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BERICHT/066: Gefangen im Zoo - Wildtiere hinter Gittern (tierrechte)


tierrechte 3.07 - Nr. 41, August 2007
Menschen für Tierrechte - Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.

Gefangen im Zoo - Wildtiere hinter Gittern

Von Laura Zimprich


Täglich flimmern sie über den Bildschirm, 'Nashorn, Zebra & Co.', 'Elefant, Tiger & Co.', 'Eisbär, Affe & Co.' und andere Doku-Soaps, die den Zuschauern den Zoo und seine Insassen ins heimische Wohnzimmer bringen. Vor wenigen Monaten beherrschte Eisbär Knut die Medien, der Berliner Zoo verzeichnete Rekord-Besucherzahlen und unzählige Postkarten, Bilderbücher und Andenken zeigen das Konterfei des inzwischen acht Monate alten Eisbären. Tiere im Zoo sind offensichtlich Publikumsmagneten und Quotenrenner. Dass diese Tiere in Gefangenschaft in einer artfremden, künstlichen Umgebung leben, tritt dabei in den Hintergrund oder sogar völlig aus dem Bewusstsein. tierrechte greift daher das Thema Zoo im Schwerpunkt auf und stellt die in den Medien dargestellte heile Zoo-Welt in Frage.


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Die Argumente, mit denen die Existenz von Zoos gerechtfertigt wird, sind seit Jahren die gleichen: Es werde wissenschaftliche Forschung betrieben, eine weitere Aufgabe sei Bildung und Aufklärung der Besucher, außerdem könnten in den Zoos vom Aussterben bedrohte Tierarten gerettet werden, und schließlich würden die Tiere ja auch artgerecht gehalten. Die Realität sieht jedoch anders aus.


Zucht zur Arterhaltung?

Viele Wildtierarten sind weltweit vom Aussterben bedroht. Deshalb ist die Arterhaltungszucht eines der meist verwendeten Argumente zur Rechtfertigung der Zootierhaltung. Erstaunlich ist vor diesem Hintergrund, dass sich die Zoos besonders um die Arterhaltungszucht von gewinnbringenden Publikumslieblingen bemühen: Delfine, Elefanten, Pandas und neuerdings auch Eisbären. Dabei scheuen die Zoos nicht einmal vor dem Ankauf von Wildfängen zurück, um eine Zuchtgruppe aufzubauen - mit mäßigen Erfolgen. Statistiken belegen, dass sich 60,9 Prozent der Vögel, 41,3 Prozent der Säugetiere und sogar 100 Prozent der Reptilien nur schwer bis gar nicht in Gefangenschaft züchten lassen. So wollten sich beispielsweise die beiden Pandas im Berliner Zoo partout nicht vermehren, selbst künstliche Befruchtung führte nicht zum gewünschten Ergebnis. Und auch bei den Delfinen sterben die meisten nachgezüchteten Delfinbabys, kaum dass sie geboren sind. Bei den Elefanten gibt es in den letzten Jahren erste Nachzuchterfolge, wenn auch nicht die gewünschten. So kommen zu viele Bullen zur Welt, von denen aber ein Zoo im Schnitt nur einen halten kann. Dann stellt sich die Frage, wohin mit den anderen? Eine Frage, die sich auch bei jenen Tierarten stellt, die sich 'zu gut' vermehren. Im besten Fall werden sie aus ihrem sozialen Umfeld gerissen und an einen anderen Zoo abgegeben. Ansonsten landen sie bei einem Tierhändler, einem Wanderzirkus oder werden getötet.

