Schattenblick → INFOPOOL → UMWELT → REDAKTION


KLIMA/390: Windräder in Moorgebieten - Schlechte CO2-Bilanz (SB)


Windräder können für mehr CO2-Emissionen sorgen als Kohlekraftwerke


Der britische Wissenschaftjournalist und Buchautor Fred Pearce warf in der vergangenen Woche in seiner Kolumne "Greenwash" der Zeitung "The Guardian" [1] einen skeptischen Blick auf die Standortwahl für Windkraftanlagen. Der erklärte Befürworter dieser Energiewinnungstechnologie verschließt nicht die Augen vor einer möglichen negativen Kohlendioxidbilanz durch Windräder und sagt, daß selbst der CO2-Ausstoß von Kohlekraftwerken noch übertroffen werden könnte. Wenn die Anlagen in moorhaltigen Umgebungen errichtet werden, könnte es geschehen, daß das in den organischen Substanzen gespeicherte Treibhausgas Kohlendioxid entweicht.

Verantwortlich dafür sind der für die Errichtung der Anlagen notwendige Straßenbau durch die Moore sowie deren Entwässerung, um Windrädern zu einem sicheren Fundament zu verhelfen. Beides wird voraussichtlich zum Absenken des Wasserspiegels führen, so daß das gespeicherte organische Material der Moore der Luft ausgesetzt wird. Es kommt zu umfangreichen Oxidationsprozessen und somit zur Freisetzung von Kohlendioxid in die Atmosphäre. Im Umkreis von mehreren hundert Metern um jedes einzelne Windrad könnte allmählich eine Zersetzung des Moores einsetzen, und der Vorgang wird nicht aufzuhalten sein, warnt der Biochemiker Mike Hall vom Cumbria Wildlife Trust. Millionen Tonnen Kohlendioxid könnten auf diese Weise freigesetzt werden. An solchen Standorten seien Windräder sogar noch klimaschädlicher als Kohlekraftwerke.

Pearce hegt deshalb große Skepsis gegenüber Plänen des Unternehmens Viking Energy, das ausgerechnet auf den moorreichen Shetland-Inseln den größten Onshore-Windpark Europas, der einen Finanzvolumen von 927 Millionen Euro umfaßt, errichten will. Das schottische Regionalparlament soll in den nächsten Wochen eine Entscheidung darüber treffen, ob auf einer mächtigen, moorreichen Fläche von 187 Quadratkilometern 150 riesige Windräder aufgestellt und dafür 118 Kilometer Straßen gebaut werden. Mehr als die Hälfte der schottischen Windräder stehe bereits in Moorgebieten der Highlands, wobei die schottischen Torfmoore rund 75 Prozent allen Kohlenstoffs der natürlichen Ökosysteme Großbritanniens enthielten, schreibt Pearce. Ein Hektar Moor enthält 5000 Tonnen Kohlenstoff - zehnmal mehr als ein Hektar Wald!

Viking behauptet zwar, daß die Kohlendioxidemission eines auf einem Moor gebauten Windrads in einer Zeitspanne von 2,3 bis 14,9 Jahren wieder durch die CO2-Einsparung mittels der Anlage ausgeglichen wird, aber Pearce hält diese Angabe für spekulativ. Aus dem Appendix der Umweltstellungnahme dieses Projekts auf den Shetland Inseln gehe hervor, daß der Unterschied zwischen dem Best-case- und dem Worst-case-Scenario für Kohlenstoffemissionen lediglich auf der Grundlage von zehn Kriterien beruht. Es gebe aber 69 Kriterien. Deshalb seien die Angaben des Unternehmens nicht realistisch, sie beruhten auf bloßen Annahmen.

Darüber hinaus machte der Autor der Bücher "Wenn die Flüsse versiegen" [2] und das "Das Wetter von morgen" [3] auf das sogenannte Torfrutschen aufmerksam. Zu diesem Phänomen kann es in Regionen mit bereits leichter Hangneigung des festen Untergrunds der Moore kommen. 2003 geriet beim Bau einer Windfarm im irischen Derrybrien ein Torfmoor ins Rutschen, wie von Wissenschaftlern ausführlich untersucht. [4] Eine größere Moorfläche war einen sanften Hang hinabgeglitten. Weil dabei organisches Material an die Luft gelangt und die besagte Oxidation startet, könnte im Endeffekt sämtliche CO2-Einsparung durch den Windpark aufgrund der Freisetzung von CO2 zunichte gemacht werden.

Auf den Shetlands kommt es regelmäßig zum Torfrutschen. Das weiß auch Viking Energy dank eines unabhängigen technischen Gutachtens, in dem das Phänomen als ernsthaftes Problem bezeichnet wird. Den Experten zufolge gibt es 54 Problemgebiete, in denen eine erhöhte Gefahr des Torfrutschens besteht. Dennoch behauptet das Unternehmen selbst in seine Worst-case-Scenario, daß die Gefahr des Torfrutschens vernachlässigbar gering ist, da Maßnahmen ergriffen werden, die solche Schäden verhindern - möglicherweise.

Stimmt das schottische Regionalparlament dem Viking-Projekt zu, wird der größte Onshore-Windpark Europas auf dem größten natürlichen Kohlenstoffspeicher Großbritanniens gebaut.


*

Anmerkungen:

[1] "How a wind farm could emit more carbon than a coal power station", The Guardian, 13. August 2009
http://www.guardian.co.uk/environment/2009/aug/13/wind-farm-peat-bog

[2] Siehe die Rezension hier im Schattenblick im Infopool BUCH, SACHBUCH: REZENSION/392: Fred Pearce - Wenn die Flüsse versiegen (SB)

[3] Siehe die Rezension hier im Schattenblick im Infopool BUCH, SACHBUCH: REZENSION/414: Fred Pearce - Das Wetter von morgen (SB)

[4] "WIND FARMS AND BLANKET PEAT - The Bog Slide of 16th October 2003 at Derrybrien, Co. Galway, Ireland", Richard Lindsay, Olivia Bragg, November 2005
http://www.uel.ac.uk/erg/documents/Derrybrien.pdf

20. August 2009



Copyright 2009 by MA-Verlag
Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
Nachdruck und Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages.
Redaktion Schattenblick, Dorfstraße 41, 25795 Stelle-Wittenwurth
Telefon: 04837/90 26 98 · Fax: 04837/90 26 97
E-Mail: ma-verlag.redakt.schattenblick@gmx.de
Internet: www.schattenblick.de