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KLIMA/416: Studie - Erderwärmung erhöht Bürgerkriegsgefahr in Afrika (SB)


Neue Studie der Universität Berkeley zum Klimawandel vorgestellt

In zwei Jahrzehnten nimmt die Bürgerkriegsgefahr in den
Subsaharastaaten um mehr als 50 Prozent zu


Der Klimawandel wird in Afrika vermehrt zu Konflikten führen. Prinzipiell ist diese Erkenntnis nicht neu. Vor allem im Laufe dieses Jahrzehnts legten die Europäische Union, die US-Geheimdienste und eine Reihe von Forschungsorganisationen entsprechende Einschätzungen vor. Nun aber haben US-Wissenschaftler unter Leitung von Marshall Burke von der Universität von Kalifornien in Berkeley eine konkrete Prognose gewagt und berechnet, daß in den nächsten zwei Jahrzehnten die Gefahr von Bürgerkriegen in den Subsaharastaaten um über 50 Prozent gegenüber 1990 zunehmen und daß dies viele Menschenleben kosten wird.

Wenige Tage vor der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen empfahlen die Forscher in ihrer Studie, die in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" [1] online veröffentlicht wurde, die afrikanischen Länder rasch im Kampf gegen den Klimawandel zu unterstützen.

Edward Miguel, Professor für Wirtschaft und Fakultätsdirektor des Center for Evaluation for Global Action an der Universität Berkeley, sagte gegenüber der Presse, daß die Forscher über den direkten Zusammenhang zwischen heutigen Konflikten und der Temperatur ziemlich überrascht waren. [2] Allerdings machten die Ergebnisse durchaus Sinn, so Miguel. Denn die große Mehrheit der armen Bevölkerung in afrikanischen Ländern müsse Landwirtschaft betreiben, um zu überleben, und die angebauten Pflanzen reagierten sehr empfindlich auf kleine Veränderungen der Temperatur. Wenn diese gestiegen war, hätte das das Leben vieler beeinträchtigt, und die Benachteiligten hätten schon mal eher zu den Waffen gegriffen.

Im ersten Schritt ihrer Arbeit hatten die Forscher zeitliche Angaben zu früheren Bürgerkriegen mit statistischen Daten zur Niederschlagsmenge und zum Temperaturverlauf aus ganz Afrika miteinander korreliert. Dabei wurde festgestellt, daß zwischen 1981 und 2002 Bürgerkriege in überdurchschnittlich warmen Jahren signifikant häufiger auftraten. Ein durchschnittlicher Temperaturanstieg um ein Grad Celsius hat die Konfliktwahrscheinlichkeit um fast 50 Prozent erhöht.

Als nächstes haben die Forscher den Verlauf der Temperatur- und Niederschlagskurven anhand von 20 verschiedenen Klimasimulationsmodellen in die Zukunft weitergerechnet und in einem entsprechenden Verhältnis auch die Wahrscheinlichkeit des Ausbruchs von Bürgerkriegen hergeleitet. Somit wird die Bürgerkriegsgefahr im Jahre 2030 um 54 Prozent zunehmen, und die Konflikte werden zu 393.000 zusätzlich im Gefecht Gefallenen führen, sollten die künftigen Kriege ähnlich verlaufen wie heute.

So überzeugend diese Daten auch wirken mögen - und das Ergebnis entspricht ja auch dem Allgemeinverständnis -, sollte nicht unerwähnt bleiben, daß sich die Studie auf Korrelationen stützt. Die werden nicht nur von Laien, sondern manchmal sogar von den Wissenschaftler selbst irrtümlich als Beweis für eine kausale Abhängigkeit angesehen. Der methodische Ansatz sieht im Prinzip so aus: Die Forscher haben eine Ausgangsthese aufgestellt, nämlich daß klimatische Faktoren wie Niederschlagsmenge und Temperatur Einfluß auf den Ausbruch von Bürgerkriegen haben. Andere mögliche Faktoren wurden von vornherein weggelassen, da sie zu berücksichtigen den Studienumfang sprengen würde. Dann wurden Statistiken zeitlich nebeneinander gehalten, und so wird erkennbar, daß höhere Temperaturen zeitlich mit Bürgerkriegen einhergehen.

Wie gesagt, andere Faktoren wurden nicht beachtet. Beispielsweise zeichnet sich der Untersuchungszeitraum durch wesentliche sozioökonomische Veränderungen in den Subsaharastaaten aus. Wenige Jahrzehnte nach dem Auslaufen der Kolonialzeit war das schwerwiegende Erbe der willkürlichen Grenzziehung durch die europäischen Mächte nicht kompensiert. Zudem wurden noch immer Kämpfe um die Vorherrschaft ausgetragen, in guten wie auch schlechten Erntejahren. Außerdem verschuldeten sich die meisten Staaten während des untersuchten Zeitraums und wurden anschließend von internationalen Kreditgebern wie IWF und Weltbank zu Strukturanpassungsmaßnahmen gezwungen, welche nicht selten Armut und Not gefördert haben, wie diese globalen Finanzorganisationen inzwischen selbst einräumen.

Darüber hinaus ist festzustellen, daß die afrikanischen Staaten zwar formal unabhängig geworden waren (viele in den 1960er Jahren), sich faktisch aber weiterhin am Band anderer Interessen befanden. Abgesehen also von innerstaatlichen Machtkämpfen wurden in einer Reihe von Ländern (Mosambik, Angola, Burkina Faso, Somalia, Sudan, etc.) Stellvertreterkriege ausgetragen. Moskau, Washington, London und Paris, um nur einige Marionettenspieler auf der Weltbühne zu nennen, werden sich bei ihren klandestinen bis offenen Interventionen wohl kaum an Temperatur und Niederschlag orientiert haben.

Mit diesen Anmerkungen soll keinesfalls bestritten werden, daß sich die Konfliktgefahr im Zuge des bevorstehenden, wahrscheinlich beschleunigten Klimawandels erhöhen dürfte. Das betrifft selbstverständlich nicht nur die Subsaharastaaten. Sollten Malta, Zypern, große Teile Spaniens, Italiens und Griechenlands aufgrund der zunehmenden Hitze in den nächsten zwanzig Jahren quasi unbewohnbar werden und eine Völkerwanderung innerhalb der Europäischen Union nach Norden einsetzen, könnte das zum Ausbruch bewaffneter Konflikte führen, die man durch den EU-Zusammenschluß als längst überwunden gehofft hat.

Die von den US-Forschern geforderte Unterstützung der afrikanischen Länder ist insofern zu begrüßen, als daß sie am wenigsten zum menschengemachten Anteil an der Erderwärmung beigetragen haben. Die Vorverhandlungen zur Kopenhagen-Konferenz geben allerdings wenig Anlaß für die Erwartung, daß der Klimawandel von den wirtschaftlich und militärisch führenden Staaten zu einem anderen Zweck benutzt wird als den, die eigenen Privilegien unumstößlich abzusichern.


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Anmerkungen:

[1] "Warming increases the risk of civil war in Africa", Marshall B. Burkea, Edward Miguel, Shanker Satyanathd, John A. Dykema, David B. Lobell
Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), Online-Edition, 23. November 2009
http://www.pnas.org/content/early/2009/11/20/0907998106.full.pdf+html

[2] "Climate Change Could Boost Incidence Of Civil War In Africa", Spacewar.com/AFP, 15. November 2009
http://www.spacewar.com/reports/Climate_Change_Could_Boost_ Incidence_Of_Civil_War_In_Africa_999.html


25. November 2009



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