler Armut auf der anderen Seite kaum besser dokumentieren. Die Aufgabe, den Menschen vor Wind und Wetter zu schützen, ist von nachrangiger Bedeutung, wenn mit sogenannten identity goods soziales und kulturelles Kapital geschaffen werden soll. Mit der Warenästhetik der Mode wird der affektive Geltungsdrang und die dramatische Selbstinszenierung des Marktsubjektes auf die Spitze einer Austauschbarkeit getrieben, in der die Originalität des eigenen Entwurfes zugleich übersteigert und geleugnet wird. So kann die vermeintlich singuläre Identität des Konsumenten nur dort hervortreten, wo sie an generalisierte Codes der Popkultur anknüpft und Zugehörigkeit zu Gruppen demonstriert, die ihrer jeweils eigenen Uniformität frönen.

Der Widerspruch von Individualität und Normierungszwang bringt jedoch nicht nur den Warencharakter einer aus fremden Federn gestrickten Persönlichkeit hervor, deren Maske (lt. persona) im Reigen sozialer Tauschverhältnisse nie fallen darf, um nicht das leere Antlitz umfassender Fremdbestimmtheit erkennen zu lassen. Den mit Hilfe von Kleidung und Accessoires in Anspruch genommenen Identitäten geht ein Verbrauch an Stoff und Energie, an Arbeit und Leben voraus, der nahelegt, daß der in einem Produkt, an dem das Blut von Tieren klebt und für das viel menschliche Arbeitskraft gebraucht wird, steckende Schmerz zu seiner Attraktivität beiträgt. So, wie sich der Wert des hispanischen Goldes und Silbers nicht zuletzt daraus ergab, daß Millionen versklavter Minenarbeiter in den Bergwerken der südamerikanischen Kolonien ihr Leben bei der Förderung dieser Edelmetalle ließen, so wurden für die Herstellung der gekrönten Häuptern vorbehaltenen Staatsmäntel aus Hermelinfellen Hunderte von Tieren und Tausende Arbeitsstunden verbraucht. Die jüngst als Rekordhalterin in der Dauer der Amtszeit englischer Könige gefeierte Elisabeth II. war bei ihrer Krönung 1953 mit einer Robe bekleidet, in der 540 Hermelinfelle und 650 Hermelinschwänze verarbeitet waren. Daß derartige Mäntel unter immensem Aufwand gerade so verarbeitet wurden, daß sie wie aus einem Stück geschaffen wirken, zeigt die ganze Raffinesse einer Kulturrepräsentation, deren blutige Herkunft so unmißverständlich gezeigt wie vornehm versteckt wird.

Von geradezu paradigmatischer Bedeutung für die kapitalistische Produktivkraftentwicklung war die Vertreibung englischer Subsistenzbauern von ihrem Land, das als Schafweide für die internationale Wollproduktion fungieren sollte. Diese von Marx als Ursprüngliche Akkumulation bezeichnete Enteignungspraxis steht am Beginn der Schaffung "doppelt freier" - frei vom eigenen Ackerland wie vom Eigentum an Produktionsmitteln - Lohnarbeit, der Proletarisierung der in die Städte vertriebenen Landbevölkerung und des Warencharakters ihrer dort feilgebotenen Arbeitskraft. War der transatlantische Pelzhandel ein wesentlicher Faktor der Kolonisierung Nordamerikas, so warf die Bedeutung der Bekleidungsindustrie für den Aufstieg merkantiler Handelsstaaten bereits den Schatten des heute erreichten Standes internationaler Arbeitsteilung in der globalisierten Textilindustrie voraus.

