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KLIMA/363: Forscher warnen vor Kollaps der marinen Nahrungskette (SB)


Ozeane versauern - Phytoplankton verliert Kalkschale


Den Klimawandel hat es schon immer gegeben, lautet eines der Argumente der sogenannten Klimaskeptiker. Sie bestreiten, daß die anthropogenen Treibhausgase maßgeblich Einfluß auf das Klima ausüben. Die selbsternannten Skeptiker hätten genausogut sagen können: Arten kommen und gehen - was soll's? Denn so, wie das Klima im Laufe der Erdgeschichte fundamentale Wandlungen durchlaufen hat, sind auch Arten entstanden und wieder verschwunden. Manche Menschen scheinen auszublenden, daß sie ebenfalls eine Art sind ...

Der Mensch hat sich aufgrund des einzigartigen Ausmaßes an Fremdmaterialverwendung über den ganzen Globus ausgebreitet. Andere Lebewesen bauen Nester, graben sich Höhlen, konstruieren Stauwerke oder verändern die Bodenchemie im Bereich ihres Standorts, doch keine Art hat den Planeten so verändert wie der Mensch. Gleichzeitig hat er sich in eine tiefe Abhängigkeit von den Fremdmaterialien hineinmanövriert: Ohne Feuer, Kleidung, maschinelle Landwirtschaft, Fischfang, Jagdutensilien, etc. dürfte der Lebensbereich des Menschen sehr viel eingeschränkter und seine Population um vieles kleiner sein. Auch wenn es den Klimawandel schon immer gegeben hat, wäre ein Standpunkt, der mit dieser Aussage den Einfluß des Menschen auf das Klima kleinreden will, nicht als skeptisch, sondern als fatalistisch zu bezeichnen. Das belegen immer wieder Forschungsarbeiten verschiedener wissenschaftlicher Fachrichtungen.

Wenn Geologen und Paläontologen von "plötzlich" auftretenden Klimaumbrüchen sprechen, dann meinen sie damit nicht Hollywood-Szenarien à la "The Day after Tomorrow", in dem die Menschen von den vorrückenden Eismassen überwältigt werden, sondern von "erdgeschichtlich" raschen Veränderungen. Die erstrecken sich über Tausende oder Zehntausende von Jahren; geht man weiter zurück bis ins Erdaltertum sogar über Hunderttausende Jahre.

Gegenwärtig befindet sich die Erde in solch einem plötzlichen Wandel, und es ist anscheinend wesentlich der befristeten Lebensspanne des Menschen zuzuschreiben, daß sich das Wissen um diesen Umbruch bislang noch nicht in einer Weise herumgesprochen hat, daß daraus Handlungen abgeleitet werden, mit denen versucht wird, die fatale Entwicklung umzukehren - zum Wohle aller Menschen und nicht von wenigen Privilegierten, die sich die Überlebensressourcen zu sichern versuchen. Ob der Klimawandel aufgehalten werden kann, wird der Mensch erst herausfinden, wenn er sich der Aufgabe ernsthaft stellt.

Ein Indiz unter vielen für einen solchen Umbruch lieferten australische Forscher, die feststellten, daß die Kalkschalen von Planktonorganismen der Art Globigerina bulloides seit Beginn der Industrialisierung um 30 bis 35 Prozent leichter geworden sind, weil die Meere zunehmend versauern - ebenfalls um 30 Prozent im gleichen Zeitraum.

Meere absorbieren rund 25 Prozent des von Menschen produzierten Kohlendioxids. Das greift sämtliche Kalkbildner an, auch Muscheln und Korallen. Nun verhält es sich so, daß das winzige Phytoplankton die Basis der Nahrungskette bildet, an deren Ende sich der Mensch befindet, der einen wichtigen Teil seiner Nahrung aus dem Meer holt. Der australische Projektleiter Will Howard vom Antarctic Climate & Ecosystems Cooperative Research Centre in Hobart und seine Kollegen schrieben im Wissenschaftsmagazin "Nature Geoscience" [1] von einem "besorgniserregenden Signal", worauf sich der Mensch in Zukunft einzustellen habe. Sie warnten vor einem "möglichen Dominoeffekt" in der marinen Nahrungskette.

Was Forscher bislang nur in Modellen und Klimasimulationen berechneten, hat nun die Forschergruppe eigenen Angaben zufolge erstmals bewiesen. Außerdem konnte sie anhand der Analyse eines Sedimentbohrkerns, der aus dem Meeresboden des südlichen Ozean gezogen wurde und eine Zeitspanne von 50.000 Jahren repräsentiert, eine überzeugende Korrelation zwischen der Höhe des atmosphärischen CO2-Gehalts und der Gewichtsabnahme von Kalkschalen ziehen.

Mit diesem jüngsten Forschungsergebnis werden die Warnungen der "Monaco-Deklaration", die im vergangenen Oktober von den Teilnehmern des 2. Symposiums "The Ocean in a High-CO2 World" in Monaco verabschiedet wurde, bestätigt. Die Experten aus aller Welt forderten ein unverzügliches Gegensteuern, ansonsten sei mit einer beschleunigten Versauerung der Ozeane und dem Kollaps ganzer Ökosysteme zu rechnen.

Ähnliche Szenarien für grundlegende Veränderungen der Erde werden von Wissenschaftlern entworfen, die Forschungen zum Schwund der Schnee- und Eismassen in den Polargebieten, zum Auftauen der Permafrostböden insbesondere in Sibirien oder auch zur Verschiebung von Klimazonen betreiben. Erdgeschichtlich gesehen beziehen sich solche Schreckensvorhersagen der Forscher auf sehr, sehr kurze Fristen. Den Klimawandel hat es schon immer gegeben? Eben darum sollte man nicht die Hände in den Schoß legen.


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Anmerkung:

[1] Andrew D. Moy, William R. Howard, Stephen G. Bray & Thomas W. Trull: "Reduced calcification in modern Southern Ocean planktonic foraminifera", in: Nature Geoscience, online, 8. März 2009, (doi:10.1038/ngeo460).

9. März 2009



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