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KLIMA/392: Indien - Monsunschwäche, Gletscherschwund, Grundwasserverlust (SB)


Klima außer Rand und Band - Beispiel Indien

Gravierende Probleme der Wasserversorgung auf dem Subkontinent


Der Klimawandel und die globale Erwärmung haben nicht nur zur Folge, daß die Temperaturen in der Summe weltweit steigen, sondern daß die Klimavorhersagen unsicherer werden. Die Veröffentlichung der Klimaprognosen des Weltklimarats IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), dem mehrere tausend Wissenschaftler zuarbeiten, liegt erst zwei Jahre zurück, doch haben sich die Angaben bereits als viel zu moderat erwiesen. Was damals als Worst-case-Szenarien hinsichtlich des Meeresspiegelanstiegs und der Temperaturerhöhung angenommen wurde, wird von Wissenschaftlern heute als wahrscheinlich eintretende Entwicklung prognostiziert. Auch die traditionelle Wetterbeobachtung der Bauern, Hirten und Jäger bleibt von Irrtümern nicht verschont. So berichten die Bewohner der polaren Regionen, daß ihnen ihr Wissen nichts mehr nutzt. Unwetter könnten ohne Vorwarnung auftreten, umgekehrt zeigten typische Unwetteranzeichen nicht mehr die zu erwartenden Folgen. Auf nichts sei mehr Verlaß.

Indische Wissenschaftler sorgen sich, da der Monsunregen in den letzten zehn Jahren zu geringe Niederschlagsmengen gebracht hat. Einem dreißigjährigen Zyklus zufolge wäre eigentlich ein kräftiger Monsun "angesagt", doch herrscht seit Jahren in vielen Landesteilen Dürre, und das kann sich niemand so richtig erklären. [1]

Die Monsunniederschläge von 1999 bis 2009 waren die schwächsten seit acht Dekaden und lagen mit 8124 mm um 5,5 Prozent unter dem als normal angesehenen Wert von 8.900 mm. Auf Laien wirkt die Abweichung gering, bedenkt man jedoch, daß in den 1960er und 1970er Jahren, als zeitweise in ganz Indien Dürren und schwere Hungersnöte ausbrachen, die Monsunniederschläge nur 0,2 bzw. 0,5 Prozent unter dem Normalwert lagen, läßt sich ahnen, wie besorgt die Inder über die aktuelle Entwicklung sein müssen. Die Dürrefolgen werden zwar heute teils besser abgefedert, aber das bedeutet noch lange nicht, daß in Indien kein Hunger herrschte. Man werde in diesem Jahr wegen des schwachen Monsuns Nahrungsmittel importieren müssen, kündigte Finanzminister Pranab Mukherjee am vergangenen Freitag an. [2]

Probleme gibt es nicht nur wegen der geringen landwirtschaftlichen Produktion, was teilweise aufgrund der guten letztjährigen Weizen- und Reisernten kompensiert werden kann, sondern auch wegen Einbrüchen der Energieversorgung durch Wasserkraftwerke. Der Pegel in den indischen Stauseen stieg zwar vor zwei Wochen um ein Prozent an, aber das kann den Verlust gegenüber dem letzten Jahr nicht auffangen. Die Reservoire sind zu 38 Prozent gefüllt, 2008 waren sie es noch zu 58 Prozent.

In mehr als einem Drittel aller indischen Bezirke (246 von 626) herrschte bis Mitte August Dürre. Die Lage hat sich zwar aufgrund sehr kräftiger Regenfälle in den letzten ein, zwei Wochen verbessert [3], aber das gilt nach wie vor nicht für alle Regionen. Die Regierung hat inzwischen beschlossen, drohende Versorgungslücken durch den vermehrten Anbau von Wintergetreide auszugleichen. Die Lage sei "ernst", erklärte der indische Landwirtschaftsminister Sharad Pawar am vergangenen Freitag. Betroffen seien vor allem Kleinbauern und Landlose. [4]

Für Irritation sorgt die Kontinuität, mit der kräftige Niederschläge - in der Summe - ausbleiben. Nicht ein einziges Jahr in diesem Jahrzehnt sei eine Ausnahme, wundert sich der Meteorologe Madhavan Rajeevan von der Indian Space Research Organisation. [1] Die aktuelle Dekade habe den 30jährigen Zyklus total über den Haufen geworfen. 1994 sei das letzte Jahr gewesen, in dem es zu exzessiven Niederschlagsmengen gekommen sei.

Die Ursache dieser Entwicklung läßt sich nicht zweifelsfrei bestimmen. Die Vermutung, daß die Jahre, in denen das weltweite El-Niño-Phänomen auftritt, der Monsun in Indien schwächer wird, wurde ausgerechnet durch das besonders ausgeprägte El-Niño-Jahr 1997/98 widerlegt. Damals fielen durchschnittliche Monsun-Regenfälle. Möglicherweise ist das die typische Ausnahme von der Regel - oder aber die Regel erweist sich als rein menschliche Erfindung, die seinem Wunsch nach Ordnung entspringt, aber keineswegs mit dem, was er als Wirklichkeit erfährt, übereinstimmen muß.

