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KLIMA/351: Neue US-Studie - die halbe Menschheit wird hungern (SB)


Neue Studie zum Klimawandel vorgelegt

Tropen und Subtropen werden unerträglich heiß

Große Völkerwanderungen prognostiziert


Über 960 Millionen Menschen weltweit leiden heute nach UN-Angaben an chronischem Hunger, weitere gut zwei Milliarden Menschen sind so verarmt, daß sie sich nicht ausreichend ernähren können. Zusammengenommen entspricht das fast der halben Menschheit. Nun prognostizieren US-Forscher, daß gegen Ende dieses Jahrhunderts aufgrund des Klimawandels drei Milliarden Menschen entweder Hunger leiden oder aber aus ihrer Heimat abwandern müssen, weil ihr Überleben dort nicht mehr gesichert sein wird. So bedrückend dieses Resultat ist, stellt sich die Frage, was genau der Unterschied zu heute sein soll? Wird hier nicht die aktuell prekäre Lage der halben Menschheit verharmlost, indem ein alptraumhaftes Szenario für die ferne Zukunft entworfen wird? An wen wenden sich die Wissenschaftler mit ihrer Studie, wenn nicht ausgerechnet an jene privilegierten Kreise, die unter allen Bewohnern der Erde noch die meisten Möglichkeiten haben, die Folgen der globalen Erwärmung von sich fern zu halten, und deren Existenz vergleichsweise am wenigsten durch Naturkatastrophen oder Ernteeinbrüche gefährdet ist. Und weiter gefragt: Welche Antwort werden die Adressaten auf eine wissenschaftliche Studie haben, in der vor gewaltigen Völkerwanderungen gewarnt wird?

Der Klimatologe David Battisti von der Universität von Washington in Seattle und seine Kollegin Rosamund Naylor von der Universität Stanford behaupten im Wissenschaftsmagazin "Science" [1], daß die Wahrscheinlichkeit, daß bis Ende des Jahrhunderts drei Milliarden Menschen verhungern oder aber auswandern müssen, bei 90 Prozent liegt. Die Forscher hatten 23 Modelle des Weltklimarats IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) zur kommenden Temperaturentwicklung ausgewertet. Im Unterschied zu anderen Studien haben sie sich auf die Temperaturen in den landwirtschaftlichen Wachstumszeiten konzentriert, um so den Einfluß des Klimawandels auf die Nahrungsproduktion berechnen zu können.

Demnach besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, daß in den Tropen und Subtropen künftig Temperaturen vorherrschen werden, wie sie selbst in den heißesten Hitzewellen des letzten Jahrhunderts nicht erreicht wurden. Da in diesen Klimazonen mehr als drei Milliarden Menschen leben, die größtenteils auf lokal erzeugtes Gemüse und Getreide angewiesen sind, und in diesen Regionen ein starkes Bevölkerungswachstum verzeichnet wird, wird sich diese Temperaturentwicklung katastrophal auswirken, konstatieren die Autoren.

Für die semiaride Sahelzone, die sich der Sahara nach Süden hin anschließt, sagen die Forscher eine Durchschnittstemperatur von mehreren Grad über der der heißesten Jahre zwischen 1900 und 2006 voraus. Die Sahelzone dürfte sich in eine Region wandeln, die nicht länger Landwirtschaft ermöglicht, sagte Naylor laut dem Wissenschaftsjournal "New Scientist" [2]. Das ist brisant, denn in diesem afrikanischen Gebiet arbeiten 90 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft, und hier werden 40 Prozent des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet. Es sei wahrscheinlich, daß die Menschen aus dem landwirtschaftlichen Anbaugebiet in andere ländliche Räume abwandern, so Naylor, die warnte: "Darauf müssen wir uns vorbereiten."

Europa bleibe von dieser Entwicklung nicht unbetroffen. Im Jahr 2080 werde es dauerhaft klimatische Verhältnisse wie bei der Hitzewelle im Jahr 2003 geben, als 52.000 Menschen, insbesondere ältere, frühzeitig starben, lautet ein Resümee der Studie. Darüber hinaus wird darauf aufmerksam gemacht, wie verheerend sich eine Hitzewelle während der wichtigsten Wachstumsphase auf die Ernte auswirken kann: In Frankreich brach die Obstproduktion um 25 Prozent ein, in Italien wurde die Maisernte um 36 Prozent reduziert.

"Unsere Studie zeigt, daß die Temperaturen über Land in Jahreszeiten, in denen das Hauptgetreide angebaut wird, aus der Norm fallen werden. Darauf müssen wir uns vorbereiten", sagte Naylor. Falls die Ernten weltweit zur gleichen Zeit geringer ausfielen, wären die globalen Nahrungsmärkte nicht in der Lage einzuspringen.

Tatsächlich schmilzen die weltweiten Getreidereserven laufend zusammen. Würde ab sofort kein Getreide mehr angebaut, hätte die Menschheit in weniger als zwei Monaten nichts mehr zu essen. Bis zum Jahr 2050, so Bevölkerungswissenschaftler, wird die Weltbevölkerung auf über neun Milliarden Menschen wachsen. Entsprechend wird auch der Nahrungsbedarf steigen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, daß die Regierungen weiterhin auf den Verbrauch von Nahrungspflanzen oder landwirtschaftlich wertvollen Böden für die Herstellung von Treibstoff setzen - das grüne Mäntelchen des designierten US-Präsidenten Barack Obama gründet sich nicht zuletzt auf seine Propagierung von Biosprit als vermeintlich klimafreundliche Alternative zu fossilen Treibstoffen.

Battisti und Naylor haben mit ihrer Untersuchung nicht das Rad neu erfunden. Andere Forscher haben sich schon früher mit der Frage befaßt, wie sich der Klimawandel voraussichtlich auf die landwirtschaftlich Produktion auswirken wird. Stellvertretend sei hier William Cline genannt, der eine umfassende, nach geographischen Regionen unterteilte Analyse vorgelegt und 2007 geschrieben hat, daß es selbst in einem moderaten Klimaszenario Ernteeinbrüche um weltweit dreizehn Prozent geben wird [3]. Andere Forscher sagten voraus, daß auf der Erde gänzlich neue Klimazonen entstehen und die Tropen nicht mehr so bleiben werden, wie wir sie heute kennen. Zieht man diese und weitere Untersuchungen zusammen, so ergibt sich in etwa das Bild, das jetzt in "Science" entworfen wurde.

Die entscheidende Neuigkeit liegt woanders. Auch wenn das eine oder andere an der Methode der neuen Klimastudie bemängelt werden kann, wie es die Website World Climate Report [4] in allerdings deutlich übertriebener Weise versucht hat, so steuert sie zielgenauer als viele Studien vor ihr auf Ernteeinbußen, die zu erwartende Zunahme von Hunger und die Befürchtung, daß ein beträchtlicher Teil des Planeten unbewohnbar wird und die dort lebende Bevölkerung in die klimatisch erträglicheren Regionen des Nordens zu fliehen versuchen könnten.


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Anmerkungen:

[1] Battisti, D.S. und R.L. Naylor (2009): "Historical warnings of future food insecurity with unprecedented seasonal heat", Science, 323, Seite 240 - 244.

[2] http://www.newscientist.com/article/dn16384-billions-could-go -hungry-from-global-warming-by-2100.html

[3] Cline, William R. (2007): "Global Warming and Agriculture: Impact Estimates by Country", Juli 2007, ISBN 978-0-88132-403-7.

[4] http://www.worldclimatereport.com/index.php/2009/01/08/science -fiction-down-on-the-farm/#more-357

12. Januar 2009



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