Schattenblick → INFOPOOL → TIERE → TIERSCHUTZ


FRAGEN/020: Mensch-Tier-Verhältnis - Wir befinden uns am Scheidepunkt (tierrechte)


Magazin tierrechte - Ausgabe 2/2017
Menschen für Tierrechte - Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V

Wir befinden uns am Scheidepunkt

Interview mit Marcel Sebastian von Steffanie Richter


Der Hamburger Soziologe Marcel Sebastian promoviert zurzeit an der Universität Hamburg über den Umgang von Schlachthofarbeitern mit dem Töten von Tieren. Seine Forschungsinteressen liegen unter anderem in dem Bereich der Human-Animal-Studies. Er veröffentlichte zahlreiche Aufsätze zur Soziologie der Mensch-Tier-Beziehung. Er ist Mitglied des "Norbert Elias Center for Transformation Design and Research" an der Europa-Universität Flensburg und Mitbegründer der "Group for Society and Animals Studies" in Hamburg, der ersten sozialwissenschaftlichen Forschungsgruppe zum Mensch-Tier-Verhältnis in Deutschland.


Steffanie Richter: Wie kamen Sie auf die Idee, über die Situation der Arbeiter in Schlachthöfen zu promovieren?

Marcel Sebastian: Schlachthofarbeit ist in vieler Hinsicht ein interessantes soziologisches Forschungsfeld. Zum einen kulminiert hier unser ambivalentes Verhältnis zu Tieren. Im Schlachthof werden Tiere systematisch getötet, aber kaum ein Konsument möchte damit etwas zu tun haben. Das Töten wird externalisiert. Schlachter sind somit in einer besonderen Situation, die mich außerordentlich interessiert. Schlachthöfe ihrerseits sind sehr spezielle soziale Orte, deren innere Logik Außenstehenden meist verschlossen bleibt. Zum anderen ist der Schlachthof auch jenseits der Mensch-Tier-Beziehung relevant, denn wir haben es hier mit einer Tätigkeit zu tun, die sich vom relativ angesehenen Handwerksberuf zur prekären Industrieproduktion mit sehr schlechtem Ruf verwandelt hat und die zunehmend von Menschen ausgeübt wird, die ohnehin schon gesellschaftlich stigmatisiert sind.


Steffanie Richter: Vor Kurzem sprachen wir mit einer Veterinärin, die seit zehn Jahren in Schlachthöfen arbeitet. Sie litt sehr unter dem, was sie dort erlebte. Bereits 2013 haben Sie in einem wissenschaftlichen Aufsatz "Tierliebe im Schlachthof? Das Interesse am Wohl der Tiere als Verarbeitungsstrategie von Gewalt im Schlachthof" dieses Thema bearbeitet. Zu welchen Ergebnissen kamen Sie in Ihrer Studie?

Marcel Sebastian: Dass Schlachter sich viel mit der Frage des tierschutzgerechten Schlachtens beschäftigen, scheint zunächst vielleicht kontraintuitiv - immerhin kommen die Tiere in den Schlachthof, um durch die Schlachter getötet zu werden. Tatsächlich gehört die Definition dessen, was als gutes, vernünftiges, respektvolles Schlachten empfunden wird, für viele Schlachter wesentlich zu ihrer Arbeit. Hierin verbirgt sich weniger eine konkret-praktische Form des Schlachtens, als vielmehr eine innere Haltung zum Tier und zur Arbeit selbst. Tierwohlorientierung wird dadurch in die professionelle Identität der Schlachter eingebaut. Sie dient als Ressource des Umgangs mit Kritik von außen oder Zweifeln und Unbehagen von innen. Die Frage ist dann nicht mehr kategorisch, ob man schlachten darf, sondern graduell, wie das Schlachten auszusehen hat.


Steffanie Richter: Erfreulicherweise ist das "Mensch-Tier-Verhältnis" im wissenschaftlichen Diskurs mittlerweile kein Randthema mehr. Aber was bringt den Tieren das wachsende akademische Interesse?

Marcel Sebastian: Um diese Frage zu beantworten, müsste zunächst definiert werden, welche Veränderung Tiere konkret brauchen und auf welchem Weg diese zu erreichen wäre. Die Rolle der Wissenschaft für sozialen Wandel hängt also von dessen Bedingungen ab. Dass die Mensch-Tier-Beziehung zunehmend als relevantes, wissenschaftliches Forschungsfeld anerkannt wird, trägt aber sicherlich zu einer breiter getragenen Diskussion über unser Verhältnis zu Tieren bei. Soziale Bewegungen können oft davon profitieren, wenn sie auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse zurückgreifen können. Gerade die Soziologie kann dabei helfen, jene Gesellschaft besser zu verstehen, die im Sinne der Tiere verändert werden soll. Es kommt darauf an, inwiefern und unter welchen Bedingungen Wissenschaft und soziale Bewegung in den Dialog treten können, ohne ihre jeweilige Eigenständigkeit zu verlieren.


Steffanie Richter: Könnten Sie sich vorstellen, eine derartige Untersuchung auch für den Bereich Tierversuche zu machen?

