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KLIMA/411: Überraschend konstante CO2-Aufnahmekapazität der Erde (SB)


Der Klimawandel findet statt - nur auf welche Weise, ist völlig unklar

Mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen nimmt die Unsicherheit offensichtlich nicht ab, sondern zu


Ist die Aufnahmekapazität der Erde für CO2 viel größer als angenommen? So überschreibt die Internetseite ScienceDaily.com einen neuen Bericht zu "kontroversen neuen Klimawandeldaten". [1]

Der Forscher Dr. Wolfgang Knorr von der Universität Bristol hat festgestellt, daß das Verhältnis zwischen der Aufnahme des Treibhausgases CO2 durch die ozeanischen und terrestrischen Ökosysteme und die CO2-Emissionen aus der Nutzung der fossilen Rohstoffe seit 1850 nahezu konstant geblieben ist, obgleich damals zwei Milliarden Tonnen CO2 emittiert wurden und heute 35 Milliarden Tonnen CO2 in die Luft gepustet werden. Die Schwankungen nach oben und unten lagen zwischen vernachlässigbaren 0,7 und 1,4 Prozent.

Die neue Studie, die in der Online-Ausgabe der Geophysical Research Letters veröffentlicht wurde, stützt sich nicht auf Computersimulationen, bei denen hochkomplexe Klimamodelle berechnet werden, sondern ausschließlich auf Meßreihen, die allerdings teils aus Eisbohrkernen der Antarktis indirekt hergeleitet wurden, sowie statistischen Daten über die Rohstoffnutzung seit gut eineinhalb Jahrhunderten. Aus der Gesamtbilanz leitet Knorr ab, daß das emittierte Treibhausgas CO2, obgleich seine absolute Menge um ein Vielfaches zugenommen hat, absorbiert worden sein muß.

Was aber, so muß man sich fragen, folgt aus dieser Erkenntnis? Da Knorr nicht weiß, wohin das zusätzlich emittierte Kohlendioxid gewandert ist, kann er nicht sagen, ob nicht die bisher wirksame CO2-Absorbtionsfähigkeit noch zehn, hundert oder eintausend Jahre aufrechterhalten bleibt oder ob sie nicht mit dem heutigen Tag vollständig ausgeschöpft wurde und ab morgen sämtliches CO2 klimawirksam wird und sich die Erde dann entsprechend rasant erwärmt.

Auch wenn die CO2-Abgabe von gerodeten Bäumen um den Faktor 2 überschätzt wurde, wie kürzlich Wissenschaftler um Guido van der Werf von der Freien Universität in Amsterdam im Wissenschaftsmagazin Nature Geoscience feststellten und wie es von Knorr weitgehend bestätigt wurde, läßt sich nicht sicher sagen, daß sich diese Erkenntnis auf kommende Verhältnisse, wenn die Temperaturen weltweit steigen, eins zu eins übertragen läßt. Möglicherweise gibt es auch hierzu einen Kippunkt bzw. Schwellenwert, ab dem das System eine überraschende Dynamik entfaltet, bis es sich auf einen neuen Wert einzupendeln beginnt. Zudem sei an frühere Forschungsergebnisse erinnert, nach denen Wälder ab einer bestimmten globalen Durchschnittstemperatur, die für das Jahr 2050 angenommen wurde, nicht mehr als Senke für Kohlenstoff gerechnet werden können, sondern als dessen Quelle.

Ähnliches wird für Ozeane angenommen. Bislang nehmen sie einen erheblichen Teil der CO2-Emissionen aus der Atmosphäre auf. Die Aufnahmekapazität wird jedoch unter anderem durch eine höhere Temperatur reduziert - abgesehen davon, daß Meeresbewohner mit Kalkschalen aussterben, da sich der Kalk in der saureren Umgebung auflöst.

Wer aus der Unsicherheit der wissenschaftlichen Methoden, Analysen und Schlußfolgerungen ableitet, daß dann sowieso alles egal ist und man gar nicht mehr wisse, was man tun soll, oder wer gar behauptet, daß gar kein Klimawandel stattfindet, macht es sich zu einfach. Erstens nimmt die CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre seit Beginn der Industrialisierung zu, und die Kurve der globalen Temperatur steigt in gleichen Verhältnis an wie das Treibhausgas; zweitens berichten Einwohner aus verschiedenen Weltregionen - unter anderem der Arktis, Ostafrikas und Indiens -, daß es über einen längeren Zeitraum hinweg in ihrer Heimat deutlich wärmer geworden ist bzw. sich die Windverhältnisse verändert haben. In fast allen Fällen, in denen der Klimawandel deutlich wird, hat das negative Auswirkungen auf die Nahrungsversorgung der Menschen. Es gibt also überreichlich zu tun, um die politischen, gesellschaftlichen und nicht zuletzt agrartechnologischen Voraussetzungen zu schaffen, um die Folgen des Klimawandels für alle Menschen zu kompensieren.


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Anmerkungen:

[1] Knorr et al.: Is the airborne fraction of anthropogenic CO2 emissions increasing? Geophysical Research Letters, 2009; 36 (21):
L21710 DOI: 10.1029/2009GL040613
http://www.sciencedaily.com/releases/2009/11/091110141842.htm

12. November 2009



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