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KLIMA/357: Hunger und Klimawandel - die Zukunft der Menschheit (SB)


Klima im Wandel

Indische Landwirtschaft vor kaum lösbaren Problemen

Weltweite Produktionsrückgänge und Ernteausfälle in wichtigen landwirtschaftlichen Anbaugebieten


Da zum gegenwärtigen Zeitpunkt rund eine Milliarde Menschen hungern müssen, verharmlosen Aussagen wie, daß der Klimawandel zu einer Hungerkatastrophe führen wird, die gegenwärtige Lage dieser Menschen. Die Katastrophe ist längst da, sie findet bereits statt - wohl aber muß in Zukunft mit einer beträchtlichen Zunahme des Hungers gerechnet werden. Abgesehen von den Entwicklungsländern wird sich der Nahrungsmangel auch in Schwellenländern und selbst Industriestaaten ausbreiten. Das geht nahezu einhellig aus den Resümees der Teilnehmer der kürzlich abgeschlossenen Welternährungskonferenz in Madrid sowie aus einer Reihe von Studien der letzten Zeit hervor. Eine Bestätigung erfahren die Analysen durch aktuelle Nachrichten aus den landwirtschaftlichen Anbaugebieten Australiens, Argentiniens, der USA und anderer Weltregionen.

Der indische Energieminister Jairam Ramesh berichtete diese Woche Mittwoch auf einem internationalen Wirtschaftsforum des Energy and Resources Institute (TERI) in New Delhi, daß die Weizenproduktion seines Landes in den letzten zehn bis 15 Jahren aufgrund des Klimawandels stagniert. [1] Indien sollte den Klimawandel viel ernster nehmen als bisher, forderte der Minister, der allerdings im gleichen Atemzug erklärte, daß Kohle weiterhin der Hauptenergieträger seines Landes bleiben werde.

Indien werde aber den Kohleverbrauch senken und wolle in Zukunft das bei der Kohleverbrennung anfallende Kohlendioxid abfangen und verwenden, um Mikroalgen zu züchten, die Treibstoff produzieren werden, stellte der Minister in Aussicht. In drei bis vier Jahren könne Indien auf dem Gebiet der sauberen Technologien weltweit führend sein, wenn es seine defensive Haltung aufgebe, erklärte Ramesh auf dem Forum, das mit dem Delhi Sustainable Development Summit (DSDS) assoziiert war.

Am selben Tag warnte der indische Minister für Ernährung und Landwirtschaft Sharad Pawar auf dem 4th World Congress on Conservation Agriculture (CA) in New Delhi, zu dem 1000 internationale Experten angereist waren, daß Indien seine Getreideproduktion bis 2025 um fast 40 Prozent steigern müsse, um den Bedarf der wachsenden Bevölkerung zu stillen. [2]

Indien hat im Zeitraum 2007/2008 bei 1,1 Milliarden Einwohnern eine Rekordernte von 230,67 Millionen Tonnen Getreide eingefahren. Im Jahre 2025 wird es voraussichtlich 200 Millionen Inder mehr geben. Um sie zu ernähren müßten 320 Millionen Tonnen Getreide produziert werden, rechnete Pawar vor. Das bedeute, daß ein höherer Druck auf die bestehenden Land-, Boden- und Wasserressourcen ausgeübt werde. Die seien aber wie in vielen Entwicklungsländern schon knapp und überstrapaziert.

Aus diesem Grund bleibt unklar, wie Indien das schaffen will. Auch wenn die von Pawar in Aussicht gestellte Ausdehnung der Bewässerungsflächen und die effizientere Nutzung von Wasser und Dünger sicherlich einen Mehrertrag bringen können, ist es fraglich, ob das genügt. Schließlich zählt Indien schon heute zu den Ländern, in denen die meisten Menschen Hunger leiden.

Die landwirtschaftliche Produktion Indiens wird von drei globalen Folgen des Klimawandels massiv bedroht: Wenn aufgrund der Erwärmung des Indischen Ozeans der jährliche, von Süden kommende Monsunregen ausbleibt - und der zeigt in den letzten Jahren bereits beunruhigende Unregelmäßigkeiten -, werden sich große Gebiete des Subkontinents in eine Dauerwüste wandeln. Des weiteren sind die Gangesmündung und andere niedrig gelegene Regionen durch den Anstieg des Meeresspiegels gefährdet. Salzwasser dringt bereits landeinwärts vor und dürfte in Zukunft landwirtschaftliche Flächen unbrauchbar machen. [3]

