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KLIMA/403: Vor dem UN-Klimagipfel - Politiker auf Tauchstation ... (SB)


UN-Klimakonferenz in Bangkok

Armuts- und Schwellenländer werfen führenden Wirtschaftsnationen Sabotage der Klimaverhandlungen vor

Kabinett der Malediven will abtauchen


Vor der großen UN-Klimakonferenz im Dezember in Kopenhagen verhärten sich die Fronten. Wirksame Maßnahmen zum Klimaschutz, der allen Menschen zugute käme, sind von den Staats- und Regierungschefs offensichtlich nicht zu erwarten. Die niedrig gelegenen Inselstaaten werden sich darauf einstellen müssen, schwimmfähige Gebäude zu bauen, ihre Heimat kostenintensiv einzudeichen oder sie zu verlassen. Letzteres wird wohl auf lange Sicht die wahrscheinlichste Option für die meisten Inselstaaten sein, wobei "lange Sicht" bedeutet, daß es in wenigen Jahrzehnten so weit sein könnte.

Um die absehbare Not der Inselstaaten zu unterstreichen, wird das Kabinett der maledivischen Regierung abtauchen ... nur daß es nicht im übertragenen Sinn gemeint ist - also keine Umschreibung für das, was die westlichen Delegierten derzeit auf der UN-Klimakonferenz in Bangkok praktizieren -, sondern in echt. Die Minister werden Taucheranzüge und Atemgeräte anlegen und in sechs Meter Wassertiefe eine Kabinettsitzung abhalten. Dabei werden sie sich mit Hilfe von Handzeichen und Schreibtafeln zu verständigen versuchen. Daß bei diesem Treffen, das am 17. Oktober stattfinden soll, reichlich geblubbert wird, bleibt nicht aus. Doch im Unterschied zu manch landgestützten Kabinettsitzungen der Regierungen der wohlhabenden Länder erfüllen die bei dem Treffen im Indischen Ozean erzeugten Blasen wenigstens eine wichtige Funktion ...

Die vierzehn Minister werden vor der historischen Sitzung, auf der keine Sitze eingenommen werden, an Tauchlehrgängen teilnehmen und in die Bedienung der Funktionen ihrer Anzüge eingewiesen. Maledivens Präsident Mohamed Nasheed, der die Diskussion leitet, muß an den Vorbereitung nicht teilnehmen, denn er ist ein erfahrener Taucher.

Die Regierung der Malediven wird einen Appell verfassen, in dem die internationale Staatengemeinschaft im Vorfeld der Kopenhagener Klimakonferenz aufgefordert wird, Maßnahmen zur Reduzierung von Treibhausgasen zu ergreifen. 80 Prozent des weit über tausend Inseln zählenden Staates, der ein ausgedehntes Gebiet am Äquator einnimmt, liegt weniger als einen Meter über dem Meeresspiegel. Je nach Klimaprognose könnte dieses Gebiet schon bis Mitte oder Ende des Jahrhunderts überflutet sein. Nicht besser wird es vielen Inseln in anderen Weltregionen ergehen.

Eigentlich sollte es nicht schwer sein, sich in die Lage der Bewohner der kleinen Inselstaaten zu versetzen: Ihr Land wird aufhören zu existieren. Punkt. Vielleicht wird die eigene Generation das noch erleben, ganz sicher aber die Generation der Kinder. Und die Inselbewohner können nichts dagegen machen, außer immer wieder an die Staatengemeinschaft zu appellieren, daß sie doch bitte schön kräftige Reduktionen von Treibhausgasen vornehmen möge, das Wasser stehe ihnen bald bis zum Hals. Aus diesem Grund geht das maledivische Kabinett auf Tauchstation. Das hat seine heitere Seite - der Hintergrund ist jedoch ernst.

Die aktuellen Verhandlungen in Bangkok auf dem Vorbereitungstreffen für den großen Klimagipfel im Dezember zeigen unmißverständlich, daß der Klimawandel nichts anderes als ein Anlaß ist, in Konkurrenz zu anderen eine den eigenen Interessen entgegenkommende Weltwirtschaftsordnung zu installieren. Wenn hier und da Bedauern über die prekäre Lage der Inselstaaten oder Entwicklungsländer geäußert wird, dann ist dem genauso viel bzw. wenig Bedeutung beizumessen wie den seit Jahren nicht eingehaltenen Versprechen der meisten Industriestaaten, ihre Entwicklungshilfe auf 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts zu erhöhen, die ärmsten Länder von der Schuldenlast zu befreien (G8-Gipfel 1999 in Köln), den Hunger in der Welt zu beenden (im Jahr 1970) oder ihn wenigstens zu halbieren (im Jahr 2000).


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Anmerkungen:

[1] "Politicians set for new depths", 6. Oktober 2009
http://www.7days.ae/storydetails.php?id=84810

6. Oktober 2009



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