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BERICHT/017: Tierversuchslabor - unvertretbar ... (SB)



Zu Reaktionsbündeln degradiert, wurden die Tiere fixiert und unter erbarmungsloser Gewaltanwendung beforscht. Auf Basis des cartesianischen Maschinenkörpers experimentieren seither Naturwissenschaftler unter dem anatomischen Paradigma an und in lebendigen wie toten Körpern. Die Vivisektion - im 17. Jahrhundert selbst als "anatomisches Experiment" oder "anatomische Übung" bezeichnet - war somit von vornherein ein fester Bestandteil des Anatomischen Theaters.
Anna Bergmann - Der entseelte Patient [1]

Tierversuche sind potentielle Menschenversuche. Mit der unterstellten Übertragbarkeit des sogenannten Tiermodells auf den Menschen wird ein Umgang mit schmerzempfindenden Lebewesen legitimiert, dessen Grausamkeit zutiefst verstört. Was Menschen in der Regel nicht mehr zugemutet, bioethisch verworfen und strafrechtlich verfolgt wird, müssen Tiere ertragen, obwohl die Zeiten, als noch das cartesianische Dogma vom Tierorganismus als unbelebter Maschine galt, auch in den damit befaßten Wissenschaften vorbei sind. Zudem wird die Relevanz dieser Experimente für die Humanmedizin von einer anwachsenden Zahl von WissenschaftlerInnen bestritten und hat synthetische Versuchsanordnungen in der Petrischale oder auf dem Bio-Chip hervorgebracht, deren Aussagekraft hinter den Ergebnissen der Laborexperimente am lebenden Organismus nicht zurückstehen.

Dennoch wird weiterhin sogenannte Grundlagenforschung in vivo vollzogen, zudem gibt es zahlreiche chemische Substanzen, deren Giftigkeit im Tierversuch zu überprüfen gesetzlich vorgeschrieben ist. Das hat nicht verhindert, daß die Verbreitung toxischer Substanzen in der natürlichen Umwelt eher zu- denn abnimmt. Asbest, Dioxin, DDT ... die Liste in industrieller und landwirtschaftlicher Produktion, in Medizin und Pharmazie für verschiedene Zwecke eingesetzter oder als sogenannte Nebenwirkung anderer Produkte und Verfahren freigesetzter hochtoxischer Substanzen wird immer länger. Die Resultate von Tierversuchen sind nicht unter allen Umständen auf den Menschen zu übertragen, zumal die Haltung eines Lebewesens in der klinischen Neutralität des Labors schon vom konzeptionellen Ansatz her fragwürdig ist.


Demo zieht durch Neugraben - Foto: © 2019 by Schattenblick

Protest in dörflicher Idylle
Foto: © 2019 by Schattenblick

Die Einbindung eines Lebewesens in seine sozialen und natürlichen Umweltbedingungen ist so komplex und setzt so viele Reaktionsketten in Gang, daß die zur Erwirtschaftung vermeintlich objektivierbarer Ergebnisse erzeugte Isolation des Käfigs und die körperliche Einschränkung in der Fixiereinrichtung eine grundsätzlich andere Ausgangslage herstellt, was an der Übertragbarkeit der dort erbrachten Resultate auf ein ganz anders geartetes Lebensumfeld zumindest zweifeln läßt. Um Auskunft über die langfristigen Auswirkungen neuer Chemikalien, Technologien oder Konsumartikel zu erteilen, sind ganz anders befristete Versuchsanordnungen ebenso ungeeignet. Bei deren Einführung hat man es dann mit einem gesellschaftlichen Massenexperiment zu tun. Zeitigt die Innovation ungewollte Folgen wie etwa die zu Beginn als ideale Lösung für das Energieproblem gefeierte Nutzung von Atomkraftwerken oder das lange Zeit als unschädlich propagierte Zigarettenrauchen, dann ist es für die direkt Betroffenen auf jeden Fall zu spät.


