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KLIMA/365: Lord Nicholas Stern gegen Kohlekraftwerk Kingsnorth (SB)


Führender britischer Ökonom rät vom Bau eines umstrittenen Kohlekraftwerks ab


Dem Widerstand gegen den Neubau von Kohlekraftwerken in Deutschland ist zur Zeit noch ein größerer Erfolg beschieden als dem in Großbritannien. Auch wenn hierzulande nicht alle entsprechenden Pläne der Regierung vom Tisch sind, so wurden doch in letzter Zeit einige Projekte fallen gelassen. Anders in Großbritannien. Die dortige Regierung schaltet ganz und gar auf stur und will das höchst umstrittene Kohlekraftwerk Kingsnorth in der Grafschaft Kent bauen lassen - ausgerechnet das deutsche Versorgungsunternehmen E.ON zeichnet dafür verantwortlich.

Die Anlage würde voraussichtlich sechs Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr emittieren. Das übersteigt dem gesamten CO2-Ausstoß von Kamerun oder Costa Rica. Die Ablehnung Kingsnorths, das das größte Kohlekraftwerk Großbritanniens werden soll, reicht bis in die britische Regierung hinein. Jetzt hat sich erstmals auch der Regierungsberater und Ökonom Lord Nicholas Stern in einem Interview mit der britischen Zeitung "The Independent" (31.3.2009, online) gegen die Ausbaupläne ausgesprochen. Stern wurde 2006 weltweit bekannt, nachdem er seiner Regierung eine umfangreiche Bilanzierung der wahrscheinlichen Kosten des Klimawandels vorgelegt hatte. Zusammengefaßt lautet Sterns Schlußfolgerung, daß es preiswerter wäre, frühzeitig Maßnahmen gegen die Erderwärmung zu ergreifen, als später für die Folgen des Klimawandels aufkommen zu müssen.

Nachdem sich bereits Sir David King, Chefwissenschaftler in der Administration von Premierminister Tony Blair, sowie einer der führenden Klimawissenschaftler der USA, James Hansen von der US-Raumfahrtbehörde NASA, gegen den Bau des Kohlekraftwerks Kingsnorth wandten - letzterer nimmt auch an Protestaktionen gegen das Kraftwerk teil -, spricht sich nun also Lord Stern dagegen aus. Solange noch keine Technologie entwickelt sei, das bei der Kohleverstromung entstehende Kohlendioxid einzufangen und zu lagern, sollte das Kraftwerk nicht gebaut werden, empfahl er. Damit würde auch das wichtige Signal an andere Länder, insbesondere China, gesandt, daß Britannien keine neuen Kohlekraftwerke genehmigt, solange die Technologie zum Einfangen des Kohlendioxids nicht genügend entwickelt ist.

Experten gehen davon aus, daß die Technologie zum Einfangen und Lagern von Kohlendioxid aus Kohlekraftwerken voraussichtlich in zehn bis fünfzehn Jahren so weit sein wird. Für die Zwischenzeit könnten Gaskraftwerke errichtet werden, schlägt Stern vor. Die emittierten erheblich weniger Treibhausgase. Außerdem empfiehlt er den Bau von Solar- und Windkraftanlagen.

Der Widerstand gegen Kingsnorth dient den britischen Behörden seit einigen Jahren als Vorwand für den Ausbau ihres Repressionsapparats. Da werden Aktivisten präemptiv unter Hausarrest gestellt, da überfallen Polizisten ein Klima-Camp, prügeln mit Schlagstöcken auf die Bewohner ein und konfiszieren hochgefährliche Waffen wie zum Beispiel Brettspiele, Malstifte, Wasserpfeifen oder einen Klumpen selbstgemachte Seife -biologisch abbaubar, versteht sich - und da werden Protestierer bezichtigt, sie wollten gewaltsam gegen den Ausbau des Internationalen Flughafens Heathrow vorgehen und dort Bombenattrappen platzieren - alles erfunden, wie sich später herausstellte, als die mediale Hetzkampagne bereits gegriffen hatte. Auch haben Aktivisten bei Protesten gegen Kingsnorth keine 70 Polizisten verletzt, wie im vergangenen Dezember behauptet wurden. Tatsächlich wurde kein einziger Polizist durch die Hand einem Aktivisten verletzt. Wohl aber wurden etliche Polizisten bei dem Einsatz medizinisch behandelt, weil sie unter Zahnschmerzen oder Durchfall litten, sich Schnittverletzungen an den Fingern zugezogen hatten oder möglicherweise von Insekten gestochen wurden.

Mit der zunehmenden Kriminalisierung der Klima-Aktivisten, die sich unter anderem gegen den Bau neuer Kohlekraftwerke wenden, wächst selbstverständlich die Möglichkeit einer Radikalisierung der Bewegung, was in der Folge von den Sicherheitsbehörden als Bestätigung ihres harten Vorgehens interpretiert wird. Daß sie selbst durch ihr martialisches Vorgehen zur Eskalation der Lage beitragen könnten, diese Erkenntnis beschränkt sich offenbar ausschließlich auf den theoretischen Unterricht bei der Polizistenausbildung.

Kohlekraftwerke emittieren vergleichsweise große Mengen Treibhausgase und sollten nicht als Technologie der Zukunft betrachtet werden. Ein globaler, durchschnittlicher Temperaturanstieg von fast fünf Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit bis Ende dieses Jahrhunderts, der noch vor zwei Jahren vom Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) als Worst-case-scenario gehandelt wurde, gilt in heutigen Prognosen als Mittelwert - und die Worst-case-Szenarien gehen entsprechend weit darüber hinaus.

Stern machte deutlich, daß die Erde solche Temperaturen, wie sie für das Jahr 2100 vorausgesagt werden, seit 30 Millionen Jahren nicht mehr erlebt hat. Die enormen Risiken, mit denen der Mensch deshalb konfrontiert werde, müßten begriffen werden, mahnte er. Tatsächlich rechnen Forscher damit, daß sich die Klimazonen massiv verschieben und gänzlich neue Klimazonen entstehen. Die Versorgung von Milliarden Menschen mit Nahrung, einschließlich Wasser, gilt als gefährdet. Der Anstieg des Meeresspiegels aufgrund der Ausdehnung des sich aufheizenden Wasserkörpers und der zusätzlichen Wassermassen aus der Schnee- und Eisschmelze werden sämtliche niedrig gelegenen Inseln und Küstenstreifen überfluten und Millionen Menschen zur Flucht treiben.

Niemand weiß, wie die Welt im Jahre 2100 aussieht - doch schon die nächste Generation, spätestens die übernächste, könnte sie erleben. Alle Versuche, sich eine Vorstellung vom Aussehen der Erde in gut 90 Jahren zu machen, laufen auf Schreckensszenarien hinaus, die große Ähnlichkeiten mit der Vorstellung vom Niedergang der Dinosaurier aufweisen.

31. März 2009



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