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KLIMA/271: Qualitätsverlust der Pflanzen und Böden prognostiziert (SB)


Unergiebige Nahrung und nutzlose Böden

Zwei wenig beachtete Folgen des Klimawandels


Ein bisher wenig bekannter, da kaum erforschter Aspekt des Klimawandels betrifft die Veränderung der Nutzpflanzen sowie die Retardierung der Böden. Noch vor wenigen Jahren hatten "Klima-Optimisten" spekuliert, daß ein Anstieg der Temperaturen aufgrund der anthropogenen Emissionen des Treibhausgases Kohlenstoffdioxid (CO2) auch Vorteile mit sich brächte, da den Pflanzen mehr Nährstoffe zur Verfügung ständen und sie üppiger wüchsen. Diese Ansicht wurde zwar durch Experimente in künstlichen Umgebungen längst widerlegt, hält sich aber immer noch in der Vorstellungswelt einiger Industrie-Lobbyisten.

Kürzlich berichteten Forscher der Universität Hohenheim, die entsprechende Simulationen zur möglichen Erdatmosphäre in rund 50 Jahren gemacht hatten, daß ein höherer CO2-Gehalt tatsächlich das Pflanzenwachstum anrege und größere Erträge die Folge seien, aber daß sich die Qualität der Nutzpflanzen verändere. Bei erhöhter CO2-Konzentration benötigten die meisten Pflanzen weniger Proteine und folglich weniger Stickstoff in den Blättern. Daraus folge, daß sie dann weniger Stickstoff aufnähmen, den sie während der Reifung in die Früchte befördern könnten.

Die Arbeitsgruppe um den Agrarbiologen Professor Andreas Fangmeier vom Institut für Landschafts- und Pflanzenökologie der Universität Hohenheim hatte auf dieser Grundlage herausgefunden, daß sich Brot wegen der mangelnden Klebefähigkeit des Weizens nicht mehr backen lassen wird. Außerdem würden Landwirte größere Mengen Pflanzen an ihre Tiere verfüttern müssen, da die Pflanzenmenge zwar zu-, der Nährstoffgehalt jedoch abnehmen werde. Es käme zu einer veränderten Proteinkonzentration aufgrund des höheren CO2-Werts in der Luft. Bier würde kaum noch schäumen, und Pommes frites entwickelten womöglich Gifte. Fangmeier forderte als Konsequenz seiner Versuche die Erforschung veränderter Pflanzenarten für die Lebensmittelproduktion.

Zu dem künftigen Qualitätsverlust der Nutzpflanzen im Zuge der allgemeinen Erderwärmung gesellt sich noch ein Verlust der Bodengüte hinzu. Das private World Resources Institute (WRI) hatte im Jahr 2000 im Auftrag der Weltbank sowie des Umweltprogramms und des Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNEP und UNDP) in einer Studie über die kommende ökologische Entwicklung der Erde unter anderem festgestellt, daß zwei Drittel der landwirtschaftlichen Fläche in den vergangenen 50 Jahren an einer deutlichen Abnahme der Bodenqualität gelitten hatten.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam im gleichen Jahr das Internationale Food Policy Research Institute (IFPRI), das den Vereinten Nationen angegliedert ist. Aufgrund von Satellitenaufnahmen aus der ganzen Welt haben die Forscher hergeleitet, daß weltweit 40 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche schwer beeinträchtigt sind. Erosion, Nährstoffmangel, Austrocknung und Verhärtung, chemische Verschmutzung, Verlust an organischem Material, Versalzung und andere bodenzerstörende Einflüsse hätten dazu geführt, daß ein großer Teil der potentiell oder tatsächlich bereits landwirtschaftlich genutzten Fläche unbrauchbar geworden sei. Dabei war von den Wissenschaftlern sogar nur der menschliche Einfluß berücksichtigt worden, nicht aber die Schäden, die durch natürliche Ereignisse wie Überschwemmungen entstanden sind.

Als am schwersten betroffen erwies sich Zentralamerika. Dort war die landwirtschaftliche Fläche bereits zu 75 Prozent ernsthaft geschädigt, in Afrika zu 20 Prozent und in Asien zu 11 Prozent. Und während in noch älteren Analysen von Satellitenaufnahmen nur Flächen bewertet worden waren, die zu 60 Prozent landwirtschaftlich genutzt wurden - damals hegte man noch die Hoffnung, daß eine weniger intensiv genutzte Fläche auch weniger geschädigt sei -, hatten die IFPRI-Forscher auch Flächen ab einer 30prozentigen landwirtschaftlichen Nutzung einbezogen.

Eine Ausdehnung der landwirtschaftlichen Fläche ist kaum möglich. Bereits heute seien 25 bis 30 Prozent der gesamten Landfläche agraisch erschlossen, berichtete IFPRI-Mitarbeiterin Kate Sebastian. Forscher der Universität von Wisconsin in Madison warem vor einigen Jahren sogar zu der Einschätzung gelangt, daß bereits fast 40 Prozent der Landfläche von Menschen entweder als Weideland für die Viehwirtschaft oder zum Anbau von Getreide, Gemüse und Obst genutzt wird.

