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TIERVERSUCH/445: Alternativen zu Tierversuchen - Weltkongreß in Rom (tierrechte)


tierrechte Nr. 50, Dezember 2009
Menschen für Tierrechte - Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.

Alternativen zu Tierversuchen - Weltkongress in Rom

Von Dimitrij Leporskij


Vom 30. August bis zum 3. September fand in Rom der VII. Weltkongress für Alternativen zu Tierversuchen statt. Zuvor trafen sich Vertreter von InterNICHE, dem Internationalen Netzwerk für Humane Erziehung - also der Organisation, die sich für die Einführung tierverbrauchsfreier Lehrmethoden in der universitären Ausbildung einsetzt. [1] An beiden Veranstaltungen nahm Dimitrij Leporskij teil, Biologe und Kontaktmann des Bundesverbandes in der Ukraine für das Projekt "Computer statt Tiere". [2] Der Bundesverband unterstützte Dimitrijs Teilnahme in Rom finanziell, um ihm die Gelegenheit zu geben, über die erfolgreiche Umsetzung des Ukraine-Projektes auf dem Weltkongress zu sprechen. Hier ist sein Mut machender Bericht.


Mit der Teilnahme am InterNICHE-Treffen begann mein Aufenthalt in Rom. Zu diesem Treffen waren 17 Menschen aus 13 Ländern in die Hauptstadt Italiens gekommen, darunter aus Tschechien, Israel, Russland und sogar aus Mexiko und Kenia. Was verbindet diese Menschen? Ohne Zweifel sind es Respekt vor den Tieren und die Liebe zu ihnen. Sie alle waren gekommen, um sich über ihre Erfahrungen im Einsatz für die Tiere auszutauschen und um voneinander zu lernen. Auf dem Treffen diskutierten wir viele Fragen, insbesondere über die Entwicklung alternativer Verfahren zum Tierverbrauch in der Ausbildung sowie die unterschiedlichen rechtlichen Regelungen in den einzelnen Ländern. Vor allem aber bereiteten wir die Multimedia-Ausstellung von InterNICHE auf dem Weltkongress für Alternativen zu Tierversuchen vor, der am 30. August begann. Mehr als 100 Alternativen zum Ersatz von Tierversuchen und "Übungen" an Tieren oder Teilen von ihnen, waren extra zum Kongress nach Rom gebracht worden - darunter Computerprogramme, Plastikmodelle, Videos und Equipment für Selbstversuche.

Vor dem Beginn des Kongresses war ich aufgeregt. Die Teilnahme an dieser Veranstaltung war für mich eine wunderbare Gelegenheit, gleichgesinnte Menschen zu treffen und kennenzulernen - mit fast 1 000 Teilnehmern war der Kongress sehr gut besucht. Die Zusammenarbeit mit den anderen InterNICHE-Vertretern klappte ohne Probleme. Wir beschrieben den anwesenden Wissenschaftlern und Hochschullehrern in den verschiedensten Sprachen die Vorteile einer Ausbildung ohne Tierverbrauch. Ich muss zugeben, dass ich recht stolz war, von unserem Erfolg in der Ukraine zu berichten. Dort verzichten bereits neun Universitäten (mit insgesamt elf naturwissenschaftlichen und medizinischen Fachbereichen) auf die grausamen Tierexperimente und retten durch die humanen Ausbildungsmethoden jährlich mehr als 5 000 Tiere. Auch der Bundesverband hat mit seinem Projekt "Computer statt Tiere" und mit der Hilfe vieler Spender zu diesem Erfolg beigetragen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Auf dem Kongress bestand auch die Möglichkeit, einige Alternativen direkt auszuprobieren. So war Dr. Ramasamy Raveendran extra aus Indien gekommen, um das einzigartige pharmakologische "ExPharm-Computerprogramm" zu demonstrieren. Durch dieses Programm konnten in Indien bereits Tausende Kaninchen, Ratten und Frösche in der Ausbildung gerettet werden. Dieses Programm ist auch in vielen ehemaligen Sowjetrepubliken, darunter auch die Ukraine, verbreitet.

