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FISCHE/065: Die Stör-Sender (Leibniz)


Leibniz-Journal - Das Magazin der Leibniz-Gemeinschaft 3/2014

Die Stör-Sender

Christoph Herbort-von Loeper



Früher bevölkerten Hunderttausende Störe Deutschlands Flüsse. Heute ist der urtümliche Knochenfisch hierzulande ausgestorben, aber ein Berliner Wissenschaftler will dem Artentod ein Schnippchen schlagen.

Autobahn A 20. Auf dem Rastplatz Brohmer Berge im mecklenburgischen Niemandsland steht ein blauer Transporter mit Berliner Kennzeichen, als von Westen ein zweiter Wagen auf den Rastplatz rollt. Ohne viele Worte zu verlieren, machen sich die Fahrer daran, große, prall gefüllte Plastiksäcke zu verladen. Sie arbeiten zügig, nach kaum zehn Minuten verlassen sie den Rastplatz in entgegengesetzte Richtungen. Eile ist geboten, denn die Sommersonne steht schon hoch am Himmel und heizt das Innere der Autos unaufhaltsam auf. Und auch wenn die konspirativ anmutende Übergabe den Verdacht nährt, hier sei heiße Ware ausgetauscht worden, ist das Gegenteil der Fall - die Ware darf nicht heiß werden: 22.000 jeweils etwa drei Zentimeter lange Ostseestöre (Acipenser oxyrinchus).


Mammutprojekt

Jörn Geßner, der Fahrer des blauen Transporters, hat sie hier von der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern übernommen. Seit dem Frühsommer hat diese die Fische in Born auf dem Darß aufgezogen. Die Eier stammten aus einem Kooperationsprojekt mit dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei am Berliner Müggelsee.

Seit 1996 widmet sich der promovierte Biologe hier einem wahren Mammutprojekt: der Wiedereinbürgerung des Störs in Nord- und Ostsee. Noch vor 150 Jahren gab es in Deutschlands Flüssen so viele der Fische, dass sich die Dienstboten an der Elbe ausbaten, nur zwei Mal pro Woche Stör essen zu müssen. Bis zu 10.000 Fische von mehr als 1,80 Metern Länge hätten die Störfischer an der Unterelbe damals pro Saison gefangen, berichtet Jörn Geßner. Dann verbaute ihnen der Mensch mit Wehren und Schleusen zunehmend die Wege in ihre Laichgründe und verdrängte den Stör so aus Deutschlands Gewässern. Heute gilt er in Deutschland als ausgestorben, obwohl Jörn Geßner und seine Kooperationspartner inzwischen Hundertausende Jungtiere ausgesetzt haben. Aber: Solange sich die Art in Deutschland nicht selbstständig vermehrt, gilt sie auch weiter als ausgestorben.

"Nur die zweibeinige Katastrophe war zu schnell, um sich anzupassen."
Jörn Geßner - Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei

Es ist ein gewaltiger Aufwand, den Wissenschaftler, Naturschutzverbände und Angler betreiben, um das zu ändern, denn Störe sind alles andere als frühreif: Die Weibchen brauchen 13 bis 16 Jahre, bis sie geschlechtsreif werden und überhaupt erst selbst eine Population aufbauen können.

Die Frage, ob sich der Aufwand lohnt, um eine Fischart wieder anzusiedeln, die nach 200 Millionen Jahren Evolution vielleicht mit Aussterben an der Reihe war, ist für Jörn Geßner klar beantwortet: "Es lohnt sich, jede einzelne Art zu schützen, denn in Deutschlands Gewässern kommen nur 35 Flussfischarten vor." Aber es gibt auch systemische Gründe, denn der bis über 60 Jahre alt werdende Fisch ist für den Biologen eine Flaggschiff-Art - so etwas wie ein "aquatischer Big Five", meint Geßner. Jede Aufwertung der Lebensräume des Störs schafft auch Raum für andere, weniger öffentlichkeitswirksame Arten, die für funktionierende Ökosysteme ebenfalls wichtig sind: die große Flussperlmuschel etwa, andere Wanderfische und zahllose Insektenarten. Außerdem sind Störe lebende Fossilien, die letzten Überlebenden einer ganzen Gruppe. "Hunderte Millionen Jahre haben sie allen Umweltveränderungen getrotzt", sagt Geßner, "nur die zweibeinige Katastrophe war zu schnell, um sich anzupassen."


Keine Müdigkeit vorschützen

Knapp 90 Kilometer steuert Geßner in Richtung Süden zur Blumberger Mühle. Im Informationszentrum des Naturschutzbunds Deutschland (NABU) im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin liefert Geßner etwa die Hälfte der Passagiere ab - rund 10.000 Fische - wo sie weiter gedeihen und nebenbei zusätzliche Aufmerksamkeit für das Störprojekt herstellen. Im Herbst, dann etwa zehn bis 15 Zentimeter groß, werden sie ihren Artgenossen in die Oder folgen.

