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KLIMA/358: Durst und Klimawandel - Die Zukunft der Menschheit (SB)


Zwei Drittel der Menschheit werden unter Wassermangel leiden


In nicht einmal 20 Jahren werden zwei Drittel der Weltbevölkerung unter Wassermangel leiden, falls die gegenwärtigen Trends beim Klimawandel und Bevölkerungswachstum, bei der Landflucht und dem Konsum beibehalten werden. Vor dieser dramatischen Entwicklung warnte Asha-Rose Migiro, Stellvertretende Generalsekretärin der Vereinten Nationen, am Donnerstag auf einem Symposium zur Wassersicherheit im UN-Hauptgebäude in New York. [1] Migiro zufolge werden im Jahr 2025 rund 1,8 Milliarden Menschen in Ländern oder Regionen leben, in denen es nicht genügend Wasser gibt, und zwei Drittel der Weltbevölkerung könnten zum Opfer von "Wasserstreß" werden.

Ob sich die genannten Trends fortsetzen, kann selbstverständlich nicht mit Bestimmtheit prognostiziert werden. Allerdings ist festzustellen: Der globale Klimawandel in Richtung Erwärmung ebbt nicht ab, die Weltbevölkerung wächst unverdrossen weiter, und die Abwanderung der Landbewohner in die Städte scheint sich zu beschleunigen.

In China, in dem einige Provinzen gegenwärtig unter einer Extremdürre leiden - betroffen ist vor allem die bevölkerungsreiche Provinz Henan - wird zwar unter dem Heer von Wanderarbeitern ein gegenläufiger Trend beobachtet, seitdem es in Folge der Wirtschaftskrise immer weniger Arbeit in den Städten gibt, aber irgendwann dürfte die Landbevölkerung feststellen, daß sie einst gute Gründe besaß, sich in der Stadt nach einer zumindest befristeten Einnahmequelle umgesehen zu haben. Wenn nun die chinesischen Wanderarbeiter wieder aufs Land ziehen, zeigt das die wachsende Not in den Metropolen des Landes. Die Menschen werden hin und her geworfen, rund um die Uhr von ihrer Existenzsicherung vereinnahmt.

Auf dem von der Weltwasserorganisation (WWO) veranstalteten, zweitägigen Treffen in New York machte Migiro darauf aufmerksam, daß ein Mangel an sauberem Trinkwasser unvermeidlich verbunden ist mit Armut und Unterernährung. Zudem würden Mädchen am Schulbesuch gehindert, da sie Wasser holen müßten, und die Sterblichkeit von Müttern beim Gebären nehme zu. Bereits heute besäßen rund 900 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser, und 2,5 Milliarden Menschen lebten in hygienisch unzureichenden Verhältnissen. Der Konflikt zwischen Wasserversorgung und -bedarf verschlimmere sich, es seien dringend Maßnahmen erforderlich, mahnte Migiro eindringlich.

Rund zwei Drittel des Süßwasserverbrauchs entfällt auf die Landwirtschaft, in Afrika sind es sogar fast 90 Prozent. Die heutige Nahrungsproduktion genügt jedoch nicht, um die Weltbevölkerung zu ernähren, fast eine Milliarde Menschen haben regelmäßig nicht genügend zu essen. [2] Viele Agrarexperten sehen in der Ausdehnung der Bewässerungswirtschaft einen wichtigen Ansatz im Kampf gegen den Hunger. Das bedeutet jedoch zunächst, daß die Landwirtschaft noch mehr Wasser verbrauchen soll als bisher. Es gibt zwar äußerst effiziente Bewässerungsmethoden, durch die mit wenig Wasser hohe Erträge erzielt werden können, aber diese Technologien flächendeckend zu verbreiten, erfordert Zeit, die die Menschen nicht haben, wenn man Migiro und anderen Experten Glauben schenkt.