Transparent zur widersprüchlichen Vergleichbarkeit von Mensch und Tier - Foto: © 2019 by Schattenblick

Der Widerspruch im Abgleich der Schmerzen
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Da die Entwicklung der modernen Medizin stets von fremdnützigen Eingriffen an Menschen wie Strafgefangenen, nichteinwilligungsfähigen Behinderten, den nichtweißen Opfern kolonialistischer Willkür oder von Frauen, deren Gebärfähigkeit unter die Kontrolle einer patriarchalen Bevölkerungspolitik gebracht werden sollte, in mehr oder minder offener Form begleitet war, stehen sich Menschen- und Tierversuche nicht diametral gegenüber, wie die bioethische Rechtfertigung des Tierversuchs als Ausnahme von der vermeintlichen Regel des Tierwohls glauben macht. Es handelt sich vielmehr um einen linear verlaufenden Erkenntnisprozeß, an dessen Ende die völlige Einstellung aller Experimente an nichtmenschlichen Tieren stehen sollte.


Zweiseitiges Transparent 'in vitro' und 'in silico' - Fotos: © 2019 by Schattenblick Zweiseitiges Transparent 'in vitro' und 'in silico' - Fotos: © 2019 by Schattenblick

Alternativverfahren statt Tierversuche
Fotos: © 2019 by Schattenblick

Das gilt folgerichtigerweise für jede Form des Tierverbrauchs zumindest dann, wenn die Herstellung von Tierprodukten für Ernährung, Kleidung und sonstige Industrieprodukte eingestellt werden kann, ohne existentiell bedrohlichen Mangel an anderer Stelle zu erzeugen. Diese selbst in einer Welt, in der der millionenfache Hunger und der sich absehbar zur Katastrophe beschleunigende Klimawandel in hohem Maße durch die landwirtschaftliche Tierproduktion mitverursacht sind, nur als Utopie zu bezeichnende Perspektive wird durch zweckförmige Argumente nicht einleuchtender. Auch wenn Tierversuche relevante Ergebnisse erbrächten und die Massentierhaltung keine schwerwiegende klimaschädliche Wirkung entfaltete, wären sie aus dem naheliegendsten aller Gründe, der Unteilbarkeit des Schmerzes, zu überwinden. Die Autonomie und Subjektivität nichtmenschlicher Tiere zu respektieren macht Sinn und fällt leicht, wenn der tödliche Zugriff auf ihre Körper einmal unterschiedslos als das eigene Problem, herrschenden Gewaltverhältnissen ohnmächtig ausgesetzt zu sein, begriffen wird.


Zwei Transparente mit Affenversuchen - Fotos: © 2019 by Schattenblick Zwei Transparente mit Affenversuchen - Fotos: © 2019 by Schattenblick

Fronttransparente schonungslos offen
Fotos: © 2019 by Schattenblick


Rachefantasien gehen am größeren Problem vorbei

Somit ist auch der Kampf gegen Tierversuchslabore integraler Bestandteil einer herrschaftskritischen Bewegung, die im besten Fall nicht nur gegen Tierausbeutung protestiert, sondern Rassismus, Sexismus, Nationalchauvinismus, Militarismus und andere Formen systematischer Gewaltanwendung ablehnt. Das versteht sich nicht von selbst, sind gerade für dieses Thema, wie vor allem Kommentare in sozialen Netzwerken, aber auch einschlägige Transparente zeigen, auch Menschen ansprechbar, die sich in Gewaltfantasien gegenüber dem Personal von Tierversuchslaboren hineinsteigern oder Schächten als jüdische und muslimische Praxis verurteilen, während sie nichts gegen das normale Schlachten einzuwenden haben.

