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KLIMA/354: Erstmals Erwärmung der gesamten Antarktis festgestellt (SB)


Keine Abkühlung in der Ostantarktis

Forscher verknüpfen Daten von Infrarot-Satelliten und Wetterstationen


Obgleich auf der Antarktis mittlerweile 82 Forschungsstationen stehen, sie mit einer noch größeren Zahl an Wetterstationen bestückt ist und regelmäßig von Umweltsatelliten wie Envisat mit allerlei Meßgeräten an Bord überflogen und ausgelotet wird, gilt sie noch als wenig erforscht. So wie die Datenmengen über Temperatur und Ozongehalt, Meeresströmungen und Gletschergeschwindigkeit laufend ergänzt werden, ändert sich das Bild, das Wissenschaftler von dem Kontinent zeichnen. Der jüngste Bericht US-amerikanischer Forscher im Wissenschaftsmagazin "Nature" [1] über die Temperaturentwicklung auf dem südlichen Kontinent besitzt einige Brisanz, besagt er doch nicht mehr und nicht weniger, daß sich die Antarktis in den letzten 50 Jahren insgesamt erwärmt hat. Damit widersprechen die Forscher der Behauptung, daß die Antarktis, abgesehen von westlichen Regionen des Kontinents, nicht von der allgemeinen Erderwärmung betroffen ist. Die niedrigen Temperaturen in der Ostantarktis sind demnach auf den Herbst zwischen 1970 und 2000 zurückzuführen, sie repräsentieren aber nicht den Temperaturverlauf der gesamten Antarktis.

Es gehört schon länger zum Allgemeinwissen aller am Thema Antarktis Interessierten, daß sich die westantarktische Halbinsel erwärmt und sich die Gletscher mit zunehmender Geschwindigkeit ins Meer ergießen. Laut der US-Forschergruppe um Eric Steig von der Universität von Washington in Seattle beträgt der Temperaturanstieg dort im Durchschnitt 0,11 Grad Celsius pro Jahrzehnt. Die übrige Westantarktis habe sich sogar um 0,17 Grad pro Jahrzehnt erwähnt, schrieben die Autoren. Darüber hinaus widersprachen sie der bisherigen Vorstellung, wonach die Verhältnisse in der übrigen Antarktis relativ stabil geblieben sind. Auch dort nehme die Temperatur, wenngleich nur leicht, zu, so daß sich die Antarktis insgesamt seit 1957 um 0,1 Grad Celsius pro Jahrzehnt erwärmt hat.

Die Forscher hatten Datensätze von antarktischen Wetterstationen mit denen von Infrarot-Satellitenmessungen verknüpft und nach einem bestimmten statistischen Verfahren interpretiert. Aber warum wurde der Temperaturanstieg nicht schon früher festgestellt, wird sich der Laie fragen, schließlich liegen die Meßergebnisse schon länger vor. Diese Frage, so berechtigt sie zunächst scheint, zeugt von einer - zugestandenen - Unkenntnis der wissenschaftlichen Methoden, einer generellen Forschungsgläubigkeit sowie einem womöglich persönlich unpräzisen Umgang mit Meßanordnungen.

So wird sich ein Laie vermutlich sagen, daß sein Eisschrank auf -20 Grad herabgekühlt ist, ein Grad mehr oder weniger scheint bedeutungslos. Beim Messen der Körpertemperatur wird das Thermometer zwar immerhin auf eine Stelle hinter dem Komma abgelesen, aber bei einem genaueren Betrachten würde man feststellen, daß ober- und unterhalb von beispielsweise 38,1 Grad bis zum nächsten Zehntelgrad eine beträchtlich Spanne liegt. Es könnte für jemand Erkrankten lebensrettend sein, wenn feine Tendenzen im Temperaturverlauf genauer gedeutet würden. Für die Klimaforschung gilt es allemal, daß Temperaturveränderungen von 0,1 Grad Ausdruck relevanter natürlicher Veränderungen sind, stecken doch in solch einem statistischen Mittelwert häufig lange Meßreihen, die ein differenziertes Bild der Verhältnisse liefern, sich aber weniger gut vermitteln lassen. [2]

Hinter der von den Forschern errechneten durchschnittlichen Erwärmung der gesamten Antarktis verbergen sich starke regionale Unterschiede, in denen möglicherweise eines Tages überraschende, sich selbstverstärkenden Prozesse ablaufen, durch die andere Regionen beeinflußt werden.

Bei einem kompletten Eisverlust in der Westantarktis wäre mit einem weltweiten Meeresspiegelanstieg von gut fünf Metern zu rechnen. Sollte der kilometerdicke Eispanzer der Ostantarktis abtauen, stiege das Meer weltweit um über 50 Meter an. Damit rechnet kein Wissenschaftler in den nächsten tausend Jahren, insofern ist auch die Einschätzung Steigs zu verstehen, wonach die von ihnen berechnete Temperaturentwicklung niemanden mehr sorgen sollte als zuvor. Der Forscher will aber der "wirklich albernen und rücksichtslosen Behauptungen einiger Leute da draußen" [3] entgegentreten, daß sich die Antarktis abkühlt.


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Anmerkungen:

[1] Steig, E. et al.: Warming of the Antarctic ice-sheet surface since the 1957 International Geophysical Year. In: Nature 457, S. 459-463, 2009.

[2] Man stelle sich vor, die Forscher würden Dutzende Seiten, eng beschrieben mit langen Zahlenkolonnen, veröffentlichen und die Leser auffordern, sich selbst ein Bild zu machen. Das käme sicherlich nicht gut an. Ein Mittelwert dagegen ist leicht zu verstehen. Unproblematisch sind Mittelwertsangaben allerdings nicht, denn dabei werden Extreme rechnersich egalisiert und unkenntlich gemacht.

[3] Global warming hitting all of Antarctica: scientists, AFP, 21. Januar 2009. (Zugriff am selben Tag)
http://www.terradaily.com/2007/090121180210.aal9mq78.html

22. Januar 2009



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