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KLIMA/265: Forscher prognostizieren Verlust ganzer Klimazonen (SB)


Weitreichende klimatische Umgestaltung der Erde

Forscher warnen vor Artenverlust vor allem in den Tropen


Wie sieht die Erde im Jahr 2100 aus? Zu dieser Frage haben US-Forscher am Beispiel der voraussichtlichen Entwicklung der Klimazonen verschiedene Szenarien entworfen und sind zu dem Ergebnis gelangt, daß einige Klimazonen von der Erdoberfläche verschwinden und gänzlich neue, für die es gegenwärtig keine Beispiele gibt, entstehen werden. Die Studie setzt an den gegenwärtig absehbaren Trends an, respektive an der Zunahme der Temperatur, wie sie von Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Vereinten Nationen auf der Grundlage der absehbaren Trends der Treibhausgasemissionen vorhergesagt werden. Weitere, ebenfalls unübersehbare Entwicklungen von Faktoren wie das Abholzen der Wälder werden in der Studie nicht berücksichtigt.

Die Studiengruppe um Geographieprofessor John Williams von der Universität von Wisconsin in Madison schrieb nun online vorab in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" über ihr Worst-case- scenario, daß den Berechnungen nach bis zu zwei Fünftel der Landfläche ein so heißes Klima erleben werden, wie es gegenwärtig nirgendwo auf der Erde existiere. Auf weiteren 48 Prozent der Landfläche würden Klimazonen vollständig verschwinden. Die Verschiebung der Klimazonen wirke sich verheerend auf die sogenannten Hotspots der Biodiversität aus. Ausdrücklich erwähnten die Forscher den Amazonas- und den indonesischen Regenwald. Zahlreiche Arten würden ausgelöscht, da ihr Lebensraum verschwände und es keine Region gäbe, in die sie ausweichen könnten.

Biologen hatten in früheren Studien berechnet, daß die Arten im Durchschnitt sechs Kilometer pro Jahrzehnt von den Tropen in Richtung Pole wandern. Die Williams-Gruppe fragt nun, ob die Arten nicht ins Hintertreffen geraten, sollten sich die physikalischen Bedingungen wie Temperatur und Niederschlagsmenge schneller verändern als bisher. Dieses Entwicklung wird jedenfalls in der Studie für die Tropen und Subtropen angenommen.

Bislang schienen die Tropen relativ klimaresistent zu sein. Das heißt, sie haben sich nur wenig verändert, weder innerhalb eines Jahres noch von Jahr zu Jahr. Das könnte sich grundlegend wandeln, glauben die Forscher, die ihr Hauptaugenmerk auf die regionale Klimaentwicklung in den relativ äquatornahen Zonen gerichtet hatten. Deshalb rechnen die Forscher damit, daß sich die tropischen Arten, die bisher nur vergleichsweise stabile Verhältnisse kannten, sich nicht auf den Wandel werden einstellen können. Für diese Arten wäre eine durchschnittliche Temperaturerhöhung von zwei bis drei Grad womöglich genauso schlimm wie eine Temperaturzunahme von fünf bis acht Grad für Spezies in höheren Breiten.

Den Vorhersagen zufolge wird es in den Bergregionen der Tropen sowie an den Kontinentalrändern in der Nähe der Pole zum Verlust der bekannten klimatischen Zonen kommen. Denn bei einer globalen Erwärmung wird es einfach keine Region mehr geben, in die sie "abgedrängt" werden könnten. Salopp gesagt, irgendwann hat die Schneegrenze die Bergspitze erreicht. Zu den Verlusten käme es demnach in den tropischen Anden, im ostafrikanischen Grabenbruch mit seinen Vulkangebirgen, dem sambischen und angolanischen Hochland, der südafrikanischen Kapregion, Südostaustralien, Teilen des Himalaya und in Sibirien beziehungsweise der Arktis allgemein.

