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KLIMA/401: Der Kopenhagen-Gipfel rückt näher - was tun? (SB)


Der UN-Klimagipfel von Kopenhagen

Im Zeichen von Wachstumszwang und Herrschaftslogik


Auch ohne die verheerenden Folgen einer Erderwärmung um durchschnittlich zwei Grad Celsius oder mehr, wie es Wissenschaftler noch für dieses Jahrhundert prognostizieren, erlebt die Menschheit eine Katastrophe. Jetzt, in eben diesem Augenblick. Fast jeder sechste Bewohner hungert, jeder dritte ist arm und verfügt über keine ausreichenden hygienischen Verhältnisse. Mehr als 40 Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht. Selbst in den USA, dem reichsten Land der Erde, sind 35 Millionen Einwohner auf staatliche Lebensmittelhilfe angewiesen, und auch dort gibt es Binnenflüchtlinge, die aus ihren Häusern vertrieben wurden und nun in Zeltstädten hausen, während die Warlords in Washington ihren in feinsten Zwirn gekleideten Waffenbrüdern in den Konzernzentralen der Banken, Versicherungen und Hedge Fonds das der Bevölkerung abgepreßte Blutgeld in den Rachen werfen.

Wenn im Dezember die Staats- und Regierungschefs nach Kopenhagen fliegen, und in Verhandlungen über die Zukunft der Menschheit eintreten, wen meinen sie dann mit "die Menschheit"? Soll etwa die gegenwärtige Lage in den USA wie auch im globalen Maßstab zum unabänderlichen Status quo, den es wider den Klimawandel zu bewahren gelte, erklärt werden? Offensichtlich ja, denn weder auf der zur Zeit in Bangkok stattfindenden Klimakonferenz noch auf den früheren Vorbereitungstreffen zum Kopenhagen-Gipfel wurde die Weltordnung, die den Rahmen für die Herrschaft des Menschen über den Menschen liefert, in Frage gestellt. Statt dessen wird auf der Grundlage eines Systems aus fremdbestimmter Arbeit, Ausbeutung und, in umgekehrter Richtung, Bereicherung an neuen Regulationsmechanismen gefeilt, wie die alten Privilegien in das neue Zeitalter der planetaren Bedrohung durch Klimawandel und Ressourcenmangel hinübergerettet und schließlich weiter ausgebaut werden können.

Unterdessen verkommt Klimaschutz mehr und mehr zur abgenötigten individuellen Verhaltensanpassung, wobei sich Maßstäbe wie der "ökologische Fußabdruck" oder der Body Mass Index hervorragend als Repressionsinstrument gegen den einzelnen in Stellung bringen lassen, um ein gesellschaftliches System der Zu- und Verteilung verknappter Ressourcen zu etablieren. Typisch für diese Form der Klimapolitik: Auf der einen Seite werden Unternehmen in der Europäischen Union gewinnbringende CO2-Emissionszertifikate geschenkt, auf der anderen sollen die Bürger mit einer CO2-Steuer auf Brennstoffe belastet werden.

Da auf dem Klimagipfel in Kopenhagen nicht über den obigen, anhand einiger Kenndaten plakativ angedeuteten Zustand der Weltbevölkerung diskutiert werden wird und mit Sicherheit auch keine Ergebnisse ausgehandelt werden, durch die beispielsweise das unsägliche Verhältnis in Frage gestellt wird, wonach ein Mensch, der 20 Tonnen Zuckerrohr pro Tag schneidet und mit 40 Jahren alt und verbraucht ist, seiner Entlohnung nach angeblich weniger leistet als ein Bankmanager, der sein Leben mit der Niere oder anderen austauschbaren Organen bzw. Gewebeteilen anderer Menschen verlängern kann, sollten jene Personen, Gruppen und Organisationen eine Chance erhalten, die gegen solch einen Klimagipfel protestieren.

Ob der alternative Klimagipfel (http://www.klimaforum09.org/) tatsächlich der versprochene Gegenentwurf zur UN-Konferenz ist oder nicht doch dem einen oder anderen Umweltschützer als Sprosse der längst ins Auge gefaßten Karriereleiter für den Aufstieg in höhere Sphären dient, wird sich noch herausstellen. Solange die Frage des Klimaschutzes nicht vollständig der Systemfrage nachgeordnet wird, drohen sämtliche Beschlüsse, die in seinem Namen getroffen werden, auf die Stärkung eines in letzter Konsequenz ökodiktatorischen Regimes hinauszulaufen, in der doch nur wieder die alten Herrschaft(sform)en, diesmal im grünen Gewand, auftreten.

Das wäre ein Grund mit dafür, warum bei der Volksabstimmung am Freitag (2.10.) in Irland ein Nein zum Lissabon-Vertrag wünschenswert wäre, denn mit der Gründung und Vertiefung der Europäischen Union wurde die Systemfrage vom Standpunkt des Establishments längst beantwortet, nämlich herrschaftskonform. Doch was die EU an Richtlinien und Verordnungen zum Klimaschutz durchsetzt, könnten die Mitgliedstaaten auch ohne diesen administrativen Überbau. Und wenn die Menschen nicht fest in ein profitorientiertes Wirtschaftsregime eingebunden wären, in dem notwendigerweise laufend Mangel generiert werden muß, zum Beispiel dadurch daß Wasser und Boden dem Eigentum unterworfen und auf diese Weise der freien Verfügbarkeit entzogen wird, eröffneten sich völlig neue Möglichkeiten, auf eine Weise Klimaschutz zu betreiben, die nicht dem Wachstumszwang nachgeordnet und nicht gegen den einzelnen gewendet würde.

1. Oktober 2009



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