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KLIMA/391: Globaler Sauerstoffverlust könnte zunehmen (SB)


Rauchschwaden über Südostasien

Erderwärmung wirkt sich hemmend auf die beiden wichtigsten Quellen der Sauerstofffreisetzung aus


Die Menschen untergraben ihre Lebensvoraussetzungen möglicherweise sehr viel weitreichender, als "nur" durch die vielfältigen Verbrennungsvorgänge, die den Anteil an Treibhausgasen in der Atmosphäre erhöhen. Die Folgen der dadurch ausgelösten Erderwärmung werden sich schon schwerwiegend genug auf die große Mehrheit der Menschen, die nicht an der Spitze der sozialen Pyramide steht und sich durch keine wirkungsvollen Mittel der Überlebenssicherung schützen kann, auswirken. Die Konsequenzen eines Verlusts an atmosphärischem Sauerstoff wären sogar gravierender als die Erderwärmung.

Es herrscht allgemein die Ansicht vor, daß Sauerstoffbindung und -freisetzung einigermaßen ausgeglichen sind. Der Anteil dieses für Menschen und andere Lebensformen existentiell wichtigen Gases an der Erdatmosphäre beträgt gegenwärtig rund 21 Prozent. Der Sauerstoffgehalt, der häufig so beschrieben wird, als befände er sich zwangsläufig in einer Art "natürlichem Gleichgewicht", sinkt nicht nur meßbar - wenngleich mit sehr geringer Geschwindigkeit -, er hat sich auch in der Vergangenheit als sehr wechselhaft erwiesen. Geologische Untersuchungen ergeben, daß der Saustoffgehalt der Atmosphäre von faktisch Null bis rund 35 Prozent schwanken kann.

Beim atmosphärischen Sauerstoffanteil handelt es sich um keine unveränderliche Größe, sondern um das Produkt von stetiger Freisetzung und Bindung molekularen Sauerstoffs. Das bedeutet, daß jede Veränderung eines der beiden Faktoren den Gehalt verändert. Am wichtigsten für die Sauerstofffreisetzung ist das Phytoplankton im Meer, gefolgt von den tropischen Regenwäldern.

Wissenschaftler haben nachgewiesen, daß die Erderwärmung zu einem erheblichen Rückgang des Phytoplanktons führen wird. [1] Auch die Fläche der tropischen Regenwälder nimmt als Folge auf den Klimawandel ab. Laut WWF um 85 Prozent bei einer globalen Erwärmung um vier Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts. Dabei haben die Analysten nicht einmal die beschleunigte Abholzung des Regenwalds in ihre Rechnung aufnehmen können. Ob Südamerika, Afrika oder Asien, auf diesen drei Kontinenten verschwindet tropischer Regenwald und wird durch Plantagen ersetzt, auf denen Soja oder Palmen zur Gewinnung von Biosprit angelegt werden.

Jüngere Meldungen aus Südostasien lassen einen anhaltenden Trend der Abholzung und Brandrodung erkennen. In diesem Jahr wird der Himmel über der Region wieder von dichten Rauchschwaden verhängt, auch die malaysische Hauptstadt Kuala Lumpur ist davon betroffen. Die Sichtweite beträgt teils nur zwei Kilometer. In den indonesischen Provinzen Kalimantan und Sumatra sowie auf der zu Malaysia gehörenden Insel Borneo brannten Anfang August Hunderte Feuer. [2] Alles in allem geht die Zahl der Waldbrände in diesem Jahr in Südostasien in die Tausende. [3]

Obgleich es in Indonesien und Malaysia verboten ist, wird in diesen Ländern Brandrodung von Kleinbauern ebenso wie von Plantagenbesitzern im großen Maßstab betrieben. Auf der freigewordenen Fläche werden Plantagen angelegt. Mit dem aus den Palmfrüchten gewonnenen Biosprit werden dann Autos betankt, die auch in Europa fahren. [4]

Auf allen Ebenen dieser Vorgänge wird der Atmosphäre Sauerstoff entzogen: Bei der Brandrodung, dem Ersatz des Regenwalds durch Plantagen, der Verarbeitung und dem Transport des Biosprits sowie dessen Verbrauch in Verbrennungsmotoren. Jeder einzelne dieser sauerstoffverbrauchenden Faktoren fällt sicherlich nicht groß ins Gewicht, möglicherweise nicht einmal in der Summe. Es dürfte jedoch sehr wohl relevant sein, daß sich dies weltweit in ähnlicher Form ereignet und der tropische Regenwald durch Plantagen ersetzt wird. Dieser direkte Eingriff auf die Sauerstofffreisetzung kommt jedoch zu den negativen Folgen aufgrund der globalen Erwärmung hinzu. Bildlich gesprochen bleibt festzuhalten, daß das Volumen der grünen Lunge der Erde weiter abnehmen wird.

Diese Entwicklung liegt nicht allein in der Verantwortung der tropischen Länder, sondern unter anderem auch bei den Abnehmern des Biosprits. Zudem muß sich die Weltbank den Vorwurf gefallen lassen, den Trend zur Regenwaldabholzung zu begünstigen. So hat kürzlich das Forest Peoples Programme, eine Koalition indigener Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen, in einem Report die International Finance Corporation (IFC) der Weltbank aufgefordert, die finanzielle Unterstützung der Plantagenbesitzer, die tropischen Regenwald abholzen und Palmen anbauen, ein für alle Mal zu beenden und sich an die eigenen Kriterien für Sozial- und Umweltstandards zu halten. [5]

In der Wissenschaft herrscht die Ansicht vor, daß der Mensch fähig ist, sich von den eigenen Lebensvoraussetzungen abzuschneiden, indem er durch seine Tätigkeiten zur Aufheizung der Erde beiträgt. Von daher sollte nicht ausgeschlossen werden, daß die Menschen auch auf anderem Gebiet am eigenen Ast sägen, indem sie nämlich dafür sorgen, daß die Menge an verfügbarem Sauerstoff verringert wird. Erdgeschichtlich wurden die Phasen mit geringerem Sauerstoffanteil in der Atmosphäre von Artensterben begleitet.


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Anmerkungen:

[1] "Researchers Find Huge Drop in Phytoplankton. Warmed-up oceans reduce key food line", Associated Press, 7. Dezember 2006
http://www.heatisonline.org/contentserver/objecthandlers/index.cfm?ID=6173&Method=Full&PageCall=&Title=Researchers Find Huge Drop in Phytoplankton&Cache=False

[2] "Malaysia trapped under forest fire haze", 5. August 2009
http://www.radioaustralianews.net.au/stories/200908/2647207.htm?desktop

[3] "Forest fires burn in Sumatra", 15. Juni 2009

http://news.mongabay.com/2009/0615-fires_sumatra.html

[4] "Oil companies in the UK are big users of palm oil biodiesel", 17. August 2009
http://news.mongabay.com/2009/0817-uk_palm_biodiesel.html

"Oil giants destroy rainforests to make palm oil diesel for motorists", The Times, 15. August 2009
http://business.timesonline.co.uk/tol/business/industry_sectors/natural_resources/article6796876.ece

[5] http://www.forestpeoples.org/documents/ifi_igo/ifc_ngo_let_cao_wilmar_14aug09_eng.pdf

21. August 2009



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