Auf die billigste Arbeitskraft der Welt, die Näherinnen Bangladeschs, entfallen lediglich 2,6 Prozent der in einem in der Bundesrepublik verkauften Kleidungsstück enthaltenen Herstellungs- und Vertriebskosten. Die häufig mit 40 Jahren körperlich ruinierten, weil durch die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen regelrecht ausgepreßten Frauen, stehen wie die Tiere am Anfang einer Kette zerstörerischer Produktivität, mit Hilfe derer die Reproduktionskosten der hiesigen Lohnabhängigenklasse so niedrig gehalten werden, daß die Mehrwertrate selbst in der Krise des Kapitals nicht einbricht. Die Fotografin Taslima Akhter [1] hat das soziale Elend dokumentiert, auf dem der Konsumismus der westlichen Metropolengesellschaften errichtet ist, wobei die Frauen Bangladeschs stellvertretend für Millionen andere Menschen vor allem in den Ländern des Südens stehen.

Die Kolonisierung der Wildnis durch das Häuten ihrer Bewohner

Wo der Lebensanspruch des Menschen mit dem Wert der Ware Arbeit steht und fällt, da werden Tiere zu einem bloßen Produktionsmittel degradiert und mit Haut und Haaren in die große Maschine eingespeist. Ihre Verarbeitung für die Modeindustrie ist insbesondere im Falle von Echtpelzen Signatur eines Raubverhältnisses, in dem ihr Leben in Form pelzbesetzter oder aus Pelz gefertigter Kleidung auf die damit gekleideten Personen übertragen wird. Als ginge es um das archaische Ritual, mit den Trophäen der Jagd die eigene Stärke zu demonstrieren, wird das Häuten der Pelztiere für die zivilisatorische Mimesis dessen in Anspruch genommen, was man als jede staatliche und gesellschaftliche Ordnung aufhebendes Leben mit aller Brutalität kolonialistischer Vernichtung bekämpft und zugleich als Quell ungezügelter Vitalität vermißt.

Kulturell mutiert dieses widersprüchliche Verhältnis zwischen der Herkunft des Menschen und der Verleugnung seiner Animalität in der inszenierten Übersteigerung seiner Grausamkeit etwa bei den heute eher unüblichen Pelzkragen, aus denen die toten Augen von Marderköpfen hervorstehen, oder im Drapieren von rohem Fleisch auf nackter Haut [2]. Fernab davon, sich mit selbsterlegter Beute zu kleiden, befeuern die Trägerinnen und Träger von Echtpelzen heute meist eine Form der industriellen Massentierhaltung, bei der nicht domestizierbare Wildtiere in Käfigen gehalten werden.

Geschätzte Dreiviertel der weltweit produzierten Pelze stammen aus der Käfighaltung, hinzu kommen Hunde- und Katzenfelle, die häufig unter Fantasienamen vertrieben werden, um ihre biologische Herkunft zu verschleiern, und bei der Jagd oder Fallenstellerei erbeutete Wildtiere. Vor allem Nerze, Füchse und Chinchillas werden heute in Pelzfarmen gezüchtet und nach einem sechs bis sieben Monate währenden Leben im Käfig getötet, indem sie mit Kohlenmonoxid vergast, durch Elektroschocks getötet oder durch Genickbruch umgebracht werden. Käfigwahnsinn, also stereotype Bewegungen in stetiger Wiederholung, sind übliche Begleiterscheinungen ihrer Gefangenschaft. Da die extensive Tierzucht auf Pelzfarmen seit weniger als hundert Jahren praktiziert wird, Tierverhaltensforscher jedoch davon ausgehen, daß ihre Domestizierung mindestens 500 Jahre lang dauert, handelt es sich in allen Fällen um ihrem angestammten Habitat entrissene Wildtiere, was von der Pelzindustrie bestritten wird.