Von Norden her droht Indien langfristig die Gefahr, daß der gegenwärtige Gletscherrückzug im Himalaya zu einem chronischen Wassermangel der Flüsse Ganges, Brahmaputra und ihren zahlreichen Nebenflüssen führt. Die indische Regierung versucht zwar landesweit, den Wassermangel (und Energiebedarf) durch Dutzende Staudämme zu beheben, aber wenn gar kein Wasser durch den Monsun oder von den Gletschern nachfließt, nutzt das beste Stauwerk nichts. Wie heikel die Frage des Schmelzwassermangels nicht nur für Indien, sondern auch für China, Tibet, Nepal und eine Reihe weiterer asiatischer Staaten ist, verdeutlicht ein aktueller Bericht der staatlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua. [4]

Chinesische Wissenschaftler erklärten, daß der Rückgang der Gletscher auf dem Qinghai-Tibet-Plateau eine "beunruhigende Geschwindigkeit" angenommen hat. In den letzten vierzig Jahren sei die Gletscherfläche um 196 Quadratkilometer geschrumpft, so Xin Yuanhong, Leiter einer dreijährigen Studie, die im August 2008 endete, über die Gletscher in der Region. 1971 hätten die Gletscher im Quellgebiet des Jangtse eine Fläche von 1247 Quadratkilometern eingenommen, heute hingegen seien sie auf 1051 Quadratkilometer zurückgegangen. Das sind immerhin 15,7 Prozent und entspricht einem Wasserverlust von 989 Millionen Kubikmetern. "Schmelzendes Gletscherwasser füllt kurzfristig die Flüsse wieder auf, aber die Ressource verschwindet. Langfristig wird Dürre die Einzugsgebiete der Flüsse beherrschen", wird Xin zitiert.

Das Abflußsystem des Jangtse hat zwar nicht unmittelbar mit Indien zu tun, aber an diesem Beispiel wird die Problematik des Gletscherverlustes, wie er auch in anderen Ländern Asiens, die auf die Schmelzwässer des riesigen Hochgebirges angewiesen sind, deutlich. Ohne sie müßten Millionen Bauern die Landwirtschaft aufgeben, und China ginge die Energie aus, die durch Turbinen beispielsweise des Drei-Schluchten-Staudamms gewonnen wird.

Wissenschaftler kennen und benennen das Problem, aber nicht die Lösung dafür, daß im Jahre 2050 eine Weltbevölkerung von voraussichtlich neun Milliarden Menschen ernährt werden muß - wo doch heute nicht einmal die 6,6 Milliarden Menschen ausreichend ernährt werden. Prognosen zufolge wird die landwirtschaftliche Produktivität bis 2030 nur noch um 1,5 Prozent pro Jahr zunehmen und zwischen 2030 und 2050 nur noch jährlich um 0,9 Prozent. Das ist ein deutlicher Rückgang, betrug sie doch seit 1961 durchschnittlich 2,3 Prozent pro Jahr. Und in den Entwicklungsländern verzeichneten die Weizenerträge von einer ursprünglich fünfprozentigen Wachstumssteigerung bis 1980 nur noch eine zweiprozentige Steigerung bis 2005. Der Reisanbau verringerte sich von 3,2 auf 1,2 Prozent und das Wachstum der Maismenge von 3,1 auf 1,0 Prozent im gleichen Zeitraum. 1960 wurden durchschnittlich 2,4 Personen von einem Hektar Land ernährt, 2005 waren es 4,5 Personen und im Jahr 2050 dürften es zwischen 6,1 und 6,4 Personen sein. [5]

Diese Zahlen belegen, daß es in Zukunft immer schwieriger werden wird, die Nahrungsmenge zu steigern. Nicht nur die indische und chinesische Landwirtschaft sind beträchtlich unter Druck, auch Australien stehen anscheinend schwere Zeiten bevor. Der Süden des Kontinents leidet derzeit unter einer bislang nie dagewesenen Hitzewelle - und das nach einer Reihe von bis zu sieben Dürrejahren in manchen Landesteilen. Die beiden Flüsse Murray und Darling, deren Wasser wesentlich dazu beigetragen hat, daß Australien weltweit drittgrößter Weizenexporteur wurde, haben beinahe ihren historischen Tiefstand erreicht, teilte die Murray Darling Basin Authority am Mittwoch mit. [6]

Die Wasserreservoire sind nur noch zu durchschnittlich 16 Prozent gefüllt. Die Niederschlagsmenge im Januar lag zwei Drittel unter dem Normalwert. Damit droht die Kornkammer des Kontinents, die fast die doppelte Fläche Frankreichs einnimmt, trocken zu fallen. Im vergangenen Jahr veröffentlichten australische Klimaforscher eine Studie, derzufolge das Land künftig mit Dürren im Abstand von ein, zwei Jahren rechnen müsse. Früher hingegen sei es dazu nur alle 22 Jahren gekommen, hieß es. Die aktuelle Hitzewelle in den Bundesstaaten Victoria und South Australia sattelt sozusagen auf der Klimaentwicklung auf. Den absoluten Hitzerekord verzeichnete am 28. Januar Kyancutta mit 48,2 Grad Celsius. [7] Der Leiter der Murray-Darling-Becken-Behörde, Rob Freeman, berichtete, daß im mittleren Verlauf des Murray viele hundert Fische aufgrund der hohen Temperaturen verendet sind und daß ein hohes Risiko bestehe, daß sich giftige Algen rasant ausbreiten.