Chinas Durst konnte bereits in der Vergangenheit nicht gestillt werden, aber daß nun 100 Tage hintereinander in bevölkerungsreichen Regionen und wichtigen landwirtschaftlichen Anbaugebieten keine Niederschläge gefallen sind, stellt eine Steigerung zum "normalen" Mangel dar. Die Wassersituation ist äußerst heikel; die gegenwärtige Dürre wird in manchen Regionen zu Ernterückgängen von 20 Prozent und mehr führen. [3] Im Januar hatte die Weltbank die Regierung Chinas dringend aufgefordert, die Bevölkerung dazu anzuhalten, weniger Wasser zu verbrauchen. Als eine von mehreren Maßnahmen sollte das kostbare Naß verteuert werden. Andernfalls könnte eine "schwere Wassermangelkrise" eintreten, erklärte ein Analyst der Weltorganisation. [4]

Wasser ist in China nicht nur deshalb knapp, weil nicht überall zu jeder Zeit ausreichend Niederschläge herunterkommen, sondern auch weil die Industriealisierung des Landes weitreichende Umweltverschmutzungen nach sich zieht. Auch das war ein Grund für die politischen Analysten der kanadischen Organisation Probe International, die im Juni 2008 warnten, daß die Wasserkrise in Peking so schwer wiegt, daß die Stadt vor dem wirtschaftlichen Kollaps steht und in den nächsten Jahrzehnten gezwungen sein wird, Teile der Stadtbewohner umzusiedeln. [5]

Im September 2008 hatte die Stadtverwaltung Pekings einen auf sechs Monate angesetzten Notfallplan anlaufen lassen, um die 17 Millionen Einwohner mit Wasser zu versorgen. Aus der umliegenden Hebei-Provinz sollten 300 Millionen Kubikmeter Wasser in die Hauptstadt umdirigiert werden - ein höchst brisanter Plan, denn Hebei selbst hat ebenfalls nicht genügend Wasser. [6]

Es gibt eine Wasserressource, die dem Anschein nach vom Klimawandel unbeeinflußt bleibt, das Grundwasser. Es verdunstet nicht oder zumindest nur in einem sehr begrenzten Umfang, da es aufgrund hydrostatischer Kräfte in oberflächennahe Erdschichten gelangen kann. Darüber hinaus gibt es noch fossile Grundwasserspeicher, Aquifere genannt, die teils tief in der Erde liegen und ein enormes Volumen einnehmen. Doch die Vorstellung, daß die Aquifere den Durst der Weltbevölkerung stillen können, da die nackten Zahlen ihres Volumens dies nahelegen, trifft nicht zu.

Beispielsweise wird der riesige Ogalalla-Aquifer, der sich unter mehrere zentrale US-Bundesstaaten erstreckt, bereits stark angezapft und droht zu kollabieren, so daß ihm irgendwann schlagartig gar kein Wasser mehr entnommen werden kann. Auch unter Australien befindet sich ein gewaltiger fossiler Grundwasserspeicher. Aber es ist nicht einfach und auch nicht ungefährlich, sich hieran hemmungslos gütlich zu tun. Experten befürchten, daß durch eine zu starke Entnahme der Wasserdruck nachläßt und dann jedes Liter unter großem Energieaufwand hinaufgepumpt werden muß.

Im Oktober vergangenen Jahres hat die UNESCO (UN Educational, Scientific and Cultural Organisation) erstmals eine Weltkarte über die grenzüberschreitenden fossilen Grundwasserspeicher veröffentlicht. [7] Die darin eingezeichneten insgesamt 273 Aquifere bilden zwar häufig eine wichtige Quelle für die Bewässerungswirtschaft der Länder. Einige liegen allerdings in Konfliktgebieten und können sogar Auslöser für schwere Spannungen zwischen den Staaten sein.

Eine der weltweit explosivsten Regionen ist zweifellos Kashmir, um das schon zweimal Krieg geführt wurde. Hier belauern sich Indien und Pakistan ununterbrochen, Schußwechsel an der Grenze sind keine Seltenheit. Kashmir verfügt sowohl über einen Aquifer, der sich unter den beiden von Pakistan und Indien kontrollierten Hälften erstreckt, als auch über Oberflächenwasser, um das gestritten wird. Wenn die Wasserkrise nicht durch den Indus-Wasservertrag (von 1962) gelöst wird, könnte sich sich die Lage "äußerst gefährlich" entwickeln, warnte im November 2008 der Vorsitzende der Pakistanischen Muslimliga Quaid (PML-Q), Chaudhry Shujaat Hussain. [8]