Anti-Pelz-Protest vor Anson's-Filiale - Foto: © 2015 by Schattenblick Anti-Pelz-Protest vor Anson's-Filiale - Foto: © 2015 by Schattenblick

Gestörtes Einkaufserlebnis in der Hamburger Mönckebergstraße
Foto: © 2015 by Schattenblick

Kampagne gegen Pelzverkauf nimmt wieder Fahrt auf

Zwar haben die Proteste vieler Tierschutz- und Tierrechtsgruppen zumindest hierzulande dafür gesorgt, daß der Verkauf von Echtpelzen durch die Bekleidungsindustrie stark zurückgegangen ist. Die über viele Jahre aufrechterhaltenen Demonstrationen vor Modegeschäften und Unternehmenszentralen wie auch Proteste auf Aktionärsversammlungen blieben nicht ohne Wirkung. Auf dem Veganen Straßenfest in Hamburg berichtete eine Aktivistin der Offensive gegen die Pelzindustrie (OGPI) von den Erfolgen ihrer Kampagnen, die zur Schließung von Pelzfarmen wie auch dem Ausstieg diverser Waren- und Modehausketten aus dem Pelzverkauf geführt hatten.

Die längste und intensivste Kampagne richtete sich gegen das Unternehmen Peek & Cloppenburg, das von 2002 bis 2006 mit über 1500 Aktionen bedacht wurde. Während überregionale Demos mit mehreren 100 Personen vor den jeweiligen Filialen das Markenimage der Unternehmen beschädigten, wurde bei Protesten vor den Wohnhäusern von Mitgliedern der Unternehmensführung auch namentlich und persönlich Anklage wegen Tierausbeutung erhoben. Aktionen zivilen Ungehorsams, bei denen Aktivistinnen und Aktivisten die Vordächer von Kaufhäusern und ähnliche schwer erreichbare Orte erklommen, um den Tieren dort mit Megaphonen und Transparenten eine Stimme zu geben, wurden durch Ankettaktionen ergänzt, bei denen der Zugang zu Filialen blockiert wurde. Protestkampagnen per Internet und Telefon entfalteten ebenso ihre Wirkung wie das persönliche Anklingeln von Managern und ihren Familien bei festlichen Gelegenheiten, wo man sich üblicherweise von derartigen Nachstellungen unbehelligt wähnte.

Damit der große Erfolg der gegen diverse Unternehmen gerichteten Kampagnen nicht unterlaufen wird, ruft die OGPI jeden Herbst, wenn die Kollektionen für die besonders verkaufsträchtige Weihnachtssaison in die Läden kommen, zu einem Pelz-Check auf. Dabei besuchen Aktivistinnen und Aktivisten die Filialen und prüfen, ob die Selbstverpflichtung der Unternehmen, jeden Echtpelz aus dem Sortiment zu nehmen, eingehalten wird. Im Rahmen dieses Procederes wurden bereits mehrere Wiedereinstiegsversuche in den Pelzverkauf verhindert, indem den Unternehmen angekündigt wurde, eine Kampagne gegen sie zu führen, wenn sie wieder Pelzprodukte verkaufen.

Dies ist nun der Fall, nachdem Aktivistinnen und Aktivisten festgestellt haben, daß bei P&C West (Peek & Cloppenburg Düsseldorf) und dem Schwesterunternehmen Anson's wieder Kaninchenfelle in Kleidungsstücken verarbeitet werden. Um das zu verhindern, wird seit Anfang September eine speziell gegen diese beiden Modemarken gerichtete Kampagne geführt, die in Aktionstagen vor Weihnachten gipfeln soll, wo der Umsatz besonders hoch ist. Dabei sollen die Belegschaften der Läden mit Flyern darüber informiert werden, daß sich die Kampagne nicht gegen sie richtet, sondern die Geschäftsführung, die für das Sortiment verantwortlich ist. Dies wird auch in der Hoffnung getan, die Angestellten zum Widerstand gegen den Pelzverkauf zu bewegen, die das Problem etwa auf Betriebsversammlungen thematisieren könnten.