Die Folgen dieser möglichen Entwicklung lassen sich nur schwer ausmalen. Unvorstellbar, daß diese Entwicklung nicht äußerst negative Auswirkungen auf die Landwirtschaft haben wird. Es wäre mit Dürren nie dagewesenen Ausmaßes zu rechnen. Das bedeutet zugleich eine rapide Zunahme des Wassermangels für Milliarden Menschen, sofern es dann überhaupt noch so viele Menschen auf der Erde gibt. Wissenschaftler wagen sich in der Regel nicht an dieses Thema heran oder bleiben in ihren Prognosen über die wahrscheinliche Bevölkerungsentwicklung recht vage. Das heißt, wenn in früheren Klimastudien davor gewarnt wurde, daß die Erderwärmung zum Anstieg des Meeresspiegels und zu Nahrungs- und Wassermangel für viele Menschen führen werde, dann muß der Laie das Wort "viele" selber in konkrete Zahlen uminterpretieren. Werden Milliarden Menschen verhungern oder verdursten?

Wenn die Prognose der US-Wissenschaftler zum Schwund der tierischen und pflanzlichen Arten auch auf den Menschen übertragen wird, dann läßt sich zumindest ahnen, daß dies sicherlich nicht spurlos an der Menschheit vorübergehen kann. Menschen werden ihre angestammten Lebensräume verlassen, weil diese nicht mehr genügend tragfähig sind. Wenn die Tiere und Pflanzen aus den tropischen Regenwäldern abwandern, dürfte es auch für die dortigen Bewohner zu unwirtlich werden.

Es ist davon auszugehen, daß die Zahl der Umweltflüchtlinge bis zum Jahr 2100 zunehmen wird und daß die Regierungen der Erde nach globalmaßstäblichen "Lösungen" für das Bevölkerungsproblem suchen werden. Und es sieht gegenwärtig nicht so aus, als wenn die Menschen in den privilegierten Regionen bereit wären, für ihre Artgenossen zusammenzurücken.

Für Tsunami-Opfer zu spenden ist eine Sache - das eigene Haus, Dorf oder die Stadt mit "fremden" Menschen zu teilen und sich vermeintlich von ihnen den Arbeitsplatz wegschnappen zu lassen, eine andere. Jedenfalls ist die Bitte der Bewohner der vom Anstieg des Meeresspiegels bedrohten Südseeinsel Tuvalu, nach Australien überzusiedeln zu dürfen, von der Howardregierung abgewiesen worden. Und die USA errichten einen zwei Milliarden teuren High-tech-Zaun an der Grenze zu Mexiko, um "illegale" Einwanderer am Verlassen einer klimatisch extrem heißen Region zu hindern. Die Europäische Union wiederum schottet sich seit Jahren mit Nachdruck gegen Flüchtlinge aus dem Osten und dem heißen Afrika ab.

In der neuen US-Studie zum Schwund der Klimazonen wurde noch nicht der menschliche Einfluß auf die tropischen Zonen angemessen berücksichtigt. Ausgerechnet im indonesischen und Amazonas-Regenwald finden nämlich gegenwärtig umfangreiche Rodungen statt. In Brasilien weicht der Wald dem Sojaanbau, in Indonesien dem Anbau von Palmen zur Ölgewinnung. Bis zum Jahre 2100 dürfte sich das Gesicht dieser Regionen selbst dann grundlegend verändern, wenn es keinen Klimawandel gäbe.

Lange Zeit waren Forscher davon ausgegangen, daß der tropische Regenwald relativ schnell wächst. Jüngere Untersuchungen haben jedoch gezeigt, daß die tropischen Bäume sehr viel länger zum Wachsen brauchen als angenommen. Das bedeutet, daß mit einer Regeneration der grünen Lunge der Erde selbst dann nicht zu rechnen wäre, wenn sich die Menschen in den kommenden Jahrzehnten auf einen völlig anderen Umgang mit den natürlichen Ressourcen einstellten. Auf die drängende Frage, wie diese Entwicklung aufzuhalten ist, gibt es womöglich keine Antwort; sicher jedenfalls keine, bei der die heutige Gesellschaftsordnung und Wirtschafts- bzw. Bewirtschaftungsweise ausgeklammert bleiben können.

28. März 2007



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