Eine nüchterne und bereits die weiteren Konsequenzen berücksichtigende Schlußfolgerung aus der Analyse der IFPRI-Satellitenbilder zog Ismail Serageldin, Vorsitzender der UN Consultative Group on International Agricultural Research, dem das IFPRI angeschlossen ist. Er erklärte, daß das Ergebnis weitere Sorgen hinsichtlich der Fähigkeit der Welt, sich selbst zu ernähren, aufkommen lasse. Am schlimmsten träfe es die Entwicklungsländer. Ausgerechnet in jenen Regionen, in denen der größte Zuwachsbedarf an Nahrung bestehe, sprächen alle Zeichen dafür, daß das erforderliche Wachstum am schwierigsten zu erreichen sein werde.

Zwei Jahre nach dieser Einschätzung meldete das in Oakland, USA, ansässige Umwelt-Evaluierungsinstitut Redefining Progress, daß die Menschheit gegenwärtig 20 Prozent mehr biologische Ressourcen verbrauche, als die Erde hergebe. Tendenz weiter steigend. Den Berechnungen zufolge hatte sich das Verhältnis zwischen Verbrauch und biologischer Produktion bereits in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts umgekehrt.

Eine entscheidende Aussage der Studie des Redefining Progress beruht darauf, daß die Berechnungen von einen Durchschnittserdenbürger ausgehen. Das bedeutet nämlich, daß die Menschheit insgesamt über ihre Verhältnisse lebt, unabhängig davon, daß in den reichen Staaten der Verbrauch wesentlich höher liegt als in den Entwicklungsländern. Der durchschnittliche Wert an verbrauchter landwirtschaftlicher Fläche pro Einwohner lag bei 2,3 "Globalhektar", wie die Autoren es nannten. Die Erde stelle aber durchschnittlich nur 1,9 Globalhektar zur Verfügung.

Übersetzt auf das Allgemeinverständnis bedeutet dieses Verhältnis erstens, daß es offenbar nicht genügend Nahrung für alle Menschen gibt - nicht einmal dann, wenn eine optimale Verteilung vorgenommen würde, wie es vorwiegend von regierungskritischen Organisationen als Lösung für den Hunger in der Welt gefordert wird - und zweitens, daß die Menschheit auf einen völligen Kollaps der Nutzung biologischer Ressourcen zusteuert.

Auch in der Bundesregierung weiß man von den Gefahren, die in den nächsten Jahren auf große Teile der Menschheit zukommen werden. Ein Hinweis darauf lieferte Hans-Peter Schipule vom Berliner Entwicklungsministerium, der vor vier Jahren die deutsche Delegation auf der 6. Vertragsstaatenkonferenz der Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung der Vereinten Nationen in Havanna anführte und in einem Radiobeitag erklärte:

Man rechnet damit, daß bis 2025 in Afrika zwei Drittel aller Böden verschwinden werden, beziehungsweise nicht mehr benutzt werden können. Und ähnlich sieht das in vielen anderen Ländern - ganz dramatisch beispielsweise in China - aus.
(Deutschlandfunk, Umwelt & Landwirtschaft, 10.0.2003)

Passend dazu meldete das Wissenschaftsmagazin "New Scientist" (Nr. 2462, S. 6) im August 2004 unter Berufung auf Experten, daß in manchen Regionen Asiens die erreichbaren Grundwasserspeicher in fünf bis zehn Jahren für die Landwirtschaft aufgebraucht sein könnten. Nicht einmal die kräftigen Monsunregen genügten, um die Reservoirs wieder aufzufüllen, hieß es. Deshalb sei ein Großteil der Landwirtschaft Asiens gefährdet, erklärte der Forschungsleiter des Internationalen Wassermanagement-Instituts in der srilankischen Hauptstadt Colombo, Tushaar Shah.

Heute müßte man fragen: Welcher Monsun? In Indien und Bangladesh herrscht inzwischen regelmäßig Dürre, weil die kräftigen Monsunregen ausbleiben. Das hat nach Ansicht von Hans Schellnhuber, Forschungsdirektor am britischen Tyndall Centre for Climate Change Research, mit globalklimatischen Umwälzungen zu tun. Auf dem Euroscience-Forum 2004 in Stockholm bezeichnete er das Ausbleiben des Monsuns in Asien als das schwerwiegendste Problem der Erde - vergleichbar mit einem Asteroideneinschlag!

Aus all diesen Angaben ist der Schluß zu ziehen, daß nicht allein der Anstieg des Meeresspiegels zu einem Verlust der landwirtschaftlichen Fläche und damit zu Ernterückgängen führt, sondern daß sich die Qualität sowohl der Pflanzen als auch der Böden weiter verschlechtern wird. Es ist deshalb mit einem weltweiten Nahrungsmangel bislang unerreichten Ausmaßes zu rechnen.

24. April 2007



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