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KLIMA/415: Forscher fordern völlige CO2-Reduktion bis zum Jahr 2100 (SB)


Neue umfassende Studie zur Klimaentwicklung vorgestellt

Zum wiederholten Mal appellieren Forscher an Politiker, eine drastische Senkung der Treibhausgasemissionen herbeizuführen


Die globale Durchschnittstemperatur sollte bis zum Ende des Jahrhunderts um nicht mehr als zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit steigen, fordern Wissenschaftler in dem Bemühen, ihre auf eine Vielzahl regionaler Studien wie auch globaler Computersimulationen gegründeten Prognosen zur Klimaentwicklung auf einen einprägsamen Wert zu bringen. Andernfalls drohten verheerende Verhältnisse Einzug zu halten, wird gewarnt. Anstieg des Meeresspiegels, Ausbreitung der Wüsten, intensivere Hurrikane, häufigere Überschwemmungen wären die bekanntesten Folgen.

Rund 1,5 Grad wurden bereits "verbraucht", der Rest entspricht den Emissionen von 750 Milliarden Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid. Bei heutigem Stand des Energieverbrauchs und der Schadstoffabgabe hätte die Menschheit diese Menge in 25 Jahren produziert. Allerdings haben die Treibhausgasemissionen in den letzten Jahren kräftig zugelegt, so daß mit keinem konstanten Ausstoß von Klimagasen, geschweige denn mit einer Reduzierung zu rechnen ist. Die rote Linie dürfte also schon eher überschritten werden. Wobei der Zwei-Grad-Wert auf die Lebensverhältnisse in den Industriestaaten zugeschnitten ist. In den nicht-industrialisierten Staaten bzw. Gebieten Afrikas, Lateinamerikas und Asiens werden sehr viel früher jene "verheerenden Verhältnisse" herrschen. Betrachtet man die Abschwächung des Monsuns in Indien, die langjährige Dürre in Ostafrika und das Auftauen des Permafrostbodens in der Arktis, dann kommt man nicht umhin festzustellen, daß regional bereits überschritten wurde, was in den globalen Betrachtungen für die Zukunft erwartet wird.

Einen weiteren markanten Grenzwert haben jetzt europäische Wissenschaftler aus 66 Instituten unter Führung des britischen Hadley-Zentrums des Meteorologischen Büros (Met Office) nach fünfjähriger Arbeit bestimmt. Bis Ende des Jahrhunderts müssen die anthropogenen Kohlendioxidemissionen auf nahezu Null reduziert werden, damit die Durchschnittstemperatur nicht um mehr als zwei Grad Celsius steigt. [1]

Die Forscher, deren Studie von der EU-Kommission finanziert wurde, berechneten die voraussichtliche Klimaentwicklung mit den gleichen Modellen, wie sie auch vom Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) in ihren nächsten, für 2014 angekündigten Bericht verwendet werden. Das Ergebnis wurde vergangene Woche auf dem Symposium "Ensembles - A changing climate in Europe" am Met Office in Exeter bekanntgegeben.

Die Forscher gehen von einem durchschnittlichen Temperaturanstieg um zwei Grad bis Ende des Jahrhunderts in Europa aus. Für den Nordwesten werden kräftigere Stürme vorausgesagt, Griechenland wird unter starker Hitze leiden, an den Flüssen Tiber in Italien und Vistula in Polen tritt starker Wassermangel auf. Bereits vom kommenden Jahr an werden sich Portugal und Dänemark auf einen 20- bis 40prozentigen Stickstoffmangel zubewegen, was zu einem Ernteverlust von ebenfalls 20 bis 40 Prozent führt. Im Jahr 2050 steigt in Skandinavien die Gefahr von Waldbränden auf 35 Tage (von heute 20 Tagen), und die Bäume werden durch Käferplagen dezimiert. Noch weiter in die Zukunft projiziert wird der Verlust an Sturmschäden. Sie werden zwischen 2071 und 2100 in den Beneluxländern, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien um 15 Prozent zunehmen.

Das besondere an diesen Prognosen, die sich auf 16 Simulationsmodelle stützen, ist laut den Forschern, daß mittlerweile genauere Angaben über physikalische, chemische, biologische und menschengemachte Rückwirkungen auf das Klimasystem einbezogen werden als früher.

Die Forscher betonen, daß ihre Ergebnisse politische Konsequenzen haben müssen - eine Forderung, der es eigentlich nicht mehr bedürfen sollte, wurde doch bereits vor Jahren von wissenschaftlicher Seite aus an die politischen Entscheidungsträger appelliert, sie möchten Sorge dafür tragen, daß die Treibhausgasemissionen drastisch gesenkt werden. Doch schon jetzt steht nach Einschätzung von Experten fest, daß die große UN-Klimakonferenz im Dezember in Kopenhagen nur unverbindliche Absichtserklärungen hervorbringen wird. Es wird viel heiße Luft produziert, anstatt sie zu verringern, läßt sich das voraussichtliche Verhandlungsergebnis zusammenfassen.

Damit verlieren die Politiker weiter an Glaubwürdigkeit, und die Politikverdrossenheit, an der angeblich die Wähler leiden, zeigt ihre Kehrseite darin, daß umgekehrt die Politiker der Wähler überdrüssig zu sein scheinen (so es denn jemals anders war). Würden die Warnungen der Wissenschaftler vor den Folgen des Klimawandels auch nur halbwegs ernst genommen, würden die Regierungen die Kopenhagen-Konferenz nicht in einen weiteren Kampfplatz der Doha-Runde der Welthandelsorganisation verwandeln. Werden bei der Klimakonferenz keine verbindlichen Beschlüsse gefaßt, trifft dies vor allem die ärmeren Länder. Die bemühen sich zwar, Druck auf die führenden Wirtschaftsmächte der Welt aufzubauen, indem sie sich zusammenschließen, und sie drohen, die Klimakonferenz scheitern zu lassen, aber damit kämen die wohlhabenderen Länder zurecht. Wohingegen Wissenschaftler die schwerwiegendsten Folgen des Klimawandels für die nicht-industrialisierten Staaten voraussagen.


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Anmerkungen:

[1] "EU Research Shows Greenhouse Gases Must Zero Out by 2100", Environment News Service (ENS), 19. November 2009
http://www.ens-newswire.com/ens/nov2009/2009-11-19-01.asp

22. November 2009



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Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
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