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BERICHT/013: Vegane Fronten - Lebensrecht für Felle ... (SB)


Jagdsaboteure retten Leben

Veganes Straßenfest in Hamburg-St. Georg am 5. September 2015


Die Geschichte der Jagd in Europa ist immer auch eine Geschichte gesellschaftlicher Konflikte zwischen Feudalherren und Landeigentümern auf der einen und der einfachen Landbevölkerung auf der anderen Seite. Im mittelalterlichen Feudalismus wurde das Jagen zusehends zu einem Privileg des Adels, der über Jagdrechte verfügte, die die Bauern und Leibeigenen weitgehend vom Erlegen der Wildtiere für Nahrungszwecke ausschloß. Wilderei wurde mit hohen Strafen geahndet, denn die Fürsten und Lehnsherren wollten das Vergnügen, sich die Tiere des Waldes vor die Flinte treiben zu lassen, nicht mit einer Bevölkerung teilen, für die Fleisch ein seltener Luxus war, der in Zeiten des Hungers über Leben und Tod entscheiden konnte. Schon im 17. Jahrhundert bildeten sich in England Widerstandsbewegungen gegen die feudalabsolutistische Herrschaft von Thron und Altar, die Treib- und Hetzjagden und sogar den Fleischverzehr ablehnten, der mit den adligen Jägern identifiziert wurde.

Das Bild rotberockter Jäger, die hoch zu Roß und umgeben von zahlreichen Jagdhunden, Wald und Flur mit knallenden Büchsen und grellen Jagdhörnern durchstreifen, ist fester Bestandteil der Ikonografie eines vermeintlich heilen, noch nicht von Industrialisierung und Naturzerstörung heimgesuchten Merry Old Englands. Doch der Blutgeruch, der die pastorale Idylle durchzieht, läßt ahnen, daß die um ihr Leben rennenden und zum Teil über mehrere Stunden zu Tode gehetzten Füchse dabei nichts als Angst und Schrecken erleben. Zumindest für die Wildtiere, aber auch die Menschen, die sich ob der Grausamkeit dieser Jagd entsetzt abwenden, ist der ländliche Frieden durch die Jagd zutiefst gestört.

Schon 1924 wurde die League Against Cruel Sports in England mit der Absicht gegründet, Hetzjagden, Hunde- und Hahnenkämpfe oder auch Windhundrennen in ihrer Grausamkeit* zumindest einzuschränken oder durch simuliertes Jagdreiten, bei dem keine Tiere getötet werden, zu ersetzen. Einen starken Aufschwung erlebte die Bewegung gegen das Jagen in den 1960er Jahren im Zusammenhang mit dem Aufbruch der Jugend, die keine tradierte Ordnung mehr unbesehen akzeptieren wollte. So gründete der 22jährige Journalist John Prestridge im Dezember 1963 in Brixham, Devon, die Hunt Saboteurs Association (HSA) [1], die sich den entschiedenen Widerstand gegen jede Form der Jagd auf die Fahnen geschrieben hatte. In der zum 50. Jubiläum 2013 erschienenen Verbandszeitschrift Howl berichtet der frühere HSA-Vorsitzende Dave Wetton, daß die Organisation, der er im Alter von 20 Jahren beitrat, vornehmlich aus jungen Studierenden bestand. Er selbst sei durch die vegetarische Lebensweise seines Musikerfreundes Tony McPhee, der später mit der Rockgruppe The Groundhogs landesweite Bekanntheit erlangte, inspiriert worden, kein Fleisch mehr zu essen und sich für die Rechte der Tiere einzusetzen.

Damals war die absichtlich herbeigeführte Konfrontation mit Jägern weit riskanter als heute, wo das Gros der Bevölkerung Englands, Schottlands und Wales gegen die Jagd im allgemeinen und die Fuchsjagd im besonderen eingestellt ist. Die spektakulären Aktionen der Jagdsaboteure fanden zusehends Beachtung in der Öffentlichkeit und veranlaßten viele Menschen, sich im Laufe der 1960er Jahre den damals entstehenden Gruppen und Initiativen anzuschließen, die gegen die Jäger mobil machten. Einen Etappensieg konnte die Bewegung im Jahr 2004 mit der Verabschiedung des Hunting Acts erzielen, aufgrund dessen die Hetzjagd auf Füchse seit 2005 verboten ist. Allerdings bietet das Gesetz diverse Schlupflöcher, da die Jäger sich erst strafbar machen, wenn ihnen nachgewiesen werden kann, daß sie ein Tier mit Vorsatz gejagt und getötet haben. Indem die Jäger die nach wie vor geltende Erlaubnis, Hunde zur Treibjagd einzusetzen oder eine Jagd durch das Legen einer Geruchsfährte zu simulieren, dazu nutzen, ihre eigentliche Absicht als zufälliges Ereignis erscheinen zu lassen, bleibt für die Jagdsaboteure auch nach zehn Jahren offiziellem Hundejagdverbot viel zu tun.