Viele Menschen reagieren auf Tierversuche sehr emotional, was angesichts in Bild und Ton zu bezeugender Grausamkeiten nicht erstaunen kann, wollen aber keine weiteren Überlegungen über die gesellschaftlichen Bedingungen anstellen, unter denen kommerziell organisierte und wissenschaftlich legitimierte Tierquälerei vollzogen wird. Das macht den Aktivismus gegen Tierversuche auch zu einem Rekrutierungsfeld rechtsradikaler Gruppen, die mit Parolen wie "Stoppt Tierversuche - Nehmt Kinderschänder" populistische Stimmung machen oder beim Thema Schächten antisemitischem und antimuslimischem Rassismus frönen. Mit solchen Feindbildern gerät der naheliegende Zusammenhang zwischen kommerziellem Tierverbrauch und kapitalistischer Verwertungslogik ebenso aus dem Blick wie die tierausbeuterische Gesetzgebung eines Staates, dessen Bekenntnis zu humanistischen Prinzipien gleichbedeutend ist mit dem Ausschluß nichtmenschlicher Tiere als Subjekte seiner konstitutionell verankerten Grundrechte.


Transparent 'Kein Tier ist egal' - Foto: © 2019 by Schattenblick

Beitrag zur Vereinigung der Kämpfe
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So wird das Tierschutzgesetz seinem Namen auf gegenteilige Weise gerecht, weist es doch mit der Prämisse "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen" den Weg in einen Tierverbrauch monströsen Ausmaßes. Gegen die dabei in Anspruch genommene "Vernunft" ist nicht anzukommen, solange zur Reproduktion dieser Gesellschaft Ausbeutung und Unterdrückung von Mensch und Tier als unvermeidbare Notwendigkeit anerkannt werden. Man mag es nicht so nennen, aber für die rund 60 LohnsklavInnen, die den Wohlstand eines durchschnittlich verdienenden Bundesbürgers durch ihre karg entlohnte Arbeit meist im Globalen Süden alimentieren, handelt es sich ebenso um ein brutales Gewaltverhältnis wie für die nichtmenschlichen Lebewesen, die mit anwachsender Geschwindigkeit durch die Zerstörung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen wie ihre industrielle Verwertung vernichtet werden.

Wenn lebendige Organismen in tote Produktionsfaktoren verwandelt werden und als einzige Spur dafür, daß sie einmal gelebt haben, eine Ziffer auf einem Datenblatt hinterlassen, dann könnten sie in ihrem individuellen Dasein nicht einsamer, ohnmächtiger und verlorener sein. In die wild hin und her nach einem Ausweg suchenden Augen des von panischer Angst verzerrten Affengesichtes, im Primatenstuhl gefesselt durch das kalte Metall einer um den Hals geschlossenen Arretiervorrichtung und am Kopf mit einem in die Schädeldecke eingelassenen metallenen Implantat statisch fixiert, zu schauen ist nicht minder entsetzlich als der Blick in das Auge des Schweines, das an der Rampe des Schlachthofes aus den schmalen Luftschlitzen des Tiertransporters lugt, in ängstlicher Erwartung eines schmerzhaften Erstickungstodes durch CO2-Begasung, was immer noch weniger schlimm ist als das anschließende Brühbad in kochendheißem Wasser bei Bewußtsein zu erleben, wie es im Fließbandbetrieb der Schlachthöfe immer wieder vorkommt.


Musikgruppe mit Trommeln - Foto: © 2019 by Schattenblick

Drums over Knives - Weckruf mit den Trommeln des Dschungels
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So eindrücklich Bilder wie diese sind, so kalt und rational ist der Widerstand gegen die Fortsetzung des Einsperrens und Quälens, des Sezierens und Schlachtens, wenn er erfolgreich sein soll. Moralische Empörung und Rachefantasien lassen sich politisch fast nach Belieben instrumentalisieren. Nicht zu vergessen, daß Menschen immer noch Tiere sind, die in der Enge stoffwechselgetriebener Überlebensnot zu grausamsten Handlungen in der Lage sind, muß nicht in die Barbarei sozialdarwinistischer Aggression führen. Das Wissen um das destruktive Potential der herrschenden Vergesellschaftungspraxis kann das Gegenteil dessen hervorbringen. Die emanzipatorische Überwindung von Trennung, Spaltung und Isolation birgt die Aussicht auf das Ende aller verzehrenden Gewalt in sich. Das zu wagen, ist der Mensch allemal frei genug.