Während Jungtiere wenig begehrter Arten, wenn sie von ihrer Mutter nicht angenommen werden, häufig die Todesspritze erhalten, wird bei Publikumsmagneten alles daran gesetzt, das Jungtier am Leben zu erhalten. Menschliche Ersatzeltern päppeln sie liebevoll und medienwirksam auf, berichten der Öffentlichkeit über die ersten tapsigen Schritte, den ersten Zahn und schließlich die erste Nacht alleine im Käfig - eine Umgebung, in der sie den Rest ihres Lebens verbringen, denn ausgewildert werden diese Tiere sicher niemals. Und wie ihre Kinder, Enkel oder Urenkel in freier Wildbahn überleben sollen, ist ebenso unklar. Tiere passen sich ihren speziellen Habitaten an, entwickeln und vererben Traditionen, die ihnen dort das Überleben ermöglichen. In der Generationen überdauernden Gefangenschaft geht dieses Wissen verloren. Es beginnt ein Prozess der Domestikation und der Degeneration. So sind von den 418 bedrohten Arten der Zuchtprogramme auch nur 19 für die Auswilderung vorgesehen.


Artgerechte Haltung?

Ein Elefant, an Vorder- und Hinterbein angekettet, ein Delfin, der durch einen Reifen springt, ein Seelöwe, der einen Ball balanciert - artgerecht? Kacheln, Gitter, Gräben, Panzerglas - artgerecht? Einiges hat sich seit Gründung der bürgerlichen Zoos im 19. Jahrhundert geändert. Viele Käfige und Gehege sind größer geworden, künstliche Strukturen und Maßnahmen zur 'Anreicherung' der Käfige und Gehege sowie zur Beschäftigung sollen die Gefangenschaft erträglicher machen. Doch es bleibt lebenslange Gefangenschaft. Jede Bewegung endet nach wenigen Metern an der immer gleichen Grenze. Vor allem ist es ein fremdbestimmtes Leben. Lebensraum, Tagesrhythmus, Tagesablauf, Futter, Fütterungszeit, Zusammensetzung der Gruppe, Partnerwahl, Paarungszeit, alles wird vom Menschen bestimmt.

Stahlstangen und Seile können einem Schimpansen keinen Baum ersetzen, ein Stück Fleisch, das an einem Stahlseil durchs Gehege gezogen wird, einem Raubtier nicht die Jagd. Und so sieht man sie auch heute noch, die Zootiere, die wahnsinnig geworden sind, die Stunde um Stunde im immer gleichen Kreis schreiten, den Kopf unaufhörlich hin und her weben.

Andere setzen sich zur Wehr. Elefanten werden auch heute noch in vielen Zoos im direkten Kontakt zu ihren Pflegern gehalten. Dabei, so zeigen neueste Untersuchungen, akzeptieren sie keineswegs den Menschen als ranghöheres Herdenmitglied. Vielmehr gehorchen sie, weil sie gelernt haben, dass Ungehorsam schmerzhaft bestraft wird. Immer wieder kommt es jedoch vor, dass ein Elefant sich gegen seinen Pfleger wehrt - mit tödlichem Ausgang. In den letzten 15 Jahren starben 23 Elefantenpfleger in Zoos und Safariparks durch Angriffe von Elefanten, 30 wurden zum Teil schwer verletzt.


Bildung und Aufklärung?

Bei einer 1992 im Kölner Zoo durchgeführten Umfrage gaben 63 Prozent der Befragten an, ihnen sei bewusst, dass man im Zoo viel über Tiere lernen kann. Jedoch waren lediglich 8,3 Prozent der Besucher mit der Absicht gekommen, dies zu tun. Wer einen Zoo besucht, merkt, dass diese Zahl stimmt. Mit Inbrunst erzählen Eltern ihren Kindern, dass die Elefanten aus Afrika kommen, während sie vor einer Herde aus Asien stehen. Begeistert wird ein Panda bestaunt, der in Wirklichkeit ein Kragenbär ist. Von Vorteil ist die Unwissenheit der Besucher für die Zoos, wenn die Eltern ihren Kindern angesichts eines verhaltensgestört webenden Elefanten erklären, dieser würde vor Freude tanzen. Denn nach eigenen Angaben sehen die zoologischen Gärten eine ihrer selbst gestellten Aufgaben darin, Kinder für die Liebe zu Tieren zu sensibilisieren. Nur was man kennt, kann man schützen, heißt es oftmals. Falsch! Millionen Menschen spenden für hungernde Kinder, ohne jemals eines getroffen zu haben, engagieren sich gegen die Abholzung des Regenwaldes, ohne ihn jemals betreten zu haben und helfen den Opfern von Naturkatastrophen, ohne diese miterlebt zu haben. Es braucht keine gefangenen Tiere in Käfigen, um Menschen für den Tierschutz zu sensibilisieren. Ganz im Gegenteil - Zoos tragen dazu bei, Kindern und Jugendlichen ein höchst tierfeindliches Weltbild zu vermitteln. Lernen sie doch bei einem Besuch im Zoo, dass es normal ist, Wildtiere zur Unterhaltung des Menschen einzusperren. Welche Folgen dies hat, zeigt sich schon vor Ort. Da wird laut geschrieen, gegen Scheiben geklopft und sogar mit Steinen geschmissen, wenn die Tiere faul in der Ecke liegen und schlafen.


