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BODEN/060: Zu viel Plastik im Boden (Naturschutz heute)


NATURSCHUTZ heute - Winter 2021
Mitgliedermagazin des Naturschutzbundes (NABU) e.V.

Zu viel Plastik im Boden

von Ann-Kathrin Marr


Plastikstrudel im Ozean, Tüten und Folien in Seen - solche Bilder sind inzwischen allgegenwärtig. Wie viel Kunststoffmüll im Boden steckt, ist dagegen kaum ein Thema.


Unsere Böden könnten noch stärker mit Plastik verschmutzt sein als unsere Meere, vermuten Wissenschaftler*innen. In welchem Maße sie belastet sind ist bisher wenig erforscht. Darum hat der NABU eine Studie in Auftrag gegeben, die erstmals Zahlen zur Plastikbelastung der landwirtschaftlich genutzten Böden in Deutschland nennt. Die Wissenschaftler*innen des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (UMSICHT) und des Ökopol-Instituts für Ökologie und Politik betrachten dabei die Flächen von Landwirtschaft und Gartenbau, inklusive Baumschulen. Sie stützen sich auf experimentelle Untersuchungen aus dem Ausland sowie auf Daten und Schätzungen zum Kunststoffverbrauch und den Eintragswegen hierzulande. "Insgesamt schätzen wir die Kunststoffemissionen in landwirtschaftliche Böden in Deutschland auf über 19.000 Tonnen pro Jahr", sagt Studienautor Jürgen Bertling vom Fraunhofer-Institut UMSICHT. Diese Menge entspricht ungefähr 1.500 großen Lastwagenladungen.

Verschiedene Quellen - Der Müll kommt aus unterschiedlichen Quellen - und längst nicht immer können Landwirt*innen die Verschmutzung ihrer Felder beeinflussen. Rund 5.800 Tonnen Plastik werden einfach auf die Flächen geweht. Die übrigen 13.256 Tonnen stammen aus landwirtschaftlichen Aktivitäten und gelangen absichtlich oder versehentlich auf die Felder, Beete und Wiesen.

Vor allem in Düngern steckt viel Kunststoff. Spitzenreiter ist Klärschlamm mit 8.385 Tonnen Plastik pro Jahr. Auch wenn die eingesetzte Menge hierzulande zurückgeht, landen die Reste aus Kläranlagen noch immer auf vielen Äckern - und damit auch winzige Kunststoffpartikel, sogenanntes Mikro- und Nanoplastik. Das kann zum Beispiel aus dem Abrieb von Reifen, Farbresten oder synthetischer Kleidung stammen. Eine weitere Quelle sind Flockungshilfsmittel aus Kunststoffen, die in Kläranlagen eingesetzt werden.

Auf jedem landwirtschaftlich genutzten Hektar landen pro Jahr durchschnittlich 1,1 Kilogramm Kunststoff.

Problem Klärschlamm - "Klärschlamm gehört nicht auf den Acker", sagt Katharina Istel, Referentin für Ressourcenpolitik beim NABU. Das habe die aktuelle Studie noch einmal bestätigt. Der NABU lehnt die Düngung mit Klärschlamm schon länger ab. Und das, obwohl es grundsätzlich sinnvoll wäre, solche Reststoffe wiederzuverwenden. Klärschlamm enthält viel Phosphor, ein wichtiger Pflanzennährstoff, der sonst etwa in Form von mineralischem Dünger zugesetzt wird. Doch in dem Schlamm stecken auch problematische Substanzen wie Schwermetalle, Rückstände aus Medikamenten - und eben Plastikpartikel. Darum wollen die Behörden das Düngen mit Klärschlamm bis zum Jahr 2032 stark einschränken. Dem NABU geht das nicht weit genug. "Wir fordern ein komplettes Verbot", so Istel. Sie erhofft sich davon auch einen Innovationsschub für Technologien zur Phosphorabscheidung aus Klärschlamm. Solche Verfahren werden bereits in einigen Anlagen erprobt. Der gewonnene Phosphatdünger lässt sich gut dosieren und in der Landwirtschaft einsetzen.