Es gibt daher auch im Kampf gegen die Tierversuchsindustrie und das von ihr profitierende Netzwerk der Zuchtfarmen, Logistikunternehmen, Pharmafirmen und Chemiekonzerne gute Gründe, die Waffen der Kritik zu schärfen und den Blick auf die direkten und mittelbaren Faktoren, die den systematischen und massenhaften Tierverbrauch bedingen, zu erweitern. Von daher ist die Schließung des Hamburger Tierversuchsunternehmens LPT nicht nur überfällig, weil es ein mutmaßlich gegen Tierschutzgesetze verstoßendes Tierversuchslabor, sondern weil es ein signifikantes Beispiel für das grundlegende, alle Bereiche menschlicher Lebenspraxis und Kulturproduktion durchdringendes Gewaltverhältnis zwischen Mensch und Tier ist.


Transparent der Kampagne LPT schließen! - Foto: © 2019 by Schattenblick

Mit neuer Kraft gegen Tierversuche und LPT
Foto: © 2019 by Schattenblick


LPT schließen! - Frischer Wind für ein altes Anliegen

Mit viel Elan und Entschlossenheit trugen am 29. Juli 2013 rund 350 AktivistInnen den Protest gegen das Tierversuchslabor LPT (Laboratory of Pharmacology and Toxicology) auf die Straßen von Hamburg-Neugraben [2]. Unter dem Aufruf "LPT schließen!" wurde gegen eines der größten Tierversuchsunternehmen der Republik demonstriert, das im Auftrag der pharmazeutischen, chemischen, agro- und lebensmittelchemischen Industrie Tierversuche vor allem an Mäusen, Hunden und Affen, aber auch Ratten, Hamstern, Meerschweinchen, Kaninchen, Affen, Katzen, Schweinen, Fischen und Vögeln durchführt. Es soll über Kunden in mehr als 25 Ländern weltweit verfügen und beschäftigt an drei Standorten rund 160 MitarbeiterInnen. Sie überprüfen unter anderem von den Auftraggebern hergestellte oder gehandelte Chemikalien daraufhin, ob sie im sogenannten Tiermodell toxikologische Wirkung zeigen oder erbgutverändernde Eigenschaften aufweisen. Das allgemeine Merkmal dieser Versuche ist ihr letaler Ausgang - die Tiere sterben entweder in direkter Auswirkung der an ihnen vollzogenen Tests oder werden anschließend getötet.

Das von Fred Leuschner 1961 initiierte Institut für Pharmakologische und Toxikologische Untersuchungen in Hamburg stand am Anfang einer unternehmerischen Familientradition, die 1975 zur Gründung des LPT führte, das seitdem in zweiter Generation von den Nachkommen des Firmenpatriarchen geleitet wird. In den 1980er Jahren kam es zu ersten Protesten in Form von Tierbefreiungen gegen das Unternehmen, doch erst 2013 wurde dazu aufgerufen, das Tierversuchslabor mit dem langem Atem kontinuierlichen Widerstandes zur Aufgabe zu zwingen. Die Kampagne LPT schließen! orientierte sich unter anderem an dem in Italien erzielten Erfolg, wo das Unternehmen Green Hill, das vor allem Beagle-Hunde für Tierversuche züchtete und in alle Welt lieferte, 2009 nach einem 8 Jahre währenden Kampf mit großen Demonstrationen und einer spektakulären Befreiungsaktion geschlossen worden war [3]. Dieses Ergebnis zivilgesellschaftlichen Engagements war sicherlich mitverantwortlich dafür, daß das Parlament in Rom 2013 ein deutlich über die EU-Tierversuchsrichtlinie von 2010 hinausgehendes Gesetz verabschiedete, das die Durchführung von Tierversuchen weiter einschränkte und die Aufzucht von Tieren für die Versuchsindustrie in Italien grundsätzlich untersagte.