Am Stand auf dem Veganen Straßenfest - Foto: © 2015 by Schattenblick

Alfie Moon
Foto: © 2015 by Schattenblick

Auf dem diesjährigen Veganen Straßenfest in Hamburg-St. Georg war mit Alfie Moon ein langjähriger britischer Umwelt- und Tierrechtsaktivist vertreten, der seit 20 Jahren hauptsächlich Jagdsabotage betreibt. Bei der Hunt Saboteurs Association ist er seit zehn Jahren mit der Öffentlichkeitsarbeit betraut. Als Gründungsmitglied des Hunt Saboteurs Global Network bemüht er sich zudem um die internationale Vernetzung der Jagdsaboteure. In diesem Rahmen wurde auf dem diesjährigen Vegan Street Day in Dortmund eine Kampagne für ein Jagdgesetz auf EU-Ebene initiiert. Artikel 13 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union, besser bekannt als Vertrag von Lissabon, besagt, daß "die Union und die Mitgliedstaaten den Erfordernissen des Wohlergehens der Tiere als fühlende Wesen in vollem Umfang Rechnung" tragen. Für Alfie Moon ist das Anlaß genug, die Forderung zu erheben, die Barbarei der Jagd in all ihren Formen in der EU zu verbieten.

In Hamburg führte der Aktivist dem Publikum vor Augen, was an der in Großbritannien traditionellen und hierzulande illegalen Form des Jagens mit Hunden kritikwürdig ist. Sie wird mit Meuten von bis zu 50 Jagdhunden betrieben, die auf Füchse, Hirsche, Nerze und Hasen abgerichtet sind. Ihnen folgen bis zu einhundert Jäger auf Pferden sowie zahlreiche Helfer, die mit Fahrrad oder zu Fuß unterwegs sind. Während die Jäger behaupten, Füchse aufgrund der von ihnen ausgehenden Gefahr für andere Tiere, namentlich sogenannter Nutztiere, zu bejagen, werden ihre Bestände gleichzeitig durch künstliche Futterzufuhr vergrößert. Das auch von deutschen Jägern bekannte Phänomen, einerseits mit dem Gewehr gegen die angebliche Überpopulation von Wildschweinen vorzugehen, diese aber andererseits auch zu füttern, damit ihnen keinesfalls die lebenden Ziele ausgehen, besagt für Alfie Moon im Endeffekt nur eines: Es geht den Jägern um das aus ihrer Sicht unzweifelhafte Vergnügen, Tiere "in freier Wildbahn", wenn man die agroindustriell geordnete Landschaft so nennen will, umzubringen.

Etwa ein Fünftel der Hundemeute wird jedes Jahr ausgetauscht, weil zu langsam oder zu alt gewordene Tiere durch junge Hunde ersetzt werden. Da bei britischen Jagden außerdem jedes Jahr 11.000 Hunde umkommen, wird Nachwuchs in großer Zahl gezüchtet. Bei der Auswahl der neuen Hunde wird unter den Welpen scharf selektiert. Wer sich für die Jagd nicht eignet, wird ebenfalls getötet.


Fotos dokumentieren das Leid der Hunde - Foto: 2015 by Schattenblick

Hetzjagd für alle Tiere desaströs
Foto: 2015 by Schattenblick

Während die Jagd auf Füchse in der Schonzeit von Mai bis August unterbleibt, werden die neuen Hunde in der sogenannten Jungtiersaison von August bis Oktober am lebendigen Beutetier ausgebildet. Sie werden auf die Hetzjagd abgerichtet, indem sie junge Füchse eigenständig aufspüren und töten. Da die Jäger dabei nicht gestört werden wollen, gehen sie sehr früh zu Werke, was die Jagdsaboteure dazu nötigt, zu nächtlicher Stunde anzureisen. Zwar können sie die jungen Füchse häufig nicht schützen, da die Hunde sie vorher entdecken, aber die Mühe lohnt sich, so der britische Aktivist, dennoch. Auf diese Weise kann die Meute so gestört werden, daß sie in der eigentlichen Jagdsaison von November bis April nicht mehr uneingeschränkt funktioniert.