Komposte und Gärreste sind ebenfalls mit Plastik belastet. 1.235 Tonnen Kunststoffe landen pro Jahr mit diesen Düngemitteln auf landwirtschaftlichen Flächen, schätzen die Forscher*innen. Schuld daran sind nicht nur Tüten und Folien, die Verbraucher*innen irrtümlich in die Biotonne werfen. "Lebensmittelreste aus dem Handel gelangen teilweise mit Plastikverpackung in die Vergärungsanlagen", so Istel. Nicht immer werden die unerwünschten Stoffe herausgefiltert. Der NABU fordert daher, die Vergärung von verpackten Lebensmitteln generell zu verbieten. Auch strengere Grenzwerte und eine umfangreichere Kontrolle von Komposten könnten die Kunststoffbelastung der Böden verringern.

Umhüllter Dünger - Erhebliche Plastikmengen im Boden gehen auf das Konto sogenannter umhüllter Düngemittel. Sie dienen im Gartenbau sowie in Baumschulen als Langzeitdünger und werden auf privaten Rasenflächen eingesetzt. Dank einer Kunststoffumhüllung können die Nährstoffe zielgerichtet und über einen längeren Zeitraum hinweg abgegeben werden. Das ist ökologisch sinnvoll, weil weniger Dünger verbraucht wird. Der Nachteil: Auf diesem Weg gelangen jährlich 2.520 Tonnen Plastik in den Boden. "Die Alternative wären besser abbaubare Beschichtungen, an denen bereits geforscht wird", so Bertling.

Auf jedem landwirtschaftlich genutzten Hektar landen pro Jahr durchschnittlich 1,1 Kilogramm Kunststoff. Wie stark jede einzelne Fläche belastet ist, hängt von der Art ihrer Bewirtschaftung ab. Pflanzhilfen im Wein- und Gartenbau oder Folien, wie sie beispielsweise für Spargel verwendet werden, können überdurchschnittlich viel Plastikmüll in den Boden bringen. Wo kunststoffbasierte Bodenverbesserer eingesetzt werden, gelangt besonders viel Plastik in die Erde, nämlich 400 Kilogramm pro Hektar und Jahr. Die sogenannten Hydrogele sorgen dafür, dass der Boden mehr Wasser speichert, beispielsweise im Spargel- und Erdbeeranbau.

Folgen ungewiss - Wie sich Plastikpartikel und -fasern im Boden langfristig auswirken, ist noch weitgehend unklar. Einige Studien zeigen, dass Kunststoffe die Bodenstruktur verändern, chemische Prozesse beeinflussen können und in größeren Mengen auch Bodenlebewesen schädigen. Unabhängig vom Wissensstand über die konkreten Gefahren ist eines sicher: "Mikroplastik im Boden lässt sich in der Praxis nicht zurückholen", so Bertling. Daher ist schnelles Handeln gefragt.


Kunststoff-Emissionen in Landwirtschaft und Gartenbau (inkl. Baumschulen)

13.256 Tonnen pro Jahr in Deutschland

davon:

  • 8.385 t/a Klärschlamm
  • 1.235 t/a Komposte/Gärreste
  • 273 t/a Weitere Betriebsmittel z. B. Bewässerungssysteme, Pflanztöpfe, Pflanzhilfen*
  • 90 t/a Pflanzenschutzmittel
  • 2.520 t/a Umhüllte Düngemittel
  • 556 t/a Folien, Netze & Beschichtungen z.B. Spargelfolien, Silonetze, Garne*
  • 110 t/a Bodenverbesserer
  • 87 t/a Umhülltes Saatgut

Plus 5.800 Tonnen
Verwehung von Plastikabfall von außen

t/a = Tonnen pro Jahr

* im Gegensatz zu Dünger, Saatgut etc. werden diese Kunststoffe nicht immer direkt in die Böden eingetragen. gemeint sind z.B. durch Zerfall bei Nutzung oder Nachlässigkeit auf dem Feld verbleibende Kunststoffe sowie Emissionen durch mechanische Belastungen der Silobeschichtungen.

© 2021, NABU/publicgarden.Quelle: Fraunhofer UmSiCHT & Ökopol (2021): Kunststoffe in der Umwelt: Emissionen in landwirtschaftlich genutzte Böden, Studie im Auftrag des NABU (siehe Abbildung in der Originalpublikation, im Schattenblick nicht veröffentlicht)

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Quelle:
Naturschutz heute - Winter 2021, Seite 34-35
Verlag: Naturschutz heute, 10108 Berlin
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"Naturschutz heute" ist das Mitgliedermagazin
des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) e.V.
und erscheint vierteljährlich. Für Mitglieder
ist der Bezug im Jahresbeitrag enthalten.

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick zum 21. Mai 2022

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