DemonstrantInnen rufen Slogans - Foto: © 2019 by Schattenblick

Lautstarke Zwischenkundgebung im Wohngebiet
Foto: © 2019 by Schattenblick

Langen Atem bewiesen auch die AktivistInnen in Hamburg-Neugraben. Sie ließen es sich nicht nehmen, ihren Protest alle zwei Wochen bei Wind und Wetter am wenig einladenden Rand der vielbefahrenen Francoper Straße gegenüber der Einfahrt zum Redderweg, aus dem die LPT-Belegschaft abends meist im Auto den Heimweg antritt, mit Plakaten und Sprechchören kundzutun [4]. Dennoch wurde LPT schließen! im Oktober 2018 offiziell eingestellt. In einer dazu auf der Kampagnen-Webseite veröffentlichten Erklärung [5] wurden Erfolge bei der Herstellung von Öffentlichkeit gegen LPT, das sich in Reaktion darauf noch weiter abschottete, und der Mobilisierung von TierversuchgsgegnerInnen für das grundsätzliche Anliegen der Tierbefreiung mit dem nicht erreichten Ziel konterkariert, eine breite, über die Region hinaus ausstrahlende Bewegung gegen Tierversuche in Gang zu bringen. Als Grund dafür wurde insbesondere das Fehlen von Undercover-Aufnahmen aus dem Alltagsbetrieb des Labors genannt. Zwar eröffneten die AktivistInnen mit der Informationsbroschüre "Hinter verschlossenen Türen" [6] anhand einer Recherche in Fachartikeln und wissenschaftlichen Publikationen detaillierte Einblicke in die Arbeit des Tierversuchslabors, doch an die Schlagkraft in Medien und sozialen Netzwerken verbreiteter Bilder im Labor gequälter Tiere scheint im Zeitalter visueller Kommunikation nichts heranzureichen.


Drei Transparente zum Teil mit Stofftieren - Fotos: © 2019 by Schattenblick Drei Transparente zum Teil mit Stofftieren - Fotos: © 2019 by Schattenblick Drei Transparente zum Teil mit Stofftieren - Fotos: © 2019 by Schattenblick

Unbeantwortete Fragen
Fotos: © 2019 by Schattenblick


Mit der Macht der Bilder mobilisieren

Diese beschaffte schließlich ein Undercover-Ermittler von SOKO Tierschutz. Die Organisation hatte bereits mehrfach mit Recherchen über Fälle systematischer Tierquälerei Aufsehen erregt, so etwa mit Videodokumenten über Affenversuche am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen, der Aufdeckung der grausamen Behandlung sterbender Kühe in einem milchproduzierenden Betrieb im Allgäu oder der verbotenen Schlachtung kranker Kühe, die nach ihrer Auszehrung in der Milchproduktion zu schwach waren, um überhaupt noch auf die Beine zu kommen. Sie wurden zum Teil auf grausame Weise mit Seilwinden in Transporter geschleift, um den Bauern, die mit einem auf die sogenannten Downer-Kühe spezialisierten Schlachthof in Bad Iburg zusammenarbeiteten, mehr einzubringen, als ihre Entsorgung in den dafür zuständigen Tierkörperbeseitungsbetrieben erbracht hätte.