Jörn Geßner und zwei Mitarbeiter der Fischzucht tragen sechs der Plastiksäcke in einen ehemaligen Stall. Dort stehen mehrere längliche Rinnen, durch die kontinuierlich frisches Flusswasser gepumpt wird. Vorsichtig schüttet Jörn Geßner die Fische aus den Säcken. "Da bewegt sich aber nicht viel!" sagt Nicole Schwenderling von der Blumberger Mühle mit skeptischem Blick. Tatsächlich, die Mehrzahl der kleinen Fische treibt regungslos in den Becken. Geßner aber bleibt ruhig und beginnt mit den Händen, das Wasser in der Wanne zu bewegen. "Du musst die kleinen Kerle in Bewegung halten", sagt er zu Schwenderling, "dann berappeln die sich schnell. Nur auf dem Rücken dürfen sie nicht liegen bleiben, sonst ersticken sie." Nach der hohen Sauerstoffsättigung in den Transportsäcken müssen sich die Fische erst wieder an den Normalzustand gewöhnen, aber schon fangen immer mehr Fische an, umher zu schwimmen, und in der Rinne entwickelt sich ein ausgewachsenes Gewusel.


Die letzten ihrer Art

Nachdem er den Jungstören auf die Flossen geholfen hat, fährt Geßner mit den restlichen Fischen in Richtung Oder. Der Grenzfluss zu Polen ist ein traditioneller Lebensraum des Störs. Von ehemals acht oder neun historisch belegten Laichplätzen sind vermutlich vier noch für die Fische nutzbar, wie Untersuchungen in den vergangenen Jahren ergeben haben. Die Fische benötigen einen kiesartigen Untergrund, in dessen Lücken die frisch geschlüpften Larven Unterschlupf finden. Allerdings habe sich die Wasserqualität in der Oder, anders als in vielen anderen Flüssen, in den vergangenen Jahren nur langsam verbessert, da polnische Großstädte wie Posen oder Breslau bis in die 1990er Jahre kaum über funktionierende Klärwerke verfügten.

Vermutlich haben sich die Störe in Deutschland zuletzt in den 1960er Jahren auf natürliche Weise vermehrt. Vereinzelt gingen Fischern noch bis in die 1990er Jahre Störe ins Netz. Legendär ist der "Bonner Kantinenstör". Dieser 142 Kilogramm schwere, 2,85 Meter lange Fisch wurde 1993 vor Helgoland gefangen und illegal auf dem Cuxhavener Fischmarkt verkauft. Ironischerweise landete er in der Kantine des Bundesinnenministeriums in Bonn. Ein Koch rettete immerhin noch Kopf und Haut des unter Naturschutz stehenden Tiers. Wissenschaftler des Zoologischen Forschungsmuseums Alexander Koenig in Bonn identifizierten ihn als etwa 42 Jahre al ten, reproduktionsfähigen Europäischen Stör (Acipenser sturio) und damit als einen der letzten Vertreter der zweiten ursprünglich in Deutschland beheimateten Störart. Sie besiedelte hauptsächlich die Nordsee und deren Zuflüsse und soll dort ebenfalls wieder heimisch werden.


Stör-Kinderstube

Der Transporter erreicht das kleine Fischerdorf Friedrichthal in der Nähe von Schwedt. Von ehemals zahlreichen Oderfischern ist hier allerdings nur noch einer übrig geblieben: Lutz Zimmermanns Familie betreibt die Fischerei in siebter Generation. Das Geschäft ist hart geworden, die Erträge sinken. Wo die Fischer früher zwei Tonnen Aal und mehr im Jahr fingen, kommen sie heute auf maximal 200 Kilo. Lutz Zimmermann ist so eine Art Stör-Kindergärtner. Auf seinem Ufergrundstück steht ein großer Container, in dem die Störe in Oderwasser aufwachsen. Dadurch sollen sie früh mit dem natürlichen Cocktail von Bakterien und anderen Erregern in Kontakt kommen, um für das Leben in freier Wildbahn gewappnet zu sein. Zudem prägt das Flusswasser die Tiere auf ihr Heimatrevier. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie zum Laichen zurückkehren. Mit der Stör-Aufzucht bessert Lutz Zimmermann sein Einkommen berufsnah auf. Mit viel Idealismus und Berufsehre ist er dabei. Wirtschaftlich wird ihm sein Engagement nichts mehr bringen, denn vor 2020 dürften nach Jörn Geßners Schätzungen kaum fortpflanzungsfähige Störe in die Oder zurückkehren.


Erfolgsfaktor Fischer

Für Jörn Geßner sind die Fischer ein entscheidender Faktor für den Erfolg des Wiederansiedlungsprogramms, indem sie Störe, die als Beifang ins Netz gehen, wieder freilassen und den Wissenschaftler markierte Tiere melden. "Bei der intensiven Befischung der Oder und ihres Mündungsgebietes hat vermutlich jeder junge Stör mindestens zwei Mal ein Netz gesehen, bevor er ins Meer hinauswandert", vermutet Geßner. "Wenn die Fischer nicht mitziehen, wird es schwierig."

