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GEFAHR/016: Brandsatz Fukushima - Fragen an den schwarzen Staub ... (SB)


Von Mäusen und Menschen ...

Die japanische Regierung ignoriert geflissentlich den vielfachen Nachweis radioaktiven schwarzen Staubs in weiten Landesteilen

Grafische Darstellung der Strahlenausbreitung von Fukushima im gesamten Pazifischen Ozean, hinterlegt mit dem Symbol für Radioaktivität und der Überschrift: 'Noch 10 Jahre?' - Grafik: © 2013 by Schattenblick

Brandsatz Fukushima
Grafik: © 2013 by Schattenblick

Nicht lange nach der Serie an Explosionen im japanischen Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi im März 2011 wurde in der Präfektur Fukushima und darüber hinaus ein merkwürdiger schwarzer Staub entdeckt, der sich an vielen Stellen niedergelegt hatte. Am stärksten betroffen war offenbar die Evakuierungszone rund um den Atomkomplex, aber selbst in der Hauptstadt Tokio wurden noch jene schwarzen Partikel entdeckt, die sich als radioaktiv erwiesen.

Wurde zunächst nur gemutmaßt, wenngleich naheliegenderweise, daß der schwarze Staub aus den zerstörten Reaktoren des Akw Fukushima-Daiichi stammt, wurde dies später anhand von sowohl zivilgesellschaftlich in Auftrag gegebenen als auch institutionell-wissenschaftlichen Laboruntersuchungen bestätigt. Beispielsweise veröffentlichte in der vergangenen Woche eine japanische Forschergruppe im Wissenschaftsmagazin "Nature" die Ergebnisse der Untersuchung einiger Proben schwarzen Staubs, der einen Durchmesser von nur zwei Mikrometer besaß.

Eine Probe war am 20., 21. März 2011 aus einem Staubfilter in Tsukuba, 60 Kilometer nördlich von Tokio, entnommen worden, eine zweite Probe wurde acht Monate nach der Fukushima-Katastrophe von Zedernblättern eingesammelt. Das ist insofern bedeutsam, als daß bis heute eine Kontroverse zwischen lokalen Behörden und der Regierung über die Dekontamination von Wäldern in der Präfektur Fukushima besteht. Deren Einwohner wollen erreichen, daß die Wälder in der Präfektur vollständig dekontaminiert werden und nicht, wie die Regierung geplant hat, nur auf einer Breite von 20 Metern um die Siedlungen herum. Jener schwarze Staub und anderer radioaktiver Fallout stellen somit eine dauerhafte Gesundheitsgefahr dar.

Der Untersuchung zufolge besteht das Material hauptsächlich aus Silikatglas mit Spuren u.a. von Eisen, Zink, Rubidium, Kalium, Zinn und radioaktivem Cäsium. Alle Elemente seien gleichmäßig in den Proben verteilt, nur das Cäsium nehme von der Mitte her nach außen zu, wird berichtet. Die cäsiumhaltigen, glasartigen Partikel seien nicht so weit verbreitet wie jenes Cäsium, das über Niederschläge unter anderem in der Präfektur Fukushima verteilt wurde, vorzugsweise an Tonmineralien haftet und einen erheblichen Anteil an der radioaktiven Strahlung des Erdbodens hat, heißt es. Dafür sei jedoch ihre Strahlungsdichte enorm hoch. Für Menschen und Lebewesen sei es deshalb besonders problematisch, wenn solche Mikropartikel über die Atmung oder Nahrung inkorporiert werden, schreiben die Forscher und empfehlen, daß so schnell wie möglich weitere Forschungen an diesem Material durchgeführt werden. [1]

Die Mikropartikel gehen demnach auf die Explosionen in drei der vier havarierten Reaktoren des Akw Fukushima-Daiichi zurück; ihre Zusammensetzung läßt nach Ansicht der Forscher darauf schließen, daß sie unter extrem großer Hitzeentwicklung, bei der unter anderem der Beton des Akw geschmolzen ist, entstanden.

Bei Laboruntersuchungen, die vor einigen Jahren eine japanische Bürgergruppe ebenfalls an schwarzem Staub durchführen ließ, war festgestellt worden, daß es sich um die Hinterlassenschaft einer ausgetrockneten Blaualgenart handelte, die extrem hohe Strahlenwerte aufwies. Der schwarze Staub sei "nahezu allgegenwärtig" in Tokio, am Straßenrand, in Parkanlagen, an Böschungen, berichtete "Strahlentelex" bereits im Jahr 2012. Demnach seien pro Kilogramm bis zu 243.000 Becquerel Radiocäsium gemessen worden. [2]

Manchmal sind die Staubpartikel sehr viel größer als in den Proben der eingangs erwähnten Untersuchung. Sie können überall mit bloßem Auge gesehen werden, berichtete 2013 der Umweltjournalist Alexander Neureuter (heute: Alexander Tetsch) von seiner Reise nach Japan gegenüber dem Schattenblick. [3]

Der US-amerikanische Umweltingenieur Marco Kalofan hatte die Gelegenheit, eine Probe schwarzen Staubs aus Namie, das rund 20 Kilometer vom Akw Fukushima-Daiichi entfernt liegt, labortechnisch zu untersuchen. Er stellte fest, daß es sich um ein Gemisch unter anderem aus Radium-226 (ein Tochterisotop von Uran), Cäsium-134, Cäsium-137, Kobalt-60 handelt und seiner Einschätzung nach von verdampften Brennelementen stammt. [4]

Ob mit bloßem Auge nicht mehr sichtbar oder ob als deutliche Bedeckung von Straßenrändern, Bäumen, Böschungen, etc., ob rein mineralisch oder ob teilweise organisch, ein gemeinsames Merkmal des schwarzen Staubs welcher Ausprägung auch immer besteht in seiner hohen Radioaktivität und damit potentiellen Gefährlichkeit für Mensch und Umwelt.

