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KLIMA/309: Tropen dehnen sich aus - Ernteverluste und Fischmangel (SB)


Neue Studie - Tropen haben sich weiter ausgedehnt als gedacht


Die Klimazone der Tropen hat sich bereits stärker zu den Polen ausgedehnt, als es Experten für möglich gehalten haben. In früheren Computersimulationen war nur eine vergleichsweise geringe Erweiterung der Tropen in Richtung der Pole vorhergesagt worden, konkrete Messungen belegen inzwischen jedoch, daß sich die Forscher getäuscht haben.

Jeweils zwischen 225 und 530 Kilometer nord- und südwärts hätte sich der Tropengürtel in den letzten 25 Jahren ausgedehnt, schrieben Klimaforscher um Dian Seidel vom Air Resources Laboratory der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) in Silver Spring, Maryland, in dem neuen Wissenschaftsjournal "Nature Geoscience". Die Konsequenzen dieser Beobachtung sind enorm, denn es bedeutet, daß sich die ariden Subtropen weiter nach Norden und nach Süden erstrecken. Dadurch geht landwirtschaftliche Fläche verloren, der Trinkwassermangel nimmt zu, und der Fischfang wird zurückgehen, da in tropischen Meeren weniger Fisch gefangen wird als in kälteren Meeresgebieten.

Die Forscher haben fünf wesentliche Faktoren der oberen Atmosphäre gemessen, Satellitendaten über die Ozonschicht ausgewertet, Satelliten-Mikrowellendaten der atmosphärischen Temperatur registriert und mit Hilfe von Wetterballonen und anderen Meßgeräten die Troposphäre ausgelotet, also den Grenzbereich zwischen der unteren Atmosphäre (Troposphäre) und oberen Atmosphäre (Stratosphäre).

Was genau die Tropenausdehnung bewirkt hat, wissen die Forscher noch nicht. Als mögliche Faktoren werden die Erwärmung der Meere, der Abbau der Ozonschicht oder auch Veränderungen im Klimamechanismus der Südlichen Oszillation/El Niño genannt. Vorstellbar ist nach Ansicht der Forscher darüber eine Verlagerung der Jetstreams, jener kräftigen, breiten stratosphärischen Luftströmungen, die sich am Rande der Subtropen befinden und entscheidend für das gesamte Windsystem der Erde sind.

An der aktuellen Studie waren unter anderem auch Qiang Fu von der Universität Washington und Thomas Reichler von der Universität Utah beteiligt. Sie hatten bereits im vergangenen Jahr über die Ausdehnung der Tropen berichtet, aber damals einen Wert von jeweils etwa 110 Kilometer angegeben, den sie sich nach Norden und Süden innerhalb der letzten 25 Jahre ausgedehnt habe. Daß sich nun innerhalb von nur eineinhalb Jahren deutlich davon abweichende Werte ergeben haben, dürfte vor allem auf die unterschiedlichen Meßmethoden und Berechnungen zurückgehen. Zudem sind die Vermessungen der physikalischen Verhältnisse der Atmosphäre in der Regel sehr kompliziert und aufwendig. Dessen ungeachtet muß das Ergebnis schließlich interpretiert werden, da bleiben Abweichungen nicht aus.

Vor ziemlich genau einem Jahr hatten der Meeresbiologe Prof. Michael Behrenfeld von der Staatsuniversität Oregon in Corvallis und seine Kollegen im Wissenschaftsmagazin "Nature" ihre Analyse einer fast zehnjährigen Meßperiode (1997 - 2006) über die Phytoplanktonmenge in tropischen und subtropischen Meeren veröffentlicht. Die Daten hatte der NASA-Satellit Orbview 2 geliefert. Das Ergebnis: In manchen tropischen Zonen hat das Phytoplankton aufgrund der Erwärmung (pro Jahrzehnt um durchschnittlich 0,2 Grad) seine Aktivitäten um 30 Prozent vermindert.

Meeresalgen stellen jedoch die Basis einer marinen Nahrungskette dar, an dessen Ende auch der Mensch sitzt. Ein Verlust des Phytoplanktons in tropischen und subtropischen Meeren wird einen Rückgang der sowieso von regelmäßigen Überfischung bedrohten Fischbestände auslösen. Darum lautet die verkürzte Formel: Ausdehnung der Tropen gleich weniger Fisch gleich mehr Hunger.

Ob die diesjährige extreme Dürre, die unter anderem im Südwesten der USA und in Australien auftrat, eine Folge des Klimawandels oder der Ausdehnung der Tropen war, vermag kein Wissenschaftler mit Bestimmtheit zu sagen. Umgekehrt rechnen Forscher jedoch damit, daß exakt solche Effekte auftreten werden, wenn sich die Erde weiter erwärmt.

Die aktuelle Studie deckt sich mit Klimasimulationen, die von einer Arbeitsgruppe um den Geographieprofessor John Williams von der Universität von Wisconsin in Madison durchgeführt wurde. Die Forscher schrieben im März dieses Jahres online vorab in den "Proceedings of the National Academy of Sciences", daß sich ihren Berechnungen der Erderwärmung zufolge im schlimmsten Fall zwei Fünftel der Landfläche so erhitzen werde wie nirgendwo sonst in der heutigen Welt. Auf weiteren 48 Prozent der Landfläche würden Klimazonen vollständig verschwinden.

Zieht man die hier erwähnten Studien zusammen, so läßt sich daraus ablesen, daß der Klimawandel für einen Großteil der Menschheit verheerende Folgen nach sich ziehen dürfte. Es klingt zynisch, aber womöglich werden sich die Prognosen zum Wachstum der Weltbevölkerung auf über neun Milliarden Menschen in den nächsten Jahrzehnten als hinfällig erweisen, da die verfügbare Nahrungsmenge nicht mithält.

Die sogenannte Grüne Gentechnik hat bisher nicht gehalten, was ihre Befürworter behaupten. Konventionelles Saatgut hat sich in manchen Regionen als ertragreicher erwiesen, und selbst wenn man die ungeklärten gesundheitlichen und ökologischen Fragen in Verbindung mit der Züchtung von Hybridpflanzen unter Zuhilfenahme mikrobiologischer Technologien beiseite läßt, muß man nach dem heutigen wissenschaftlichen Stand konstatieren, daß auch die Grüne Gentechnik den wachsenden Nahrungsbedarf nicht wird decken können.

Noch unmittelbarer wirkt sich der Verlust an Trinkwasser aus. Wenn sich die Tropen ausdehnen, dann wird nicht nur die Weltgetreideernte schrumpfen, sondern dann werden auch traditionelle Trinkwasserversorgungssysteme kollabieren, Stauseen austrocknen und Flüsse versiegen. Das ist keine dramatische Zukunftsmusik, sondern längst eingetreten.

Wenn Feuerwalzen über Griechenland hinwegrasen und Korkeichen in Portugal im Feuersturm platzen, wenn im vermeintlich immerfeuchten Amazonas-Regenwald Notbrunnen gebohrt werden müssen und Amazonas-Nebenflüsse groß wie der Rhein versiegen, wenn im normalerweise sumpfigen Florida Waldbrände ausbrechen und ein führender Wasserexperte und Berater der australischen Regierung die Farmer auffordert, sie sollten sich in Würde aus einigen Gebieten zurückziehen, da sie nicht mehr gegen die Wüste zu halten seien (und der Premierminister angesichts des ausbleibenden Regens erklärt, jetzt könne man nur noch beten), dann könnte man zu dem Schluß kommen, daß die Menschen bereits inmitten der Katastrophe stecken, die vor einigen Jahrzehnten in Werken wie "Grenzen des Wachstums" oder "Global 2000" angekündigt wurde.

5. November 2007



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