Den Erfahrungen nach geht knapp die Hälfte alle Dürrejahre in Indien mit El-Niño einher. Seit den 1980er und 1990er Jahre scheint diese "Regel" nicht mehr zu gelten. 2002 und 2004 haben alles über den Haufen geworfen, erklärte D.S. Pai, der daran beteiligt ist, die Monsunvorhersage Indiens auszuarbeiten. [1] 2002 kam es zu einer Dürre ohne El-Niño, die Regenmenge lag bei 81 Prozent vom Normalwert. 2004 erfüllte zwar nicht die Kriterien für Dürrealarm der staatlichen Meteorologen - 20 Prozent des Landes hätten betroffen sein müssen -, dennoch blieben die Niederschlagsmengen dreizehn Prozent unter Normal. Der indische Wetterdienst habe seine Vorhersagemodelle aufgeben und neue Modelle erarbeiten müssen, berichtet die Presse. [1]

Der Wissenschaftler K. Krishankumar von Indian Institute of Tropical Meteorology (IITM) vermutet, daß die Monsun-Niederschlagsmenge aufgrund der Erwärmung des Indischen Ozeans um durchschnittlich fast 0,4 Grad in den letzten dreißig Jahren abgenommen hat. [1] Wohingegen D.R. Sikka, ehemaliger IITM-Leiter und Vorsitzender mehrerer wissenschaftlicher Fachausschüsse, annimmt, daß schwarze Rußpartikel und andere Aerosole die Luftfeuchtigkeit der Wolken, die zum Monsun beitragen, binden und abhalten, sich über Land auszuregnen.

Die Experten sind sich allerdings einig darin, daß es sich hier nur um Theorien handelt. Es gebe einige "grundlegende Dinge, die unverstanden sind", räumte Sikka freimütig ein. [1] Beispielsweise hat es bisher häufig einen geheimnisvollen Selbstregulierungsmechnismus gegeben, der zur Folge hatte, daß einem regenarmen Monsunmonat ein besonders regenreicher folgte. Für dieses Jahr gelte das jedoch nicht. Sollten alle Monsunmonate dieses Jahres unter ihrem langjährigen Mittelwert liegen, wäre das "extrem einzigartig". Das hätte es sei dem Dürrejahr 1972 nicht mehr gegeben, so Sikka.

Wie lange wird der aktuell kräftige Monsunregen in Indien anhalten? Zuverlässige Prognosen dürften selbst den erfahrenen Meteorologen schwerfallen. Der Monsun ist für die indische Landwirtschaft noch wichtiger als das Schmelzwasser von den Gletschern im Himalaya, wenngleich diese im Falle eines schwachen Monsuns den Wassermangel teilweise auszugleichen vermögen. Bisher jedenfalls. Sicherlich auch noch die nächsten Jahre, aber womöglich nicht mehr auf Jahrzehnte hinaus. Denn die Gletscher des Himalaya ziehen sich rasch zurück, das gilt vor allem für jene, die sich in Richtung Süden ergießen. Bis 2035 könnte die Gletscherfläche dieses Hochgebirges auf ein Fünftel schrumpfen, warnt der Weltklimarat - düstere Aussichten für Indien, dessen riesigen Ströme von Gletscherwasser gespeist werden.

Die allerletzte Reserve, das Grundwasser, wird bereits stärker genutzt, als die Angaben der indischen Regierung vermuten lassen, berichteten kürzlich NASA-Mitarbeiter im Wissenschaftsmagazin "Nature". [5] Aus Schwerefeldmessungen der deutsch-amerikanischen Zwillingssatelliten Grace leiten die Forscher indirekt ab, daß der Grundwasserspiegel vor allem im Nordwesten Indiens sinkt. In der Hauptstadt Neu-Delhi und den Bundesstaaten Rajasthan, Punjab und Haryana sackt das Grundwasser pro Jahr um vier Zentimeter ab.

Alle drei Entwicklungen - sich abschwächender Monsun, Gletscherverlust und sinkende Grundwasserstände - bedrohen die Nahrungsversorgung von über eine Milliarde Menschen unmittelbar. Die schwelenden territorialen Konflikte Indiens mit Pakistan um Kaschmir und mit China um Aksai Chin sowie Arunachal Pradesh haben nicht zuletzt mit der Frage des Zugriffs auf Wasser zu tun. Gegen beide Länder hat Indien schon Krieg geführt. Alle drei Staaten verfügen über Nuklearwaffen, was keineswegs zu einer Stabilisierung der Lage beiträgt. Pakistan und Indien standen und stehen nach wie vor an der Schwelle eines mit ultimaten militärischen Mitteln ausgetragenen Konflikts.

Mit dem Verhältnis zwischen Indien und China ist es wie mit dem Monsun: Prognosen gestalten sich schwierig, es kann zu unabsehbaren Entwicklungen kommen. Einerseits haben sich beide Staaten aufeinander zubewegt, beispielsweise in Umwelt- und Wassernutzungsfragen, andererseits ist der territoriale Disput nicht vom Tisch und könnte unter den Folgen eines zunehmenden Wassermangels von einer latenten Mißstimmung zu einem handfesten Konflikt auswachsen.


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Anmerkungen:

[1] "Exceptionally low rainfall in last decade, nobody really knows why", 23. August 2009
http://www.livemint.com/2009/08/23221018/Exceptionally-low-rainfall-in.html

[2] "India will import food to meet shortages, says finance minister", 21. August 2009
http://www.livemint.com/2009/08/21211251/India-will-import-food-to-meet.html?d=1

[3] "Starker Sommermonsun in Indien", 25. August 2009
http://de.blog.wetter.com/?p=30683

[4] "After the monsoon let down, govt plans early winter crop", 21. August 2009
http://www.livemint.com/2009/08/21110429/After-the-monsoon-let-down-go.html?d=1

[5] Matthew Rodell, Isabella Velicogna und James S. Famiglietti: "Satellite-based estimates of groundwater depletion in India", Nature advance online publication, 12. August 2009, doi:10.1038/ nature08238

25. August 2009



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Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
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