Wissenschaftliche Lehre und Forschung?

Gerade die wissenschaftlich geführten zoologischen Gärten geben an, intensiv zu forschen. Doch welche Erkenntnisse bringt die Forschung an Wildtieren in Gefangenschaft? Erkenntnisse über Wildtiere in Gefangenschaft - darüber, wie die Haltung verbessert werden, die Nachzucht kontrolliert oder eine künstliche Befruchtung durchgeführt werden kann. Wissenschaftliche Erkenntnisse, die zur Verbesserung der Zootierhaltung führen, aber ohne deren Existenz nicht nötig wären. Und so verrät die Präsentation gefangener Wildtiere im Zoo mehr über die Gesellschaft, die diese Zoos konstruiert, als über die Tiere, die in ihnen eingeschlossen sind.


Konzepte für die Zukunft

Bei näherem Hinsehen bleibt von den Argumenten der Zoobefürworter nicht viel übrig, Grund genug, um die Existenzberechtigung von Zoos in Frage zu stellen und Konzepte für die Zukunft zu entwickeln ...


Daten und Fakten

Weltweit gibt es etwa 10.000 Tierparks
Etwa 10 Millionen Tiere müssen weltweit ihre Dasein in Zoos, Safariparks und Tiergehegen fristen.
Das Einkommen aller weltweit existierenden Zoos wird auf 4 bis 6 Milliarden Dollar geschätzt.
Etwa 700 Zoos, Tierparks, und Safariparks gibt es derzeit in Deutschland, die weit über 100.000 Tiere halten.
Die großen wissenschaftlich geführten Zoos in Deutschland (z.B. in Berlin, Duisburg, Hamburg München) halte n jeweils 1500 bis 2000 Wirbeltiere.

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'Adäquat zu menschlichen Babys'

Ende Juni nahm die Kinderintensivstation der Universitätsklinik in Münster eine ungewöhnliche Patientin auf: 'Mary Zwo', ein sechs Wochen altes Gorillababy aus dem Münsteraner Allwetterzoo. Nach Angaben des Zoos hatte die Mutter ihr Junges vernachlässigt. Nach einem Tag im Krankenhaus wurde Mary Zwo wieder in den Allwetterzoo gebracht und dann in einem Kindersitz in den Stuttgarter Zoo 'Wilhelma' gefahren. Dort soll das Gorillababy mit mehreren anderen Gorillakindern aufwachsen. Auf die Frage, warum Mary Zwo in einer Kinderklinik behandelt worden sei, sagte Jörg Adler, Direktor des Allwetterzoos: 'Babys von Menschenaffen sind adäquat zu menschlichen Babys.'


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Quelle:
tierrechte - Nr. 41/August 2007, S. 4-7
Infodienst der Menschen für Tierrechte -
Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.
Roermonder Straße 4a, 52072 Aachen
Telefon: 0241/15 72 14, Fax: 0241/15 56 42
E-Mail: info@tierrechte.de
Internet: www.tierrechte.de

tierrechte erscheint viermal jährlich.
Der Verkaufspreis ist im Mitgliedsbeitrag enthalten.


veröffentlicht im Schattenblick zum 4. September 2007