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KLIMA/366: Auf Verlust des Regenwalds folgt Sauerstoffmangel (SB)


Forscher prognostizieren Verlust des Amazonas-Regenwalds um 80 Prozent

Keine Aussage zum (über)lebenswichtigen Sauerstoff


Wenn es den Menschen nicht gelingt, den Amazonas-Regenwald radikal abzuholzen, weil sie beispielsweise Platz für Zuckerrohr zur Herstellung von Treibstoff oder für Soja als Viehfutter schaffen wollen, dann wird es "die Natur" schon richten - allerdings ebenfalls mit Hilfe des Menschen. Denn der Regenwald wird in den nächsten Jahrzehnten großflächig verschwinden, prognostizieren britische Forscher vom Met Office.

Bei einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur von vier Grad bis Ende des Jahrhunderts würden 85 Prozent des Regenwalds zerstört, meldete AP unter Berufung auf den WWF. [1] Selbst wenn das Ziel eingehalten würde, den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen - was Wissenschaftler kaum für möglich halten -, würden noch immer 20 bis 40 Prozent der Waldfläche im Amazonasbecken irreversibel geschädigt, so Martina Glanzl vom WWF-Österreich.

Wie an vielen Stellen in der Natur gibt es auch hinsichtlich des Verlusts an Amazonas-Regenwald einen Schwellenwert. Wenn der erreicht ist, finden plötzlich grundstürzende Veränderungen statt, die auf den totalen Verlust hinauslaufen können. Die Folgen wären in diesem Fall verheerend. Glanzl spricht von weltweiten Klimaveränderungen mit Überschwemmungen, Hitze- und Frostperioden, raschen Umschwüngen, Ernteausfällen und Wasser- sowie Energiekrisen auch in Mitteleuropa. Darüber hinaus gäben die Regenwälder, in denen immerhin laut neuesten Forschungsergebnissen des Schweizer IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) 600 Milliarden Tonnen Kohlendioxid (rund 170 Milliarden Tonnen Kohlenstoff) gebunden sind, bei ihrem Zerfall oder ihrer Verbrennung gewaltige Mengen an Treibhausgasen frei. Die Folge: Die Erde heizt sich weiter auf, noch mehr Regenwald verschwindet, wodurch sich der Treibhauseffekt verstärkt und die Erde sich aufheizt ...

Solche Schwellenwerte, die bei Überschreiten eine sich selbst verstärkende Dynamik auslösen, bis daß ein neues, relativ stabiles Niveau erreicht ist, gibt es in der Natur viele. Am bekanntesten ist das Beispiel Arktis: Wenn die Eisfläche aufgrund der Erderwärmung verschwindet, heizt sich die freiwerdende Wasserfläche, die weniger Sonnenlicht zurückstrahlt als die weiße Eisfläche, auf und bringt in der Folge noch mehr Eis zum Schmelzen. Die neuen Niveaus, die nach einem sich selbst verstärkenden Prozeß erreicht werden, zeichnen sich dadurch aus, daß sie völlig anders sind als die Ausgangslage. Außerdem entziehen sie sich der Vorhersagbarkeit. Wollte man sie in Form einer mathematischen Kurve beschreiben, so verliefe die Entwicklung nicht linear, sondern exponentiell.

Vor kurzem haben Wissenschaftler gewarnt, daß sich die Erde bis Ende des Jahrhunderts wahrscheinlich um durchschnittlich fünf Grad Celsius aufheizen wird. Damit liegen sie sogar noch 20 Prozent oberhalb des von den Met Office-Forschern angenommenen Werts, bei dem der Amazonas-Regenwald zu 80 Prozent verschwinden wird. Selbstverständlich beträfe eine so drastische Temperaturerhöhung nicht allein die Amazonas-Region. Zeitgleich gingen wahrscheinlich auch in Asien, Afrika und Nordaustralien tropische Regenwälder verloren und trügen ebenfalls zur allgemeinen Erwärmung bei.

Das Problem gestaltet sich sogar noch umfänglicher. Denn der Blick der Forscher scheint auf die Emissionen von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen fixiert zu sein. Die sind zweifellos klimarelevant, und ihre weitere Entwicklung zu verfolgen, gebietet der Anspruch der Wissenschaftler, mit ihren Erkenntnissen zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen zu wollen. Dennoch fällt auf, daß der Verlust des Amazonas-Regenwalds häufig nur unter dem Gesichtspunkt des Verlusts als Kohlenstoffsenke betrachtet wird. Auch wenn Glanzl weitere Folgen aufführt, bleibt eine Folge unerwähnt: der Rückgang der Sauerstoffproduktion.

Der Amazonas-Regenwald wird als "grüne Lunge" oder auch "Lunge der Erde" bezeichnet. Denn die tropischen Regenwälder sind ein wichtiger Faktor bei der molekularen Freisetzung von Sauerstoff während der sogenannten Photosynthese der Pflanzen. Der Sauerstoffgehalt der Erdatmosphäre gilt als relativ konstant. Aber was heißt "relativ" - im Verhältnis zu was? Der Sauerstoffgehalt nimmt, soviel weiß man, tendenziell ab. In Prozentzahlen weit hinter dem Komma, aber immerhin. Der Verbrauch des für die Atmung verfügbaren Sauerstoffs übersteigt also zur Zeit geringfügig die Produktion.

Das Verhältnis wird sich aber drastisch ändern, wenn der Amazonas-Regenwald und mit ihm andere tropische Wälder absterben. Dann versiegt ein Teil der Quelle, während der Verbrauch unvermindert anhält. Welche Folgen ein globaler Sauerstoffverlust im Laufe dieses Jahrhunderts hat, war nicht Gegenstand der Prognose der Met Office-Wissenschaftler. Dem noch nicht genug, sollte nicht unerwähnt bleiben, daß der tropische Regenwald keineswegs die wichtigste Quelle der Sauerstofffreisetzung unseres Planeten ist. Fast die Hälfte des Sauerstoffs in der Atmosphäre kommt nicht von der Landfläche, sondern aus dem Meer. Das Phytoplankton sorgt wesentlich dafür, daß den Menschen und anderen Lebewesen nicht die Luft fehlt. Was aber geschieht mit dem Phytoplankton, wenn sich die Erde bis Ende des Jahrhunderts um fünf Grad Celsius erwärmt? Es stirbt ab. [2] Die Sauerstoffquelle versiegt. Das Jahr 2100 ist nicht fern. Schon die nächste Generation könnte so lange leben ... oder eben nicht.


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Anmerkungen:

[1] "Klimawandel kann Ende des Amazonasregenwaldes bedeuten", 2. April 2009.
http://www.vienna.at/engine.aspx/page/vienna-article-detail -page/dc/tp:vol:news-welt/cn/news-20090402-01344594

[2] "Researchers Find Huge Drop in Phytoplankton. Warmed-up oceans reduce key food line", Associated Press, 7. Dezember 2006.
http://www.heatisonline.org/contentserver/objecthandlers/index.cfm?ID=6173&Method=Full&PageCall=&Title=Researchers Find Huge Drop in Phytoplankton&Cache=False

3. April 2009



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