Mobiles Podium und Publikum - Foto: © 2019 by Schattenblick

Abschlußkundgebung im Zentrum Neugrabens
Foto: © 2019 by Schattenblick

Die gemeinnützige Organisation, die 2012 von dem Tierrechtaktivisten Friedrich Mülln mit dem Ziel gegründet wurde, "dem Wort Tierschutz seine ursprüngliche Bedeutung wieder(zu)geben, die von den großen Organisationen bis zur Unkenntlichkeit verwässert wurde" [7], ist auf Undercover-Recherchen spezialisiert und hinsichtlich der dadurch erzeugten Medienresonanz hocheffizient. So auch im Fall des bei LPT als Mitarbeiter eingeschleusten Aktivisten, der mit versteckter Kamera die ganz normalen Grausamkeiten der alltäglichen Laborpraxis aufzeichnete und mutmaßliche Regelübertretungen bei den genehmigungspflichtigen Tierversuchen dokumentierte. Nachdem er vier Monate lang bei der LPT-Niederlassung im niedersächsischen Mienenbüttel tätig gewesen und das Videomaterial ausgewertet worden war, gingen SOKO Tierschutz und die Organisation Cruelity Free International, die an der Undercover-Recherche beteiligt war, Anfang Oktober mit ihren Erkenntnissen an die Öffentlichkeit.


Im Interview mit einem Reporter - Foto: © 2019 by Schattenblick

Friedrich Mülln vielgefragt und um keine Antwort verlegen
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Am 15. Oktober wurde das Thema von dem ARD-Politmagazin Fakt, das über eine Zuschauerreichweite von mehr als 3 Millionen Menschen verfügt, unter Verwendung des aktuellen Videomaterials aufgegriffen. Das erzeugte nicht nur erhebliche Resonanz in anderen Medien, sondern brachte den AktivistInnen seitens der zuständigen Genehmigungsbehörde, dem Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES), den Vorwurf ein, sie zu spät über die Ergebnisse der Undercover-Recherche informiert zu haben. Mit dieser Art der Vorwärtsverteidigung gegen etwaige Kritik an der eigenen Aufsichtspflicht müssen TierschützerInnen offensichtlich rechnen, wenn sie zum Skandal erheben, was zumindest einigen der rund 2,8 Millionen in der Bundesrepublik pro Jahr "verbrauchten" Versuchstiere zusätzlich zu den ihnen im Normalbetrieb zugefügten Schmerzen und Zwangshandlungen angetan wird. Politische und möglicherweise strafrechtliche Konsequenzen zu ziehen wird den zuständigen Ministerien und Behörden nun kaum erspart bleiben, was dort nicht unbedingt auf Gegenliebe stoßen dürfte. Sie durch investigative Recherchen unter Handlungsdruck zu setzen, sei es von den Medien oder zivilgesellschaftlichen Organisationen, ist denn auch ein gangbarer Weg, auf konventioneller Ebene zu Ergebnissen zu gelangen, die künftigen Versuchstieren zusätzliche Qualen ersparen oder gar verhindern, daß sie überhaupt in eine solch aussichtslose Lage geraten.


Transparent 'Hamburg wird laut gegen Tierversuche' - Foto: © 2019 by Schattenblick

Hamburg ein Fokus der Tierrechtsbewegung
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Tierschutz beim Wort genommen

Privatwirtschaftliche Tierversuchsindustrie und wissenschaftliche Vivisektionseinrichtungen behaupten selbstverständlich, daß die betroffenen Tiere stets im Rahmen geltender Gesetze zu Versuchsobjekten werden. Wie schlecht es um diese bestellt ist, zeigt nicht nur das seit einem Jahr von der EU gegen die Bundesrepublik eingeleitete Vertragsverletzungsverfahren, mit dem die überfällige Verankerung der EU-Tierschutzrichtlinie anhand einer 20 Punkte umfassenden Mängelliste im deutschen Tierschutzgesetz angemahnt wird. Das prinzipielle Problem, Tieren im Rahmen der wissenschaftlichen Grundlagenforschung oder toxikologischer und anderer Verträglichkeitstests Schmerzen und Schäden zuzufügen sowie sie schlußendlich zu töten, wird mit einem komplexen Regelwerk von Abwägungen moderiert, um im Kern auf die angeblich unerläßliche Notwendigkeit ihres "Verbrauches" zu pochen. Wie bei der Nahrungsmittelproduktion gilt der Primat der anthropozentrischen Kosmologie, laut der Tiere menschlichen Zwecken auch zum Preis ihres Todes zu unterwerfen sind.

