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FRAGEN/009: Interview mit der deutschen Journalistin und Autorin Tanja Busse (PROVIEH)


PROVIEH MAGAZIN - Ausgabe 1/2015
Magazin des Vereins gegen tierquälerische Massentierhaltung e.V.

Interview mit der deutschen Journalistin und Autorin Tanja Busse

Das Interview führte Christina Petersen


Dr. Tanja Busse kritisiert in ihrem neuen Buch "Die Wegwerfkuh" die Hochleistungslandwirtschaft. Sie studierte Journalistik und Philosophie in Dortmund, Bochum und Pisa und promovierte 2000 zum Dr. phil. Seit 1992 arbeitet sie beim Westdeutschen Rundfunk in Köln als Autorin, Redakteurin und Moderatorin.


Petersen: Frau Busse, mit ihren vielgelesenen Büchern "Die Einkaufsrevolution" und "Die Ernährungsdiktatur" wurden Sie bekannt. Nun erscheint Ihr neues Werk "Die Wegwerfkuh". Was hat Sie dazu bewogen, dieses neue Buch zu schreiben?

Busse: Ich habe im Herbst 2013 eine Veranstaltung des Bündnisses "Agrarzukunft Hessen" moderiert. Dort referierte Thomas Griese, der Staatssekretär aus dem grün regierten Landwirtschaftsministerium von Rheinland-Pfalz. Er sagte: "Die moderne Landwirtschaft ist eine Verschwendungslandwirtschaft. Die durchschnittliche Nutzungsdauer einer Milchkuh liegt bei wenig mehr als zwei Laktationen." Das ist doch ungeheuerlich! Die jungen Kühe werden zwei Jahre lang großgezogen und schon nach zwei bis drei Jahren im Melkstand zum Schlachter gebracht? Lange vor ihrem biologischen Leistungshöhepunkt? Wie kann eine Landwirtschaft, die sich selbst als effizient bezeichnet, so ineffizient mit Tieren umgehen? Diesem Widerspruch wollte ich auf den Grund gehen.


Petersen: Was sind die zentralen Themen? Was wollen Sie mit dem Buch erreichen?

Busse: Zentrales Thema ist der "Hochleistungssport Milchproduktion". Die Jagd nach Rekordmengen, die zum Burnout und frühen Tod sehr vieler Milchkühe führt und die extreme Spezialisierung auf Einnutzungsrassen, die dazu führt, dass Bullenkälber von Milchkühen kaum noch etwas wert sind. In Australien werden diese Kälber wenige Tage nach der Geburt geschlachtet oder sogar erschlagen - ganz legal. So wie die Brüder der Legehennen bei uns. Nutzlose Kälber einfach zu töten ist bei uns zum Glück verboten, doch die Sterblichkeit dieser Kälber ist erschreckend hoch. Es lohnt sich für Landwirte nicht, den Tierarzt zu rufen, wenn das Kalb zum Beispiel ohnehin nur zwanzig Euro bringt. Das Buch handelt aber auch von dem enormen Druck, unter dem die Landwirte stehen: Sie müssen für neue Ställe teils bis zu einer Million Euro investieren - wenn sie dann Zweifel an ihrer Produktionsweise bekommen, können sie da nicht mehr raus.

Ich hoffe, dass mein Buch eine Debatte unter den Konsumenten, aber vor allem auch unter den Landwirtinnen und Landwirten auslöst, ob die moderne Landwirtschaft wirklich so effizient ist, wie sie behauptet. Ob die Massenproduktion zu Weltmarktpreisen wirklich ökonomisch sinnvoll ist. Ich wünsche mir, dass die Landwirte darüber nachdenken, was Fortschritt heißen könnte: Mit immer größeren Krediten und immer teurerer Technik immer mehr zu produzieren - oder ob Fortschritt auch "besser" heißen könnte statt "mehr".


Petersen: Viele Landwirte sind nicht mehr Herr auf ihrem eigenen Hof. Sie verschulden sich oder sind abhängig von großen Konzernen - wie kommt das?

Busse: Die meisten sehen keine anderen Möglichkeiten, als das zu machen, was ihnen die Berater empfehlen und die Kollegen vormachen. Neue Formen der Wirtschaft, solidarische Landwirtschaft zum Beispiel, wird in der Fachpresse so gut wie nicht diskutiert, allenfalls belächelt. Dabei wäre genau das eine Möglichkeit, so viele Probleme auf einen Schlag zu lösen: Zu ihnen gehören die Isolierung der Landwirte, die Unkenntnis der Städter, die Abhängigkeit von Banken und extrem unbeständige Weltmarkpreise.


Petersen: Das heutige Wirtschaftssystem ist nicht nachhaltig. Wie müsste es in Zukunft aussehen?

Busse: Bäuerinnen und Bauern haben Recht, wenn sie sagen: "Immer hacken alle auf uns herum, ohne es selbst besser zu machen." Unser Wirtschaftssystem hat keinen überzeugenden Weg gefunden, Tierleid, Umweltschäden und die Ausbeutung von Menschen so zu berechnen, dass es ökonomisch wäre, nachhaltig zu wirtschaften. Im Gegenteil. Wir brauchen starke, einklagbare Gesetze, die verhindern, dass die Ökonomie unsere ethischen Standards unterläuft. Das geplante Freihandelsabkommen mit den USA, TTIP, gefährdet alle diese Versuche.

Und wir brauchen einen gesellschaftlichen Wandel, der alle mitnimmt. Vielleicht ist das eine Leitlinie: Mehr Glück, weniger Geld? Als die Milchbäuerin Silvia Rutschmann als Gewinnerin im Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau geehrt wurde, sagte sie: "Es macht mich glücklich, wenn ich sehe, wie morgens die Kälber zu ihren Müttern laufen und trinken." Dafür verzichtet sie auf viel Geld, denn was die Kälber saufen, das melkt sie weniger. Aber ihre Rechnung ist nicht, wie maximiere ich den Profit meines Hofes? Sondern: Wie will ich leben? Wie will ich meine Kühe halten? Zur gleichen Zeit müssen die Geflügelmäster mit dem Eimer durch ihre Ställe gehen und die toten Küken auflesen. Und das oft in einem Stall, für den sie sich lebenslang verschuldet haben, so dass sie gar nicht anders können als weiterzumachen, auch wenn die Preise unter die Produktionskosten fallen. Und auch, wenn es sie nicht glücklich macht.


Petersen: Die Agrarindustrie steht zunehmend in der Kritik, doch noch immer entsteht der Eindruck, dass viele Menschen nichts über die Zustände in den Massentierhaltungsanlagen wissen oder wissen wollen. Warum glauben Sie ist das so?

Busse: Wenn ich das wüsste! Wer jeden Morgen eine fette Anzeige für billiges Fleisch in der Zeitung sieht, der ändert vielleicht nicht nach einem kritischen Bericht seine eingefleischte Gewohnheit, dieses billige Fleisch zu kaufen. Ich denke, die meisten wissen schon, dass es den Tieren nicht gut geht. Nur fehlt manchen eben die Konsequenz oder das Mitgefühl oder schlicht das Geld, um anders einzukaufen.


Petersen: Liebe Frau Busse, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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Quelle:
PROVIEH MAGAZIN - Ausgabe 1/2015, Seite 34-36
Herausgeber: PROVIEH - Verein gegen
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veröffentlicht im Schattenblick zum 25. August 2015

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