Nicht viel besser sieht es in Kalifornien aus. Der neue Energieminister Steven Chu warnte am Dienstag, daß die Landwirtschaft in Kalifornien in Folge des Klimawandels "verschwinden" könnte. [8] Als Hauptgrund für dieses düstere Szenario nannte Chu den Rückgang der Eis- und Schneeflächen in den Sierra Mountains um voraussichtlich 90 Prozent.

Das Schmelzwasser aus den Bergen ist eine wesentliche Voraussetzung für die Landwirtschaft Kaliforniens, das wichtigste Anbaugebiet Nordamerikas. Im Marin County, ebenfalls in Kalifornien gelegen, wurden kürzlich drastische Wassereinsparmaßnahmen beschlossen. Einwohner dürfen nur noch eine begrenzte Menge der wertvollen Ressource benutzen. Wer die zulässige Menge dreimal überschreitet, wird von der Wasserversorgung abgetrennt. Wenn die Menschen im Marin County ihren Wasserverbrauch nicht drastisch einschränken, geht dem zuständigen Bolinas Community Public Utility District im April das Wasser aus.

Im Zusammenhang mit dem globalen Klimaphänomen namens El Niña herrscht zur Zeit in Argentinien und Uruguay eine verheerende Dürre. Mehr als 50 Prozent der argentinischen Weizen- und Maisfelder sind verdorrt, fast zwei Millionen Rinder verendet. Die argentinische Präsidentin Christina Fernández de Kirchner hat bereits den Notstand ausgerufen und Maßnahmen zum Schutz der Bauern ergriffen. [9]

Indien, Australien, Kalifornien, Argentinien - vier weltweit bedeutende landwirtschaftliche Produktionszonen, die Ertragseinbußen aufgrund der klimatischen Verhältnisse hinnehmen müssen. Daß das Thema "Klimawandel und globaler Nahrungsmangel" schon länger die Analysten in den westlichen Metropolen beschäftigt, wundert nicht, werden doch auch sie von der allgemeinen Not betroffen sein. So erklärte im Januar der britische Think Tank Chatham House, der auch die Regierung berät, daß der jüngste Preisrückgang für Lebensmittel nur vorübergehend ist und die Preise wieder steigen werden. [10] Besonders die importabhängigen Staaten sowie die Armen dieser Welt würden den Druck der hohen Lebensmittelpreise drastisch zu spüren bekommen.

Wie drastisch, erfahren jährlich rund eine Milliarde Menschen - für rund 35 Millionen Menschen jedes Jahr ist es die letzte Erfahrung ihres Lebens. Der Klimawandel, der eigentlich synonym für einen allgemeinen Mangel der Grundversorgung mit Nahrung und Energie steht, gefährdet die Überlebensressourcen eines großen Teils der Menschheit.


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Anmerkungen:

[1] "India's wheat yield stagnant due to global warming: minister", by Indo-Asian News Service, 4. Februar 2009.
http://www.freshnews.in/indias-wheat-yield-stagnant-due-to-global -warming-minister-122460

[2] "India needs to raise crop production 40 percent by 2025: Pawar" Indo-Asian News Service, 4. Februar 2009.
http://www.freshnews.in/category/business

[3] "Rising Sea Levels Threatens the Ganges", gepostet am 4. Februar 2009 von Saikat in Environment, Green News.
http://www.aboutmyplanet.com/green-news/rising-levels-threatens/

[4] "Melting glaciers on China's Qinghai-Tibet plateau water source 'worrisome'", 4. Februar 2009.
http://news.xinhuanet.com/english/2009-02/04/content_10763469.htm

[5] "Farming Must Change to Feed the World", 4. Februar 2009.
http://www.thepigsite.com/swinenews/20308/farming-must-change-to -feed-the-world

[6] "Extreme heat dries Aus rivers", 4. Februar 2009.
http://www.news24.com/News24/Technology/News/0,,2-13 -1443_2463969,00.html

[7] "Get set to fry - more heatwaves coming", Simon Mossman, 4. Februar 2009.
http://www.news.com.au/story/0,23599,25007051 -29277,00.html?from=public_rss

[8] "Energy Secretary Warns Agriculture May Vanish In California As A Result of Global Warming", 4. Februar 2009.
http://www.allheadlinenews.com/articles/7013948479

[9] "Dürre in Argentinien. Ursache: Kaltes Ozeanwasser", 27. Januar 2009.
http://www.wetteronline.de/feature/2009/01/27_da.htm

[10] "Food Futures. Rethinking UK Strategy", 26. Januar 2009.
www.chathamhouse.org.uk

5. Februar 2009



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