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KLIMA/297: Nordwest-Passage eisfrei - Militärs rüsten sich (SB)


Arktisches Eis schmilzt schneller als vorausgesagt

Experten vermuten enorme Ressourcen im Nordmeer

Anrainerstaaten entfalten rege militärische Aktivitäten


Wurden in der Vergangenheit die militärischen Aktivitäten in der Arktis, das gegenseitige Belauern und das Abhalten von Manövern, relativ bedeckt gehandhabt, so sind inzwischen mehrere Staaten zur offenen Demonstration kriegstauglicher Gewalt übergegangen. Ausgelöst wurde diese brisante Entwicklung durch den Klimawandel und der Folge einer zunehmenden Eisschmelze. Dadurch dürfte sich der Zugang zu enormen Ressourcen, die im arktischen Meeresboden vermutet werden, eröffnen und neue Handelsverbindungen entstehen lassen. Um beides, Ressourcen und Schiffahrtswege, wird schon heute gekämpft. Zwar noch nicht in offener Schlacht, aber Staaten wie Kanada, Rußland und die USA bauen ihre militärischen Stellungen aus. Das ist zwar nicht so spektakulär, aber gehört zum Krieg genauso dazu wie das Abfeuern eines Torpedos.

Erstmals sei die Nordwest-Passage für Schiffe komplett befahrbar, meldete die Europäische Raumfahrtagentur ESA vergangene Woche. Noch nie seit Beginn der Satellitenbeobachtung 1978 habe sich das arktische Eis so weit zurückgezogen wie in diesem Jahr. Nun ist der Seeweg entlang des kanadischen Nordens für die kommerzielle Schiffahrt, die über diese Entwicklung frohlocken dürfte, frei. Die Strecke vom französischen Hafen Brest zur japanischen Hauptstadt Tokio verkürzt sich um 6000 Kilometer gegenüber dem bisherigen Seeweg durch den Suezkanal. Zudem müssen an diesem Nadelöhr Gebühren bezahlt und es muß mit Verzögerungen gerechnet werden.

Forscher haben ihre Prognosen, ab wann der Nordpol im Sommer gänzlich eisfrei sein wird, von dem Jahr 2100 auf mittlerweile das Jahr 2030 korrigiert, das heißt, sie haben sie den Fakten angepaßt. Das Eis schmilzt mit rapide steigender Geschwindigkeit. Lag der Rückgang zwischen 1997 und 2006 bei 100.000 Quadratkilometern jährlich, so steigerte sich der Wert in diesem Jahr um das Zehnfache.

Die Nordost-Passage entlang des Nordens Rußlands ist nach wie vor nur mit Eisbrechern befahrbar. Experten rechnen jedoch damit, daß sich die Eisschmelze auch hier bald bemerkbar machen wird. Genährt werden solche Vermutungen durch Berichte, wonach das Eis am Nordpol in diesem Jahr auf nur noch einen Meter durchschnittlich ausgedünnt wurde. Das bedeutet, daß die Eissschmelze nicht nur an den Rändern ansetzt, sondern daß sie in die strukturelle Substanz geht. Der Vorgang ist im kleinen Maßstab von zugefrorenen Seen im Frühjahr bekannt. Meist dauert es einige Tage, bis die Eisschmelze erkennbar wird, aber dann geht plötzlich alles sehr schnell, weil die Eisflächen zuvor ausgedünnt und strukturell zerrüttet wurden.

In einem Bericht auf der Internetseite LiveScience (14.9.2007) bemühte sich der US-Wissenschaftler Mark Serreze vom Nationalen Schnee- und Eisdatenzentrum der Universität von Colorado darum, den angeschlagenen Ruf der Klimavorhersagen zu retten. Man sei "mehrere Jahrzehnte" in der Prognose hinterher, aber die vorzeitige Öffnung der Nordwest-Passage bedeute nicht, daß die Klimamodelle unzuverlässig seien. Sie seien lediglich zu konservativ, meinte Serreze, und behauptete bezüglich der Modelle: "Sie befinden sich auf der richtigen Spur, aber sie sind zu langsam."

Was ist eine richtige Spur? Die Erde erwärmt sich, und das Eis schmilzt. Wenn solche einfachen Feststellungen die "richtige Spur" sind, dann muß man sich fragen, wozu die Klimaforscher die schnellsten Hochleistungsrechner der Welt brauchen, nur um zu solch banalen Ergebnissen zu gelangen. Da hätte man auch einfach ein paar Inuit befragen können, deren Häuser und Straßen im aufgetauten, ehemaligen Permafrostboden versinken und die bestimmte Regionen kaum noch erreichen, weil es kein Eis gibt, über das sie früher immer gefahren sind. Nein, Serreze ist zu widersprechen: Die Arktisforscher wurden von der rasanten Entwicklung überrascht. Die Eisschmelze nimmt keinen linearen Verlauf, sondern einen exponentiellen. Gegenwärtig hat das arktische Eis nur noch eine Ausdehnung von schätzungsweise drei Millionen Quadratkilometern.

Ein Viertel der weltweiten Erdölvorräte werden in dieser polaren Region vermutet. Auch Gold und andere Erze soll es dort geben. Desweiteren handelt es sich um ein fischreiches, wirtschaftlich sehr interessantes Meeresgebiet. Der kanadische Wirtschaftswissenschaftler Prof. Michel Chossudovsky (Global Research, 20.8.2007) glaubt, daß die US-Regierung den Kampf um die Arktis als Teil einer breiteren globalmilitärischen Frage betrachtet. Im Rahmen von Abkommen wie dem Security and Prosperity Partnership Agreement (SPP) und der vorgeschlagenen North American Union (NAU) strebten die USA, die im Verhältnis zu Kanada und Rußland, ja, selbst zu Dänemark (Grönland), nur einen kleinen territorialen Ausschnitt der Arktis nördlich von Alaska beanspruchen können, die Kontrolle über die Region an. Der "Krieg um Öl", so Chossudovsky, werde auch in der Arktis ausgetragen.

Vor kurzem hat Rußland in der Nähe des Nordpols Manöver abgehalten, wobei auch Übungsbomben zum Einsatz kamen. Entlang der Küste gibt es eine Reihe von russischen Kriegshäfen. Kanada wiederum erweitert seine eismeertaugliche Kriegsflotte, betreibt 840 Kilometer vom Nordpol entfernt die Canadian Forces Station Alert und baut in Resolute Bay an der Nordwest-Passage einen Marinestützpunkt aus. Auch wird erwogen, in Nanisivik an der Nordspitze von Baffin Island, einen Tiefseehafen einzurichten. Die USA unterhalten eine Reihe von militärischen Einrichtungen und Stützpunkten in Alaska und einen auf Grönland (Thule) und paktieren im Rahmen der NATO sowohl mit Kanada als auch mit Dänemark.

Das Eis der Arktis schmilzt, die Militärs lassen schon mal die Motoren ihrer Kriegsmaschinerie anlaufen. Wohingegen das militärisch unbedeutende Dänemark erwartungsgemäß die Diplomaten aufruft, schon mal die Bleistifte zu spitzen, um die bislang offene territoriale Frage, wem die Arktis gehört, zu klären.

17. September 2007



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