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KLIMA/380: Warnung vor plötzlichen, irreversiblen Verschiebungen (SB)


Worst-case-Annahmen im IPCC-Bericht 2007 bereits erreicht oder übertroffen

Wissenschaftler versuchen mehr über plötzliche Klimaverschiebungen herauszufinden und fordern von der Politik einschneidende Maßnahmen


Plötzliche Klimaveränderungen lassen sich nicht konkret vorhersagen, solange es für sie keine Beispiele gibt. Insofern sind die Autoren einer neuen internationalen Studie, die in der vergangenen Woche vorgestellt wurde [1], mit ihren Prognosen auf Mutmaßungen angewiesen. Die können sich allerdings sowohl auf rezente als auch auf geologische Vorgänge stützen und durch computergenerierte Klimasimulationen bestätigt werden, so daß diesen jüngsten Studienergebnissen auf dem Gebiet der Klimaforschung einige Aufmerksamkeit zuteil werden sollte.

Die Schlußfolgerungen in dem 36seitigen Dokument, für dessen Ergebnis die Forscher mehr als 1400 Studien ausgewertet haben, stellen an Dramatik mit das weitreichendste dar, was bislang von seriöser Quelle veröffentlicht wurde. Es wird eindringlich vor "plötzlichen und irreversiblen Klimaverschiebungen" gewarnt. Die Erwärmung der Erde fände schneller statt als im IPCC-Bericht 2007 des UN-Weltklimarats angenommen. Zu den raschen Veränderungen gehört unter anderem der Rückzug des arktischen Eises, der Anstieg des Meeresspiegels, die Erhöhung sowohl der Land- als auch der Meerestemperaturen, die Häufigkeit und Intensität klimatischer Extremereignisse und die Zunahme der Konzentration von Kohlendioxid (CO2) und anderer Treibhausgase in der Atmosphäre.

Hinsichtlich vieler Faktoren wurden die Worst-case-Szenarien des IPCC-Berichts erreicht oder sogar überschritten, berichteten die Forscher. Besonders große Sorgen bereitet ihnen die Ausdünstung von Methan als Folge des Verlusts an Permafrostboden in den arktischen Regionen. Methan besitzt die zehn- bis zwanzigfache Klimawirksamkeit des Treibhausgases Kohlendioxid, seine Freilassung könnte die Erderwärmung erheblich beschleunigen. Zudem lagern gewaltigen Mengen Methanhydrate am Meeresboden. Sollten sie emporsteigen, beispielsweise weil sich die Ozeane aufheizen und ihre Dichte abnimmt, wäre mit keiner Verschiebung, sondern sogar mit einer schlagartigen Klimaveränderung zu rechnen.

Als nicht minder gefährlich gilt die begrenzte Aufnahmekapazität der Ozeane und Wälder für Kohlendioxid. Bislang vermochten sie einen großen Teil der anthropogenen Treibhausgase zu absorbieren. Wenn aber die Meere gesättigt sind, fällt dieser Kompensationsfaktor weg. Dann wird auch das zu einer beschleunigten Aufheizung der Erde führen.

Die Forscher, von denen viele bereits am IPCC-Bericht 2007 mitgearbeitet haben, verlangen eine rasche, nachhaltige und wirksame Reduzierung der Treibhausgasemissionen. Nur so könne ein gefährlicher Klimawandel verhindert werden, erklären sie und fügen an: Für die heutigen Gesellschaften wäre es schwierig, mit einem globalen Temperaturanstieg von zwei Grad Celsius zurechtzukommen. Am Ende des Jahrhunderts und darüber hinaus werden schwere soziale und ökologische Störungen auftreten.

Jene Zwei-Grad-Grenze, auf die sich die Forscher beziehen, wird voraussichtlich gar nicht mehr zu halten sein. Denn es genügt nicht, den Blick allein auf die Entwicklung des Kohlendioxids zu richten, auch andere Treibhausgase (Methan, Lachgas, etc.) und Klimafaktoren (Wasserdampf und Wolken, Rußpartikel, etc.) müssen in die Berechnung einbezogen werden. Als Maßeinheit dafür hat sich in der Wissenschaft der Begriff "CO2-Äquivalent" etabliert. Dessen Wert liegt heute schon so hoch, daß ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um drei bis vier Grad nicht mehr zu vermeiden sein dürfte. Klimaforscher des MIT rechnen sogar mit einem Temperatursprung um 5,2 Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts.

Ebenfalls in der vergangenen Woche warfen Forscher die Frage auf, ob eine Erderwärmung in geologischer Vorzeit womöglich Auslöser für einen plötzlichen Zusammenbruch der Biodiversität gewesen sein könnte. [2] Die Forschergruppe um Jennifer McElwain vom University College Dublin war in 200 Millionen Jahre altem Sedimentgestein auf Ostgrönland eine zehn Meter mächtige Schicht deutlich reduzierter Biodiversität gestoßen. Im gleichen Aufschluß fanden die Forscher Indizien für einen leichten Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre. McElwain vermutet, daß Vulkane durch die Emission von Schwefeldioxidgasen zum Anstieg des Kohlendioxids beigetragen haben.