Interessante Gäste waren auch die Vertreter von NORINA, der Norwegischen Datenbank für Alternativen. InterNICHE betreibt ebenfalls eine Datenbank, die einen bequemen Zugang zu den verfügbaren Alternativen für die Ausbildung mit Kosten und Adressen der Entwickler bietet. Derzeit wird diese Datenbank aktualisiert und soll - was besonders wichtig ist - demnächst online in verschiedenen Sprachen zugänglich sein.

Auch die "Designer" und Entwickler von Tierorganen und Tiermodellen, z. B. einer Ratte oder eines Hundes, waren auf dem Kongress und der Ausstellung vertreten. Diese Modelle haben für die Ausbildung viele Vorteile - doch aus meiner Sicht auch einen erheblichen Nachteil, nämlich die hohen Kosten. Ich befürchte, dass viele Entwickler solcher Modelle weniger eine tierverbrauchsfreie Ausbildung im Sinn haben als vielmehr ihren eigenen wirtschaftlichen Nutzen. Möglicherweise können sich Universitäten in den westlichen Staaten Modelle für einige Hundert oder sogar Tausend Euro leisten; für die früheren Sowjetrepubliken ist dies unmöglich. Eine meiner künftigen Aufgaben in der Ukraine sehe ich daher darin, dass unsere Hochschullehrer ihre eigenen Alternativen entwickeln und in die Praxis umsetzen.

Ein erster Schritt in diese Richtung ist bereits erfolgt: Mit der Unterstützung des Bundesverbandes haben Hochschullehrer in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, ein Buch und eine DVD mit Alternativen zu Experimenten mit Fröschen und Ratten entwickelt. An der Nationaluniversität in unserer Hauptstadt Kiew entwickelt ein Hochschullehrer alternative Methoden, mit denen Tiermedizin-Studenten das Nähen und Spritzen geben üben können. Und an der Universität in Sumy, im Nordosten der Ukraine, werden häufig Pflanzen statt Tiere verwendet, um physiologische Funktionen zu studieren.

Als ich Rom verließ, dachte ich über die wertvollen Erfahrungen nach, die ich dort machen konnte, und über die anstehende Arbeit und die Pläne für die Zukunft. In der Ukraine und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken steht die Präsentation eines Films mit Alternativen an, Bioethik-Kurse sollen in der Ausbildung verankert und ein Alternativen-Verleih ins Leben gerufen werden. Gespräche mit dem ukrainischen Bildungsministerium zur Änderung der Lehrpläne sind geplant, weitere ukrainische Universitäten werden Vereinbarungen unterzeichnen und sich bereit erklären, auf Tierversuche in der Ausbildung zu verzichten und es wird einen Preis für die "Most Humane University of Ukraine" geben, also für die humanste ukrainische Universität - einen Bronzefrosch des russischen Künstlers Alexander Tsigal. Es gibt also viel zu tun - doch das freut mich mehr als es mich abschreckt, denn diese Arbeit dient letztlich den Tieren!


Anmerkungen

[1] Bei InterNICHE arbeiten Studierende und zum Teil auch Hochschullehrer aus vielen Ländern von Australien bis zur Ukraine mit. Für Deutschland ist SATIS, die dem Bundesverband angeschlossene Arbeitsgruppe gegen Tiermissbrauch im Studium, Ansprechpartner.

[2] Für das Projekt "Computer statt Tiere" finanzierten der Bundesverband und viele Spender mit insgesamt etwa 15 000 Euro seit 2007 die technische Ausrüstung zum Ersatz von Tierversuchen im Studium der Biologie und Tiermedizin an ukrainischen Hochschulen. Außerdem wurden tierverbrauchsfreie Lehrmaterialien erstellt und auf Russisch übersetzt, um sie auch in Russland anzuwenden und Tiere zu retten (sehen Sie dazu auch den Artikel zum Ukraine-Projekt in tierrechte 3.09). Jahr für Jahr werden so Tausende Tiere "eingespart".

Weitere Informationen:
www.ukraine.tierrechte.de


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Quelle:
tierrechte - Nr. 50/Dezember 2009, S. 16-17
Infodienst der Menschen für Tierrechte -
Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.
Roermonder Straße 4a, 52072 Aachen
Telefon: 0241/15 72 14, Fax: 0241/15 56 42
E-Mail: info@tierrechte.de
Internet: www.tierrechte.de

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veröffentlicht im Schattenblick zum 31. Dezember 2009