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KLIMA/382: Prognostische Probleme bei Verstärkungseffekten (SB)


Was geschieht mit dem Klima, sollten mehrere sich selbst verstärkende Prozesse parallel stattfinden?


In den letzten Monaten vor den Verhandlungen über ein internationales Klimaschutzabkommen im Dezember in Kopenhagen findet in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und der Umweltbewegung ein überaus reges Positionieren und gegeneinander Abgrenzen statt. Sämtliche Interessengruppen versuchen, ihre Möglichkeiten der Einflußnahme auszuspielen, denn tatsächlich, es steht einiges auf dem Spiel. Beispielsweise so eine Kleinigkeit wie das Auslöschen der Menschheit ... Nein, das ist natürlich übertrieben, aber in dem Vertrag, auf den sich die Staats- und Regierungschefs einigen wollen, werden in der Tat Weichen für die Zukunft des Planeten gestellt.

Die Politiker werden zu klären haben, in welchem Ausmaß der Mensch die Atmosphäre weiterhin als ungeregeltes Endlager für gasförmige Verbrennungsrückstände wie Kohlendioxid (CO2) verwenden darf. Es werden aber auch die Weichen für die Frage gestellt, inwiefern die Regierungen die aus wissenschaftlicher Sicht notwendig gewordenen Maßnahmen zur Reduzierung der CO2-Emissionen als weiteres Druckmittel gegen den einzelnen, der sich bereits aufgrund des 2001 weltweit ausgerufenen Kriegs gegen den Terror zunehmenden Repressalien ausgesetzt sieht, in Stellung bringen. Die diffamierende Verknüpfung von Klimawandel und Übergewicht, wie sie besonders von Großbritannien vorangetrieben wird, und das klandestine Ausspähen der Wärmeabstrahlung von Häusern mit Hilfe von Drohnen durch die Behörden, lassen nichts Gutes ahnen.

In der Zwischenzeit liefern Wissenschaftler, ihrer jeweiligen Fachrichtung entsprechend, portionsweise Hinweise darauf, daß der Klimawandel bereits heute kräftig voranschreitet. Das führt zu dem unangenehmen Eindruck, daß selbst bei den Best-case-Szenarien der Klimasimulationen extrem destruktive Folgen für "die Menschheit" unvermeidbar sind.

Von "die Menschheit" kann eigentlich nicht die Rede sein, denn die Bezeichnung unterstellt eine Homogenität und Interessensgleichheit, wo die wohlhabenden und einflußreichen Länder ihr Überleben zu Lasten der anderen zu sichern trachten und Flüchtlinge nicht nur aus politisch unsicheren, sondern eben auch aus klimatisch benachteiligten Regionen abgewehrt und zurückgedrängt werden. Die Grenzschutzmaßnahmen der EU und USA gegenüber ihren südlichen Nachbarn verschlingen Milliarden von Euro.

Eine der eindringlichsten Belege für klimatische Verschiebungen lieferten Forscher um Dr. Charles Tarnocai, Agriculture and Agri-Food Canada in Ottawa, und Dr. Pep Canadell, Direktor des Global Carbon Project der staatlichen australischen Wissenschaftsorganisation CSIRO. [1] Sie fanden heraus, daß die Menge an Kohlenstoff, der in den Permafrostgebieten der Arktis gelagert ist, doppelt so groß ausfällt, wie in früheren Berechnungen angenommen. Die Forscher sprechen von 1,5 Billionen Tonnen Kohlenstoff.

Wenn sich nun die Klimazonen verschieben, wie es prognostiziert und bereits gemessen wird, dann wird ein beträchtlicher Teil des Kohlenstoffs in Gasform in die Erdatmosphäre entlassen und dadurch den Treibhauseffekt verstärken. Das hätte zur Folge, daß der Permafrostboden rascher als bis dahin auftaut und noch mehr Treibhausgase emittiert werden.

Solch ein sich selbst verstärkender Effekt sollte jedoch nicht isoliert von anderen Vorgängen, die möglicherweise ebenfalls sich selbst verstärken betrachtet werden. Am bekanntesten ist der Verlust der Eisflächen und dadurch die verringerte Rückstrahlung der Wärme ins All. Die Wirkung dieser Vorgänge und zahlreicher weiterer hebt sich in der Regel nicht auf, sondern verstärkt sich. Das könnte bedeuten, daß der Grad der Erderwärmung nicht mit dem Quadrat zunimmt, sondern womöglich mit der vierten Potenz oder noch rascher.

Klimaprognosen vermögen kaum in diese Bereiche vorzustoßen, weil die Unwägbarkeiten zunehmen, je mehr sich selbst verstärkende Effekte akkumulieren. Es könnte sein, daß eine Reihe von Vorstufen zu sich selbstverstärkenden Prozessen angelaufen sind und daß die Folgen geradezu explosionsartig stattfinden. Gräbt man in der Klimageschichte der Erde, sind einige hochdynamische Vorgänge aufgetreten, bei denen die Oberfläche der Erde binnen kürzester Zeit verändert wurden, bis sich ein neues System eingestellt hat. Ob und in welchen Regionen der Erde dann noch der Mensch überleben kann, steht in den Sternen.


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Anmerkungen:

[1] Super-size Deposits Of Frozen Carbon In Arctic Could Worsen Climate Change, 6. Juli 2009
http://www.sciencedaily.com/releases/2009/06/090630132005.htm

9. Juli 2009



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Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
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