So wurde auch das Vegane Straßenfest zum Ausgangspunkt eines Protestes, der vor einer Filiale der Modekette Anson's in der vom Hansaplatz nicht weit entfernten Mönckebergstraße stattfand. Während dort mit Transparenten und Sprechchören sichtbar und laut Einspruch gegen den Pelzverkauf eingelegt wurde, befragte der Schattenblick den Tierbefreiungsaktivisten Tobias zu den Hintergründen der Aktion:


Transparent 'Schluss mit dem Pelzhandel bei Anson's' - Foto: 2015 by Schattenblick

Unmißverständliches Aktionstransparent
Foto: 2015 by Schattenblick

Schattenblick (SB): Seit diesem Wochenende Anfang September ruft ihr wieder zu Protesten gegen den Pelzhandel bei P&C West und Anson's auf. Wer initiiert die Kampagne und wogegen richtet sie sich?

Tobias: Das ist eine Kampagne von der Offensive gegen die Pelzindustrie, ein bundesweites Netzwerk von Tierrechtsgruppen und Einzelpersonen, das seit dem Jahr 2000 gegen die Pelzindustrie aktiv ist. Der Hauptfokus dieses Kampagnennetzwerkes sind Unternehmen, die Pelz verkaufen, also Modehäuser, Warenhausketten und so weiter. Wir stehen hier auf einer Demonstration vor Anson's, weil Anson's als Teil von Peek & Cloppenburg Düsseldorf wieder in den Pelzhandel eingestiegen ist. Von 2002 bis 2006 gab es eine vierjährige Kampagne gegen Peek & Cloppenburg, was zum Ergebnis hatte, daß sie aus dem Pelzhandel ausstiegen. Dies war für die ganze Modebranche ein wichtiger Impuls, weil danach auch etliche andere Firmen pelzfrei geworden sind.

Man muß dazu sagen, daß P&C in zwei völlig verschiedene Unternehmen aufgeteilt ist, was die meisten KonsumentInnen nicht wissen, weil die Namen und Logos identisch sind. Während die in Hamburg angesiedelte KG pelzfrei ist, trifft das auf den in Düsseldorf sitzenden Teil von P&C, zu dem auch Anson's gehört, nicht zu. Beide Unternehmen, Peek & Cloppenburg Düsseldorf und Anson's, verkaufen jetzt wieder Kaninchenpelze mit der Begründung, daß Kaninchenpelze kein so großes Problem darstellten, weil es sich um Abfallprodukte der Fleischindustrie handele. Was vermutlich als sanfter Wiedereinstieg in den Pelzhandel gedacht ist, ist weder faktisch korrekt noch politisch nachvollziehbar. So wurde in mehreren Undercover-Recherchen aufgedeckt, daß bestimmte Kaninchenarten für ihr Fell gezüchtet werden.

Für uns ist es politisch irrelevant, ob ein Tier wegen Pelz oder Fleisch stirbt. In beiden Fällen ist es ein Gewaltakt, in beiden Fällen wird das Tier ermordet, in beiden Fällen wird etwas gemacht, was dem Tier nicht gefällt. Kein Tier der Welt geht freiwillig in den Schlachthof oder auf eine Pelzfarm. Deswegen ist die Begründung der Unternehmen abzulehnen. Aus unserer Sicht haben sie ihre Pelzfreiheit-Selbstverpflichtungserklärung gebrochen und damit die Kampagne wieder reanimiert, weshalb wir heute genau dort stehen, wo wir auch vor zehn Jahren gestanden haben. Das heißt, wir werden hier wieder regelmäßig demonstrieren in, auf und vor den Filialen, um dem Laden Druck zu machen. P&C gehört einer der 20 reichsten Familien Deutschlands, und die haben damals klargemacht, das es ihnen gleich ist, was man auf der Straße über sie sagt. Erst wenn der Druck zu groß wird, knicken sie ein. Dieses Spiel kennen wir jetzt, wir wissen, wie man es spielt, und wir ziehen es solange durch, bis sie den Pelz wieder aus den Regalen herausnehmen.

SB: Aufgrund der internationalen Aktionen gegen die Pelzindustrie könnte man vermuten, daß das Image der mit Echtpelzen versehenen Kleidung inzwischen sehr schlecht ist. So gab es Filmstars, die eigens mit Kunstpelzen aufgetreten sind, um zu zeigen, daß man für solche Mode keine Tiere töten muß. Wie kommt es, daß es dafür wieder einen Absatzmarkt gibt?