In dieser Jahreszeit finden die Fuchsjagden in aller Öffentlichkeit tagsüber statt, so daß die Jagdsaboteure sie leichter ausfindig machen können. Die Hundemeuten werden an einer Stelle im Fuchsgebiet losgelassen, wo sie den Wind im Rücken haben, um überhaupt eine Hetzjagd entstehen zu lassen. Während sie den Wald auf breiter Linie durchstreifen, scheucht ihr Geruch die Füchse auf, die in Panik fliehen. Wittern die Hunde einen Fuchs, dann geben sie einen heulenden Laut von sich, der die Meute zur gemeinsamen Hatz auf das fliehende Tier veranlaßt. Damit den Jägern das Schauspiel, wie der Fuchs von den Hunden getötet wird, nicht entgeht, versuchen sie, das gejagte Tier zum Verlassen des Waldes zu bringen, um sein blutiges Ende auf offenem Feld beobachten zu können.


Alfie Moon vor Projektionswand - Foto: © 2015 by Schattenblick  Alfie Moon vor Projektionswand - Foto: © 2015 by Schattenblick

Akustische Signalgeber in den richtigen Händen retten Leben
Fotos: © 2015 by Schattenblick

Dies, so Alfie Moon, sei der ideale Augenblick, die Meute auf eine falsche Fährte zu locken. Nachdem der Fuchs aus dem Wald heraus ist, versuchen die Jagdsaboteure zum Beispiel mit Hilfe von Geruchsmitteln, seine Spur zu überdecken. Sie benutzen die Peitschen der Jäger, um mit ihrem knallenden Laut die den Hunden antrainierte Reaktion auszulösen, nicht mehr weiterzulaufen. Sie simulieren die Befehlsrufe der Jäger, so daß die Hunde zu diesen zurückkehren, oder geben ihnen mittels eigener Jagdhörner irreführende Signale. Zum Teil bedienen sie sich auch elektrisch verstärkter Aufnahmen heulender Hunde, um die Meute zu verwirren. So kann es passieren, daß sich die Jagdsaboteure plötzlich von zahlreichen Hunden umringt sehen, die sich gerne von ihnen streicheln lassen, weil ihre Besitzer ihnen eine solche Aufmerksamkeit eher selten entgegenbringen. Zu ähnlichen Methoden greifen die Jagdsaboteure auch bei Beagles, die Hasen hetzen, und Hunden, die zur Jagd auf Nerze zugerichtet sind. Da die Jäger in diesen Fällen zu Fuß unterwegs sind, fällt es den Aktivistinnen und Aktivisten leichter, mit ihnen Schritt zu halten.

Obwohl all diese Jagdformen verboten sind, steht die Polizei häufig auf der Seite der Jäger, die nach wie vor zu den Eliten der britischen Gesellschaft gehören. Alfie Moon selbst hat sich bei Auseinandersetzungen mit Jägern viermal Verletzungen zugezogen, die im Krankenhaus behandelt werden mußten. Obwohl er in drei Fällen die Namen der daran beteiligten Jäger kannte, hat die Polizei nicht gegen sie ermittelt. Der Jagdsaboteur Mike Hill kam sogar ums Leben, nachdem er zusammen mit zwei weiteren Aktivisten auf das Heck eines Fahrzeugs gesprungen war, das einen Pferdehänger zog. Der Jäger am Steuer beschleunigte das Auto und fuhr enge Kurven, um die Aktivisten abzuschütteln. Als Mike Hill versuchte, von dem Fahrzeug zu springen, wurde er von dem Pferdehänger überfahren. Zur Einleitung eines Strafverfahrens kam es, so Alfie Moon, nicht.