Inzwischen besteht mehr als nur ein Anfangsverdacht, daß der schwarze Staub durch die schweren Explosionen, die sich in den Tagen nach Beginn der Nuklearkatastrophe (die bis heute nicht abgeklungen ist) ereigneten, oder auch durch den Brand im Brennelemente-Abklingbecken des Reaktors Nr. 4 freigesetzt wurden. Die japanische Regierung widmet dem schwarzen Staub jedoch keine besondere Aufmerksamkeit, obwohl sie doch theoretisch den Auftrag hat, Schaden von der Bevölkerung abzuwenden. Es besteht ein eklatantes Mißverhältnis zwischen dem, was aus medizinischer Sicht an Vor- und Nachsorgemaßnahmen für die Bevölkerung geboten wäre, und dem, was die Regierung tatsächlich zu ihrem Schutz unternimmt.

So kommt der Eindruck auf, daß große Teile Japans als Freiluftlabor für Menschenversuche dienen, wobei es weniger um die Frage geht, wieviel radioaktive Strahlung Menschen vertragen oder eben nicht, sondern inwiefern die gesellschaftliche Ordnung trotz jenes krassen Widerspruchs aufrechterhalten werden kann und Menschen, die von ihren natürlichen Instinkten her eigentlich fliehen würden, unter Kontrolle gehalten werden können.

Hier wäre sogar zu fragen, ob solch eine Verschleierungspolitik vielleicht als Vorbereitung auf Zeiten dient, in denen die Erde noch deutlicher als heute unter den Auswirkungen des Klimawandels und anderer umwälzender Ereignisse wie Hunger und Kriegen steht und viele Weltregionen eigentlich unbewohnbar werden.

Klimaforscher rechnen mit einer generellen Zunahme an Extremen. Im Tropengürtel könnten Zonen entstehen, die so heiß sind, daß sich dort selbst die hartgesottensten Wüstenbewohner nicht mehr aufhalten können. Durch den Anstieg des Meeresspiegels, vielleicht noch verstärkt durch Wirbelstürme wie Sandy im Jahr 2012 an der US-Ostküste, wird rund um den Globus den Bewohnerinnen und Bewohnern Dutzender Städte, die teils von über zehn Millionen Menschen bewohnt sind, sprichwörtlich der Boden unter den Füßen weggezogen. Und vergleichbar mit den sogenannten toten Zonen in den Weltmeeren, in denen extremer Sauerstoffmangel herrscht, könnten auch an Land solche anoxischen Gebiete auftreten, sollte sich die Atmosphärenzusammensetzung weiter verändern und noch chaotischer werden, als sie heute schon ist.

Was hat der Klimawandel mit dem schwarzen Staub zu tun? Die Verbindung ergibt sich aus dem rücksichtslosen Verhalten der japanischen Regierung, die eben nicht "nur" eine derart massive Strahlengefahr ignoriert, sondern diese durchaus erkennt und aktiv verschleiert, indem sie beispielsweise kein umfangreiches Untersuchungsprogramm auflegt, um mehr über den mysteriösen schwarzen Staub in Erfahrung zu bringen. Darüber gäbe es noch viel in Erfahrung zu bringen, denkt man allein an seine unterschiedliche Zusammensetzung und Größe.

Eben weil diese Mikropartikel nicht gleichmäßig über das Land verteilt sind, teilweise sogar mit dem Regen zusammenfließen und akkumulieren, sind die Präfektur Fukushima und angrenzende Regionen, die sich bis nach Tokio hinein ausdehnen, ein Flickenteppich an stark, weniger stark und unverstrahlten Flächen. Nur ein Schritt in die "falsche" Richtung kann zu einer starken Strahlenbelastung eines Menschen führen, wohingegen ein Schritt in die "richtige" Richtung davon entlastet. Diese Ungewißheit, die auch ein vor der Brust getragenes Strahlenmeßgerät nicht beheben kann, erzeugt auf jede und jeden einen starken Druck - eine Belastungsprobe, wie sie ähnlich auch auf Labormäuse ausgeübt wird, die eigens für die Untersuchung ganz bestimmter "Störungen" herangezüchtet werden.


Fußnoten:

[1] http://www.nature.com/articles/srep20548.pdf

[2] http://www.strahlentelex.de/Stx_12_612_S13.pdf

[3] http://schattenblick.de/infopool/umwelt/report/umri0060.html

[4] http://www.fukuleaks.org/web/?p=10688

10. Februar 2016


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