Tobias: In den 80er Jahren gab es eine sehr große Bewegung gegen Pelz. Die davon betroffene Industrie hat darauf reagiert, und man sieht heute nur noch sehr wenig Pelzmäntel. Sie haben allerdings gemerkt, daß sie mit anderen Formen des Pelzverkaufs wieder in Mode kommen können, vor allem mit Pelzbesätzen, verstecktem Pelz, mit Dingen, die nicht das Image einer PelzträgerIn verkörpern.

Zum zweiten gibt es auch schon einen gewissen Backlash. Man kann nicht davon ausgehen, daß das Thema damit erledigt ist, daß die Leute in den 80er Jahren keinen Pelz mehr tragen wollten. Es ist eine weltweite Industrie, die Millionenumsätze macht, gerade in Asien hat der Markt Konjunktur. In Deutschland gibt es aufgrund unserer Kampagnen allerdings nur noch wenig Unternehmen, die Pelz verkaufen, wie man sehen kann, wenn man die Angebote in den zentralen Einkaufsstraßen betrachtet. Gerade deshalb ist es nicht uninteressant, in diesen Markt wieder einzusteigen. Dies wird von einem Familienunternehmen versucht, das nicht aktionärsgestützt ist und sich daher nicht vor Anteilseignern verantworten muß, was bedeutet, daß es von innen heraus nicht so angreifbar ist. Ich interpretiere das so, daß versucht wird, diesen Markt jetzt wieder abzuschöpfen. Auch wenn es nur zehn Prozent der Bevölkerung sind, die Pelz kaufen wollen, ist das ein guter Markt.

SB: Es werden ja mehr Tierprodukte in der Mode verarbeitet als nur Pelze. Würdet ihr auch dagegen Kampagnen führen, oder ist das zu verbreitet, um etwas dagegen zu machen?

Tobias: Die Offensive gegen die Pelzindustrie hat in ihrem Selbstverständnis ein klares Bekenntnis zur Tierrechtsbewegung und zur veganen Lebensweise. Das macht deutlich, daß die Fokussierung auf Pelze eine rein strategische ist. Einfach deswegen, weil die Industrie angreifbarer ist als die Lederindustrie, die unmittelbar mit der Fleischindustrie verbandelt ist. Natürlich ist das auch eine eigene Industrie, aber da ist diese Kombination sehr dominant und auch verbreiteter. Politisch ist es für uns das gleiche. Deswegen lautet eine der Parolen auf den Demos "Ob Pelz oder Leder, Mord bleibt Mord". Wir wollen klarmachen, daß Pelz nicht besonders grausam oder unnütz ist, sondern für uns jede Form der Tierausbeutung abzulehnen ist. Eine strategische Entscheidung ist es auch deshalb, weil man hier ad hoc Erfolge erzielen kann. Es ist allerdings auch eine Frage der Zeit, wie man etwa daran sieht, daß Kampagnen gegen die Fleischindustrie vor zehn Jahren so nicht denkbar waren, es sie heute aber gibt. Und sie werden sich auf andere Formen der Tierausbeutung ausbreiten. Wir würden mit der gleichen Begründung vor dem Schlachter, dem Lederschuhladen, vor dem Zirkus und Zoo stehen und machen das als AktivistInnen ja auch.


Aktivistinnen und Aktivisten vor Modegeschäft - Foto: © 2015 by Schattenblick

Keine Frage des guten Geschmacks ...
Foto: © 2015 by Schattenblick

Die Wirklichkeit des Schmerzes unterliegt nicht dem Wechselfall von Mode und Moral

Die Marktmacht der Konsumentinnen und Konsumenten zu beschwören, ist eine Domäne des grünen Kapitalismus, der die Welt wie bisher bewirtschaften will, indem die Natur in Form von Ökosystemdienstleistungen in Wert gesetzt und zu einem Investitionsziel für Kapitalakkumulation gemacht wird [3]. So berechtigt und notwendig die Überprüfung und Veränderung der persönlichen Lebensweise und Verbrauchsgewohnheiten ist, so sehr bleibt sie an der Oberfläche der herrschenden Produktionsverhältnisse.

