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KLIMA/275: Wasserpfützen auf dem antarktischen Eisschild (SB)


Klimawandel hat Zentralantarktis erreicht

Bislang noch nie beobachtete Schneeschmelze während des Südsommers 2005


Wasserpfützen, die sich auf gefrorenem Schnee und Eis gebildet haben - dieses Bild ist Bewohnern schneereicher Regionen äußerst vertraut. Es kündigt das Ende der Winterzeit ein. Sie wissen, daß sich alle gefrorenen Restflächen bald in inselartigen Schneematsch wandeln, der in den nächsten Sonnentagen dahinschmelzen wird.

Der jüngste Bericht der US-Weltraumbehörde NASA über die Antarktis erinnert an jenes Phänomen. Demnach sind im Südsommer 2005 auf dem südlichen Kontinent große Schneeflächen über einen Zeitraum von einer Woche aufgeschmolzen. Die Forscher befürchten, daß dies bislang unentdeckte Schmelzvorgänge unter der Oberfläche beschleunigen könnte.

Einer neuen Analyse von Aufnahmen des Satelliten Quick Scatterometer (QuickScat) zufolge war zusammengenommen eine Fläche größer als Deutschland aufgetaut und wieder zugefroren - der größte Schmelzvorgang in dieser Region seit drei Jahrzehnten. Der Wissenschaftler Son Nghiem vom NASA Jet Propulsion Laboratory im kalifornischen Pasadena und Konrad Steffen, Direktor des Cooperative Institute for Research in Environmental Sciences an der Universität von Colorado in Boulder hatten Schneefall und -schmelze in der Antarktis während des Zeitraums von Juli 1999 bis Juli 2005 analysiert. Im Januar 2005, als auf der Südhalbkugel Sommer herrschte, war der Schnee bei Temperaturen von fünf Grad Celsius in mehreren, teils weit im Inland und großer Höhe gelegenen Flächen aufgetaut.

Hinweise auf rezente Schmelzvorgänge wurden unterhalb von 85 Grad südlicher Breite, keine 500 Kilometer vom Südpol entfernt und in über 2000 Meter Höhe über dem Meeresspiegel entdeckt. Dieser Nachweis gelang mit Hilfe einer neuen Meßmethode, bei der älteres von frisch gefrorenem Eis, selbst wenn sich bereits eine Schneedecke darüber gelegt hat, anhand von Radarbildern unterschieden wird.

Das Aufschmelzen von Schnee in der Antarktis über sieben Tage wirkt nur auf Laien unspektakulär. In einer Presseerklärung berichtet der Wissenschaftler Steffen, daß das Schmelzwasser durch Risse und tunnelartige Strukturen abfließen und sogar den Boden erreichen könne. Der würde womöglich aufgeweicht, so daß die Eismasse schneller in Richtung Meer abflösse.

Abgesehen von der Antarktischen Halbinsel habe der Kontinent in der jüngeren Vergangenheit keine Anzeichen für einen Klimawandel geliefert, berichteten die Autoren. Das gilt seit Januar 2005 nicht mehr. Sollte es häufiger zu ähnlich großmaßstäblichen Schneeschmelzen in Gebieten kommen, von denen die Forscher das bislang nicht für möglich gehalten hatten, hätte das weitreichende Folgen für den gesamten Eisschild der Antarktis.

Die Studie mit dem Titel "Snow Accumulation and Snowmelt Monitoring in Greenland and Antarctica" wurde auch in den kürzlich herausgegebenen Buch "Dynamic Planet" veröffentlicht. Das nährt den Verdacht, als werde hier die allgemeine Klimadebatte genutzt, um mit einer noch dramatischeren Geschichte für ein neues Buch zu werben. Allerdings, selbst wenn das der Fall ist, stellt sich die Frage, ob das geschilderte Phänomen deswegen automatisch ein weniger relevantes Indiz für umwälzende Veränderungen in der Antarktis sein muß.

Frühere Untersuchungsergebnisse anderer Forscher bestätigen, daß es in der Antarktis bereits zu weitreichenden Gletscherschmelzen aufgrund gestiegener Temperaturen gekommen ist. Die Gletscher haben deutlich an Fließgeschwindigkeit zugelegt. Dies betrifft vor allem die westantarktische Halbinsel, die bogenförmig auf die Spitze Südamerikas zuläuft. Indes wurden im Jahr 2002 selbst an der US-amerikanischen Amundsen-Station, die in unmittelbarer Nähe vom Südpol liegt, Temperaturen von fünf Grad Celsius gemessen. Der Eisverlust der Antarktis überwiegt an Masse dem laufenden Eintrag von Schnee, und die Zunahme an seismischen Beben aufgrund Bewegungen des Eispanzers lassen darauf schließen, daß dieser keineswegs so stabil ist, wie bislang vermutet wurde.

21. Mai 2007



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