Von einem im Grunde genommen als Tierversuchsermöglichungsgesetz zu bezeichnenden Regelwerk ist nichts anderes zu erwarten, als im besten Falle eine Form von Schadensbegrenzung zu erwirken. Damit sind auch jedem Tierschutzaktivismus Grenzen gesetzt, die zu überschreiten strafrechtliche Konsequenzen zeitigt. "Tierschutz bedeutet Schutz vor Tod, Schmerz und Angst. Die eindeutige Konsequenz ist die Umsetzung der Tierrechte und der veganen Lebensweise" [8], heißt es in der Selbstauskunft von SOKO Tierschutz. Die völlige Einstellung von Tierversuchen und jeglicher Form von Tierausbeutung mag als Utopie einer idealen Welt erscheinen, deren Keim allerdings durchaus in der Arbeit dieser wie anderer Tierrechtsorganisationen angelegt ist.


Transparente zu Klöckner und Empathieverlust - Fotos: © 2019 by Schattenblick Transparente zu Klöckner und Empathieverlust - Fotos: © 2019 by Schattenblick

Einmal ganz menschlich gefragt ...
Fotos: © 2019 by Schattenblick


Die Frucht der Empörung

Auf der Großdemo in Hamburg-Neugraben und der anschließenden Mahnwache vor dem LPT-Labor in Mienenbüttel, die SOKO Tierschutz für den 19. Oktober angemeldet hatte, erklärte Initiator Friedrich Mülln denn auch ausdrücklich, warum ihm so viel daran liegt, daß es zu keinen Auseinandersetzungen mit der Polizei oder gar Angriffen auf LPT-Einrichtungen kommt. Er hält den in jeder Beziehung legalen Weg des Aktivismus für das beste Mittel, tatsächlich etwas für die Tiere zu erreichen und dem Fernziel einer Beendigung der ihnen vom Menschen zugefügten Gewalt näherzukommen. SOKO Tierschutz kann auf eine ganze Reihe konkreter Erfolge wie die Schließung tierquälerischer Einrichtungen und die strafrechtliche Verfolgung ihrer Betreiber verweisen. Klassische Aktionsformen der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung wie die Blockade oder Besetzung von Schlachthöfen, die Befreiung gefangener Tiere und andere Akte zivilen Ungehorsams stehen dazu nicht in Konkurrenz, wenn es um die Sache an und für sich geht. Sie mögen keinen kurzfristigen Erfolg erzielen, schärfen aber das Bewußtsein immer größerer Kreise dafür, daß die Gewaltverhältnisse in Mensch-Tier-Beziehungen nicht zuletzt deshalb überwunden werden müssen, weil sie von den Feindseligkeiten zwischen Menschen und den gesellschaftlichen Herrschaftsbedingungen nicht zu trennen sind.


Transparente und Fahne 'Antispeziesistische Aktion' - Fotos: © 2019 by Schattenblick Transparente und Fahne 'Antispeziesistische Aktion' - Fotos: © 2019 by Schattenblick Transparente und Fahne 'Antispeziesistische Aktion' - Fotos: © 2019 by Schattenblick

Bekenntnisse
Fotos: © 2019 by Schattenblick

Ohnehin waren an der Organisation der überaus erfolgreichen Aktionen am 19. Oktober verschiedene Initiativen der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung beteiligt, so die AktivistInnen von LPT Schließen! und anderer Gruppen aus der Hamburger Tierrechtsbewegung. Zwischen je nach Quelle 7.500 und 10.000 DemonstrantInnen zogen an einem verregneten Sonnabend durch das Neugrabener Wohngebiet, in dem das LPT-Zentrallabor angesiedelt ist, um ihrem Protest lautstark Ausdruck zu verleihen. In einem nicht endenwollenden Zug bewegten sie sich durch die engen Straßen dieses von Ein- und Mehrfamilienhäusern und viel Grün geprägten Stadtteils, sehr zum Erstaunen der dort lebenden Menschen. Diese wußten vor Beginn der Kampagne gegen LPT vor sechs Jahren häufig nicht einmal, daß sich in unmittelbarer Nachbarschaft ein großes Tierversuchslabor befindet. Es kam an diesem Tag zu keinen nennenswerten negativen Reaktionen der AnwohnerInnen, von denen die AktivistInnen der LPT Schließen!-Initiative bei früheren Anlässen durchaus zu berichten wußten. Es gab sogar ausdrückliches Lob von AnwohnerInnen dafür, daß endlich jemand etwas gegen das Todeslabor unternimmt.

