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KLIMA/256: Nordpol könnte bereits 2040 eisfrei sein (SB)


Stärkerer Klimawandel in der Arktis als gedacht

Forscher passen ihre Prognosen neueren Entwicklungen an


Gegenwärtig überschlagen sich die düsteren Prognosen über die bevorstehende Klimaentwicklung. Ob Australien, Ostafrika oder die Arktis, die aktuellen Wetterextreme in diesen Regionen werden selbst von Wissenschaftlern, die stets großes Gewicht auf lange Meßreihen legen, bevor sie eine Interpretation der vorliegenden Daten wagen, als Folge der Erderwärmung angesehen. Die außergewöhnliche Häufung von Rekordtemperaturen seit ungefähr Mitte der neunziger Jahre hat inzwischen zu einer Kehrtwende in den Aussagen vieler Forscher geführt. Hatte es zuvor häufig geheißen, daß man von einem warmen Sommer noch nicht auf den Klimawandel schließen könne, so gilt es in der Zunft keineswegs mehr als sensationsheischend, einen warmen Sommer als Vorbote der künftig wärmeren und lebensfeindlicheren Erde zu deuten.

Vor einigen Wochen hatten europäische Wissenschaftler die Prognose abgegeben, daß die sommerliche Eisfläche im Nordpolarmeer ab dem Jahr 2080 verschwunden sein werde. Nun haben nordamerikanische Forscher ihre Kollegen überboten und erklärt, daß es dazu womöglich bereits im Sommer 2040 kommt. Lediglich einige kleinere Flächen an der nordgrönländischen Küste und in Kanada wiesen dann noch dauerhaft Eis auf, schrieben die Forscher vom National Center for Atmospheric Research (NCAR) in den USA und der kanadischen McGill-Universität.

Die moderne Klimaforschung arbeitet in der Regel mit mehreren Computersimulationen, wobei sich die Ausgangswerte beispielsweise darin unterscheiden können, ob die Menge der Treibhausgase als rückläufig, gleichbleibend oder zunehmend angenommen wird. Das wären dann schon mal drei verschiedene Simulationen. In dem aktuellen Beispiel wurden sieben Simulationen durchgespielt.

Damit wird auch klar, daß es keine Garantie dafür geben kann, daß ein bestimmtes Ereignis eintreten wird - es gibt nämlich sieben Ergebnisse, bei der doppelten Zahl von Simulationen gäbe es sogar vierzehn. Selbstverständlich bemühen sich die Forscher um ein möglichst hohes Maß an Plausibilität. Deshalb zählen ihre Computer zu den leistungsfähigsten Rechnern der Welt. Es müssen ungeheure Datenmengen präzise gegeneinander abgeglichen werden, bevor es am Ende zu einer vage anmutenden Aussage kommt wie, daß das Polareis ungefähr ab dem Jahre 2040 größtenteils während einiger Sommermonate verschwunden sein könnte.

Ein weiterer Versuch der Präzisierung besteht darin, daß mit den Simulationen rückwärts gerechnet wird. Dahinter steckt die Idee, daß die Klimamodelle brauchbar sind, wenn sie sich mit vergangenen Entwicklungen, für die bereits konkrete Meßergebnisse vorliegen, decken. Allerdings wirkt diese Vermutung ein wenig wie die Behauptung eines gewissen Barons von Münchhausen, der erklärte, er habe sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen ... Denn die Klimamodelle beruhen ja auf konkreten Meßergebnissen. Es wäre verwunderlich, wenn sie nach der Berechnung etwas anderes herausbekämen, als zuvor eingegeben worden wäre. Deshalb haben solche Abgleiche im wesentlichen die Funktion, die eigene Programmierung zu überprüfen. Mit der Qualität der Prognose hingegen haben sie nichts zu tun. Streng genommen bleiben Computersimulationen Rückschauen.

Solche grundlegenden Erwägungen im Hinterkopf behaltend wollen wir im folgenden in sehr vereinfachter Form auf die Ergebnisse der Studie, die vom US-National Center for Atmospheric Research (NCAR) und der US- Raumfahrtbehörde NASA finanziert wurde, eingehen. Die sieben verschiedenen Simulationen werden in unserem Fall zu einer einzigen Vorhersage zusammengefaßt. Dabei kam heraus, daß die Polareisdecke bis zum Jahre 2024 relativ stabil bleiben wird, was bedeutet, daß sie nur "langsam" zurückweicht. Langsam bemißt sich daran, daß sie von 1998 bis 2003 um 20 Prozent geschrumpft ist.

Anschließend erfolgt ein rapider Eisverlust. Auch heute schon sei der Rückgang des Treibeises zu beobachten, räumt Studienleiterin Marika Holland ein. Aber was in den nächsten Jahrzehnten bevorstehe, dürfte sich als weitaus dramatischer erweisen.

Die Forschergruppe begründete ihre im Vergleich zu früheren Studien deutlich spektakulärere Einschätzung der Klimaentwicklung in der Arktis unter anderem mit einem Rückkopplungseffekt, der allgemein bekannt ist: Eine Eisfläche ist weiß und reflektiert das Sonnenlicht, Meerwasser dagegen ist dunkel und absorbiert es. Aufgrund dieses Effekts würde der Rückzug des Eises tendenziell beschleunigt werden, schrieben die Forscher in den "Geophysical Research Letters" (12. Dezember 2006).

Ein eisfreier Nordpol, wie er hier prognostiziert wird, wäre natürlich kein isoliertes Ereignis. Zu Rückkopplungseffekten kommt es auch in den Hochgebirgen der Erde, deren Gletscher sich zurückziehen, und den einstmals schneebedeckten Regionen Sibiriens. All diese Effekte zusammengenommen ergeben in der Summe eine Veränderung, die auch die klimatischen Verhältnisse in gemäßigteren Breiten beeinflussen, ebenso wie dadurch umgekehrt mit Auswirkungen auf die Arktis zu rechnen wäre.

Erst vor wenigen Wochen haben Wissenschaftler anhand eines Vergleichs von Eisbohrkernen in Grönland und der Antarktis einen sehr direkten klimatologischen Zusammenhang zwischen den beiden Hemisphären festgestellt und dies als "bipolare Klimaschaukel" bezeichnet.

Aus der Sicht des Klimatologen, der ansonsten in Jahrtausenden oder Jahrmillionen rechnet, wäre die Entwicklung eines eisfreien Nordpols bis zum Jahre 2040 geradezu ein explosives Ereignis. Es hat den Anschein, als hätten sich die Klimaforscher bei ihrer neuen Vorhersage den Gegebenheiten angepaßt.

13. Dezember 2006



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