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KLIMA/266: Dramatische Meldungen aus Arktis und Antarktis (SB)


Arktis so warm wie nie zuvor

Antarktisches Schelfeis schmilzt rapide ab


Aus den vielen Meldungen über Rekordtemperaturen, Wetteranomalien und klimatische Veränderungen in den letzten Monaten ragen zwei Berichte aufgrund ihrer potentiell weitreichenden Konsequenzen heraus. Zum einen haben sich die arktischen Gewässer stark erwärmt, was zu einem deutlichen Rückgang des Meereises und damit der Reflexionsfläche der Sonneneinstrahlung führt - dadurch wird der Aufheizeffekt beschleunigt -, und zum anderen schmilzt eine riesige Schelfeisfläche am Rande der Antarktis offenbar viel rascher als angenommen.

Zum Abschluß einer amerikanisch-europäischen Fachkonferenz an der Universität von Texas in Austin in der vergangenen Woche berichteten die Teilnehmer, daß in der antarktischen Einbuchtung der Amundsensee "überraschend schnelle Veränderungen" eingetreten seien. Offenbar sei es zu einem Wandel der Windsysteme und Meeresströmungen gekommen. Dadurch sei eine wärmere Meeresströmung unter das 3,2 Kilometer dicke Schelfeis der Antarktis geführt worden.

Anhand von Satellitenbeobachtungen stellten die Forscher ein beschleunigtes Abschmelzen fest, allerdings müsse das Ausmaß noch genauer erforscht werden, lautete ihre Forderung. Da das Schelfeis mit dem Festland verbunden ist, würde das Abschmelzen zum Anstieg des Meeresspiegels beitragen. In diesem Fall wäre mit einem weltweiten Anstieg um sechs Meter zu rechnen!

Nun haben sich die Forscher zwar deshalb näher mit den Verhältnissen in der Einbuchtung der Amundsensee befaßt, weil es hier zu einem raschen Eisverlust kommt, aber das gilt auch für andere Randmeergebiete des südlichen Kontinents, insbesondere für die Westantarktische Halbinsel. Es wäre folglich mit einer Summation der Einzeleffekte zu rechnen. Bei einem völligen Eisverlust der Antarktis würde der weltweite Meeresspiegel um 70 bis 100 Meter steigen. In den gängigen Klimasimulationen wird nicht davon ausgegangen, daß dies geschieht, jedenfalls nicht innerhalb der nächsten 1000 Jahre. Solche Einschätzungen müßten jedoch den neuen Messungen angepaßt werden, es kann für den Eisverlust der Antarktis keine endgültige Prognose geben.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Erdkugel, in der Arktis, befinden sich zwar nicht so viele Eismassen, deren Abschmelzen im gleichen Ausmaß zum globalen Meeresspiegelanstieg beitragen würde, aber dennoch haben die Klimaveränderungen in der nordpolaren Zone weltweite Bedeutung.

In Longyearbyen auf der zu Norwegen gehörenden Inselgruppe Spitzbergen ist es bereits seit 18 Monaten wärmer als normal. Die Mitteltemperatur liegt zehn Grad über dem langjährigen Durchschnitt. Das Meeresgebiet vor der norwegischen Küste ist zwischen zwei und sechs Grad wärmer als üblich. Der Norden Spitzbergens hätte sich eigentlich während des Winters im festen Griff des Packeises befinden müssen. Im zurückliegenden Winter hingegen war er nahezu durchgängig eisfrei. Das Meereis ist schlichtweg verschwunden.

Jörg Hartmann vom Alfred- Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, das im vergangenen Monat zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt zwei Wochen lang das arktische Treibeis registriert hat, berichtete vergangene Woche, daß die Meßflugzeuge bei der Erfassung des Meereises bis an die Grenzen ihrer Reichweite geflogen seien. Er studiere die Arktis schon seit fünfzehn Jahren, aber so etwas habe er noch nicht gesehen. Im März müßten die Durchschnittstemperaturen in der untersuchten arktischen Region minus zehn bis minus zwölf Grad Celsius betragen, in diesem Jahr hat das Thermometer mehrfach die Null-Grad-Grenze überschritten.

Diese Resultate werden durch eine norwegische Studie bestätigt. Demnach fiel die Eisdecke in der Barentssee so klein aus wie nie zuvor. In den letzten drei Monaten des Jahres 2006 war die Nordsee drei bis 3,5 Grad wärmer als im Durchschnitt, der aus den regelmäßigen Messungen seit 1936 berechnet wurde. In der Norwegischen See wurden durchschnittlich 1,25 Grad und in der Barentssee 1,3 Grad höhere Temperaturen registriert. Für Fachleute ist das höchst dramatisch, denn das Meer reagiert normalerweise sehr träge auf Temperaturveränderungen. Bislang wurden diese eher im Zehntel- oder gar im Hundertstelbereich gemessen. Wenn aber das Meer bereits so viel Wärme aufgenommen hat, wie stark muß da erst die Sonneneinstrahlung oder die allgemeine Erwärmung der polaren Atmosphäre zugelegt haben!

Es stimmt nicht wirklich, daß der Verlust an arktischem Meereis nichts zum Meeresspiegel beträgt. Denn die Strahlung, die zuvor von der weißen Oberfläche reflektiert wurde und nun von dem dunkleren Meer absorbiert wird, erwärmt das Wasser und führt zu seiner physikalischen Ausdehnung.

Der Meeresspiegel müßte nicht einmal um zehn Meter steigen, dann gingen zwei Prozent der niedrig gelegenen Landmasse unter. Darauf lebten im Jahr 2000 zehn Prozent der Weltbevölkerung beziehungsweise 634 Millionen Menschen - 360 Millionen von ihnen in Städten. Mehr als 90 Prozent der Malediven, Marshall-Inseln, Tuvalus, der Cayman- sowie der Turk und Caicos-Inseln liegen innerhalb dieser Zehn-Meter-Zone und würden überflutet. Ebenso Bangladesh, Teile Schleswig-Holsteins, der Niederlande und Belgiens sowie sämtliche Flußmündungen der Welt. Ob sich die reicheren Staaten durch immer höhere Deiche lange vor dem Meer werden schützen können, ist fraglich.

2. April 2007



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