Alfie Moon dokumentiert Gewalt gegen Aktivistinnen und Aktivisten - Foto: © 2015 by Schattenblick

Jagdsabotage erfordert Mut
Foto: © 2015 by Schattenblick

Der Aktivist Tom Worby stand während einer Sabotageaktion nahe an einer Mauer auf einer Landstraße, als ein Fahrzeug der Jäger ihn gegen die Wand drückte und tötete. Auch in diesem Fall wurde kein Gerichtsverfahren gegen den Fahrer eröffnet, wie Alfie Moon schildert. Ein Freund des Aktivisten wurde von einem Geländewagen der Jäger angefahren und zu Boden geworfen. Das Fahrzeug wendete und versuchte ihn zu überfahren. Obwohl der Fahrer des Wagens dem Aktivisten schwere innere Verletzungen zufügte, wurde keine Anklage erhoben. Bei Alfie Moon hat sich durch diese Erlebnisse der Eindruck verfestigt, daß Jäger in England nach wie vor über dem Gesetz stehen.

Ungeachtet dessen sind die Aktivistinnen und Aktivisten nicht kleinzukriegen. So wurde eine Frau während einer Sabotageaktion so schwer vom Pferd eines Jägers verletzt, daß sieben Rippen brachen und die Lunge kollabierte. Nach sechs Wochen im Krankenhaus beteiligte sie sich wieder an Jagdsabotageaktionen. Trotz der Gewaltbereitschaft der Jäger, so Moon, treten seiner Organisation ständig neue Mitglieder bei. In der Bevölkerung lehne eine stabile Mehrheit von 80 Prozent die Fuchsjagd ab, so daß die Chancen des Premierministers David Cameron, das Jagdgesetz wieder aufzuheben, eher gering sind.

Sogenannte Blood Sports wie die Hatz auf Tiere, die von anderen Tieren getötet werden, haben eine lange Tradition. Sie verweisen darauf, daß der sogenannte saubere Sport seine Wurzeln auch in einem von Gewalt geprägten Mensch-Tier-Verhältnis hat. So erinnert das sportliche Selbstverständnis mancher Jäger nicht von ungefähr an Herrenreiterrituale wie die Zurichtung von Pferden auf ihnen unangenehme Bewegungsformen, um nur ein Beispiel aus dem mit der Jagd traditionell eng verbandelten Pferdesport anzuführen. Nicht unerheblich ist auch der Einfluß elitärer Netzwerke, die sich über das gemeinschaftliche Jagen definieren. So gehören Jagdvereine in der Bundesrepublik zu denjenigen Adressen, bei denen örtliche Honoratioren, hochrangige Politiker, wohlhabende Anwälte, Ärzte und Unternehmer ihren gesellschaftlichen Einfluß wie beruflichen Erfolg mehren. Nicht zuletzt handelt es sich bei der Jagd um ein spezifisch männliches Initiationsritual, wie das eindrückliche Bild [2] einer vermeintlichen Mutprobe, bei der ein Junge in Anwesenheit zahlreicher Erwachsener einen Fuchs erschlagen soll, zeigt. Wer dem Erschießen, Abstechen oder Erschlagen eines Tieres nicht gewachsen ist, gehört nicht dazu. Auch dies ist für andere Menschen Anlaß genug, die Jagd auf Tiere mit all ihren Attributen zu bekämpfen.


Logo der Hunt Saboteurs Association - Foto: 2015 by Schattenblick

Foto: 2015 by Schattenblick


Fußnoten:


[1] http://www.huntsabs.org.uk/

[2] http://freefromharm.org/animal-rights/the-boy-and-the-fox-from-beating-to-eating-animals/


Zum Veganen Straßenfest 2015 im Schattenblick:

BERICHT/011: Vegane Fronten - Nicht nur der Verzehr ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trbe0011.html

BERICHT/012: Vegane Fronten - Der Pelzraub-Renaissance die Stirn bieten ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trbe0012.html

INTERVIEW/029: Vegane Fronten - Heimstatt für verbrauchte Leben ...    Verena Delto im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0029.html

INTERVIEW/030: Vegane Fronten - Gabelhumor ...    Der Graslutscher im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0030.html

INTERVIEW/031: Vegane Fronten - Tische ohne Fische ...    Valeska Diemel im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0031.html

INTERVIEW/032: Vegane Fronten - Doppelfluchten ...    Wanja Kilber im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0032.html

INTERVIEW/033: Vegane Fronten - Menschenrecht Gesundheit ...    Lukas Rosen im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0033.html

INTERVIEW/034: Vegane Fronten - Wo der Mensch auch hintritt ...    Daniel Mettke im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0034.html

INTERVIEW/035: Vegane Fronten - Überborden Haifisch morden ...    Oliver Feist und Julian Engel im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0035.html

23. Dezember 2015


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