Aufgewachsen und sozialisiert unter deren Bedingungen, ist der Mensch so weitreichend durch die Formen und Inhalte seiner Reproduktion festgelegt, daß die unterstellte Freiheit des "Verbrauchers" ebenso wie die Waren, die er ersteht oder in Form seiner Arbeitskraft anbietet, fremdbestimmter nicht sein könnten. Wo vermeintliche Vorlieben und Abneigungen mit einem Preisschild versehen werden, da sorgt schon die Gleichgültigkeit des Tauschwertäquivalentes Geld dafür, daß er nach dem ganz besonderen Erlebnis, dem einzigartigen Kick und dem ultimativen Besitz strebt. Nichts könnte im positiven Sinne enttäuschender sein, als zu erkennen, daß der Reiz der Steigerung desto mehr gegen Null geht, je weniger der Mensch vergißt, daß das Hamsterrad nirgendwohin führt als in die eigene Erschöpfung.

Wo die Behauptung, nur mit tierischem Protein ließen sich die Arbeitsanforderungen der neoliberalen Leistungsgesellschaft bewältigen, tief ins Fleisch des "Nutzviehs" schneidet, ist es befreiender, Wertwachstum und Konkurrenzprinzip in subjektiver wie objektiver Praxis zu bestreiten, anstatt sich diesem Diktat zu unterwerfen, und sei es auf vegane Weise. Wo der Hunger nach Rohstoffen Mensch und Natur die Lebensgrundlage entzieht, um privilegierte Formen der Ernährung, der Mobilität, der Bekleidung und des Wohnens zu erhalten, stehen die großindustrielle Produktionsweise und die kapitalistische Wertform zur Disposition ihrer Überwindung, denn zu jeder Zeit kämpfen zahllose Wesen um ihr nacktes Leben.

Die Herrschaft über Mensch und Tier zu beenden, bliebe als ethische Forderung auf der Strecke einer Moral, die das Böse voraussetzt, um das Gute behaupten zu können. Die Definitionsmacht darüber, was als gut und böse gilt, in Frage zu stellen, müßte Bestandteil jeglicher Herrschaftskritik sein, wenn nicht reproduziert werden soll, was erklärtermaßen abzuschaffen ist. Um der Wirklichkeit des Schmerzes entgegenzutreten, bedarf es keiner Moralphilosophie. Seiner unmißverständlichen Präsenz gegenüber verharrt die moralische Bewertung in beobachtender Distanz. Wo eben nicht nur, wie Marx schrieb, "der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist", gilt es, Kontakt aufzunehmen und Hand anzulegen.


Transparent 'Für die Befreiung der Tiere ... bis jeder Käfig leer steht' - Foto: 2015 by Schattenblick

Foto: 2015 by Schattenblick


Fußnoten:

[1] http://www.taslimaakhter.com/

[2] KULTUR/0861: Produktivität der Verwesung ... kulturelles Endstadium Boeuf Couture (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/politik/kommen/sele0861.html

[3] REZENSION/644: Daniel Tanuro - Klimakrise und Kapitalismus (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buch/sachbuch/busar644.html

Zur Textilwirtschaft in Bangladesch im Schattenblick:

BERICHT/016: Megacities - Evolution der Umlast (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/report/brrb0016.html

Zum Veganen Straßenfest 2015 im Schattenblick:

BERICHT/011: Vegane Fronten - Nicht nur der Verzehr ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trbe0011.html

INTERVIEW/029: Vegane Fronten - Heimstatt für verbrauchte Leben ...    Verena Delto im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0029.html

24. September 2015


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