Besonders beeindruckend war die Beteiligung vieler sehr junger Menschen, was bisweilen den Eindruck erweckte, als wirke sich die Mobilisierung für Fridays for Future auch positiv auf den Tierrechtsaktivismus aus. Nach der Abschlußkundgebung auf dem Neugrabener Markt, wo die Demo auch ihren Ausgang genommen hatte, ging es am Abend zu dem nahe Hamburg angesiedelten LPT-Tierversuchslabor in Mienenbüttel. Dort ging aufgrund der vielen Autos, die an den fast Feldwege zu nennenden Straßen im weiteren Umkreis der LPT-Niederlassung parkten, einige Zeit gar nichts mehr. Trotz Dunkelheit und Nässe kamen noch einmal mindestens 700 Menschen zusammen, um bei Kerzenlicht die in dieser Einrichtung gequälten und getöteten Tiere zu betrauern. Das mit NATO-Draht festungsähnlich abgesicherte Labor konnte zwar aus der Nähe betrachtet werden, aber auch hier hielten sich alle daran, den öffentlichkeitswirksamen Erfolg des Tages nicht durch eine wie auch immer geartete Konfrontation zu gefährden. In einer Ansprache erklärte Friedrich Mülln, welche emotionalen und auch organisatorischen Belastungen ein solcher Undercover-Einsatz mit sich bringt, um deutlich zu machen, daß jeder Anlaß für negative Berichterstattung auch die Arbeit der AktivistInnen gefährdet, denen die Offenlegung der Zustände bei LPT in erster Linie geschuldet ist.


Transparent 'LPT schliessen sofort' - Foto: © 2019 by Schattenblick

Abendliche Mahnwache ...
Foto: © 2019 by Schattenblick

Zahlreiche Kerzen in windgeschützten Behältern - Foto: © 2019 by Schattenblick

... mit trauriger Illumination
Foto: © 2019 by Schattenblick

Man darf gespannt sein, wie groß der Zuspruch der Bevölkerung und Tierrechtsbewegung bei künftigen Demonstrationen sein wird. Schon am 16. November findet, dieses Mal inmitten der Hansestadt und damit verkehrstechnisch leicht zugänglich, die nächste Demonstration gegen LPT und zur Abschaffung von Tierversuchen statt. Es gibt gute Aussichten darauf, daß das Rad der Entwicklung nicht zurückzudrehen sein wird und das kollektive Vergessen der hinter hohen Mauern und Stacheldrahtzäunen an Tieren verübten Grausamkeiten dem anwachsenden Widerwillen gegen jede Form von Tierausbeutung weicht.


Transparente verweisen auf Tierausbeutung für Ernährung - Fotos: © 2019 by Schattenblick Transparente verweisen auf Tierausbeutung für Ernährung - Fotos: © 2019 by Schattenblick

Eine Front gegen Tierausbeutung in der weißen und roten Fabrik
Fotos: © 2019 by Schattenblick


Fußnoten:


[1] Anna Bergmann: Der entseelte Patient - Die moderne Medizin und der Tod. Berlin 2004, S. 189

[2] http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trbe0003.html

[3] http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trbe0004.html

[4] http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trbe0014.html

[5] https://www.lpt-schliessen.org/2018/10/die-kampagne-lpt-schliessen-verabschiedet-sich/

[6] https://www.lpt-schliessen.org/wp-content/uploads/lpt-broschuere.pdf

[7] https://www.soko-tierschutz.org/selbstauskunft

[8] a.a.O.


22. Oktober 2019


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