Marcel Sebastian: Mit meiner Forschung zur Schlachthofarbeit betrete ich wissenschaftliches Neuland. International ist das Feld kaum erforscht, in Deutschland bin ich der erste, der die subjektiven Sichtweisen von Schlachtern auf ihre Arbeit systematisch analysiert. In einem zweiten Schritt wäre es natürlich hochinteressant, diese Ergebnisse mit anderen Bereichen zu vergleichen, in denen Tiere mit einer gewissen Routine getötet werden. Zum Beispiel in Bezug auf die unterschiedlichen Vorstellungen, welchen gesellschaftlichen und kulturellen Sinn die eigene Arbeit hat.


Steffanie Richter: Unserem Verband liegt ein aktuelles psychiatrisches Gutachten vor, das belegt, dass Gewalt gegen Tiere Kinder traumatisiert. Wie beurteilen Sie diese Erkenntnisse?

Marcel Sebastian: Sicherlich hat die Tatsache, dass Tiere verletzbare Körper haben und uns als handelnde Subjekte gegenübertreten, einen immensen Einfluss auf unsere Wahrnehmung von ihnen. Gerade Kinder sehen in der Gewaltanwendung gegen Tiere oft etwas Unbegreifliches, denn das Tier ist uns in wesentlichen Aspekten sehr ähnlich - es kann verletzt werden, leiden und sterben. Ob das Bezeugen von Gewalthandlungen an Tieren aber tatsächlich traumatisierend wirkt, hängt unter anderem davon ab, wie das Geschehene kulturell und durch die signifikanten Bezugspersonen der Kinder gerahmt und erklärt wird. Einige Menschen, etwa aus tierhaltenden, bäuerlichen Familien, wurden schon sehr früh daran gewöhnt, dass Tiere getötet werden. Einer Traumatisierung wird in diesen Fällen unter anderem durch die Übernahme eines anthropozentrischen Deutungsrahmens bereits als Kind vorgebeugt. Hieran wird deutlich, wie stark unser Verhältnis zu Tieren das Resultat individueller, sozialer und kultureller Aushandlungsprozesse ist.


Steffanie Richter: Es ist mittlerweile 14 Jahre her, dass der Tierschutz zum Staatsziel erhoben wurde. Wir sind der Meinung, dass die Bilanz in Anbetracht der ungehemmten Ausbeutung der Tiere desaströs ist. Wie sehen Sie das?

Marcel Sebastian: Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man die Entwicklung betrachtet. Sozialer Wandel vollzieht sich in aller Regel sukzessive und muss sich gegen konfligierende Interessen durchsetzen. Die Anerkennung des Tierschutzes als Verfassungsziel könnte folgenreich sein, wenn auch das Tierschutzgesetz die im Verfassungsrang angelegte Würdigung des sozialen Status der Tiere widerspiegeln würde. Dies ist bisher jedoch nicht der Fall. Aus der Perspektive der Nutztiere ist das bestehende Tierschutzgesetz in keiner Weise Garant für den Schutz ihrer körperlichen Integrität. Die Einschränkung, dass die Tötung von Tieren nur aus vernünftigen Gründen legal ist, führt dazu, dass der Tierschutz mit anderen Systemen gesellschaftlicher Rationalität konkurrieren muss. Solange die wirtschaftliche Tötung von Tieren als ein vernünftiger Grund gilt, bleibt dem Tierschutzgesetz nur, die konkreten Lebens-, Transport- und Sterbensbedingungen partiell zu verbessern, ohne dass es das grundlegende Paradigma der Legitimität der Tiernutzung in Frage stellen kann.


Steffanie Richter: Wie schätzen Sie die künftigen Entwicklungen im Mensch-Tier-Verhältnis ein? Werden wir in zehn Jahren die Frage "Wie gehen wir mit Tieren um?" anders beantworten als heute?

Marcel Sebastian: Sicherlich werden wir sie anders beantworten. In welcher Art ist jedoch kaum vorauszusehen. Zweifelsohne befinden wir uns an einem Scheidepunkt: Wir haben die Möglichkeit, die gegenwärtige gesellschaftliche Dynamik der Mensch-Tier-Beziehung dafür zu nutzen, diese unter anderen Paradigmen neu zu konfigurieren. Wir können uns entscheiden, ob wir Tiere vornehmlich als objekthafte Mittel unserer Zwecke behandeln oder als subjekthafte Lebewesen, mit denen wir auf Grundlage gesellschaftlich abgesicherter Regelsysteme respektvoll interagieren. Derzeit ist vor allem eine Tendenz wahrzunehmen, dass beide Deutungsmuster sich weiter intensivieren und voraussichtlich weiter weltweit in den Konflikt treten. Es liegt an uns, diesen Konflikt engagiert und konstruktiv auszutragen.

*

Quelle:
Magazin tierrechte - Ausgabe 2/2017, S. 14-15
Menschen für Tierrechte
Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.
Mühlenstr. 7a, 40699 Erkrath
Telefon: 0211 / 22 08 56 48, Fax. 0211 / 22 08 56 49
E-Mail: info@tierrechte.de
Internet: www.tierrechte.de
 
tierrechte erscheint viermal jährlich.
Der Verkaufspreis ist im Mitgliedsbeitrag enthalten.


veröffentlicht im Schattenblick zum 2. November 2017

Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang