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FRAGEN/013: Was bringt das Förderprogramm "Alternativmethoden zum Tierversuch"? (tierrechte)


tierrechte 3.16 - Nr. 76, August 2016
Menschen für Tierrechte - Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V

Was bringt das Förderprogramm 'Alternativmethoden zum Tierversuch'?

Interview mit Christina Brüning von Christiane Hohensee


Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert seit 1981 rund 530 Projekte für die Entwicklung von 3R-Methoden. Der Jahresetat beträgt pro Jahr fünf Millionen Euro. Wir sprachen mit Christina Brüning vom BMBF darüber, wie das Ministerium die Situation zur Erforschung tierversuchsfreier Verfahren beurteilt.


Tierrechte: Wie groß ist die Nachfrage von Wissenschaftlern nach dem Förderprogramm 'Alternativmethoden zum Tierversuch'?

Christina Brüning: Im Rahmen der Fördermaßnahme 'Alternativmethoden zum Tierversuch' erreichen uns durchschnittlich 50 Projektskizzen und Projektanträge pro Jahr. Etwa die Hälfte davon sind Anträge auf Verbundprojekte, an denen zwei oder mehr Partner aus verschiedenen Institutionen beteiligt sind. Außerdem gibt es ergänzende Fördermaßnahmen, die auf große Resonanz stoßen - aktuell sind dies zum Beispiel 'e:ToP - Innovative Toxikologie zur Reduzierung von Tierversuchen' und 'InnoSysTox - Innovative Systemtoxikologie als Alternative zum Tierversuch'.


Tierrechte: Wie hat sich die Zahl der gestellten Anträge über die Jahre entwickelt?

Christina Brüning: Die Zahl der Projektskizzen variiert von Jahr zu Jahr, ohne dass sich hier ein deutlicher Trend herauslesen lässt. Dieses Jahr wurden 82 Projektskizzen eingereicht, nachdem die Fördermaßnahme 'Alternativmethoden zum Tierversuch' im Dezember 2015 in einigen Punkten überarbeitet wurde.


Tierrechte: Wohin geht die Tendenz bei den 3R? Liegen 'Reduction', 'Refinement' oder 'Replace' bei der Förderung vorne?

Christina Brüning: Das BMBF fördert Projekte in allen Bereichen der 3R-Forschung. Die Verteilung hängt von der Zahl und Qualität der jeweils eingereichten Skizzen ab. In den vergangenen Jahren lag der Schwerpunkt auf Vorhaben, die auf 'Reduction' und 'Replacement' abzielen. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen technologische Fortschritte im Bereich der Zellkultur-basierten Methoden nutzen, um Tierversuche zu reduzieren oder zu ersetzen.


Tierrechte: Halten Sie das Förderprogramm für ein Erfolgsmodell im Hinblick auf das in der europäischen Tierversuchsrichtlinie formulierte Ziel, den Tierversuch letztendlich zu beenden?

Christina Brüning: Seit Einführung der Fördermaßnahme im Jahr 1981 hat der Bund rund 530 Projekte mit über 170 Millionen Euro unterstützt. Die geförderten Projekte decken ein breites Spektrum an Ersatzmethoden ab. Mithilfe dreidimensional wachsender Zellkulturen werden komplexe Strukturen wie Herzgewebe oder Blutgefäße im Labor nachgebaut. Forscherteams entwickeln Computermodelle, die physiologische Prozesse in Organen wie der Leber simulieren sollen. Das BMBF fördert auch die Entwicklung der 'Human-on-a-Chip-Technologie', bei der ganze Organsysteme in miniaturisierter Form auf Biochips nachgebildet werden. Durch die Förderung konnte in der Vergangenheit die Entwicklung innovativer Ansätze mit hoher 3R-Relevanz entscheidend vorangetrieben werden. Das Ziel, möglichst viele Tierversuche durch alternative Methoden zu ersetzen, bleibt aber ein ehrgeiziges. Es bedarf weiterer, kontinuierlicher Anstrengungen, um alternative Testmethoden zu entwickeln und in die Anwendung zu bringen. Das BMBF wird sich hier auch in Zukunft stark engagieren.


Tierrechte: Was müsste grundsätzlich passieren, damit mehr tierversuchsfreie Verfahren entwickelt werden?

Christina Brüning: Nicht zuletzt sind es wissenschaftliche und technologische Fortschritte, die die Entwicklung von tierversuchsfreien Verfahren möglich machen - Beispiele sind die immer bessere 3D-Rekonstruktion menschlicher Gewebe oder die 'Human-on-a-chip'-Technologie. Unsere Förderung ist ein starker und kontinuierlicher Antrieb für die Erforschung und Entwicklung innovativer, tierversuchsfreier Verfahren. Neue Methoden müssen aber nicht nur entwickelt, sondern auch bis zur Praxisreife optimiert werden. Darüber hinaus brauchen wir effizientere Verwertungs- und Verbreitungsstrategien, damit Alternativmethoden eine möglichst breite Anwendung finden. Auf diese Aspekte haben wir in der Novellierung der Fördermaßnahme besonderen Wert gelegt.


Tierrechte: Genehmigungsverfahren für neue Verfahren können bis zu 15 Jahren dauern. Wie könnten die Verfahren beschleunigt werden?

Christina Brüning: Die zeitnahe behördliche Anerkennung von entwickelten Alternativmethoden bleibt eine Herausforderung. Die Validierung und die Entwicklung von Prüfrichtlinien, die eine regulatorische Akzeptanz der Methode sicherstellen, sind arbeits-, zeit- und kostenintensiv. Wir unterstützen in unserem Förderschwerpunkt deshalb ausdrücklich auch solche Projekte, die zur Validierung von Alternativmethoden beitragen. Bei BMBF-geförderten Projekten zum Ersatz von behördlich vorgeschriebenen Tierversuchen achten wir außerdem darauf, dass zuständige Zulassungsbehörden möglichst frühzeitig einbezogen werden.

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Quelle:
tierrechte 3.16 - Nr. 76/August 2016, S. 10
Infodienst der Menschen für Tierrechte -
Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.
Roermonder Straße 4a, 52072 Aachen
Telefon: 0241/15 72 14, Fax: 0241/15 56 42
eMail: info@tierrechte.de
Internet: www.tierrechte.de
 
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veröffentlicht im Schattenblick zum 30. September 2016

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