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KLIMA/294: Rekordschmelze in der Arktis (SB)


Kleinste jemals registrierte Eisfläche in der Arktis


Noch nie zuvor wurde eine so geringe Ausdehnung der arktischen Eisfläche registriert wie in diesem Monat. Aktuelle Satellitenaufnahmen zeigen, daß das Eis stärker zurückgegangen ist als in früheren Sommern. Dabei ist mit dem Monat August noch nicht das Ende dieses Sommers erreicht. Das Nordmeer, die Landfläche und die Atmosphäre oberhalb sind auch im September noch aufgeheizt; die winterliche Neubildung des Eises setzt erst später ein. Wissenschaftler berichten mit banger Faszination über diese aus ihrer fachlichen Sicht nur als dramatisch zu bezeichnenden Entwicklung.

Das National Snow and Ice Data Center (NSICDC) in Boulder, Colorado, teilte am vergangenen Freitag mit, daß der bisherige Rekord an Minimalausdehnung der Eisfläche vom 21. September 2005 unterboten worden sei. Vor gut zwei Jahren wurde die Eisfläche der Arktis auf 2,05 Millionen Quadratmeilen (Eine Quadratmeile gleich 2,59 Quadratkilometer) bestimmt, in diesem Jahr ist sie bereits auf 2,02 Quadratmeilen geschrumpft. Stärkere Rückgänge wurden in Ostsibirien und der Beaufortsee nördlich von Alaska beobachtet. Auch im kanadischen Archipel sei die Eisausdehnung gering, wohingegen entlang der atlantischen Seite der Arktis keine ungewöhnliche, sondern nur eine geringfügig reduziertere Ausdehnung erreicht wurde, meldete das NSICDC. Seit den siebziger Jahren wird die arktische Eisfläche regelmäßig anhand von Satellitendaten ausgemessen.

Der typische Rückkopplungseffekt aufgrund des Eisschwunds wurde schon vielfach beschrieben: Eine weiße Eisfläche reflektiert rund 80 Prozent des eintreffenden Sonnenlichts, wohingegen eine eisfreie, dunkle Wasserfläche etwa 90 Prozent absorbiert. Dadurch erwärmt sich eisfreies Wasser, was wiederum zur verstärkten Eisschmelze führt, und so weiter.

Die Wissenschaftler aus Boulder erklärten die Rekordschmelze unter anderem damit, daß während der Monate Juni und Juli ein ungewöhnlich klarer Himmel über der Arktis geherrscht habe. Das habe die Einstrahlung durch die Sonne, die in diesen Monaten ihren höchsten Stand über der Arktis einnehme, begünstigt. Außerdem hätten kräftige Winde wärmere Luftmassen in die polaren Breiten verfrachtet.

In einem Telefoninterview mit der Nachrichtenagentur AP (17.8.2007) stellte der Wissenschaftler Mark Serreze vom NSICDC klar, daß zwar natürliche Schwankungen einen gewissen Einfluß auf die Eismenge besäßen, aber man "könne einfach nicht alles mit natürlichen Vorgängen" erklären. "Die Hinweise sind stark, daß wir hier eine Auswirkung der Treibhauserwärmung beobachten", meinte der Klimaforscher, der auf den "erstaunlichen" Umstand aufmerksam machte, daß der Eisverlust stärker ausfalle als in Klimasimulationen vorhergesagt.

Bis vor einigen Jahren hätte er behauptet, daß es erst im Zeitraum 2070 bis 2100 zum totalen Eisschwund während des arktischen Sommers kommen könne. Nach der aktuellen Geschwindigkeit zu schließen, setze der Zeitpunkt wahrscheinlich bereits 2030 ein, so Serreze.

Was hier mit abstrakten mathematischen Zahlen ausgedrückt wird, hat für die Bewohner der Arktis konkrete Veränderungen zur Folge: Die in Sibirien, Kanada und Alaska auf Permafrost errichteten Straßen und Gebäude versacken im aufgetauten Boden. Versorgungswege, die in der Vergangenheit über hartgefrorene Seen führten, können gar nicht mehr oder nur noch mit weniger stark beladenen Lastkraftwagen befahren werden. In der Stadt Inuvik in der kanadischen Provinz Northwest Territories wurde im Jahr 2005 das alte Eishockeystadion zum Gemüseanbau umfunktioniert. Ein weiteres Gewächshaus wird zur Zeit in Iqaluit an der Südspitze der Baffininsel, nur wenige hundert Kilometer südlich des Polarkreises, errichtet. Der Anbau in Gewächshäusern kommt die Bewohner langfristig preiswerter, als wenn sie Obst, Gemüse und Kräuter einfliegen müßten.

Die rapiden Veränderungen der Klimaverhältnisse in der Arktis haben zu einem neuen Goldrausch geführt. Da die Besitzverhältnisse der Nordpolregion ungeklärt sind, im Meeresboden aber große Mengen an Erdöl, Erdgas und Erzen vermutet werden, wollen die Anrainerstaaten Rußland, Kanada, USA, Norwegen und Dänemark möglichst rasch ihre Claims abstecken. Selbst die militärische Option zur "Klärung" der Eigentumsfrage kann nicht ausgeschlossen werden.

20. August 2007



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