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KLIMA/273: Arktisches Meereis verschwindet rascher als gedacht (SB)


Nordpolarmeer bald in den Sommermonaten eisfrei


Im Vorfeld des für Freitag angekündigten Weltklimaberichts wurden Studien veröffentlicht, die deutlicher als zuvor ahnen lassen, daß es im global Maßstab zu massiven klimatischen Veränderungen kommt. So berichteten US-Forscher diese Woche, daß das arktische Meereis dreimal schneller geschrumpft sei als bislang prognostiziert wurde.

Laut den Berechnungen der Forscher vom National Center for Atmospheric Research (NCAR) und der Universität von Colorado in Boulder ist das arktische Meereis zwischen 1953 und 2006 um 7,8 Prozent pro Dekade geschrumpft, und zwar jeweils im Monat September gemessen, wenn das Meereis seine geringste Ausdehnung besitzt. Damit liegen diese Berechnungen deutlich höher als die des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), das für den gleichen Zeitraum einen Meereisschwund von 2,5 Prozent pro Jahrzehnt ermittelt hatte. Auch für den Monat März, der für das Maximum an Meereis steht, wurden von den US-Forschern mit 1,8 Prozent Eisverlust pro Jahrzehnt rund dreimal so hohe Werte berechnet wie in den IPCC-Computersimulationen, die im Februar veröffentlicht worden waren. "Es finden gewaltige Veränderungen statt", sagte einer der Hauptautoren der Studie, Dr. Julienne Stroeve vom National Snow and Ice Data Center in Boulder, Colorado. Das warme Wasser, das in die Arktis vordringe, und die warmen Luftmassen zerstörten das Meereis regelrecht.

Die US-Forscher betonen jedoch nicht nur den Unterschied zu früheren Untersuchungsergebnissen, sondern machten auf den Trend beider Berechnungen aufmerksam. "Während das Eis schneller verschwindet, als die Computermodelle andeuten, weisen sowohl die Beobachtungen als auch die Modelle in die gleiche Richtung: die Arktis verliert mit zunehmender Geschwindigkeit Eis, und der Einfluß der Treibhausgase wächst", erklärte laut einem AP-Bericht die NCAR-Forscherin Marika Holland, die an der Studie mitgearbeitet hat.

Die Ergebnisse der neuen US-Studie beruhen unter anderem auf einer Reihe von älteren, direkten Beobachtungen von Flugzeug- und Schiffsbesatzungen sowie jüngsten Satellitenmessungen. Die erhebliche Diskrepanz zu den Ergebnissen der IPCC-Computermodelle ergibt sich womöglich daraus, daß in den Simulationen der Einfluß natürlicher klimatischer Schwankungen und des Treibhausgasemissionen als gleichwertig für den Eisverlust zwischen 1979 und 2006 angesehen wurde. Die US-Forscher hingegen haben aufgrund eigener Beobachtungen den Treibhausgasen eine bedeutend größere Rolle zugesprochen.

Angeblich war die Dicke des Meereises in den IPCC-Simulationen überschätzt worden. Außerdem wären Veränderungen der Meeresströmungen und Windsysteme, die Wärme in die polaren Regionen verfrachteten, nicht adäquat berücksichtigt worden, erklärten die US-Forscher. Deren Studie, die den Titel "Arctic Sea Ice Decline: Faster Than Forecast" trägt, ist am 1. Mai in der Online-Ausgabe der "Geophysical Research Letters" erschienen.

Den neuen Berechnungen zufolge wird die Arktis noch in diesem Jahrhundert im Sommer eisfrei sein. Zu dieser Einschätzung waren allerdings europäische Forscher bereits vor einem halben Jahr gekommen. Sie hatten für 2080 ein im Sommer regelmäßig eisfreies Nordpolarmeer vorausgesagt. Noch weiter gingen Prognosen des NCAR, der US-Raumfahrtbehörde NASA und der kanadischen McGill-Universität. Sie schrieben am 12. Dezember ebenfalls in den "Geophysical Review Letters", daß die Arktis bereits ab 2040 in den Sommermonaten eisfrei sein könnte.

Möglicherweise ist diese und auch die aktuelle Prognose noch beschönigend. Denn Marika Holland und ihre Kollegen haben den arktische Meereisverlust in Jahrzehnten berechnet und waren, wie oben erwähnt, auf einen Verlust der Meereisfläche von 7,8 Prozent innerhalb von zehn Jahren gekommen. Ein Blick auf die letzten Jahre hingegen zeigt den Beginn einer noch dramatischeren Entwicklung, die statistisch noch nicht durchgeschlagen hat. Eine Forschergruppe um Joey Comiso vom Goddard Space Flight Center der NASA in Greenbelt, Maryland, hatte anhand von Satellitendaten festgestellt, daß sich das Meereis in den beiden letzten Wintern um sechs Prozent zurückgezogen hat. Und der Forscher Son Nghiem und seine Kollegen vom NASA Jet Propulsion Laboratory bemerkten in einer weiteren Studie an, daß das winterliche Meereis seit 2004/05 um vierzehn Prozent geschrumpft ist.

2. Mai 2007



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