Das Entscheidende an der Studie ist jedoch der plötzliche Artenverlust in möglicher Abhängigkeit von einer nur geringfügigen CO2-Zunahme. Damals lag der absolute CO2-Wert bei 900 ppm (parts per million) und damit um das Zweieinhalbfache über dem Wert von heute (Ende 2008: 383 ppm). Wissenschaftler rechnen damit, daß die CO2-Konzentration bis Ende des Jahrhundert ebenfalls auf 900 ppm steigen könnte. McElwain und ihre Kollegen warnen deshalb, daß sich die Forschung darauf konzentrieren sollte, klimatische Veränderungen so frühzeitig wie möglich zu bestimmen. Denn daß ein Artensterben relativ schnell vonstatten geht, wisse man bereits. Jetzt gelte es, die Anzeichen, die diesen abrupten Veränderungen lange Zeit vorausgehen, genauer zu erfassen, empfahlen die Forscher.

Laut McElwain existiert noch keine geeignete Methode, um Veränderungen der vorzeitlichen Schwefeldioxidemissionen zu bestimmen. Mit anderen Worten, die Forscher stochern in mancher Hinsicht im dunkeln, ihre Untersuchungen bleiben stichprobenartig und sind auf indirekte Verfahrensweisen beschränkt. Wie auch immer deshalb die von den Wissenschaftlern gelieferte Interpretation solcher Proxydaten zu bewerten ist, der grönländische Aufschluß zeigt eindeutig, daß in geologisch gerechnet sehr kurzer Zeit die pflanzliche Artenvielfalt stark abgenommen hat.

Und noch eine Studie, über die in der vergangenen Woche berichtet wurde, befaßt sich mit drastischen Klimaveränderungen. [3] Der Forscher Lonnie Thompson, University Distinguished Professor of Earth Sciences an der Ohio State University, und seine Kollegen vom Byrd Polar Research Center schließen aus der Analyse von Eisbohrkernen aus den peruanischen Anden, daß vor 4500 Jahren eine langanhaltende Dürre auftrat. 700 Jahre zuvor hingegen war es zu extrem starken Niederschlägen und einem kräftigen Wachstum der peruanischen Eisfläche gekommen.

An dieser Stelle soll nicht über die Interpretationskette der Forscher, derzufolge vermehrte Staubsprengsel in einer bestimmten Eisschicht auf starke Winderosion und damit Dürre in Afrika und Asien schließen lassen, diskutiert werden - ein Eisbohrkern aus Tansania zeigt ähnliche Ablagerungen -, vielmehr bestätigt diese Forschungsarbeit den eingangs erwähnten Bericht über plötzlich auftretende Klimaereignisse.

Wenn man solche wissenschaftlichen Studien zur Grundlage des politischen Handelns nimmt, dann dürfte es eigentlich nicht die geringste Verzögerung beim Bemühen um eine signifikante Reduzierung von anthropogenen Treibhausgasemissionen geben. Um ein drastisches Bild zu gebrauchen: Die Menschheit befindet sich in einer abgeschlossenen Garage, läßt aber den Motor laufen. Eine Vergiftung ist unvermeidlich. Inzwischen scheint die Menschheit an einem Punkt angelangt, an dem selbst das Abschalten des Motors nicht mehr die Entstehung schwerer Schäden verhindern wird. Sollte man deshalb den Motor weiter laufen lassen? Sicherlich nicht.

Nun richten sich solche Aufrufe, ob sie nun allgemeiner oder konkreter Natur sind, in erster Linie an politische Entscheidungsträger und damit an eine gesellschaftliche Gruppe, die sich Hoffnungen darauf machen darf, weitgehend ungeschoren davonzukommen. Die Folgen des Klimawandels (Wasser- und Getreidemangel, Verlust an Lebensraum und ähnliches) werden zwar Hunderte Millionen, wenn nicht sogar Milliarden Menschen in existentielle Not stürzen, doch kann man mit einiger Berechtigung annehmen, daß Politiker, Banker, Wirtschaftsbosse, Wissenschaftler und Lobbyisten größerer Verbände im Verhältnis zu Vertretern gesellschaftlich weniger einflußreicher Gruppen (Supermarktkassiererinnen, Tankstellenwarte, etc.) im Verhältnis weniger schwerwiegend vom Klimawandel betroffen sein werden. Insofern wäre darüber nachzudenken, ob nicht vor dem Inkrafttreten einschneidender Klimaschutzmaßnahmen die Frage nach dem Sozialkampf gestellt werden müßte. Andernfalls droht der Schutz des Klimas in Regularien und Zwangsmaßnahmen zu münden, welche die soziale Hierarchie begründen und festschreiben.


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Anmerkungen:

[1] Scientists: "Abrupt and Irreversible Shifts" Increasingly Likely, Climate catastrophe getting closer, warn scientists, AFP, 18.Juni 2009
http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5hn9EaFRM5owBl88wB18ovtOmoqxg

[2] Sudden Collapse in Ancient Biodiversity: Was Global Warming the Culprit?, 18. Juni 2009
http://www.physorg.com/news164556026.html

[3] Ancient drought and rapid cooling drastically altered climate, 18. Juni 2009
http://www.physorg.com/news164546585.html

23. Juni 2009



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