"Ich säe heute, damit die nächsten Generationen ernten können."
Lutz Zimmermann - Oder-Fischer

Im Allgemeinen klappt die Zusammenarbeit gut: Etwa 1.700 Fangmeldungen hat Geßner bereits von Fischern erhalten. Die am weitesten entfernte kam aus dem Bottnischen Meerbusen, 1.200 Kilometer vom Aussetzort entfernt. Grundsätzlich hat Jörn Geßner keine Probleme mit einer wirtschaftlichen Nutzung des Störs: "Wenn der Bestand stabil ist und die Fischerei nachhaltig geschieht. Aber soweit sind wir wohl erst in 50 Jahren."

Lutz Zimmermann nimmt's gelassen. Er denkt ohnehin perspektivisch: "Ich sehe das wie beim Wald. Ich säe heute, damit die nächsten Generationen ernten können."


Beginn einer langen Reise

Jetzt ist es aber an der Zeit, die Saat auszubringen. Am Himmel ziehen Wolken auf und Jörn Geßner hat sein Regenzeug zu Hause gelassen. Rasch laden die Männer die verbliebenen Plastiksäcke in Zimmermanns schmalen Fischerkahn, der an einen Einbaum mit Außenbordmotor erinnert.

Geßner schiebt das Boot durch den Uferschlamm, während Lutz Zimmermann es von Bord aus mit einem langen Ruder abstößt. Etwa fünf Minuten dauert die Fahrt durch den Seitenarm der Oder im Mündungsbereich des Flüsschens Welse im Nationalpark Unteres Odertal. Hohes Schilf säumt die Ufer, ab und zu ragt ein umgestürzter Baum ins Wasser. Im Zielgebiet angekommen, schöpft Jörn Geßner die ersten Fische mit einem Messbecher aus den Plastiksäcken in einen Eimer und entlässt die Jungstöre behutsam in die Freiheit. "Die suchen sich jetzt ein schönes Plätzchen und bleiben über Herbst und Winter in der Gegend", erklärt er den erhofften weiteren Lebensweg seiner Schützlinge. Im nächsten Frühjahr brechen die Tiere in Richtung Meer auf und wachsen einige Jahre im küstennahen Brackwasser heran. Erst mit zunehmender Größe vertragen sie das Salzwasser im Meer. Mit etwa sieben Jahren gehen sie auf ihre lange Wanderschaft durch die Ostsee, über die die Wissenschaftler nur wenig wissen, denn viel mehr Informationen als die Fangmeldungen der Fischer haben sie bisher nicht. Dann dauert es nochmals mehrere Jahre, bis die Fische zur Eiablage in ihr angestammtes Heimatrevier zurückkehren.

Die Verluste sind immens. "Von tausend aus den Eiern geschlüpften Tieren erreicht nur eins das fortpflanzungsfähige Alter", vermutet Jörn Geßner. "Ein Weibchen legt zwar etwa 2,5 Millionen Eier, aber das nur alle drei bis vier Jahre." Man könne sich ja ausrechnen, wie viele Fische davon wiederkämen. Und so ist es eine Mischung aus Bangen und Hoffen, mit der Jörn Geßner die letzten Fische aus den Plastikbeuteln schüttelt: "Euch will ich erst in 15 Jahren wiedersehen."

Gesellschaft zur Rettung des Störs
www.sturgeon.de


Bildunterschriften der im Schattenblick nicht veröffentlichten Abbildungen der Originalpublikation:

  • Austausch auf der Autobahn. 22.000 Störe wechseln den Chauffeur.
  • Bei Stören denken viele Menschen als erstes an Kaviar, die gesalzenen Eier des Störs. Der spielt bei der Wiederansiedlung aber keine Rolle. Auch historisch ist das Sinnbild für Luxus-Delikatessen in Deutschland eine Modeerscheinung. Während der Stör in Deutschland ein klassischer Speisefisch war, über den schon Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert schrieb, wurde die Kaviarnutzung vermutlich erst 1848 von einem russischen Immigranten hierher gebracht.
  • Muntermacher: Jörn Geßner und Nicole Schwenderling bringen die Störe in der Blumberger Mühle wieder auf Trab. Fischer paradox: Lutz Zimmermann fährt Jungstöre raus auf die Oder, statt sie zu fangen.
  • Ein letzter prüfender Blick, bevor die Störe auf eigenen Flossen schwimmen müssen.

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Quelle:
Leibniz-Journal - Das Magazin der Leibniz-Gemeinschaft
Nr. 3/2014, Oktober 2014, Seite 30-34
Herausgeber: Präsident der Leibniz-Gemeinschaft
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veröffentlicht im Schattenblick zum 13. Januar 2015


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