Alle größeren Flüsse Pakistans fließen durch Kashmir. Wenn sich Indien, das schon einige der Flüsse aufgestaut hat, und Pakistan nicht über die Wassernutzung einigen können, droht ein erneuter Krieg. Das machte auch der pakistanische Premierminister Asif Zardari im Oktober vergangenen Jahres unmißverständlich deutlich. [9] Anlaß war die Einweihung des umstrittenen Baglihar-Damm in dem von Indien kontrollierten Teil der Provinz. Pakistan reklamiert, daß der Damm zu viel Wasser zurückhält und dadurch seine Landwirtschaft beeinträchtigt wird ... der Konflikt ist vorprogrammiert.

Auf fast allen Kontinenten, insbesondere in Afrika, wird ein zunehmender Wassermangel als Folge der Erderwärmung, des Meeresspiegelanstiegs, der Wüstenbildung, der Gletscherschmelze und einer Reihe weiterer Faktoren verzeichnet. Wenn die Hochgebirge in Asien keine Gletscher mehr bilden, werden womöglich über eine Milliarde Menschen nicht mehr das ganze Jahr über ausreichend Wasser zur Verfügung haben. Das gleiche gilt für Lateinamerika und die USA, die Schmelzwässer der Anden und der Rocky Mountains sind für viele Regionen lebenswichtig.

Australien wiederum beweist zur Zeit, daß Wassermangel sowohl durch zuviel Hitze als auch durch zuviel Nässe entstehen kann. Im Norden des Kontinents haben die Monsunregenfälle zu ausgedehnten Überschwemmungen geführt, was zur Kontamination von Trinkwasserreservoiren führte. Schlimmer noch ergeht es jedoch den Menschen im Süden, wo es neben der aktuellen Rekordhitzewelle auch einen inzwischen chronischen Wassermangel im Hauptanbaugebiet des Murray-Darling-Beckens gibt.

Die Prognose der Stellvertretenden Generalsekretärin der Vereinten Nationen, daß in weniger als zwei Jahrzehnten zwei Drittel der Menschheit über nicht genügend Wasser verfügen werden, wird durch die obige Auswahl teils aktueller Entwicklungen bestätigt. Asha-Rose Migiro warnte vor einem Weiter-so-wie-bisher ... möglicherweise wird sich das sogar noch als ein vergleichsweise positives Szenario erweisen, falls sich die globale Wasserknappheit aufgrund des Klimawandels weiter zuspitzt.


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Anmerkungen:

[1] "Majority of world population face water shortages unless action taken, warns Migiro", UN News, 5. Februar 2009.
http://www.un.org/apps/news/story.asp?NewsID=29796&Cr=water&Cr1=agriculture

[2] Siehe: KLIMA/357: Hunger und Klimawandel - Die Zukunft der Menschheit (SB)

[3] "Extreme Dürre in China. Seit über 100 Tagen hat es in 8 nördlichen Provinzen nicht mehr geregnet", Telepolis, 5. Februar 2009.
http://www.heise.de/tp/blogs/2/126937

[4] Xie, Jian: "Addressing China's Water Scarcity: A Synthesis of Recommendations for Selected Water Resource Management Issues", World Bank Publications, September 2008, ISBN: 978 0 8213 7645 4.

[5] "World Bank urges China to raise water prices to counter crisis", AFP, 12. Januar 2009.
afp.google.com/article/ALeqM5jVAcJwE-JAL8umT2mZjDWPkPXmlg

[6] "China 'begins emergency water diversion to Beijing'", AFP, 18. September 2008.
afp.google.com/article/ALeqM5hmX_kRPi9O0Imw0vEsIalIfK7Ukg

[7] http://www.whymap.org/nn_354300/whymap/EN/Downloads/Global__m aps/globalmaps__node__en.html?__nnn=true

[8] "Water crisis may lead to Indo-Pak war: Shujaat", Daily Times, 3. November 2008.
http://www.dailytimes.com.pk/default.asp?page=2008%5C11%5C03%5Cstory_3 -11-2008_pg7_9

[9] "Zardari warning over Kashmir dam", BBC News Online, 13. Oktober 2008.
news.bbc.co.uk/2/hi/south_asia/7666573.stm

6. Februar 2009



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